Gewänder des Mittelalters: Im Interview mit ›Dress Through Time‹
Lukas Boch
Unter dem Pseudonym ›Dress_Through_Time‹ stellen die beiden Historikerinnen Melissa und Kathrin auf Instagram selbst geschneiderte Kleider- und Modekreationen aus der Vergangenheit vor. Dabei liefern die beiden auch Informationen über die Zeit aus der ihre Kleider stammen. Wir sind, soviel können wir vorwegnehmen, sehr angetan von ihrer Arbeit und freuen uns daher umso mehr, dass sie sich dazu bereit erklärt haben, uns ein wenig über sich selbst und ihr Projekt zu erzählen.
Melissa und Kathrin aka „Dress Through Time“.
Mittelalter Digital: Liebe Melissa, liebe Kathrin, vielen Dank, dass ihr euch dazu bereit erklärt habt, uns etwas über euer Projekt zu berichten. Vielleicht könnt ihr beiden zunächst kurz euch selbst und euer Projekt vorstellen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, historische Gewänder nachzuarbeiten und zu inszenieren?
Melissa: Wir freuen uns auch sehr, mit euch das Interview zu führen! Wir sind Melissa und Kathrin aus dem schönen Augsburg. Ich habe Politik und Soziologie studiert und schließe gerade mit Geschichte an, und Kathrin hat gerade eben ihren Master in Geschichte abgeschlossen. Mit dem Projekt ›Dress Through Time‹ wollen wir historischer Kleidung und ihren Wandel in der Zeit nachverfolgen.
Kathrin: Angefangen hat alles für mich, als ich den YouTube-Account von Bernadette Banner entdeckt habe; sie versucht, nach historischem Vorbild so genau wie möglich Kleider von Primärquellen zu rekreieren. Dabei nutzt sie neben den Stoffen und Materialien auch historische Nähstiche.
Außerdem kommen Melissa und ich aus Augsburg, einer Textilstadt. Die Produktion und der Konsum von Kleidern werden in unserer Stadtgeschichte immer wieder behandelt. Meine Masterarbeit habe ich über die Auswirkungen der Technisierung im 19. Jahrhundert auf die Mode und den Modekonsum geschrieben. Zu dieser Zeit gab es übrigens bereits Massenkonfektion.
Melissa: Als wir dann beide unabhängig noch mit dem Nähen angefangen haben, da haben wir dann öfters natürlich auch über Kleider gesprochen, die man nähen könnte. Das hat sich das dann verselbstständigt, dass wir zuerst einfache Röcke genäht haben und dann schließlich Kleider. Da ich aus der Soziologie komme, ist es für mich ganz spannend, wie man das Thema Mode interdisziplinär aufgreifen kann – aber da jetzt auszuholen, würde den Rahmen dieses Interviews sprengen.
Mittelalter Digital: Vielleicht ein anderes Mal, Interdisziplinarität ist schließlich immer wichtig. Auf eurem Instagram-Account beschreibt ihr euren Content als „Historical dresses through the periods of Southwestern Germany“. Bis jetzt habt ihr euch offensichtlich auf die Zeit des Mittelalters konzentriert. Warum gerade diese Epoche? Habt ihr eine besondere Verbindung zum Mittelalter oder sprechen euch die Gewänder dieser Zeit besonders an?
Melissa: Das ist eine ganz witzige Geschichte, in unserer Heimatstadt gibt es auch immer ein historisches mittelalterliches Bürgerfest – nur treten die meisten Vereine dort in Kleidung aus dem 15. Jahrhundert auf und zwar immer in der Protzigsten, die es gibt. Da haben wir uns dann drüber beklagt, dass niemand mal authentische Kleidung aus dem Mittelalter näht. Also haben wir gesagt, wir wollen aus unserer Heimatregion ein authentisches Mittelalterkleid nähen.
Kathrin: Bei Mittelalterkleidung haben die meisten auch eher Mode der Renaissance vor Augen. Generell werden viele Phänomene der Frühen Neuzeit dem Mittelalter zugeschrieben. Das Projekt sollte dafür da sein, ein besseres Verständnis für die Zeit zu bekommen. Natürlich ist das nie komplett möglich, da wir unsere Stoffe im Handarbeitsbedarfsladen gekauft haben, statt sie selbst zu färben, und unter elektrischem Licht genäht haben.
Melissa: Dass die Szene vom Mittelalter-Reenactment dabei so groß ist, wussten wir noch nicht, das haben wir erst durch Instagram gemerkt. Im Internet gibt es auf jeden Fall viele Shops, die mehr Fantasy als Mittelalter verkaufen, was uns dann wieder in die Bib getrieben hat, um zu recherchieren.
Allgemein wollten wir auf jeden Fall von dem Image des Mittelalters als das finstere Zeitalter weg; stattdessen wollen wir die Besonderheiten davon herausstellen. Man lernt auf jeden Fall so viel über die jeweilige Epoche, auch Dinge, für die man im klassischen Geschichtsstudium nicht so die Zeit findet.
Die Kleider im Einsatz.
Mittelalter Digital: Das ganze Thema Mittelalterbilder ist für uns ohnehin sehr interessant, umso spannender, dass ihr euch mal wirklich auf Quellenbasis damit auseinandersetzt! Eure Posts auf Instagram enthalten neben den Bildern immer noch einen ausführlichen Text, in dem ihr die Quelle des Kleides und zusätzliche Informationen teilt. Offenbar versucht ihr, die Gewänder, die ihr präsentiert, möglichst authentisch zu rekonstruieren.
Ganz besonders schön fanden wir euren Post, in dem ihr ein Gewand (und die entsprechende Pose der Miniatur) aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift C nachgeahmt habt (es fehlen nur noch Minner und Hündchen). Welche Quellen nutzt ihr zur Rekonstruktion eurer Gewänder neben Bilderhandschriften?
Kathrin: Das freut uns, dass unser Versuch, das Ganze authentisch darzustellen, auch so aufgenommen wird. Generell versuchen wir uns an Quellen aus der Region zu halten. Das ist natürlich nicht ganz einfach, da gerade aus dem Mittelalter außer den Textilfunden von Herjolfsnæs wenig erhalten ist. Bei Gemälden gibt es das Problem, dass diese, ähnlich wie heutige Selfies, oft stark geschönt sind und die Realität nur selten widerspiegeln.
Melissa: Wir wollten auf jeden Fall auch den Eindruck vermitteln, dass alles belegbar und recherchiert ist. Wir nutzen auch viele schriftliche Quellen – für die Kleiderordnungen war unsere Zeit noch etwas zu früh, daher haben wir uns Stadtpläne, Liederhandschriften, aber auch an wissenschaftlichen Sekundärquellen orientiert.
Neben dem Schnitt geht es uns vor allem auch um die Details, das Schönheitsideal, die Lebensumstände. Zum Beispiel gab es 1350 in Augsburg öffentliche Badehäuser, das sind eben Zusatzinfos, die das ganze irgendwie erlebbar machen und woraus man dann auch Details für die Mode ableiten kann. Es bleibt also auch immer eine gewisse Interpretationssache.
Mittelalter Digital: Das historische Fachwissen ist das eine – offensichtlich seid ihr aber auch handwerklich versiert. Habt ihr euch das Nähen selbst beigebracht? Näht ihr überhaupt beide oder teilt ihr euch die Arbeit in irgendeiner Form auf?
Kathrin: Nähen tun wir beide. Ich nähe eher amateurhaft und mein Kleid habe ich per Hand genäht, da ich versuchen wollte, so authentisch wie möglich zu sein. Sonst nähe ich aber auch gerne moderne Kleidung, da ich versuche so wenig Fastfashion wie möglich zu kaufen.
Die Kleider werden per Hand genäht.
Melissa: Wir haben uns das Nähen auch selbst beigebracht, aber natürlich lernen wir mit jedem Gewand dazu. Zur Not hilft uns auch immer das Internet. Zum Glück sieht man auf den Bildern die Fehler nicht, denn wir arbeiten ohne Schnittmuster, also kann auch manchmal etwas schief gehen.
Jede hat ihr eigenes Kleid geschaffen, aber über den ganzen Entstehungsprozess sind wir immer miteinander im Kontakt, Stoff kaufen, den Schnitt diskutieren und Nähen auch zusammen. Die Idee hinter jedem Kleid ist auf jeden Fall Gruppenarbeit.
Mittelalter Digital: Wie darf man sich den Entstehungsprozess eines Gewandes vorstellen? Woher nehmt ihr die Rohstoffe und wie entscheidet ihr Detailfragen, etwa welcher Stoff der Richtige ist? Wie lange dauert die Herstellung eines Kleids, und legt ihr dabei auch Wert auf Authentizität, indem ihr etwa auf moderne Helferlein wie Nähmaschinen verzichtet? Inwiefern spielt auch so etwas wie alltags Tauglichkeit der Gewänder eine Rolle?
Melissa: Also am Anfang steht die Recherche und dann suchen wir uns ein Bild als Vorlage. Danach geht es erstmal zum Stoffkaufen und dann nähen wir tatsächlich einfach darauf los. Ohne Mock-Up und ohne Schnittvorlage, also nur nach dem Bild.
Kathrin: Authentizität ist uns beiden da sehr wichtig. Wir haben lange recherchiert, welche Farben für unsere Epoche üblich waren und welche Unterkleider unter den Gewändern getragen werden.
Melissa: Derzeit kaufen wir den Stoff auch schon fertig gefärbt. Wir haben auch mal diskutiert, den Stoff authentisch zu färben, aber da hat uns dann einfach Platz und Zeit gefehlt – und das Geld. Tatsächlich sind biologische Färbemittel heutzutage sehr teuer, wenn man sie nicht im Wald sammeln kann.
Kathrin: Bei den Stoffen wäre die historisch akkurate Wahl Wolle gewesen. Da diese allerdings recht teuer ist und wir für unser erstes gemeinsames Projekt noch nicht ganz so viel Geld ausgeben wollten, habe ich Leinen verwendet, was für ein Oberkleid eher unüblich ist. Alltagstauglichkeit war eher nebensächlich für mich. Ich kann mich in meinem Kleid ohne Probleme bewegen und habe alle Nähte versäubert, damit es lange hält, aber praktischer wäre definitiv ein kürzeres Kleid. Insgesamt haben wir so 40 Stunden je Kleid daran gearbeitet.
Melissa: Genau, das war dann über einen Monat verteilt. Mein Kleid ist zu 90% handgenäht, auch mit dem mittelalterlichen Kreuzstich, aber am Ende musste es dann doch an manchen Stellen mit der Maschine nochmal waschmaschinenfest genäht werden – mit der Hand zu waschen, ist für den Alltag einfach unpraktisch. Das ist auch so ein Punkt, wo fängt historische Akkuratesse an und wo hört sie auf? Für den Alltag ist das Mittelaltergewand auf jeden Fall nicht geeignet, aber für Projekte aus dem 19. Jahrhundert haben wir das auf jeden Fall im Blick.
Mittelalter Digital: In euer Projekt fließen mit Sicherheit viel Herzblut, Zeit und Aufwand. Verfolgt ihr mit euren Posts einen Bildungsanspruch oder steht die Freude an der Sache im Vordergrund?
Melissa: Am Anfang war das wirklich nur just for fun, aber inzwischen recherchieren wir für jeden Post, was thematisch passt und was auch interessant ist. Vor allem auf Instagram verbreiten sich ja auch schnell Halbwahrheit und da wollten wir uns einfach auch absichern, dass wir garantieren können, dass das, was wir machen, belegbar ist. Inzwischen schreiben uns auch schon Leute auf Instagram an und stellen Nachfragen, das ehrt uns natürlich, und gleichzeitig steigt natürlich der Druck, dass wir keinen Blödsinn erzählen.
Kathrin: Aber insgesamt steht persönliches Interesse und Freude im Vordergrund. Da wir aber selbst auch viel aus dem Internet gelernt haben, finden wir es gut, etwas zurück zu geben. Während wir bei den Fakten wirklich schauen, dass alles passt, sind wir beim Nähen nicht so streng – sonst würden wir mit einer Schweineborste nähen.
Melissa: Inzwischen hat sich Instagram auch wirklich den Social-Media-Titel verdient gemacht. Ohne das Projekt auf Instagram zu stellen, hätten wir beispielsweise auch nie von euch gehört oder wären mit anderen Projekten in Kontakt gekommen.
Passender Stoff will gefunden werden.
Mittelalter Digital: Der Nähe zum LARP (Live Action Roleplay) ist offensichtlich und auch in euren Hashtags erwähnt ihr den Begriff. Seid ihr selbst in der Szene unterwegs und, falls ja, was unterscheidet eurer Meinung nach euer Projekt vom klassischen LARP oder Reenactment?
Melissa: Tatsächlich waren wir noch nie bei einem LARP dabei, aber wir haben es uns fest vorgenommen. Das klassische LARP hat ja auch oft noch einen Fantasycharakter, da sind die Kleider dann wieder anders geschnitten – wir würden dann eher auf ein Reenactment-Event gehen.
Und, wir nähen uns ja sozusagen durch die Jahrhunderte und die Jahrzehnte, während LARPer sich meistens nur auf eine Zeitspanne konzentrieren. Das schränkt sie natürlich auch etwas ein, gleichzeitig machen sie ihre Zeit auch noch erlebbarer, indem sie Zelte bauen, Schuhe nähen…
Kathrin: Der größte Unterschied zum LARP ist auf jeden Fall, dass bei uns mehr der Weg zum Gewand im Fokus steht und beim LARP eher das Ergebnis, also das LARP-Event. Den größten Teil unseres Projekts hat die Recherche in Anspruch genommen – was natürlich nicht heißt, dass LARPer weniger Recherche reinstecken, aber bei uns ist es einfach die Recherche schon das Ziel. Aber wie Melissa schon gesagt hat, machen wir eher einen Längsschnitt durch die Geschichte als einen Querschnitt.
Einblicke ins Atelier
Mittelalter Digital: Vielen Dank für eure Antworten. Zum Abschluss: Gedenkt ihr in Zukunft auch Mode abseits des Mittelalters herzustellen? Was sind eure Pläne für die Zukunft? Vielleicht könnt ihr uns auch verraten, woran ihr aktuell arbeitet?
Melissa: Wir haben ja ewig einen Namen für unser Projekt überlegt und sind schließlich bei >Dress Through Time< gelandet, weil wir uns einmal durch die Geschichte der Menschheit nähen wollen. Ein Mammutprojekt, aber dadurch können wir frei nach Jahr und Schicht auswählen. Deswegen wollen wir dem Motto treu bleiben. So ein paar Unterprojekte, die wir noch im Kopf haben, sind historisches Kochen oder auch das Bewerten von Kostümen in Filmen.
Man schaue sich Filme wie ›Braveheart‹ an, da geht es modeweise schon ganz wild zu. Historisches gestaltet sich in der Großstadt etwas schwer, da wir dann mit offenem Feuer kochen müssten, aber wir schauen mal, was uns einfällt. Unser nächstes großes Projekt wird das 17. Jahrhundert in Bayrisch-Schwaben.
Kathrin: Davor kommt aber erstmal als kleineres Projekt die 1930er Jahre. Allerdings werden wir unsere mittelalterlichen Kleider bestimmt noch erweitern, vor allem wenn wir nächstes Jahr die Möglichkeit haben, auf ein Reenactment-Event zu gehen. Wir freuen uns auch, in Zukunft mit anderen Projekten oder Veranstaltungen zusammen zu arbeiten – mal schauen, was auf uns zukommt! Wir danken euch auf jeden Fall für die Chance, euch ein Interview zu geben!
Sogar tanzen ist möglich.
Mittelalter Digital: Den Dank können wir nur zurückgeben! Wer neugierig geworden ist und mehr von den beiden sehen möchte, sollte bei Instagram vorbeischauen.
Das Interview führte Lukas Boch.