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Graphic Novel ›Hammaburg‹: Im Interview mit Jens Natter

Wikinger kennen wir aus Funk und Fernsehen. Sie machen aber auch die Comicwelt unsicher. Jüngst hat der Hamburger Illustrator, Karikaturist und Schnellzeichner Jens Natter mit seiner Graphic Novel ›Hammaburg‹ die Missionstätigkeit des Hl. Ansgar und den Wikingerüberfall auf das frühe Hamburg anschaulich ins Bild gefasst. Wie er sich das Thema erschlossen hat und wie er bei seinem Projekt vorgegangen ist, darüber haben wir mit ihm gesprochen.



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Jens Natter hat forschungsnah, aber mit einem Augenzwinkern in seiner Graphic Novel ›Hammaburg‹ das Frühmittelalter zum Leben erweckt.



Mittelalter Digital: Lieber Herr Natter, Sie haben im letzten Monat Ihre neueste Graphic Novel ›Hammaburg‹ veröffentlicht. Protagonist ist der Missionsheilige Ansgar, der im 9. Jahrhundert mit der Bekehrung von Heiden im Norden betraut wurde und der noch heute als „Apostel des Nordens“ erinnert wird. Wie kam es dazu, dass Sie sich gerade für dieses Thema entschieden haben und worum geht es in ›Hammaburg‹?



Jens Natter: Mein Interesse lag dabei weniger auf Ansgar. Ich hatte eher dabei im Blick, dass es sich um Hamburgs erste spannende Episode handelt. Es geht darum, dass Hammaburg als Missionsstandort an Bedeutung gewinnt, was aber nach ersten Erfolgen letztendlich mit dem Wikingerüberfall genau in der Katastrophe endet, die eigentlich mit den Plänen für Hammaburg verhindert werden sollte.



Ich liebe es, mich mit den Dingen zu befassen, die an meinem Wohnort vor langer Zeit passiert sind. Insbesondere wenn eine solche Dramaturgie bereits von der Geschichte vorgegeben ist.



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Cover von Jens Natters jüngst erschienener Graphic Novel ›Hammaburg‹.



Mittelalter Digital: Insgesamt drei Jahre Recherche und Arbeit sind in ›Hammaburg‹ geflossen. Sie haben historische Stätten besucht und Fachleute konsultiert, unter anderem den Landesarchäologen Dr. Rainer-Maria Weiss, der die jüngsten Ausgrabungen an der Hammaburg verantwortet hat. Was haben Sie sich alles angeschaut und wieso war es Ihnen wichtig, Ihre Graphic Novel auf möglichst fundierte Füße zu stellen, insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass Sie selbst nicht vom Fach sind?



Jens Natter: Mich begeistern immer historische Stoffe, die neben einer guten Erzählung auch die wesentlichen Fakten beinhalten. Wenn eine gute Geschichte auf einem wahren Fundament steht, hat diese für mich eine umso längere und stärkere Wirkung. Selbst bei Asterix, wo ja der historische wahre Inhalt überschaubar ist, habe ich bereits als Kind in Lexika nachgelesen, was es mit diesem Cäsar wirklich auf sich hatte. Da lag der Anspruch nahe, den aktuellen Forschungsstand so weit wie es geht mit in meinen Comic ein zu beziehen. Und da ich als Laie naturgemäß bei null anfing, bin ich eben auch alles abgelaufen, ohne vorher zu wissen, was ich davon später alles brauchen werde.



Das fing mit Beratungsgesprächen bei Herrn Weiss im Archäologischen Museum an und ging dann über Recherchetrips wie zum Kloster Corvey mit seinem karolingischen Westwerk bis zur rekonstruierten Wikingersiedlung Haithabu weiter. Dabei bin ich mal zielgerichtet losgefahren, weil mir mal wieder Anschauungsmaterial ausgegangen war, aber oft konnte ich auch beim Familienurlaub noch das ein oder andere Museum mitnehmen, wie zum Beispiel die Wikingerschiffe in Oslo oder die hölzerne Slawenfestung in Groß-Raden. Meist gab es immer irgendetwas vor Ort zu finden, was nicht in den Büchern stand.



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Nebeneinanderstellung von Skizze und Reinzeichnung.



Mittelalter Digital: Rainer-Maria Weiss scheint, so klingt es jedenfalls im Radiointerview an, das Sie mit dem NDR geführt haben, sehr angetan von Ihrem Projekt – sonst hätte er wahrscheinlich auch nicht ein Vorwort zu Ihrem Buch beigesteuert. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern erlebt? Galt es anfangs, Hürden aus dem Weg zu räumen, oder sind Sie mit Ihrer Idee offene Türen eingerannt?



Jens Natter: Das lief eigentlich ganz entspannt. Nach einer ersten Eingangsberatung und wichtigen Literaturtipps seitens Herrn Weiss ging das Ganze seinen Weg. Ich habe im Vorfeld offenbar sehr sauber gearbeitet, denn bei den regelmäßigen Seitenkontrollen, die ich ins Archäologische Museum geschickt habe, gab es kaum etwas zu beanstanden, weswegen es auch zu der entsprechenden unterstützenden Beglaubigung wie dem Vorwort kam.



Mittelalter Digital: Archäologische Forschung ist das eine – haben Sie abseits davon andere Wissenschaftsbereiche angezapft? Haben Sie sich persönlich mit Primärquellen auseinandergesetzt, z.B. mit Rimberts ›Vita sancti Ansgari‹? Wie sah die Übertragung von wissenschaftlich-fundierter historischer Erkenntnis in das Medium Graphic Novel konkret aus?



Jens Natter: Ich habe eine deutsche Übersetzung der Vita Ansgari zu Hause, die ich natürlich mehrmals durchgelesen habe. Natürlich habe ich mir Quellen aus allen Richtungen besorgt, nicht nur archäologische Fachbücher. Vom fachlichen Standpunkt aus waren die Publikationen von kirchlicher Seite aus nicht hilfreich. In Bezug auf christliche Weltanschauung und auch kirchlichen Sprachgebrauch haben sie aber dem Projekt durchaus genützt.



Was die Übertragung betrifft, gab die Geschichte bereits einen spannenden Leitfaden vor. Ich musste diesen nur eben kreativ umsetzen. So habe ich, um die Spannung zu halten, mit wechselnden Zeitfenstern gearbeitet. Als Protagonist bot sich Ansgar an, weil er in der Phase der Hammaburg, die ich beschreibe, eh schon der Hauptakteur ist. Dennoch brauchte ich neben historischen Personen noch 2-3 weitere erfundene Charaktere, die mir halfen, die Erzählung rund zu kriegen.



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Ansgar stößt nicht bei allen sofort auf Begeisterung.



Mittelalter Digital: Im Jahr 845 wurde die Hammaburg von Wikingern geplündert, ein einschneidendes Ereignis, das auch Eingang in Ihre Graphic Novel gefunden hat. Wie haben Sie sich allgemein den Wikingern und speziell diesem Ereignis angenähert? Gab es durch die jüngsten Ausgrabungen neue Erkenntnisse?



Jens Natter: Neben den bereits erwähnten Trips nach Haithabu oder ins Wikingerschiffmuseum in Oslo gab es immer wieder Möglichkeiten, mit Original-Anschauungsmaterial in Berührung zu kommen (z.B. mit sehr prächtigen Runensteinen auf Bornholm). Fachlich haben mir insbesondere der 600-seitige Wälzer ›Spurensuche Haithabu‹ von Kurt Schietzel,aber auch das Bilderbuch ›Die Leute von Birka‹ vom ›Petterson und Findus‹-Zeichner Sven Nordqvist geholfen, wie man sich illustrativ mit den Wikingern befassen kann.



Bei ›Hammaburg‹ erzähle ich in zwei zeichnerischen Varianten von den Wikingern. Einmal gibt es eine fachlich stimmige halb-realistisch gezeichnete Version, die über das Leben in einem Wikingerdorf berichtet. Wenn die Wikinger jedoch in dem Comic auf Angriff schalten, habe ich mir erlaubt, ein wenig die „zeichnerische Sau“ rauszulassen. Womit ich jetzt nicht auf blutiges Gemetzel umgeschaltet habe, sondern die Bedrohung in einer fast dämonenhaften Version gemalt habe.



Die Ausgrabungen in der Hammaburg sorgten eigentlich nicht für einen bestimmten Aha-Effekt, da ich ja ohne Vorwissen und durch die entsprechenden Museumsempfehlungen gleich an die richtigen aktuellen Auswertungen geraten bin. Interessant war dabei höchstens, was alles widerlegt wurde, was lange Zeit in Hamburg von der Hammaburg angenommen wurde. Zum Beispiel, dass diese von Karl dem Großen gegründet wurde, obwohl es dabei schon deutlich früher am selben Ort eine Sachsenfestung gab.



Mittelalter Digital: Als Zeichner und Illustrator stehen Sie vor der großen Herausforderung, alles Gezeigte bis ins letzte Detail darstellen zu müssen. Empfanden Sie es als Last oder als Problem, einen bestimmten, selbst auferlegten Anspruch an Authentizität einhalten zu müssen? An welchen Stellen sind Sie dabei an Grenzen gestoßen und an welchen haben Sie allgemeine bzw. populärkulturelle Vorstellungen mit einfließen lassen?



Jens Natter: Sagen wir so, es gibt einfachere Zeiten als das frühe Mittelalter, wenn man einen stimmigen Comic zeichnen will. Und sobald ich interpretieren muss, begebe ich mich schon auf dünnes Eis. Da tauchen dann so Fragen auf wie: Gab es eigentlich schon Kirchtürme? Vieles, was man als Laie vom Mittelalter allgemein annimmt, gab es frühen Mittelalter nicht. Dabei brauche ich Unmengen von Bildmaterial in allen möglichen Perspektiven, um die Story ansehenswert zu machen. Nur Köpfe zu zeichnen, wäre langweilig. Die Hintergründe müssen ja auch stimmen. Also schon alles ganz schön kniffelig.



Aber letztendlich wurde das Projekt dadurch für mich auch spannend. Die Wikinger in dem bereits genannten Bedrohungsstil haben da schon für eine gewisse Entlastung gesorgt, weil an diesen Stellen die zeichnerische Interpretation vor der Authentizität Vorrang hatte. Da habe ich als Zeichner dann natürlich die Gesamtkomposition im Blick.



Mittelalter Digital: Einer Ihrer Ansprüche war, sowohl Kinder als auch Erwachsene in der Rezeption anzusprechen. Wie schwierig ist es, gerade im Hinblick auf die Kategorie Authentizität verschiedene Rezeptionsgruppen anzusprechen, die womöglich ganz unterschiedlich in der Geschichtskultur verankert sind?



Jens Natter: Es stimmt, ich habe versucht, da mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Im Bereich des Mittelaltercomic gibt es fast nur reine Fantasieprodukte. Im Gegensatz zur neueren Geschichte, wo ganz viele toll gemachte Graphic Novels zu finden sind. Mein Gedanke war, jedem ab zehn Jahren bis ins hohe Alter, der sich für Hamburgs Anfänge interessiert, eine spannende, humorvolle Comicgeschichte zu bieten, bei der auch die wesentlichen Eckpunkte stimmen. Ausgangslage war sicherlich dabei, dass mein Sohn ca. zehn Jahre alt war, als ich die Arbeit zu Hammaburg begann. Ich dachte mir, wie schön es wäre, wenn Kinder und Erwachsene gemeinsam in einem solchen Buch eine Epoche entdecken können.



Mittelalter Digital: Zum Abschluss: Welches Detail hat Sie im Rahmen Ihres Projekts persönlich besonders interessiert oder beeindruckt?



Jens Natter: Mich hat an der ganzen Geschichte beeindruckt, wie sehr die ganzen Umbrüche, die damals in Europa stattfanden, sich auch in einer für damalige Verhältnisse eher abgelegenen Region ablesen lassen.



Mittelalter Digital: Lieber Herr Natter, ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit. Wer nun neugierig geworden ist, findet weitere Informationen auf der Webseite von Jens Natter.



Das Interview führte Tobias Enseleit.