Fantastische Welten: J.R.R. Tolkien
Tobias Enseleit
„In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“ – Die einleitenden Sätze von J. R. R. Tolkiens ›Der Hobbit‹ zählen heutzutage sicherlich zu den bekanntesten Buchanfängen überhaupt. Mit seinen Werken rund um Mittelerde hat Tolkien (1892-1973) unsere moderne Fantasy maßgeblich geprägt. Als Professor für englische Sprachwissenschaft und als Mediävist konnte der Brite auf einen literarischen Schatz zurückgreifen, den er formvollendet adaptierte und in seine Werke einfließen ließ. Nicht zuletzt deshalb hat sich in der Wissenschaft ein eigener Forschungszweig um seine Arbeiten entwickelt: die Tolkien Studies. Für uns Grund genug, diesen Monat noch einmal seine Werke vorzustellen und eine kleine Auswahl dessen zu präsentieren, was durch Tolkiens Welt entstanden ist.
›Warcraft‹, ›Warhammer Fantasy‹, ›The Witcher‹, ›Dungeons & Dragons‹ – kaum ein beliebtes Fantasy-Franchise, das ohne ›Der Hobbit‹ oder ›Der Herr der Ringe‹ in seiner Form existieren würde. An Tolkien arbeiten sich die meisten Fantasyautoren ab, das ist an vielen Stellen zu spüren. Elfen, Zwerge und Halblinge, Zauberringe, Drachen und vieles andere mehr existierte natürlich in Erzählungen, Sagen und Legenden bereits lange, lange vor Tolkien. Viele haben versucht, sie auf überzeugende Weise in einer gemeinsamen Erzählwelt zusammenzuführen – und dies mit je unterschiedlicher eigener Schwerpunktsetzung.
Spieleklassiker wie das 1989 erschienene ›Hero Quest‹, seines Zeichens ein Vorläufer des Tabletopbereichs, kennen etwa im Hinblick auf die Darstellung des Barbarenstereotyps neben Tolkien auch andere Inspirationsquellen. Zwerge, Elfen und Zauberer oder das Konzept der Heldengruppe (engl. Party) verdanken sich aber Tolkien und den Gefährten in ›Der Herr der Ringe‹.
Die Stereotype, die Tolkien mit seinen Figuren und unterschiedlichen Rassen schuf, sind – auch wenn sie mittlerweile durchaus Kritik erfahren – bis heute wirkmächtig: Stets leben Zwerge tief unter den Bergen, graben gierig nach Gold und Edelsteinen, sind starrhalsig und spucken nicht in den Humpen, während die feinsinnigen Elfen lieber mit Bäumen schmusen und Harfe spielen. Natürlich gibt es bewusst gesetzte Abweichungen, etwa in der Videospielreihe ›Dragon Age‹, in der Orks durch die dunkle Brut ersetzt und Elfen jammervoll in Ghettos menschlicher Städte verbannt werden. Ähnliche Rassismusdiskurse werden im ›The Witcher‹-Universum anhand von Zwergen und Elfen inszeniert, während die Orks im ›Warcraft‹-Franchise auch eine heroisch-positive Seite aufweisen. Bei allen Unterschieden im Detail: Ohne die Fantasyvölker Tolkiens kommen sie alle nicht aus.
Und das ist auch nicht wirklich verwunderlich, zählen ›Der Hobbit‹ und ›Der Herr der Ringe‹ (und für ganz eingefleischte Enthusiasten vielleicht auch ›Das Silmarillion‹, der große Entstehungsmythos Mittelerdes) zur modernen Standardliteratur und haben weltweit eine große Leserschaft und Fangemeinde.
Der mysteriöse Zauberer Gandalf stattet dem ahnungslosen Hobbit Bilbo einen Besuch ab.
Im Mittelpunkt beider Geschichten stehen Bilbo und Frodo Beutlin, die zu einer Gattung ganz unscheinbarer Geschöpfe gehören: Sie sind Hobbits – rundliche Halblinge mit haarigen Füßen, die eigentlich damit zufrieden sind, im paradiesischen Auenland Gemüsebeete zu pflegen, Pfeifenkraut zu rauchen, zu schlemmen und von anderen in Ruhe gelassen zu werden. Dass ausgerechnet Bilbo den „Einen Ring“ finden und dazu beitragen sollte, den „Einsamen Berg“ vom grausamen wie schatzgierigen Drachen Smaug zu befreien, hätte er sich nie erträumen können. Und wie hätte sein Neffe Frodo je ahnen können, dass er es sein würde, der den „Einen Ring“ im Schicksalsberg vernichtet und damit Mittelerde von der Tyrannei des dunklen Herrschers Sauron befreit?
Auf ihren Abenteuerreisen begegnen sie Elfen, Zwergen, Orks und Trollen und müssen sich mit bösen Zauberern und Riesenspinnen auseinandersetzen, um schließlich wieder in den behaglichen Frieden des Auenlands zurückzukehren. Nun ist die Heldenreise freilich ein urmenschliches Erzählkonzept, welches im Mittelalter als „Aventiure“ – entlehnt aus dem Französischen – weiterentwickelt wurde. Doch Tolkiens Konzept mit einer Heldengruppe aus Vertretern verschiedener Völker und ihrem fantastischen Kreaturensemble hat die moderne Unterhaltungskultur vom Pen & Paper bis zum Videospiel nachhaltig geprägt.
Für alle Fantasy-begeisterten Leseratten ein Muss. Die beiden Bücher gibt es auf dem deutschsprachigen Markt in verschiedenen Formen und Übersetzungen. Manche sind reichhaltig illustriert, mitunter von Alan Lee, der auch als Art Designer die Verfilmungen der Bücher mitgestaltete.
Lange Zeit galt ›Der Herr der Ringe‹ als nicht verfilmbar, bis vor mittlerweile 20 Jahren mit Peter Jacksons Filmtrilogie ein Gesamtmeisterwerk auf die große Kinoleinwand kam, das mit insgesamt 17 Oscars ausgezeichnet wurde. Klug wurde die Handlung der Bücher auf das Medium Spielfilm übertragen. Der hervorragende Cast, die wunderschöne Natur Neuseelands, die meisterhafte Musik Howard Shores und unglaublich viel Liebe zum Detail ließen den ›Herr der Ringe‹ zum Filmklassiker avancieren.
Ein weit weniger glückliches Händchen hatte Peter Jackson indes mit der Verfilmung von ›Der Hobbit‹. Zu sehr wurde die ohnehin schmale Buchvorlage inhaltlich gestreckt, um einer Trilogie gerecht zu werden. Infolge dessen wurde sie mit Belanglosigkeiten und Albernheiten bestückt, sodass Zauber und Qualität der ersten Trilogie nicht annähernd erreicht werden konnten. Und auch technisch ist die knapp zehn Jahre ältere Trilogie dank aufwendiger Maske und Kulisse und weniger CGI deutlich besser gealtert. Fans hat und wird auch dies freilich nicht davon abhalten, gemeinsam mit Martin Freeman als Bilbo Beutlin den Einen Ring zu finden und den Einsamen Berg zu besuchen – auch wenn bei den meisten mit Sicherheit ein Wermutstropfen dabei sein wird.
Weniger die Buchvorlagen als die breitenwirksameren Verfilmungen sorgten in der Folge für eine wahre Franchiselawine in allen Sparten der modernen Medienlandschaft, natürlich auch, um auf diese Weise einen schnellen Goldtaler zu verdienen. Aber in dieser beinahe unüberschaubaren Gemengelage versteckten sich auch einige Perlen. Für den Bereich der Videospiele sind hier etwa die kurz nach der Trilogie erschienenen Strategiespiele ›Schlacht um Mittelerde‹ (2004 und 2006) zu nennen, in denen Spielerinnen und Spieler in Echtzeit eine der vier Fraktionen Mittelerdes (Gondor, Rohan, Mordor, Isengard) ins Gefecht führen müssen.
Filmkenner fühlten sich im Setting gleich wohl, da Gebäude, Einheiten und Inhalte stark an die Trilogie angelehnt sind und sich ihr Handlungsverlauf ab den Minen von Moria in der Kampagne nachspielen lässt (tatsächlich auch aus der Warte der Bösen, sodass die Möglichkeit besteht, die Weiße Stadt Gondor dem Erdboden gleichzumachen). Der zweite Teil lenkt den Fokus bewusst weg von bekannten Erzählelementen und inszeniert stattdessen den Ringkrieg aus Sicht der Elfen und Zwerge. Umfänglicher lässt sich die Film- und Buchvorlage kaum aufbereiten.
Die beiden Spiele bilden natürlich nur die oberste Spitze des riesigen Eisbergs, der die Medienlandschaft im Fantasybereich prägen sollte: Nicht nur übten Tolkiens Bücher einen enormen Einfluss auf das Tabletop-Spiel ›Warhammer Fantasy‹ aus; Hersteller Games Workshop veröffentlichte 2001 direkt ein ganz eigenes Spiel, das sich wie die Videospiele eng an die Filminszenierungen anlehnte und den Wesen und Protagonisten Mittelerdes noch mal eine ganz eigene Form gab. Szeneenthusiasten begeisterten seinerzeit nicht nur die Figuren, sondern auch das ausgeklügelte Spielsystem. Heute firmiert das Spiel unter dem Titel ›Middle Earth: Tabletop-Strategiespiel‹.
Gefährliche Uruk-Hai im 28mm-Maßstab. Alle Figuren müssen einzeln zusammengebaut und per Hand bemalt werden.
Damit haben die Geschichten von J. J. R. Tolkien auch Eingang in die Welt der analogen Spiele erfahren. Die enorme Bekanntheit hat dem Herrn der Ringe eine eigene ›Monopoly‹- und ›Risiko‹-Variante beschert. Letztere ist dabei sogar recht innovativ.
So wird die Spiellänge über den Fortschritt der Ringgemeinschaft geregelt. Verlassen die Gefährten das Spielfeld, ist das Ende der Partie erreicht. Außerdem gibt es taktische Neuerungen auf dem Spielplan, der Mittelerde nachempfunden ist, mit Festungen und Flüsse etwa, die nur an bestimmten Orten überquert werden können. 2016 ist das Spiel in der zweiten Edition erschienen.
Wer weniger auf direkte Konfrontation mit seinen Mitspielern und Mitspielerinnen abzielt, dem sei ›Der Herr der Ringe: Reise durch Mittelerde‹ von Asmodee ans Herz gelegt, das 2019 auf Deutsch erschien. Hier müssen Spielerinnen und Spieler gemeinsam als Helden in der Welt von Mittelerde verschiedenen Abenteuer bestehen. Durch das Sammeln von Schätzen und das Kämpfen gegen mächtige Gegner entwickelt sich der eigene Held weiter.
Wer nun Lust bekommen hat, sich noch einmal vertieft mit der Person Tolkiens auseinanderzusetzen, der sollte unbedingt einen längeren Blick in die Überblicksdarstellung ›Tolkien – Schöpfer von Mittelerde‹ von Catherine McIlwaine werfen. Mit über 300 Bildern, Illustrationen und Manuskriptabbildungen, Essays und Karten hat sie neben Hintergrundwissen auch einiges fürs Auge zu bieten hat. Für alle, die vor englischen Titeln nicht zurückschrecken, bietet das reich illustrierte und wunderschöne ›A Middle-Earth Traveller‹ von John Howe eine literarische Reise nach Mittelerde. Und wer immer noch nicht genug bekommen kann, sollte sich die Graphic Novel ›The Hobbit‹ aus der Feder von David Wenzel anschauen, die in aller Farbigkeit Bilbos Reise mit den Zwergen zum Einsamen Berg nacherzählt.
Tolkiens Werke sind aus unserer Populärkultur nicht mehr wegzudenken – und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. So produziert etwa Amazon seit 2017 für den eigenen Streamingdienst eine ganze Serie, die im ›Herr der Ringe‹-Universum angesiedelt und mit einem riesigen Budget ausgestattet ist. Der Start der Serie war ursprünglich für das Jahr 2021 geplant, wird sich durch die aktuelle Pandemiesituation aber womöglich bis ins Jahr 2022 verzögern. Für Tolkien-Fans wird es also nicht langweilig!