›Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen‹: Im Interview mit Dr. Karen Straub
Tobias Enseleit
Kaum etwas wird heute eher mit dem Mittelalter in Verbindung als aufwendig gestaltete Handschriften, die in Zeiten von Buchdruck, E-Books und Sprachmessages die pure Alterität symbolisieren. Mit der Sonderausstellung ›Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen‹ widmet sich das Museum Schnütgen in Köln eben diesem Aspekt mittelalterlicher Kulturgeschichte – mit einer ganz bestimmten Schwerpunktsetzung. Sie fragt nach den Rahmenbedingungen mittelalterlicher Handschriftenproduktion in Frauenklöstern und stellt anhand von Exemplaren vom 8. bis zum 16. Jahrhundert die dort gelebte Buchkultur dar. Wir konnten mit Dr. Karen Straub, der Kustodin des Museums, über die schöne Ausstellung sprechen.
Dr. Karen Straub hat Kunstgeschichte, Kulturwissenschaften und Kulturmanagement an der TU Berlin studiert. Seit 2013 ist sie Kustodin am Museum Schnütgen – Kunst des Mittelalters.
Mittelalter Digital: Liebe Frau Straub, vielen Dank für Ihre Bereitschaft, uns Einblick hinter die Kulissen der Sonderausstellung ›Von Frauenhand. Mittelalterliche Handschriften aus Kölner Sammlungen‹ zu gewähren, die seit dem 26. Oktober 2021 zu besichtigen ist. In vielen Bereichen der Beschäftigung mit mittelalterlicher Geschichte und Kultur wird aktuell – zu Recht – nach dem Wirken, den Errungenschaften und den gesellschaftlichen Möglichkeiten speziell von Frauen gefragt. Wie kam es dazu, eine Sonderausstellung mit diesem Schwerpunkt ins Leben zu rufen?
Karen Straub: ›Von Frauenhand‹ ist eine Kooperationsausstellung mit der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek (EDDB). Ausgangspunkt waren die Bestände beider Institutionen, zum einen die prachtvolle Handschriftensammlung der EDDB, die einige Kodizes umfasst, die gesichert oder aller Wahrscheinlichkeit nach von Ordensfrauen erstellt wurden.
Zum anderen verwahrt das Museum Schnütgen ein zweibändiges Antiphonar, das wohl weitestgehend von den Augustiner-Chorfrauen geschrieben wurde und zum eigenen Gebrauch in St. Cäcilien – unserer heutigen Museumskirche – diente. Gerade das Medium Handschrift erschien uns, Harald Horst von der EDDB und mir, besonders geeignet, um unterschiedliche Aspekte zur Rolle, Bildung und Entfaltungsmöglichkeiten der mittelalterlichen Ordensfrauen herauszuarbeiten.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die beeindruckenden illuminierten Handschriften.
Bis heute übt das Jahrhunderte alte, von Hand geschriebene und künstlerisch gestaltete Buch eine starke Faszination aus. Gemeinhin wird jedoch wie selbstverständlich von einer männlichen Urheberschaft ausgegangen. Während einige herausragende, als Person greifbare Frauen des Mittelalters, wie Hildegard von Bingen oder Christine de Pizan, als Autorinnen bekannt sind, ist einer breiten Öffentlichkeit hingegen die rege Tätigkeit in den Frauenklöstern bislang weitgehend verborgen geblieben.
Dabei ist die Zahl der Handschriften, die von Nonnen (ab-)geschrieben, mit Buchschmuck und Buchmalerei versehen wurden, weitaus größer als üblicherweise angenommen wird. Die Ordensfrauen haben somit auch einen wichtigen Beitrag zur Wissenstradierung geleistet, denn bis zur Erfindung des Buchdrucks war die Vervielfältigung von Texten und Büchern nur von Hand möglich.
Dabei setzt die Erstellung von Handschriften vieles voraus. Es reichte nicht aus, dass die Ordensfrauen lese- und schreibkundig waren, vielmehr erforderte die Tätigkeit als Schreiberinnen und Buchmalerinnen einen hohen Grad an Disziplin, intellektuelle und künstlerische Fähigkeiten sowie handwerkliches Können. Wie sie dies erlernen konnten, damit verknüpfen sich generelle Fragen nach den Bildungsmöglichkeiten, dem Zugang und Teilhabe an Wissen – Fragen, die nach wie vor aktuell sind.
Fast überall gibt es kleine Details zu entdecken. Hier: Der heilige Franziskus predigt den Tieren.
Mittelalter Digital: Leider war der Ausstellungsbetrieb aufgrund von Corona eine ganze Zeit zum Erliegen gekommen, sodass nun endlich wieder Sonderausstellungen wie Pilze aus dem Boden sprießen. Unter jenen, die sich mit dem Mittelalter beschäftigen, sind auch einige, die sich ebenfalls speziell der Rolle der Frauen widmen: im Dommuseum Hildesheim ist etwa seit September die Ausstellung ›Frauenwelten: Die Klöster Heiningen und Dorstadt‹ zu sehen, bereits seit August widmet sich die Essener Domschatzkammer und die Schatzkammer der Ludgerus-Basilika in Essen-Werden unter dem Titel ›Mutig – Heilig – Selbstbewusst‹ heiligen Frauen. Ist die gemeinsame Schwerpunktsetzung dreier namhafter Ausstellungsstandorte zufällig oder stehen Sie in thematischer Absprache miteinander?
Karen Straub: Tatsächlich ist es ein Zufall, dass diese drei Ausstellungen gleichzeitig zu sehen sind. Dabei ist der Schwerpunkt jeweils unterschiedlich gesetzt, so dass sich die Ausstellungen in Hildesheim, Essen und Köln schön ergänzen. Dies macht zugleich deutlich, wie viele interessante Themen die Beschäftigung mit der Rolle der Frau im Mittelalter, besonders der Stiftsdamen und Nonnen, bereithält, die sich auch gut über das Format von Ausstellungen einer breiten Öffentlichkeit vermitteln lassen.
Die Handschriften geben anschaulich Einblick in das kulturelle Schaffen der Frauenklöster. Hier wurde die soror Loppa vom Spiegel über der Miniatur, welche die Martyrien der Heiligen Laurentius und Bartholomäus zeigt, verewigt.
Mittelalter Digital: Die Sonderausstellung vereint Exponate vom 8. bis zum beginnenden 16. Jahrhundert aus verschiedenen Regionen Europas: Welche Ausstellungsstücke haben Sie in den Fokus gerückt und wie sind Sie bei ihrer Auswahl vorgegangen?
Karen Straub: Es war uns wichtig, anhand einer möglichst repräsentativen Auswahl deutlich zu machen, dass die Anfertigung von Handschriften durch Ordensfrauen kein zeitlich oder regional begrenztes Phänomen war. Am Beispiel von sechs Klöstern von Nordfrankreich über Niedersachsen und Köln bis nach Nürnberg und Handschriften von der Karolingerzeit bis ins ausgehende Mittelalter lässt sich dies darstellen. Exemplarisch zeugen sie von einer beachtlichen Produktivität der Skriptorien mittelalterlicher Frauenklöster.
Der Fokus liegt dabei auf Büchern, die im klösterlichen Alltag gebraucht wurden. Hierzu zählen prachtvoll gestaltete liturgische Bücher mit den Gesängen für die Messe und die gemeinsamen Stundengebete, ein Psalter für den persönlichen Gebrauch und auch einfache Gebrauchshandschriften, wie ein Rituale.
Für die Objektauswahl haben wir uns auf die reichen Bestände der Kölner Sammlungen konzentriert. Neben Werken aus der EDDB und dem Museum Schnütgen konnten wir auch Handschriften und Einzelblätter aus Kolumba – dem Kunstmuseum des Erzbistums, dem Wallraf-Richartz-Museum sowie dem Historischen Archiv der Stadt Köln als Leihgaben gewinnen.
Das Museum Schnütgen lockt Besucherinnen und Besucher auch mit einer sehr sehenswerten Dauerausstellung.
Mittelalter Digital: Ein Augenmerk der Ausstellung liegt auf der Frage nach der spezifischen weiblichen Gestaltung von Handschriften: An welchen Merkmalen kann man eine solche festmachen? Gab es – im Vergleich zu Männerklöstern – Textsorten, die in Frauenkonventen besonders beliebt waren oder Unterschiede in der Ausgestaltung von Handschriften? Und wenn es solche Aspekte gab, lassen sich mit Blick auf die große zeitliche Spanne, die Ihre Exponate abbilden, Entwicklungslinien nachvollziehen?
Karen Straub: Die Frage nach einer spezifisch weiblichen Gestaltung ist nicht so leicht zu beantworten. Bei den kostspieligen Büchern wurde viel Mühe darauf verwendet, die Texte in regelmäßigen, sauberen Buchstaben zu schreiben. Anhand des Schriftbildes ist daher nicht unmittelbar auf eine Frauen- oder Männerhand zu schließen. In der Ausstellung lässt sich dies im direkten Vergleich nachvollziehen: Am Beispiel der künstlerisch hochwertigen Handschriften aus dem Kölner Klarissenkloster wird in Gegenüberstellung zu zwei Büchern der Kölner Minoriten deutlich, dass sie den Werken aus Männerhand mindestens ebenbürtig sind.
Unterschiede lassen sich am ehesten in der malerischen Gestaltung ausmachen. Beispielhaft dafür ist der Psalter aus Lamspringe, dessen vorangestellter buntfarbiger Bilderzyklus überaus freundliche, kindliche Gesichter mit rot Wangen und rot aufgetupften Mündern zeigt. Szenen, wie etwa die Geburt Christi, sind dabei von besonderer Freude durchdrungen.
Der Psalter aus Lamspringe mit den eindrücklichen Miniaturen zeigt anschaulich Szenen der Heilsgeschichten wie etwa die Verkündigung durch den Engel an Maria rechts.
Diese Darstellungsweise, die von einem anrührenden, lieblich anmutenden bis zu einem besonders drastischen Erscheinungsbild reichen kann, wurde längere Zeit auch als „Nonnenmalerei“ bezeichnet. Meist war der Begriff negativ konnotiert und fasste insbesondere in ihrer Ausführung naiv anmutende Werke zusammen. Sie darauf zu reduzieren, wäre jedoch nicht richtig, so boten sie doch einen stärker emotionalen Zugang zu den Glaubensinhalten und sind Ausdruck der sich in den Frauenklöstern entwickelnden eigenen Spiritualität. Diese wiederum ist vor dem Hintergrund der sich grundlegend verändernden Stellung der geistlichen Frauen im 12. und 13. Jahrhunderts im Zuge der Kirchenreformen zu sehen, dem verwehrten Zugang zu höherer Bildung und den neu aufkommenden Universitäten.
Mittelalter Digital: Handschriften, so prunkvoll sie auch ausgestaltet sein mögen, eröffnen doch oft ein kleines Fenster in den Lebens- und Arbeitsalltag der Erstellerinnen und Ersteller. Gibt es in Ihrer Ausstellung ebenfalls Exponate, bei denen dies der Fall ist?
Karen Straub: Hinweise zum Arbeitsalltag bezogen auf die Anfertigung von Handschriften geben uns die namentliche Nennung von Schreiberinnen. Dadurch erfahren wir, dass insgesamt zehn Nonnen der Abtei Chelles die dreibändige Ausgabe der Psalmenkommentare des Augustinus geschrieben haben. Und auch im Kölner Klarissenkloster wurde arbeitsteilig vorgegangen und zwischen der Tätigkeit der Schreiberin und der Buchmalerin unterschieden.
Für das alltägliche Leben im Kloster ist das zweibändige Antiphonar aus St. Cäcilien ein schönes Zeugnis. Es enthält die Gesänge für das gemeinsame Stundengebet, das den Tag der Nonnen strukturierte. Einen anderen Einblick in die Klosterwelt gewährt eine kleine Sammelhandschrift aus dem Nürnberger Dominikanerinnenkloster. Da offenbar die Disziplin nachgelassen hatte, wurde es 1428 reformiert.
Woran sich die Schwestern nun wieder zu halten hatten, darüber gibt der darin abgeschriebene Brief des Ordensgenerals Auskunft. Dieser enthält u. a. Fastenvorschriften, Anweisungen für die Gebetszeiten und zu den Tischlesungen. So sollten während der gemeinsamen Mahlzeiten, die schweigend eingenommen wurden, etwa Abschnitte aus der Ordensregel, aus Predigten etc. vorgelesen werden.
Auch Buchmalerinnen mussten sich anscheinend hin und wieder kreativ ausleben.
Mittelalter Digital: In einer Ausstellung – jedenfalls geht es mir immer so – steht man als Besucherin oder Besucher vor der Problematik ihrer Inszenierung. In der Ausstellung stellt sich auf den ersten Blick ein Wow-Effekt ein: großformatige Handschriften mit Miniaturen in Gold und kräftigen Farben in wunderbarer Kulisse. Gleichzeitig lässt sich in der Regel zur selben Zeit ja oft nur eine einzige Seite zeigen, und die tiefe Bedeutung einer Handschrift erschließt sich im Grunde erst durch ihren Inhalt, der sich über alle Buchseiten hinweg konstituiert. Sind Sie mit diesem Umstand irgendwie umgegangen?
Karen Straub: In der Ausstellung haben wir uns bewusst für die Präsentation allein der Originalhandschriften entschieden und von einer Durchmischung mit Medienstationen abgesehen. Dafür findet sich in dem kleinen „Führer zur Ausstellung“, der für alle Besucherinnen und Besucher frei ausliegt, jeweils der Hinweis auf die Digitalisate. So sind alle Handschriften der EDDB online abrufbar und alle Interessierten können bequem zuhause am Rechner die mittelalterlichen Bücher digital durchblättern oder sich auch Details über die Zoomfunktion ganz genau betrachten.
Mehr Pracht bekommt man kaum auf zwei Buchseiten.
Mittelalter Digital: Besonders beeindruckt waren wir von der Liebe und Sorgfalt, die sich in den Handschriften bis in kleine Details zeigen: Hier erleiden die Heiligen Laurentius und Bartholomäus in einer wunderschönen Initiale anschaulich ihr grausiges Martyrium, dort predigt am Seitenende der heilige Franziskus den Tieren, während woanders eine kleine soror demütig kniet und sich als Schreiberin zu erkennen gibt. Haben Sie persönliches ein bestimmtes Highlight oder Lieblingsstück?
Karen Straub: Eines meiner Lieblingsblätter ist sicherlich die prachtvolle Zierseite aus Chelles, die Eröffnungsseite des dritten Bandes. Sie setzt an mit einer orange-roten in der Größe gestaffelten Überschrift, wobei die Buchstaben mit prachtvollem, mehrfarbigem Flechtband gefüllt sind. Und der Text beginnt dann mit einem E, das aus drei Fischen geformt ist. Das künstlerische Vermögen und handwerkliche Können der Nonnen, die im Skriptorium von Chelles in der Zeit um 800 wirkten, ist faszinierend!
Der Psalmenkommentar des Augustinus mit der geistreichen Initiale.
Mittelalter Digital: Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung: Gibt es schon Überlegungen oder Pläne für die Zukunft, die vielleicht schon verraten werden dürfen?
Karen Straub: Aktuell laufen die Vorbereitungen für zwei Ausstellungen. Freuen können sich die Besucherinnen und Besucher zunächst auf die Ausstellung ›Harald Naegeli in Köln – Sprayer und Zeichner‹. Ab 9. März bis 12. Juni werden Arbeiten auf Papier sowie Fotos von den ephemer angelegten Graffitis des als Sprayer von Zürich bekannten Künstlers gezeigt. Dabei treten seine Arbeiten in einen Dialog mit den mittelalterlichen Werken des Museums, wobei das Thema Totentanz im Zentrum stehen wird.
Ab Ende November wird sich das Museum Schnütgen dann in einer großen Sonderausstellung der ›Magie Bergkristall‹ widmen. Ein Material, das die Menschen von eher in seinen Bann gezogen hat und das von besonderer Faszinationskraft ist, wie es anhand kostbarer und in ihrer Gestalt außergewöhnliche Objekte zu sehen sein wird.
Mittelalter Digital: Liebe Frau Straub, ganz herzlichen Dank für die Ein- und Ausblicke!
Das Interview führte Tobias Enseleit.