Vortragsreihe ›Das liebe Vieh? Mensch-Tier-Beziehungen im Mittelalter‹ in Greifswald
Die 31. interdisziplinäre Vortragsreihe des Mittelalterzentrums in Greifswald widmet sich in sechs Vorträgen den Mensch-Tier-Beziehungen des Mittelalters. Das noch recht neue Feld der Human-Animal Studies hat den wissenschaftlichen Blick auf Tiere und ihr Verhältnis zum Menschen grundlegend verändert. Tiere werden nicht mehr allein über ihren Nutzen oder als Projektionsflächen menschlicher Bedeutungszuschreibungen verstanden, sondern in ihren sozialen und kulturellen Dimensionen sowie in Formen eigener Handlungsmacht wahrgenommen.
Aufgrund ihrer interdisziplinären Ausrichtung haben diese Ansätze weit über einzelne Fächer hinausgewirkt. Diese Breite zeigt sich auch in den sechs Vorträgen dieser Reihe: Neben geschichtswissenschaftlichen und kunsthistorischen Perspektiven befassen sich die Vorträge mit Tieren in der deutschen, hebräischen und arabischen Literatur.
Die Vorträge beginnen jeweils um 18:15 Uhr.
Dienstag, 03.11.2026 – Prof. Dr. Julia Weitbrecht (Köln/Germanistik): Wild! Warum wir Tiere betrachten, um vom Menschen zu erzählen
Es wimmelt nur so von Tieren in mittelalterlichen Texten und Bildern. Sie dienen nicht nur der Dekoration, denn im Verhältnis zum Tier spiegelt sich der Mensch stets selbst. Die Grenzziehung zwischen Menschen und Tieren wird daher immer wieder produktiv in Frage gestellt: Häufig treten Wildtiere als Antagonisten auf, die auf der Jagd bezwungen, aber auch gezähmt und zu Gefährten werden können. Dieser machtvolle Gestus gegenüber einer als angsteinflößend empfundenen Natur war für das christliche Mittelalter sehr prägend und wirkt bis heute nach. Die Begegnungen mit dem Wild(en) erzählen aber auch von den Freiräumen, die sich daraus eröffnen können, und thematisieren Formen der Wildheit, die nicht im Wald zu finden sind, sondern den Menschen selbst innewohnen und ästhetisch fruchtbar gemacht werden können. Der Vortrag geht den vielfältigen Verbindungen von Tier und Mensch, Wildheit und Zähmung, Natur und Kultur in Legenden und höfischen Romanen des Mittelalters nach.
Julia Weitbrecht studierte Skandinavistik, Ältere deutsche Literatur und Sprache sowie Religionswissenschaft an der HU und FU Berlin. Von 2005–2012 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner SFB 644 „Transformationen der Antike“, danach folgten Tätigkeiten an der Universität Göttingen und der FU Berlin. Von 2014–2020 war sie Juniorprofessorin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und vertrat eine 2018/19 eine Professur an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2020 ist sie Professorin für Ältere deutsche Sprache und Literatur an der Universität zu Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören religiöse Textkulturen und ihre Materialität (Legenden, Visionen, Legendensammlungen) sowie Mensch-Tier-Relationen in historischer Perspektive.
Moderation: Dr. Falk Quenstedt
Veranstaltungsort: Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
Montag, 09.11.2026 – Prof. Dr. Kathrin Müller (HU Berlin / Kunstgeschichte): Listige Gegenüber, widerständige Gegner. Von der Kommunikation zwischen Mensch und Tier in spätmittelalterlichen Jagdtraktaten und deren Bildern
Zwei französische Jagdtraktate aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts – zum einen Henri de Ferrières ‚Bücher des Königs Modus und der Königin Ratio‘, zum anderen das darauf basierende ‚Buch der Jagd‘ von Gaston Fébus – widmen sich zum einen den praxisbezogenen Details der höfischen Jagd. Zum anderen richten sie die Aufmerksamkeit auf das Eigenleben der Wildtiere in ihrem jeweiligen Habitat sowie ihre Befähigung zu Flucht, Verteidigung und Angriff. Klug, stark und feinsinnig – mit diesen Eigenschaften wurde etwa der Hirsch zum veritablen Gegner aufgebaut, dem der Jäger seinerseits mit großem Können begegnen musste. Der Vortrag legt die Kommunikationsprozesse zwischen Tier und Mensch bei der höfischen Jagd dar. Vom Text der Traktate ausgehend, analysiert er, wie die beigefügten Miniaturen ihrerseits die Konstellationen zwischen Tier und Mensch reflektieren. Insgesamt soll deutlich werden, dass das Tier im Kontext der höfischen Jagd einerseits als nicht-menschlich, andererseits aber als Teil des Sozialen wahrgenommen wurde.
Moderation: Professorin Dr. Cornelia Linde
Veranstaltungsort: Hörsaal 4, Audimax, Rubenowstr. 1
Montag, 23.11.2026 – Dr. Sophie Fendel (ehemals München/Skandinavistik): Von kriegstauglichen Elefanten und sinkenden Walen: Der Physiologus in Nordeuropa
Sirenen, Krokodile, Einhörner – diese farbenfrohen Wesenheiten und noch viele mehr bevölkern die Seiten eines kleinen Werks, das im mittelalterlichen Europa einige Durchschlagskraft entwickelt hat. Die Rede ist vom Physiologus und seinen Nachfolgern, den reich illustrierten Bestiarien. In kompakten Kurzkapiteln berichten diese Texte von den kuriosen Eigenschaften realer wie auch erfundener Tiere und ziehen Parallelen zur christlichen Lebenswelt. Wer hat noch nicht gehört vom Phönix, der sich auf seinem eigenen Scheiterhaufen verbrennt und daraus aufersteht, so wie Jesus, der nach seinem Kreuzestod zur Rettung der Christenheit auferstanden ist? Der Physiologus hat seinen Ursprung im Alexandria des 2. Jahrhunderts, gelangte im Mittelalter aber bis in den hohen Norden, auf eine kleine Insel im Nordatlantik namens Island. Wie dieses Werk es bis dorthin geschafft hat, was mittelalterliche Übersetzer und Künstler daraus gemacht haben und was es eigentlich mit dem Vogelschnabel des Hydrus auf sich hat, all das wird Thema des Vortrags sein.
Moderation: Josef Juergens, M.A.
Veranstaltungsort: Hörsaal 4, Audimax, Rubenowstr. 1
Montag, 07.12.2026 – Prof. Dr. Thomas Bauer (Münster/Islamwissenschaft und Arabistik): Die vierzehn Vögel. Eine bündische Jagd in der arabischen Vormoderne
In seinem Vortrag, der auf seinem jüngsten Buch basiert, widmet sich Thomas Bauer einer heute nahezu vergessenen Form der Trophäenjagd im Fruchtbaren Halbmond, die über mehr als fünf Jahrhunderte mit einem Kugeln verschießenden Bogen auf vierzehn festgelegte Vogelarten ausgeübt wurde. Er beleuchtet die kulturellen, gesellschaftlichen und literarischen Dimensionen dieser eng reglementierten Jagdpraxis, ihre Verbindung zur Futuwwah, dem um 1200 vom Kalifen an-Nāṣir begründeten „Jungmännertum“, sowie ihre Darstellung in arabischen Texten des 14. Jahrhunderts. Damit rekonstruiert der Vortrag eine bislang unerforschte Jagdtradition und eröffnet neue Perspektiven auf soziale Ordnung, literarische Gestaltung und vormoderne Mensch-Tier-Beziehungen im arabischsprachigen Raum.
Moderation: Dr. Florian Schmid
Veranstaltungsort: Hörsaal 4, Audixmax, Rubenowstr. 1
Montag, 18.01.2027 – Dr. Hanna Zoe Trauer (München/Judaistik): Mensch und Tier vor dem König der Dschinnen – zu Kalonymos’ hebräischer Adaption (1316) des Tierbuchs aus dem ‚Sendschreiben der lauteren Brüder von Basra‘
Die philosophische Enzyklopädie Rasāʾil iḫwān aṣ- ṣafāʾ (‚Sendschreiben der lauteren Brüder von Basra‘) aus dem 10. Jahrhundert enthält unter anderem die Erzählung von einem Rechtsstreit zwischen Tieren und Menschen vor dem König der Dschinnen. Gegenstand der Verhandlung, die durch eine Klage der Menschen über den Ungehorsam der Tiere angestoßen wird, ist die Frage, ob die Menschen sich zu Recht als Herren über die Tiere aufspielen, und ob sie diese angemessen behandeln. Im Verlauf des Prozesses treten verschiedene Tiere auf und bringen ihrerseits Klagen über das Verhalten der Menschen vor. So entfaltet die Erzählung zugleich eine philosophische Aushandlung des mittelalterlichen Mensch-Tier-Verhältnisses. Der Vortrag beschäftigt sich mit der hebräischen Adaption der Erzählung (Iggeret Baʿale Ḥayyim) in der Übersetzung des Kalonymos ben Kalonymos aus dem frühen 14. Jahrhundert.
Modernation: Dr. Falk Quenstedt
Veranstaltungsort: Hörsaal 4, Audimax, Rubenowstr. 1
Montag, 25.01.2027 – Prof. Dr. Christian Jaser (Kassel/Geschichte): Virtù und velocità: Die schnellen Pferde der italienischen Renaissance
Der Vortrag geht dem Schau- und Repräsentationswert von schnellen Pferden im Zeitalter der italienischen Re- naissance nach, die ihr Können und ihre Geschwindigkeit vor allem bei den zahlreichen städtischen Paliorennen unter Beweis stellen konnten. Dort kamen zumeist von der nordafrikanischen Berberküste importierte Berberpferde (barberi) zum Einsatz, die allen zeitgenössischen Beobachtern als die eigentlichen Leistungsträger galten und sich als mediale Ikonen des Renaissancerennsports etablierten. Als kompetitive und komparative Leitbegriffe dieser Rennkonkurrenzen kursierten virtù (Leistungsstärke) und velocità (Schnelligkeit), die in der Palioberichterstattung von einer bildgewaltigen Geschwindigkeitssemantik flankiert wurden. Im Hintergrund standen hochspezialisierte Praktiken, Expertisen und Infrastrukturen der Rennpferdehaltung, die allein auf die Gewährleistung und Steigerung hippischer Höchstgeschwindigkeit ausgerichtet waren. Zugleich boten die Paliowettkämpfe den Besitzern schneller Pferde auch die Möglichkeit, Rennerfolge in symbolisches Kapital zu konvertieren und zur individuellen und dynastischen Statusdemonstration zu nutzen.
Moderation: Professorin Dr. Cornelia Linde
Veranstaltungsort: Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
Alle weiteren Informationen zur Vortragsreihe findet ihr auf der Webseite der Universität Greifswald.