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Zweieinhalb Männer im Schnee: ›The Last King‹ (2016)

Anfang des 13. Jahrhunderts: Die eisige Landschaft Norwegens ist Schauplatz einer dramatischen Hetzjagd. Von einer Rotte unbarmherziger Mörder verfolgt, müssen zwei eingefleischte Haudegen einen hilflosen Säugling in Sicherheit bringen – ein Kind, das später den Thron Norwegens besteigen soll.



Hinweis: Die Rezension beinhaltet KEINE inhaltlichen Spoiler.



Seit Jahren wird um die Herrschaft über Norwegen gestritten. Die politischen Parteien der Birkebeiner und Bagler bekämpfen sich mit wechselndem Glück bis aufs Blut. Als der amtierende König Håkon Sverresson († 1204) nach kurzer Regentschaft stirbt, unterstützen die Birkebeiner seinen noch minderjährigen Sohn Håkon Håkonsson, der dadurch zur Zielscheibe der politischen Gegenpartei wird.



Im Winter des Jahres 1205/1206 eskortiert eine Gruppe von Birkebeiner-Kriegern den zweijährigen Thronanwärtern von Lillehammer nach Nidaros (Trondheim), während ihnen eine Schar gedungener Mörder auf der Spur ist. Regisseur Nils Gaup erzählt mit ›The Last King‹ genau diese Episode norwegischer Geschichte, die hierzulande eher unbekannt ist, in Norwegen aber jährlich im Rahmen des ›Birkebeinerrennet‹, eines Ski-Langlaufs, groß begangen wird, da die Regentschaft des im Film noch kleinen Håkon, der von 1217 bis 1263 König von Norwegen war, die Jahrzehnte des Bürgerkriegs im Reich beendete.



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1869 schuf der Nationalromantiker und Maler Knud Bergslien ›Die Birkebeiner‹, ein Gemälde, das die Krieger Torstein Skevla und Skjervald Skrukka bei ihrer Flucht mit dem Königssohn Håkon Håkonsson zeigt.



Damit wartet ›The Last King‹ mit einem unverbrauchten Setting auf, das durchaus Potential für eine spannende Filmhandlung birgt. Die Einführung in eben dieses Setting fällt zu Beginn des Films jedoch nur äußerst knapp aus. Was für ein norwegisches Publikum aufgrund vertiefter Vorkenntnisse sicherlich unproblematischer ist, wirft bei unbedarften Zuschauern anfangs viele Fragezeichen auf. Man kann dem Film nun zu Gute halten (oder aber anlasten), dass sein historischer Kontext ohnehin nur anskizziert wird, um anfangs hier die Guten, dort die Bösewichte in der Handlung zu installieren.



Und das schafft der Film über die aktuell gängigen Wege, Mittelalterlichkeit in modernen Medien zu inszenieren: ein wenig Intrige und Mord, allen voran Gewalt gegen Wehrlose und die Darstellung der Kirche als machtgierige Institution, die entgegen christlicher Werte über Leichen geht, um ihren Einfluss auszubauen. Damit greift der Film einerseits gängige Epochenklischees auf, geht aber in anderen Aspekten – insbesondere durch die rasanten Verfolgungsfahrten und Kämpfe auf Skiern – erfrischender Weise komplett neue Wege.



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Rezeption der Rezeption und ganz großes Kino: Für die Promotion des Films adaptierten die Produzenten Knud Bergsliens Historienbild nahezu 1 zu 1. Für die internationale Fassung des Films änderte man nicht nur den Originaltitel ›Birkebeiner‹ in das recht unaussagekräftige ›The Last King‹, sondern auch die Bildsprache auf Covern und Plakaten. Schade, geht auf diese Weise doch richtig viel Inhalt verloren.



Die Helden des Films sind die beiden raubeinigen, aber gleichsam gutherzigen Krieger Torstein Skjevla und Skjervald Skrukka, der von Kristofer Hivju verkörpert nicht zuletzt durch dessen Rolle als Tormund Riesentod in ›Game of Thrones‹ einem breiteren Publikum bekannt sein wird. Sie bilden die Identifikationsfiguren für das Publikum, und tatsächlich sind die beiden mit ihren modischen Bärten durchweg moderne Hipster, die einerseits mit Axt und Klinge ihren Mann stehen können, dabei aber auch ganz andere Qualitäten beweisen, wenn sie sich vollumfänglich um den zweijährigen Hakon kümmern, der – erstaunlich genug – tagelang ohne etwas zu essen auskommt und dabei sogar Schneestürmen trotzt. Ein echter Norweger ist hart im Nehmen, selbst als Baby.



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Echte Kerle unter sich: Die Birkebeiner Torstein Skjevla und Skjervald Skrukka retten den kleinen Hakon.



Damit sind Two and a half Men im mittelalterlichen Norwegen auf Achse, gutmütige, kinderfreundliche Naturburschen, die mit dem Herz am rechten Fleck ihre Heimat, Kultur und ihren zukünftigen König gegen eine expandierende schwarzherzige Institution und ihre Handlanger verteidigen müssen. Das ist rasant, über große Strecken kurzweilig, hat aber das große Problem, dass der Film, der ohnehin nur spärlich die Handlung anlegt, nie deutlich macht, wohin die Reise am Ende gehen soll. Darüber lässt sich größtenteils aber hinwegsehen, denn rasante Actionszenen, wunderschöne Landschaftsaufnahmen und ein sympathisches Heldenduo lassen die zahlreichen Schwächen vergessen.



Obwohl Action reichlich vorhanden ist, weist sie – in heutiger Zeit fast ungewöhnlich für Mittelalterproduktionen – nur einen geringen Härtegrad auf. Schnelle Filmschnitte kaschieren in Kampfszenen unschöne Treffer, während Blut nur in maßvoller Dosierung fließt. Das mag einerseits verwundern, richtet sich der Film qua Anlage ja vornehmlich an ein männliches Publikum, ermöglicht dadurch aber auch die Rezeption durch jüngere Zuschauer, was sicher im Sinne der Produzenten ist. Freunde von knallharter Action kommen jedoch nicht auf ihre Kosten.



Damit ist ›The Last King‹ insgesamt gesehen ein durchaus sehenswerter, kurzweiliger Abenteuerspaß (auch für die jüngere Generation über 12 Jahren), der zwar einerseits ein unverbrauchtes Setting aufweist, dabei aber trotzdem nicht über gängige Klischees hinaus kommt und für alle geeignet ist, die über eine schwache, schwarz-weiß-gerahmte Handlung hinweg sehen können und die immer mal wissen wollten, wie sich Nordmänner auf Skiern so machen.