Der Vagabund des Königs: Robin Hood
Tobias Enseleit
Kaum eine Figur des Mittelalters ist bekannter als Robin Hood, der Vagabund und Dieb, der gemeinsam mit seiner Bande ebenso rauflustiger wie gutherziger Geächteter von den Reichen stiehlt, um den Armen zu geben. Tief in den grünen Schatten des Sherwood Forest verborgen, hecken die Gefährten Pläne aus, wie sie geldgierige Pfaffen ausnehmen und die liebliche Lady Marian aus den Fängen des tyrannischen Königs John befreien können – so lautet die Erzählung, die wir seit Kindesbeinen kennen und lieben lernen.
Dabei verschwindet der „historische“ Robin Hood in den Nebeln der Geschichte – sofern es ihn überhaupt je gegeben hat. Als Protagonist mehrerer spätmittelalterlicher wie frühneuzeitlicher Balladen gewinnt er im Laufe der Zeit immer mehr an Kontur, bis er zu dem Helden wird, den wir heute insbesondere aus unzähligen populärkulturellen Medien kennen.
Ikonographische Szenen, wie sie später auch in vielen Verfilmungen begegnen, finden sich bereits aus der Feder von Walter Crane in Henry Gilberts ›Robin Hood and the men of the Greenwood‹ aus dem Jahr 1912 (Bildnachweis: © Public Domain).
Über 30 Spielfilme, historische Romane, mehrere Serien, Videospiele und auch Gesellschaftsspiele erzählen die Geschichte Robin Hoods und seines Kampfs gegen die Unterdrückung durch eine normannische Oberschicht und setzen dabei durchaus eigene Schwerpunkte. Anfangspunkt und qualitativer Gradmesser ist für die moderne Robin Hood-Rezeption sicherlich Michael Curtiz‘ und William Keighleys zeitloser und dreifach mit dem Oscar ausgezeichneter Klassiker ›Robin Hood – König der Vagabunden‹ aus dem Jahr 1938 mit Errol Flynn, Olivia de Havilland und Basil Rathbone in den Hauptrollen.
Der Film erwies sich als derart stilbildend, dass er ikonographisch mit Disney’s ›Robin Hood‹ (USA 1973; Regie: Wolfgang Reitherman) in das Genre des Trickfilms übertragen (eine Neuauflage als Realfilm ist geplant) wurde. Es dauerte auch eine ganze Weile, bis andere Produktionen den Versuch wagten, selbstbewusst eine eigene Variante des Erzählstoffs vorzustellen.
Zu den wohl bekanntesten unter ihnen zählen der Film ›Robin und Marian‹ (USA 1976; Regie: Richard Lester), welcher die „Altersgeschichte“ der beiden Hauptfiguren erzählt, ›Robin Hood – König der Diebe‹ (USA: 1991; Regie: Kevin Reynolds), der das Sujet in eine kurzweilige 1990er-Jahre-Actionversion übersetzt, ›Robin Hood‹ (USA 2010; Regie: Ridley Scott), der als neuen Ansatz die Vorgeschichte zur altbekannten Handlung inszeniert, sowie ›Robin Hood‹ (USA 2018; Regie: Otto Bathurst), der die Eckpunkte der Rahmenhandlung in eine futuristische Steampunkt-Welt transferiert. Auch die augenzwinkernde Persiflage ›Robin Hood – Helden in Strumpfhosen‹ (USA / Frankreich 1993; Regie: Mel Brooks), die in weiten Teilen den Kinohit des Jahres 1991 parodiert, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.
Doch nicht nur Filmliebhabern, sondern auch Leseratten steht eine große Auswahl zur Verfügung: Erwähnenswert sind in unserem Zusammenhang die klassische Version ›Robin Hood‹ von Rosemary Sutcliff, deren englisches Original ›The Chronicles of Robin Hood‹ bereits 1950 erschien, Howard Pyles ›Robin Hood,‹ das viele Anekdoten über den Vagabunden vereint, sowie Nicky Ravens ›Robin Hood‹ mit den wunderbaren Illustrationen von Anne Yvonne Gilbert, das allerdings nur in englischer Sprache vorliegt und mittlerweile vielerorts vergriffen ist.
Relativ druckfrisch ist die fünfbändige Robin-Hood-Reihe aus der Feder von Mac P. Lorne – für alle, denen ein einziges Buch nicht genug ist. Selbstverständlich ist auch auf Walter Scotts Klassiker ›Ivanhoe‹ und die entsprechenden Filmadaption hinzuweisen, in denen Robin Hood eine nicht ganz unbedeutende Nebenrolle spielt.
Vergleichsweise überschaubar hat sich das Medium des Videospiels bislang mit Robin Hood auseinandergesetzt; 1985 gab es einen ersten digitalen Abstecher in den Sherwood Forest mit ›Robin of the Wood‹, 2002 veröffentlichte Spellbound mit ›Robin Hood – Die Legende von Sherwood‹ ein taktisches Strategiespiel in Form von ›Desperados‹ oder ›Commandos‹ und machte dabei auch Robins Gefährten wie Little John, Bruder Tuck oder Will Scarlet spielbar, die im Spiel jeweils eigene Fähigkeiten besitzen. Im Mai dieses Jahres soll die lange Durststrecke für Fans des Themas mit dem PvPvE-Mehrspielergame ›Hood: Outlaws & Legends‹ beendet werden.
Dass die Geschichte von Robin Hood bis heute nichts von ihrer Wirkmächtigkeit eingebüßt hat, zeigt sich auch in der Welt der analogen Spiele. Die neueste Veröffentlichung von Michael Wenzel, dem Autor des sehr erfolgreichen Brettspiels ›Die Legenden von Andor‹, beschäftigt sich mit dem Rächer der Enterbten. ›Die Abenteuer des Robin Hood‹ erscheint diesen Monat im Kosmos-Verlag und wird mit Spannung erwartet.
Wie schon bei ›Die Legenden von Andor‹ müssen die Spieler gemeinsam gegen das Spiel antreten. Besonderes Gewicht wird dabei auf den erzählerischen Aspekt gelegt: Die Rahmenhandlung wie auch der Spielfortschritt werden durch ein Buch erzählt, wobei die Geschichte abhängig von den getroffenen Entscheidungen und ausgeführten Handlungen einen anderen Ausgang nimmt.
Neu ist darüber hinaus die freie Spielwelt. Man bewegt sich nicht über die üblichen Hex-Felder, sondern kann die Entfernungen auf dem Spielfeld mit den Figuren selbst überbrücken. Außerdem verändert sich das Spielbrett im Verlauf der Geschichte dauerhaft. Wer also immer schon einmal die Abenteuer von Robin Hood zusammen mit Freunden oder der Familie erleben wollte, sollte einen Blick riskieren. Unser Redakteur Lukas wird sich das Spiel diesen Monat noch einmal genauer anschauen und euch in einer Rezension von seinen Erfahrungen berichten.