Zum Hauptinhalt springen
Artikel Artikel

Reise ins Mittelalter: Das Kaiserjahr 2020

Das Jahr 2020 wurde von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) zum „Kaiserjahr“ im ganzen Bundesland ausgerufen. Die große Landesausstellung ›Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht‹ in Mainz sowie zahlreiche Korrespodenzorten und -ausstellungen, welche die Bedeutung der Region im Mittelalter herausstellen, laden zur Zeit- und Kulturreise ein – eine Einladung, die wir Ende September / Anfang Oktober gerne annahmen. Zehn Tage, 1476 Kilometer Autostrecke, vier Klöster, zwei Burgen, vier Kathedralen und acht Ausstellungen: Willkommen im Mittelalter.



Die Landesausstellung "Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa" erzählt die Geschichte mittelalterlicher Kaiser im Wirkverbund mit den "Säulen" ihrer Macht – mit Bischöfen, Fürsten, Rittern und Bürgern. Der geographische Fokus liegt auf dem Raum beiderseits des Rheins, zwischen Metz oder Trier im Westen und Frankfurt am Main im Osten, zwischen Köln oder Aachen im Norden und Straßburg und Basel im Süden. Hier formte sich im Mittelalter eine Schwerpunktlandschaft fränkischer, deutscher und europäischer Geschichte aus. Hier befand sich ein wichtiges Zentrum der Kaiser und Fürsten, der Grafen und Herren, der städtischen Bürger und der jüdischen Gemeinschaften. Hier entfalteten sich bedeutende geistliche Herrschaften, geprägt von Erzbischöfen, Bischöfen oder Äbten. Und hier entstand eine Bühne der vielen Mitspieler mit prägender Wirkung auf die föderalen Strukturen in Deutschland. – Bernd Schneidmüller, Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht im Mittelalter, in: Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa. Ausstellungskatalog, hrsg. von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz und Bernd Schneidmüller, Darmstadt 2020, S. 23.





Kaiser Friedrich Barbarossa zwischen seinen Söhnen Heinrich VI. und Herzog Friedrich von Schwaben (Historia Welforum, Ende 12. Jh.. Fulda, Hessische Landesbibliothek, Cod. D. 11, fol. 14r).



Tag 1: Wetzlar

Lieblich an der Lahn gelegen, ist die kleine Stadt Wetzlar unsere erste Station auf dem Weg ins Mittelalter (zumal sie ziemlich perfekt auf etwa halbem Weg zwischen Münster und Speyer liegt). Das Städtchen, heute so pittoresk wie unscheinbar, hatte in den vergangenen Jahrhunderten eine bewegte Geschichte. Ab 1690 Sitz des höchsten deutschen Gerichtes, des Reichskammergerichts, zog Wetzlar illustre und prominente Gestalten an, von denen Johann Wolfgang Goethe, der 1772 nach Wetzlar kam, wohl der bekannteste ist.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Lahn.webp



Vom mittelalterlichen Wetzlar, dessen Anfänge sich bis in die Karolingerzeit zurückverfolgen lassen und das zur Reichsstadt avancierte, zeugt heute insbesondere der aufgrund Geldmangels unvollendet gebliebene und der Gottesmutter Maria geweihte Dom, der deswegen romanische und gotische Baustile vereint. Er zählt zu den ältesten Kirchen Deutschlands, die von Katholiken und Protestanten simultan genutzt wurden und werden.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Dom_02.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Dom_03.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Dom_04.webp



Auch wenn es heute schwer vorstellbar ist, war Wetzlar im Mittelalter (und danach) keine unbedeutende Stadt, und obwohl – oder gerade weil – dies heute nicht mehr der Fall ist, lädt das Städtchen mit seinen ruhigen Ecken, der idyllischen Lahn und beschaulichen Gassen zu einem Besuch ein.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Dom_06.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Dom_05.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Dom_07.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Dom_08.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_Dom_01.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Wetzlar_02.webp



Für uns war es der ideale Ort, um sich zwei, drei Stündchen die Beine zu vertreten, Proviant zu suchen und dabei Kultur zu tanken, bevor es dann weiter Richtung Speyer ging. Dort logierten wir in eine nahe dem Dom gelegenen Ferienwohnung, die uns in den nächsten Tagen als hervorragender Ausgangspunkt für alle Touren dienen sollte.



Tag 2: Speyer

Speyer gehört zu den bedeutenden Korrespondenzorten des Kaiserjahres 2020 in Rheinland-Pfalz. Und das aus gutem Grund: Denn unter dem Speyrer Dom, dessen Bau um das Jahr 1030 begonnen wurde und welcher der Gottesmutter und St. Stephan geweiht ist, befindet sich die bedeutendste Grablege deutscher Könige und Kaiser (und ihrer Gattinnen und bischöflichen Berater).



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_Panorama.webp



In der größten romanischen Hallenkrypta liegen die Gebeine von Saliern, Staufern, Habsburgern und Nassauern: Vom ersten Salierkaiser Konrad II. († 1039), der den Bau des Speyrer Doms anordnete, über Heinrich III. († 1056), Heinrich IV. († 1106), den alle Schüler vom Gang nach Canossa kennen sollten, Heinrich V. († 1125), dem letzten Salier, bis hin zu Philipp von Schwaben († 1208), Rudolf von Habsburg († 1291), Albrecht von Österreich († 1308) und Adolf von Nassau († 1298) avancierte Speyer zur Reichsgrablege – jedem Mediävisten schlägt bei einer solchen Ansammlung längst verstorbener Prominenz das Herz höher.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_07.webp



Nicht zuletzt deshalb, aber auch aufgrund seiner zentralen Lage, die gemütliche Tagesausflüge zu den umliegenden Stätten und Sehenswürdigkeiten ermöglicht, hatten wir Speyer als erstes festes „Hauptquartier“ ausgewählt.



Speyer war über Jahrhunderte einer der zentralen Dreh- und Angelpunkte Europas – kaum zu glauben, wenn man sich heute das beschauliche Städtchen anschaut. Verkehrsgünstig am Rhein gelegen war die Stadt Schauplatz von über 50 Reichstagen. Hier überzeugte der charismatische Bernhard von Clairvaux Weihnachten 1146 den widerstrebenden Konrad III. zur Teilnahme am (zweiten) Kreuzzug. Hier „protestierten“ 1529 die evangelischen Fürsten.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_02.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_03.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_05.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_04.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_06.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_01.webp



Wie Wetzlar hat Speyer heute auch seine glorreichen Tage lange hinter sich. Nichtsdestoweniger lädt die pittoreske Altstadt mit ihren zahlreichen Läden und guten Restaurants und Cafés zum Verweilen ein. Erstaunlicherweise hatten wir Ende September noch ein so sommerliches Wetter, dass ich in Speyer meine Jahresration an Spagetthieis vertilgen konnte.



Direkt neben dem Dom befindet sich in Speyer das Historische Museum, in dem noch bis in den Sommer 2021 hinein die Sonderausstellung ›Medicus – Die Macht des Wissens‹ zu besuchen ist. Nach dem Besuch des Doms war sie natürlich unsere nächste Anlaufstelle.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Historische_Museum_Speyer.webp



Ausgehend vom bekannten Roman Noah Gordons und der gleichnamigen sehenswerten Verfilmung stellt die Ausstellung die Geschichte der Medizin von der Antike bis in die Gegenwart hinein dar. Leider und aus nachvollziehbaren konservatorischen Gründen war das Fotoschießen fast ausnahmslos untersagt, aber die vielseitige Präsentation wussten ausnehmend gut zu gefallen und stellten durch die gelungenen Videoinstallationen prominente Gelehrte und Mediziner mit einem großen Augenzwinkern vor. Ein weiteres Highlight war das überaus freundliche, zuvorkommende und hilfsbereite Personal, das uns trotz Corona charmant einen ungezwungenen Besuch ermöglicht hat – Daumen hoch!



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Medicus_Speyer.webp



Speyer hatte uns so gut gefallen, dass wir am letzten Urlaubstag entschieden, noch einmal dorthin zu fahren, vornehmlich auch, weil im Historischen Museum in der Zwischenzeit die Familienausstellung ›Der Grüffelo‹ geöffnet wurde. Auch wenn der Kinderbuchklassiker so gar nichts mit dem Mittelalter zu tun hat, möchte ich sie hier dennoch wärmstens empfehlen, zumal es insbesondere bei einer Kulturreise mit Kindern von großem Vorteil ist, auch auf kindgerechtere Angebote zurückgreifen zu können!



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Grueffelo_Speyer_01.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Grueffelo_Speyer_02.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Grueffelo_Speyer_03.webp



Schließlich besuchten wir – Speyer hat wirklich einiges zu bieten – die Sonderausstellung ›Innovation made in SchUM‹ im Judenhof, in deren Rahmen sich die mittelalterliche Synagoge mit Frauenschul und das unterirdische Ritualbad besuchen lassen. In enger Nähe zum Dom zeugt allein der Standort des Judenhofs von der Bedeutung der Juden im Speyrer Hochmittelalter und stellt einen Teilaspekt mittelalterlicher Geschichte dar, die in aller Regel entweder nicht im Fokus steht oder auf ihre dunklen Momente reduziert wird.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_Judenhof_01.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_Judenhof_03.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Speyer_Judenhof_02.webp



Tag 3: Burg Trifels

Unser nächste Station auf unserer Reise durch das Kaiserjahr 2020 führte uns auf die erste anständige Ritterburg: Hoch über dem rheinland-pfälzischen Annweiler thront auf dem Trifels die gleichnamige Höhenburg.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_01.webp



Das erste Mal 1081 urkundlich erwähnt, ist sie bis heute insbesondere aus zwei Gründen prominent: Einerseits war sie während der Stauferherrschaft für lange Zeit der Aufbewahrungsort der Reichsinsignien, den zentralen Herrschaftszeichen deutscher Könige und Kaiser, die sich heute in Wien befinden. Sie sicher zu bewahren, war von größter Bedeutung, legitimierte ihr Besitz (jedenfalls ein ganzes Stück weit) Titel und Macht.



Andererseits war im Jahr 1193 der berühmte englische König Richard Löwenherz für wenige Wochen unfreiwillig Gast auf dem Trifels – womit heute noch ausgiebig geworben wird. Als Gefangener musste er dort verweilen, bis das horrende Lösegeld für seine Freilassung ausgezahlt wurde. Die Profiteure dieser Zahlung waren Heinrich IV., der mit ihr seine Ambitionen in Italien durchsetzte, und Herzog Leopold V. von Österreich, der mit diesen Mitteln unter anderem die Wiener Neustadt errichtete.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_02.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_07.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_03.webp



Populärkulturelle Rezeptionen der Gefangenschaft, insbesondere in den zahllosen Versionen von ›Robin Hood‹, benennen indes nur den Herzog als Übeltäter, der den gerechten König von seiner Rückkehr nach England abgehalten hat.



Noch heute ist Burg Trifels selbst mit dem Auto recht sperrig zu erreichen (was dafür spricht, dass damals alles, was dort verwahrt wurde, recht gut aufgehoben war). Die Burg, freilich zum Teil „mittelalterlich“ nachgebaut (wie im Grunde die meisten), beherbergt heute noch Nachbildungen der Reichsinsignien, die aufgrund der Corona-Maßnahmen aktuell jedoch nur aus der Ferne zu sehen sind, während eine überschaubare Zahl an Infotafeln die Verbindung zum Kaiserjahr 2020 herstellt.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_08.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_12.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_09.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_06.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_11.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Trifels_10.webp



Wer also auf dem Trifels eine ausführliche Sonderausstellung erwartet, sollte sich die Reise insbesondere im Hinblick auf die aufwendige Anfahrt überlegen. Für alle Burgenfans ist ein Besuch natürlich trotzdem ein Muss!



Tag 4: Klosterruine Limburg und Hardenburg

Das unscheinbare Örtchen Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz, knapp eine Autostunde südwestlich von Speyer gelegen, hat gleich zwei Mittelalter-Highlights zu bieten. Das eine ist die ehemalige Benediktinerabtei Limburg, die wie der Dom zu Speyer auf den Salier Konrad II. zurückgeht und deren Bau ab 1025 auf Grundlage einer Burganlage, die zuvor schon an der Stelle existierte, von einem Mönch mit dem Namen Gumbert verantwortet wurde.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_06.webp



Die Abtei erlangte schnell Bedeutung, nachdem dort ab 1034 das Ordensleben aufgenommen wurde. 1038 wurde auf dem Gelände die Gemahlin Heinrichs III., des Sohnes Konrads II., mit Namen Gunhild dort bestattet, nachdem sie in Italien verstorben war. Im selben Jahr tagte im Kloster Limburg eine Synode, auf der die Anzahl der Adventssonntage festgelegt wurde. Von 1034 (also gleich von Beginn an) bis 1056 verwahrten die Limburger Mönche sogar die Reichsinsignien.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_07.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_05.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_04.webp



Danach beginnt eine wechselhafte Geschichte, in der das Kloster unter Heinrich IV. erst die Reichsunmittelbarkeit verliert, unter den Staufern wiedererlangt und schließlich, nachdem die Grafen von Leiningen und der pfälzische Kurfürst die Oberherrschaft ausgeübt hatten, die Reformation nicht überlebt.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_01.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_03.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_02.webp



Heute ist von der beeindruckenden Anlage nur noch eine Ruine vorhanden, die sich wie das Gerippe eines enormen Urzeittieres in den Himmel erstreckt. Wanderwege, die von dort abgehen, laden dazu ein, die umliegende Landschaft zu erkunden. Selbst in diesem Zustand weiß Kloster Limburg, dessen dort nun beheimatetes Café / Restaurant im Übrigen zu empfehlen ist, zu beeindrucken und vermittelt den Hauch einer Ahnung, welche Pracht und welcher Trubel dort vor 1.000 Jahren geherrscht haben müssen.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_08.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_10.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_09.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_12.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_11.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Limburg_13.webp



Spannender Weise wurde am Tag unseres Besuchs die gesamte Anlage aufwendig von mehreren Drohnen fotografiert und gescannt als Grundlage für eine 3D-Rekonstruktion der Ruine.



Das zweite Highlight bei Bad Dürkheim ist die Hardenburg, eine heute noch überaus imposante Anlage mit enormen Ausmaßen, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts die pfälzischen Grafen von Leiningen errichten ließen. Die Grafen selbst gehörten zu dieser Zeit zum herrschernahen Adel, bezeugten Rechtsakte und waren wahrscheinlich Kreuzfahrer, wie Graf Friedrich II. († 1237), der – dafür sprechen stilistische Aspekte seines erhaltenen Gedichts – wohl auch als Minnesänger tätig war.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_01.webp



Seine Miniatur und sein Gedicht, in dem das Sänger-Ich von seiner Dame Abschied nimmt, weil es nach Apulien (dem Ausgangspunkt ins Heilige Land des Kreuzzugs 1227/28) aufbrechen muss, sind erhalten in der Großen Heidelberger Liederhandschrift C. Dargestellt ist dort ein Ritter zu Pferd, der einem als Heiden ausgewiesenen Widersacher mit dem Schwert den Kopf spaltet – entweder eine bildliche Reminiszenz auf eine tatsächliche Kreuzzugsteilnahme oder den Liedinhalt (was für die Handschrift durchaus nicht unüblich ist).



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_Friedrich_von_Leiningen.webp

Die Miniatur des Leininger Minnesängers im Codex Manesse. Der Schriftzug weist den Gegner als Heiden aus.



In der Hardenburg findet sich eine kleine, aber informative Ausstellung zur Burg, dem Alltagsleben und den Leininger Grafen. Das eigentliche Highlight ist aber die riesige Burgruine, die sich nahezu komplett begehen lässt und dadurch immer wieder andere Perspektiven auf die Anlage eröffnet.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_02.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_07.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_04.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_03.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_06.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_05.webp



Damit bietet Bad Dürkheim, dessen vertrackte Straßen- und Gassenführung Autofahrer übrigens in die Nähe eines Herzinfarkts bringen kann, mehr als genug Sehenswürdigkeiten für eine ausgiebige Tagestour ins Mittelalter. Gleichzeitig beschloss der Besuch der Hardenburg auch unsere erste Etappenhälfte. Nach ausgezeichneter Pizza und Pasta ging es auf allen Kanälen übersättigt ins Bett, um am nächsten Tag Richtung Mainz aufzubrechen.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_13.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_12.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_09.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_11.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_08.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Hardenburg_10.webp



Tag 5: Dom zu Worms

Nach unserem Besuch von Speyer und den umliegenden Sehenswürdigkeiten ging es am nächsten Tag nach einiger Packerei weiter Richtung Mainz mit Zwischenhalt in der Nibelungenstadt Worms. Hier lockte uns der dem Hl. Petrus geweihte Dom, der größtenteils im 12. Jahrhundert errichtete kleinste der drei rheinischen Kaiserdome.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_01.webp



Als wichtiger Bischofssitz war Worms im Hochmittelalter Schauplatz bedeutender Ereignisse: Hier wurde 1122 mit dem Wormser Konkordat unter Heinrich V. der Investiturstreit beendet, hier beging 1235 Kaiser Friedrich II. seine Hochzeit mit Isabella von England.



Eng verbunden mit der Stadt ist zudem das wichtigste deutschsprachige Epos, das ›Nibelungenlied‹. Als Hauptschauplatz des ersten Teils der Erzählung residieren hier die Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher mit ihr wunderschönen Schwester Kriemhild, die im Handlungsverlauf die Frau Siegfrieds wird und später dessen hinterhältige Ermordung blutig rächt.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_03.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_02.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_06.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_04.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_05.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_07.webp



Neben der sehenswerten Anlage faszinieren die im Dom ausgestellten spätgotischen Reliefs, die um das Jahr 1500 angefertigt wurden, ehemals im heute nicht mehr vorhandenen Kreuzgang angebracht waren und in erstaunlicher Lebendigkeit Szenen aus dem Leben Jesu zeigen.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_10.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_11.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_09.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_13.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_12.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Worms_08.webp



Viel mehr konnten wir uns aus Zeitgründen in Worms gar nicht anschauen. Nächster Halt: Mainz



Tag 6: Mainz

Mainz: Mittelpunkt des Kaiserjahres 2020 mit der großen Landesausstellung ›Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht‹ und der Kindermitmachausstellung ›Ritter, Bauer, Edeldame‹ im Landesmuseum. Die Erwartungen waren hoch, aber gleichzeitig sollte ab hier unsere Reise ins Mittelalter um einiges stressiger werden.



Einerseits lag dies am Hotel, aber vor allem war es die Landesausstellung, die uns einige bange Momente abverlangte. Aber eins nach dem anderen!



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Landesmuseum_Mainz.webp

Das Landesmuseum in Mainz.



Unbenommen ist die Landesausstellung eines der absoluten Highlights: Was dort an prominenten und einzigartigen Ausstellungsstücken versammelt wurde, ist aus mediävistischer Perspektive jede Reise wert. Der Codex Manesse, das Evangeliar Heinrichs III., das Armreliquiar Karls des Großen und vieles andere mehr lassen viele andere hochrangige Exponate in ihrem Schatten stehen. Eine solche Ansammlung bedeutender Artefakte mittelalterlicher Geschichte, Kultur und Literatur wird aller Wahrscheinlichkeit auf Jahre hinaus nicht mehr an einem Ort versammelt werden.



Entsprechend groß war nachvollziehbarer Weise das Interesse an der Ausstellung. Unser Rat, um die bangen Momente zu vermeiden, die wir erlebt hatten: Karten unbedingt vorher online erwerben! Bei uns hatte das nicht funktioniert, da die Mastercard nicht fürs Netz freigeschaltet war und Paypal nicht angeboten wurde. Ein kurzer Anruf bei der Hotline versicherte mir aber, dass es immer ein gewisses Kontingent an Karten für Laufkundschaft gebe. Also kein Problem…



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Landesmuseum_Mainz_Codex_Manesse.webp

„Unsere“ Seite des Codex Manesse – Markgraf Heinrich von Meißen.



Aus diesem Grund waren wir sonntags eine Stunde vor Öffnung des Museums vor Ort, um möglichst sicher als erste Karten zu erhalten – und haben nach einigem Hin und Her an der Kasse die letzten zwei für den Nachmittag desselben Tages bekommen. Mehr gab es nicht. Andere Gäste mussten nach uns unverrichteter Dinge wieder abziehen. Darunter Ältere und Rollstuhlfahrer, die vielleicht nicht einmal wussten, dass es angeraten sei, Karten im Vorfeld zu erwerben. So schwierig die Corona-Situation war und auch wieder ist, hätte man in diesem Aspekt vielleicht eine glücklichere Gratwanderung hinlegen können.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mitmachausstellung_Mainz_01.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mitmachausstellung_Mainz_02.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mitmachausstellung_Mainz_03.webp



Wir hatten immerhin Glück, und da wir ohnehin den ganzen Tag für alle Ausstellungen eingeplant hatten, war es für uns auch kein Problem, die Landesausstellung erst am Nachmittag zu besuchen. So ging es erst einmal in die zweite Ausstellung ›Ritter, Bauer, Edeldame‹, die – auch für Große – absolut sehenswert ist und mit viel Liebe zum Detail konzipiert wurde. Wir hatten viel Freude beim interaktiven und halbdigitalen Schwertschmieden (das war selbst zu dritt schweißtreibend!), Katapultschießen, Tanzen, Kochen und Lanzenstechen. Unserem Eindruck nach ist die Ausstellung bereits für Kids ab drei Jahren geeignet!



Unser Fazit zu beiden Ausstellungen: Unbedingt besuchen! Wer sich auch nur etwas für das Mittelalter begeistern kann, bekommt im Landesmuseum einiges geboten. Abgesehen bei den Holprigkeiten, die wir beim Kartenerwerb hatten, waren wir vom Besuch sehr angetan. Das Personal war äußerst zuvorkommend (herzlichen Dank an den netten Herrn, der uns durch die Mitmachausstellung begleitet hat!) und die Hygienekonzepte wurden einwandfrei umgesetzt. Zudem ist der Sammelband zur Landesausstellung (auch und gerade für interessierte Laien) sehr empfehlenswert.



Mainz hat natürlich nicht nur Landes- und Sonderausstellungen zu bieten, sondern auch eine sehenswerte Innenstadt mit einem prächtigen Dom, die wir uns zwischen dem Besuch der Mitmach- und der Landesausstellung anschauten. Seit dem 8. Jahrhundert in den Rang eines Erzbistums erhoben, war Mainz im Mittelalter von zentraler Bedeutung. Der Mainzer Erzbischof, der später auch zu den Kurfürsten gehörte, zählte zu den mächtigsten und einflussreichsten Männern im Reich, dessen Politik er maßgeblich beeinflusste.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mainz_01.webp



Angeschlossen an den Dom ist das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum, in dem aktuell die Ausstellung ›Die Macht der Mainzer Erzbischöfe. Von Bonifatius zum Naumburger Meister‹ gezeigt wird – unsere dritte Ausstellung an einem Tag…



Klein, aber oho ist sie sehr besuchenswert. Beeindruckend ist hier insbesondere u.a. „Der Zug der Seligen und Verdammten“, den wir vor vielen Jahren bereits in Naumburg sehen durften und der im 13. Jahrhundert vom sog. Naumburger Meister gefertigt wurde und überaus anschaulich das Schicksal der Menschen am Jüngsten Tag darstellt. Es bietet sich daher mehr als an, den Besuch der Landesausstellung mit einem Besuch des Doms und des Dommuseums zu verbinden.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mainz_03.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mainz_02.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mainz_05.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mainz_04.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mainz_06.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Mainz_07.webp



Tag 7: Kloster Eberbach und die Abtei St. Hildegard

Der nächste Tag stand – wir hatten es bitter nötig – im Zeichen der Klöster.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Eberbach.webp

Das berühmte Kloster Eberbach.



Unweit von Mainz liegt nördlich des Rheins das bekannte Kloster Eberbach, eine ehemalige Zisterzienserabtei, die im Jahr 1136 auf die Bestrebungen Bernhards von Clairvaux gegründet und bis 1803 von Mönchen betrieben wurde. Heute ist die Anlage ein beliebtes Ziel für Touristen; hier finden Events statt, es wird Wein angebaut und vertrieben, und Übernachtungen sind genauso möglich wie ein Einkauf im Klosterladen. Auf diese Weise kann die sehenswerte Anlage in ihrer Pracht erhalten bleiben, die so dazu einlädt, ein „echtes“ Kloster (in seiner Bausubstanz im Übrigen natürlich nur noch zum Teil mittelalterlich) zu erkunden.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Eberbach_Detail.webp



Und dieses Kloster ist jede Erkundung wert: Vom Kreuzgang, zum Kapitelsaal (Versammlungssaal der Brüder) und dem Armatorium (in dem das geistliche Rüstzeug wie liturgisches Gerät und insbesondere Bücher verwahrt wurden), über die Klosterkirche, bis hin zum Refektorium (Speisesaal) und Dormitorium (Schlafsaal) lässt sich die Anlage (beinahe) komplett erschließen.



Populärkulturelle Bekanntheit hat Eberbach zudem als Drehort eines der bekanntesten Mittelalterfilme erlangt: ›Der Name der Rose‹ (Frankreich / Deutschland / Italien 1986; Regie: Jean-Jacques Annaud) mit Sean Connery und Christian Slater wurde ausgehend von der berühmten Buchvorlage Umberto Ecos teilweise in Eberbach gedreht. Filmfans werden mit Sicherheit einiges wiedererkennen.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Eberbach_Kreuzgang.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Eberbach_Basilika.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Eberbach_Kapitelsaal.webp

Von links nach rechts: Blick aus dem Kreuzgang, Kirchenschiff und Kapitelsaal.



Weitere Informationen finden sich auf der Webseite zum Kloster Eberbach, einen virtuellen Rundgang gibt es für alle, die es in absehbarer Zeit nicht in persona dorthin schaffen, hier.



In unmittelbarer Nähe (bzw. etwa 20 Autominuten entfernt) liegt inmitten von Weinbergen ebenfalls am Rhein und oberhalb der kleinen Stadt Rüdesheim die Abtei St. Hildegard, das Nachfolgekloster der Klöster auf dem Rupertsberg und in Eibingen. Die dort lebenden Benediktinerinnen tragen das monastische Erbe der Hl. Hildegard von Bingen bis heute weiter.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_St_Hildegard.webp

Die Benedikterinnenabtei St. Hildegard bei Rüdesheim.



Auch wenn es auf den ersten Blick anders erscheinen mag: Die Abtei ist kein mittelalterliches Gebäude, sondern wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im neoromanischen Stil errichtet. Damit ist sie gleichzeitig eines von vielen sehenswerten Beispielen von Mittelalterrezeption früherer Generationen. Nicht nur ist die Anlage sehr sehenswert und laden die umliegenden Wege durch die Weinberge zum Wandern ein, St. Hildegard ist – anders als etwa Eberbach – insbesondere deshalb erwähnenswert, weil es noch von Schwestern geführt wird.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_St_Hildegard_Reben.webp



Heute leben mehr als 50 sorores unter der Leitung von Mutter Dorothea (der 40. Nachfolgerin der Hl. Hildegard) in der Abtei, die dazu einladen, ihre Lebensweise kennenzulernen. Einerseits verfügt die Abtei über ein Gästehaus, in dem man auf Zeit vertieft am monastischen Leben teilhaben kann, andererseits besteht für alle Besucher die Möglichkeit, an den Gebetszeiten der Schwestern teilzunehmen. Die neoromanische Kirche ist nicht nur Ort der Einkehr, des Gebets und des Gottesdienstes, sondern bringt Besuchern – unter anderem durch das Bildprogramm – auch das Leben und Wirken der Hl. Hildegard näher.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_St_Hildegard_Kirche_aussen.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_St_Hildegard_Barbarossa.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_St_Hildegard_Klosterportal.webp



Ein netter Klosterladen und insbesondere das integrative Café rundeten unseren Besuch ab. Weitere Informationen über St. Hildegard gibt es auf der Webseite der Abtei.



Tag 8: Lorsch

Die finale Etappe unserer Reise (am letzten Tag besuchten wir ja noch einmal Speyer), die uns zeitlich bis ins Frühmittelalter führen sollte: Nicht einmal eine Autostunde östlich von Mainz liegen die Überreste des einst hochbedeutenden Klosters Lorsch, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Von der ursprünglich ehemaligen Benediktinerabtei ist heute nicht mehr viel erhalten, die Größe der Anlage vermittelt aber einen anschaulichen Eindruck von den beeindruckenden Ausmaßen.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Lorsch_02.webp



Von der Familie des fränkischen Gaugrafen Cancor im Jahr 764 gegründet, gewann Lorsch rasch an Bedeutung und wurde kurz darauf durch Übertragung an Karl den Großen Königs- und später Reichskloster, d.h. direkt dem Herrscher unterstellt. Karl besuchte die Anlage dann auch 774 auf seinem Rückweg von Italien, wo er gegen die Langobarden Krieg geführt hatte.



Mit ausgedehnten Besitzungen, die bis an die Nordsee reichten, avancierte Lorsch zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum, das auch als Grablege karolingischer Herrscher diente. Berühmt ist die sog. Lorscher Torhalle, die auf die Frühzeit der Anlage datiert und gekonnt römische Bautraditionen weiterdenkt. Inwieweit das Gebäude tatsächlich als Torhalle gedient hat, ist heute fraglich; ihre Position im Inneren der Anlage spricht beispielsweise dagegen.



Der Zweck des Gebäudes ist damit ungeklärt, zumal die kleine Halle im ersten Stockwerk zwei Zu- und Abgänge besitzt. Womöglich wurden hier vor ihrer Bestattung die verstorbenen Herrscher aufgebahrt, denen man so – quasi im Rundgang – den letzten Respekt zollen konnte.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Lorsch_04.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Lorsch_03.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Kloster_Lorsch_01.webp



Literaturgeschichtlich spielt Lorsch als Grablege des Helden Siegfried auch seine Rolle im ›Nibelungenlied‹.



Direkt neben dem Kloster Lorsch steht seit 2014 das experimentalarchäologische Freilichtlabor Lauresham (benannt nach den Frühformen der Benennung von Lorsch wie sie uns etwa im Lorscher Codex (Codex Laureshamensis) begegnen).



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_01.webp



Dort wird seit einigen Jahren auf einer Fläche von 4,1 Hektar ein 1:1-Modell eines karolingerzeitlichen Herrenhofes aus dem 8. / 9. Jahrhundert errichtet – nicht auf Grundlage archäologischer Grabungen vor Ort, sondern als idealtypische, überlieferungsgestützte (Re-)Konstruktion eines Karolingerhofes, wie es ihn gegeben haben könnte.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_04.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_12.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_02.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_05.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_09.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_03.webp



In Lauresham wird also eine möglichst quellennahe Fiktion geschaffen, die helfen soll, einerseits die Lebenswirklichkeit des Frühmittelalters und das komplexe Konzepte von Grundherrschaft erfahrbar zu machen und andererseits durch die Erprobung handwerklicher, baulicher und landwirtschaftlicher Methoden experimentelle Archäologie zu ermöglichen.



Wer schon immer mal ins Frühmittelalter reisen wollte, sollte das Freilichtlabor auf jeden Fall besuchen, auch um einiges über die Tücken und Grenzen bei der Erstellung einer möglichst „authentischen Fiktionen“ zu lernen.



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_13.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_06.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_11.webp



Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_08.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_07.webp
Mittelalter_Digital_Reise_ins_Mittelalter_Das_Kaiserjahr_2020_Lauresham_10.webp



Damit hatten wir im Kaiserjahr 2020 alles gesehen, was wir uns vorgenommen hatten (und noch vieles mehr). Eine anstrengende, aber überaus lohnenswerte Reise in die Geschichte und Kultur des Mittelalters, die wir nur jedem empfehlen können. Pittoreske Städte, beeindruckendes Sightseeing, hochwertige Ausstellungen und gutes Essen – was möchte man mehr?!