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Mittelalterliche Filmplakate: Im Interview mit Simon de Thuillières

Bis heute üben die Bilderwelten des Mittelalters mit ihrer ganz eigenen Ästhetik eine Faszination auf uns aus. Dabei können ihre Miniaturen für heutige Rezipienten mit ihrer modernen Mediensozialisation eine meist unfreiwillige Komik entfalten. Bereits die britische Komikergruppe Monty Python baute in ihren Mittelalterklamauk ›Die Ritter der Kokosnuss‹ (1975) bewegte Figuren im Stil mittelalterlicher Handschriften ein und erzielte damit die gewünschten Lacher.



Unter dem Pseudonym Simon de Thuillières interpretiert ein kreativer französischer Künstler seit wenigen Wochen moderne Spielfilmplakate mithilfe mittelalterlicher Bildwelten neu. Das Spektrum reicht von Klassikern der Filmgeschichte bis hin zu Motivadaptionen, die lediglich von einem Kennerkreis erkannt werden können. Seine Werke haben ihm innerhalb kürzester Zeit eine schnell wachsende Fangemeinde eingebracht. Umso mehr freuen wir uns, dass er sich die Zeit genommen hat, uns ein kurzes Interview zu geben.



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Der Künstler selbst, gemalt von seiner Frau Karine.



Note: The interview with Simon was conducted in English. We have published it for our non-German guests further below.



Mittelalter Digital: Hallo Simon! Vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast!



Simon: Und ich danke euch für euer Interesse, ich fühle mich geehrt.



Mittelalter Digital: Würdest du dich zu Beginn einmal kurz vorstellen?



Simon: Ich veröffentliche unter dem Künstlernamen Simon de Thuillières und lebe in Marseille, im Süden von Frankreich. Von Beruf bin ich Storyboard-Künstler. Die meiste Zeit arbeite ich für TV-Produktionen und Werbekunden und erstelle seit über 10 Jahren Storyboards für Comics.



Mittelalter Digital: Daher also auch dein künstlerisches Talent. Wie kamst du zur der immerhin nicht ganz alltäglichen Idee, aktuelle Filmplakate und Motive aus der Nerdkultur im Stile von Illustrationen mittelalterlicher Handschriften zu kreieren? Hast du eine spezielle Beziehung zum Mittelalter, sei es aus persönlichem Interesse, oder vielleicht aufgrund eines Studiums?



Simon: Eines Tages, während der Ausgangsbeschränkungen durch Covid-19, habe ich aus Spaß vier Bilder erstellt und diese auf Facebook gepostet. Eines dieser Bilder ist eine Adaption des Plakats des Films ›Ghostbusters‹. Ich war dann sehr überrascht, dass meine Version der ›Ghostbusters‹ mehr Aufrufe erzielte als ich Kontakte in meiner Freundesliste hatte.



Dadurch motiviert begann ich täglich ein Bild zu veröffentlichen. Diese erzielten immer mehr Aufrufe, wurden geteilt und erhielten positive Bewertungen. Der Durchbruch kann mit meinem Plakat zu ›Mad Max: Fury Road‹. Das Bild wurde extrem häufig verbreitet und wurde zu einem Riesenerfolg. ›La furieuse Route‹ löste eine regelrechte virale Diffusion aus.



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Die Neuinterpretation von ›Mad Max‹ mit Charlize Theron und Tom Hardy ist einer der gelungensten Actionfilme der letzten Jahre – und hier im mittelalterlichen Gewand.



Meine Faszination für das Mittelalter rührt daher, dass ich selbst als Reenactor aktiv bin. Daher habe ich auch ein etwas vertiefteres kulturelles Hintergrundwissen über die Zeit als vielleicht der Durchschnittsbürger. Das macht es natürlich auch einfacher für mich, meine Poster zu erstellen, da ich mich mit der mittelalterlichen Ästhetik und Gedankenwelt auskenne.



Mittelalter Digital: Wo wir gerade dabei sind: Warum hast du dich ausgerechnet für das Mittelalter entschieden und nicht für eine andere Epoche?



Simon: Vor allem, weil das Mysteriöse und Übersinnliche zu dieser Zeit stark in den Köpfen verankert war. Außerdem waren Illustrationen und Bilder selten und die Illuminatoren mussten Tiere und Situationen malen, die sie mit eigenen Augen nie gesehen hatten. Der ganze Humor meiner Poster entsteht aus dem Graben, der zwischen der mittelalterlichen Kunst und den Inhalten der modernen Populärkultur klafft.



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Eine der ikonographischen Szenen aus ›Spiderman‹ (2002) mit Toby Maguire und Kirsten Dunst dargestellt mit Material aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift C (Codex Manesse).



Mittelalter Digital: Offensichtlich sind einige deiner Poster direkt von mittelalterlichen Handschriften inspiriert, wie beispielsweise dem berühmten Codex Manesse aus dem frühen 14. Jahrhundert, den du für deine ›Spiderman‹-Adaption genutzt hast. Andere wiederum, wie etwa dein Poster zu ›Demolition Man‹ oder der alten ›Batman‹-Serie, sind motivisch stärker in der Nerdkultur verankert, also ohne ein vertieftes Wissen nicht ohne Weiteres zu verstehen. Kannst du uns einige Einblicke in deine Arbeitsweise und den Designprozess liefern?



Simon: Zunächst wähle ich einen Film oder eine Situation, die für mich einen ikonischen Charakter hat. Dann durchsuche ich meine Archive nach Material, die meiner Meinung die Geschichte abbilden, die ich erzählen möchte. Danach beginne ich zu zeichnen und orientiere mich an den zuvor ausgewählten Quellen. Meine ganze Arbeit entsteht dabei digital.



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›Der weiße Hai‹ ist ein Klassiker des Monsterfilmgenres. Dass der Hai auf diesem Plakat in der Handschrift wohl eher ein Wal war, tut der Komposition keinen Abbruch. Der neue Titel (übersetzt in etwa: „Zähnchen“) eine direkte Anspielung auf den Originaltitel ›Jaws‹, die Notation eine Hommage an die weltberühmte Filmmusik.



Ich zeichne per Hand an meinem Computer, daher ist es mir auch überhaupt möglich, so viele Poster in so kurzer Zeit zu erstellen. Ich möchte an dieser Stelle auch nochmal darauf hinweisen, dass ich als Betriebssystem Linux (ubuntu) nutze und mit einer kostenlosen Software namens Krita arbeite. Es ist Jahre her, dass ich mit Windows oder Photoshop gearbeitet habe.



Mittelalter Digital: Interessant! Lass uns noch mal näher auf die Auswahl deiner Quellen eingehen. Hunderte von mittelalterlichen Manuskripten sind heutzutage digitalisiert. Gehst du mit einem klaren Ziel auf die Suche oder stößt du eher zufällig auf dein Material?



Simon: Ich habe tatsächlich mehr als reichlich Material (der meinen speziellen Geschmack für Illuminationen bedient), aber manchmal lasse ich auch das Chaos für mich arbeiten und nutze Inspirationen, die ich zufällig finde.



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Die Adaption von ›Ghostbusters‹ ist eines von Simons Erstlingswerken.



Mittelalter Digital: Deine Arbeit scheint eher eine sehr spezielle Zielgruppe zu bedienen. Erhältst du Rückmeldungen, aus welchen Gründen Menschen deine Arbeit so schätzen?



Simon: Ich war wirklich sehr überrascht, dass so vielen Menschen gefällt, was ich tue, und hatte nicht erwartet, dass diese Art von Humor so viele verschiedene Menschen anspricht. Für nicht französisch-sprechende Menschen muss vielleicht darauf hingewiesen werden, dass ich die Texte auf meinen Poster in altem mittelalterlichen Französisch verfasse. Meiner Meinung nach ist dieser Umstand ein wichtiger Punkt für meinen Erfolg in Frankreich. Denn man muss erst eine spielerische Anstrengung unternehmen, um meine Poster in Gänze erfassen zu können.



Mittelalter Digital: Ich möchte an dieser Stelle aber betonen, dass deine Poster auch Nichtfranzosen einen Riesenspaß machen. Eine Frage noch zum Abschluss: Siehst du das Erstellen deiner Plakate mehr als ein Hobby oder hast du weitergehende Pläne für die Zukunft?



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Etwas für wahre Filmfans: Simons Adaption des Martial Arts-Klassikers ›Bloodsport‹ (1988) mit Jean Claude van Damme, dessen ikonographischem Spagat in der Miniatur unten gehuldigt wird. Großes Kino!



Simon: Ich bin mir bewusst, dass das Projekt in sehr kurzer Zeit so groß geworden ist (das Ganze läuft jetzt nicht einmal drei Wochen), und ich bin mir auch durchaus darüber im Klaren, dass der Hype auch schon in ein, zwei Wochen wieder vorbei sein kann. Aber bereits jetzt würde ich meine Poster nicht mehr als reines Hobby bezeichnen. So habe ich zum Beispiel schon Anfragen für Ausstellungen und entwickle weiterführende Ideen, um meine Kunst umzusetzen. Ich denke da etwa an Bücher, Skulpturen, Kleidungsstücke und Auftritte. Wenn alles so weiter geht, werde ich noch viel Spaß haben!



Mittelalter Digital: Lieber Simon, dabei wünschen wir dir viel Erfolg. Herzlichen Dank für deine Zeit.



Wer sich weiter über Simon und seine Plakate (von denen es noch zahlreiche mehr gibt!) informieren möchte, hat die Gelegenheit dafür über seine Social Media Kanäle: Facebook | Twitter | Instagram



English Version

To this day we are fascinated by the pictorial worlds of the Middle Ages with their very own aesthetics. At the same time, the miniatures can unfold a mostly involuntary comedy for today’s recipients with their modern media socialisation. Already the British comedy group Monty Python incorporated moving figures in the style of medieval manuscripts in their medieval gossip ›Monty Python and the Holy Grail‹ (1975) and thus achieved the desired laughter.



Under the pseudonym Simon de Thuillières, a creative French artist has been reinterpreting modern feature film posters with the help of medieval imagery for a few weeks now. The spectrum ranges from classics of film history to motif adaptations that can only be recognized by a circle of connoisseurs. His works have earned him a rapidly growing fan base within a very short time. We are all the more pleased that he has taken the time to give us a short interview.



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The artist himself, painted by his wife Karine.



Mittelalter Digital: Hello Simon! Thanks a lot for taking the time for this interview!



Simon: And I thank you for your interest, I am honored.



Mittelalter Digital: Would you mind briefly introducing yourself at the beginning?



Simon: I publish under the stage name Simon de Thuillières and live in Marseille, in the south of France. I am a storyboard artist by profession. Most of the time I work for TV productions and advertising clients and I have been creating storyboards for comics for over 10 years.



Mittelalter Digital: Hence your artistic talent. How did you come up with the idea of creating current film posters and motifs from the nerd culture in the style of illustrations of medieval manuscripts, which is not quite an everyday occurrence after all? Do you have a special relationship to the Middle Ages, either out of personal interest or maybe because of your studies?



Simon: One day, during the initial restrictions by Covid-19, I created four pictures for fun and posted them on Facebook. One of these pictures is an adaptation of the poster of the movie ›Ghostbusters‹. I was very surprised that my version of ›Ghostbusters‹ got more hits than I had contacts in my friends list.



Motivated by this I started to publish a picture every day. These received more and more hits, were shared and received positive reviews. The breakthrough can be seen with my poster for ›Mad Max: Fury Road‹. The picture was distributed extremely often and became a huge success. ›La furieuse Route‹ caused a real viral diffusion.



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The reinterpretation of ›Mad Max‹ with Charlize Theron and Tom Hardy is one of the most successful action films of recent years – and here in a medieval dress.



My fascination for the Middle Ages stems from the fact that I myself am active as a re-enactor. Therefore I have a somewhat deeper cultural background knowledge of the time than perhaps the average citizen. This of course makes it easier for me to create my posters, as I am familiar with the medieval aesthetics and world of thought.



Mittelalter Digital: Speaking of which: Why did you choose the Middle Ages and not another epoch?



Simon: Especially because the mysterious and supernatural was strongly anchored in people’s minds at that time. Moreover, illustrations and pictures were rare and the illuminators had to paint animals and situations they had never seen with their own eyes. All the humour in my posters comes from the gap between medieval art and the content of modern popular culture.



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One of the iconographic scenes from ›Spiderman‹ (2002) with Toby Maguire and Kirsten Dunst represented with material from the Die Große Heidelberger Liederhandschrift C (Codex Manesse).



Mittelalter Digital: Obviously some of your posters are directly inspired by medieval manuscripts, such as the famous Codex Manesse from the early 14th century, which you used for your ›Spiderman‹ adaptation. Others, such as your poster for ›Demolition Man‹ or the old ›Batman‹ series, are more nerd-culture based, so without a deeper knowledge, they are not easily understood. Can you give us some insights into your way of working and the design process?



Simon: First I choose a film or a situation that has an iconic character for me. Then I search my archives for material that I think represents the story I want to tell. After that I start drawing and orientate myself on the previously selected sources. All my work is created digitally.



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›Jaws‹ is a classic of the monster movie genre. The fact that the shark on this poster in the manuscript was more likely a whale does not affect the composition. The new title (translated more or less: „Little Teeth“) is a direct reference to the title, the notation a homage to the world-famous film music.



I draw by hand on my computer, so it is possible for me to create so many posters in such a short time. At this point I would like to point out that I use Linux (ubuntu) as operating system and work with a free software called Krita. It has been years since I worked with Windows or Photoshop.



Mittelalter Digital: Interesting! Let’s go over your sources selection again. Hundreds of medieval manuscripts have been digitized nowadays. Do you go on a search with a clear aim or do you come across your material more by chance?



Simon: I actually have more than ample material (which serves my special taste for illuminations), but sometimes I let the chaos work for me and use inspirations I find by chance.



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The adaptation of ›Ghostbusters‹ is one of Simon’s first works.



Mittelalter Digital: Your work seems to address a very specific target group. Do you receive feedback on why people appreciate your work so much?



Simon: I was really surprised that so many people like what I do and I didn’t expect that kind of humor to appeal to so many different people. For non-French speaking people, it should perhaps be pointed out that I write the texts on my poster in old medieval French. I believe that this is an important point for my success in France. After all, a playful effort must be made in order to fully appreciate my posters.



Mittelalter Digital: But I would like to emphasize at this point that your posters are also a lot of fun for non-french people. One final question: Do you see creating your posters more as a hobby or do you have more far-reaching plans for the future?



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Something for true film fans: Simon’s adaptation of the martial arts classic ›Bloodsport‹ (1988) with Jean Claude van Damme, whose iconographic split is honoured in the miniature below. Nice work!



Simon: I’m aware that the project has grown so big in a very short time (it’s been running for less than three weeks now), and I’m also well aware that the hype can be over in a week or two. But already now I would not call my posters a pure hobby anymore. For example, I already have requests for exhibitions and develop further ideas to realize my art. I’m thinking about books, sculptures, clothes and performances. If everything goes on like this, I will have a lot more fun!



Mittelalter Digital: Dear Simon, we wish you good luck with this. Many thanks for your time.



Anyone who wants to find out more about Simon and his posters (of which there are many more!) has the opportunity to do so through his social media channels: Facebook | Twitter | Instagram



The interview was conducted by Lukas Boch.