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Wikingerschätze – Ein Glücksfall für die Münzgeschichte

Im Hintergrund steht ein Klostergebäude in lodernden Flammen. Umher liegen erschlagene Mönche in ihrem eigenen Blut. Einer der Kirchenmänner kniet im hohen Gras und erhebt, um sein Leben flehend, die gefalteten Hände zum Himmel. Über und neben ihm sieht man hochgewachsene, bärtige Männer in Kettenhemden mit Schwertern und Äxten bewaffnet. In ihren Armen tragen sie Unmengen an Gegenstände aus Gold – Kelche, Schalen, Kreuze, Kerzenleuchter und einen Krummstab – zum nahegelegenen Strand. Dort wartet schon das Drachenboot mit seinen rot-weiß gestreiften Segeln, um die Krieger aufzunehmen und in ihre kalte Heimat im hohen Norden zurückzubringen. Ein Wikingerüberfall…



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Die Habsucht und Plünderwut der Wikinger ist bis in die moderne Gegenwartskultur fest in ihrem geschichtskulturellen Bild verankert. Auch die Actionfigur, die Ubisoft mit dem Release von ›Assassin’s Creed: Valhalla‹ anbietet, streicht diesen Aspekt prominent heraus.



So oder so ähnlich wird er in vielen populärwissenschaftlichen Darstellungen oder historischen Jugendbuchreihen gerne ins Bild gebannt. Die Goldgier und Mordlust der Nordmänner sind hierbei die zentralen Motive. Aber wie sehen „Wikingerschätze“ in der archäologischen Realität aus und warum sind sie ein Glückfall für den modernen Geldhistoriker?



Die Bedeutung der Wikinger für die Münzgeschichte

Die deutsche Numismatik (Münzforschung) verdankt den Wikingern vieles: Ob auf ihren Plünderungszügen oder Handelsfahrten – die Männer aus dem Norden Europas schleppten Münzen in riesigen Mengen in ihre Heimatländer, wo sie diese im Boden verbargen. Man kann sogar soweit gehen, zu sagen, dass sich eine deutsche Münzgeschichte des 10. und 11. Jahrhunderts ohne die skandinavischen Schatzfunde nicht schreiben ließe.



Eine 1991 im Zuge der Speyrer Salierausstellung erstellte Erfassung der in nord- und osteuropäischen Funden verborgenen Münzen dieser sogenannten „späten Wikingerzeit“ ergab 101.400 deutsche Münzen in skandinavischen Funden (Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland), 136.000 Münzen in slawischen Funden (Polen, Russland und das Baltikum) und lediglich 30.000 Münzen in deutschen Funden (Kluge 1991, 9).



Zwar ist die Anzahl der in Inlandsfunden entdeckten deutschen Münzen (Einzelfunde) in den letzten Jahren durch ein vermehrtes Sondengängertum erheblich gestiegen, an dem Verhältnis von einer im Inland zu acht im Ausland gefundenen Münzen hat sich jedoch nicht wesentlich etwas geändert (Kluge 2007, 95). Dabei lösten die deutschen Münzen die bis dahin in Skandinavien dominierenden arabischen Münzen (silberne Dirham) ab.



Ähnlich hohe Zahlen von etwa 53.750 Fundmünzen erreichen in Nordeuropa nur noch die englischen Münzen. Bei ihnen handelt es sich wohl um eine Folge der zur Abwehr oder zum Freikauf an die Wikinger gezahlten „Danegelder“ – der ersten allgemein und regelmäßig erhobenen Steuer des Mittelalters. Vor allem Münzen des Königs Æthelred II. (978-1016) finden sich in den skandinavischen Schatzfunden, von dem auch bekannt ist, dass sich unter ihm die gezahlten Tribute zur stattlichen Summe von über 200.000 Pfund Silber summierten.



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Im Sommer 1999 wurden auf einem Acker bei Slite im Norden der Insel Gotland drei Schatzfunde mit silbernen Münzen, Armringen und Barren gefunden. Insgesamt 65 kg Silber und 20 kg Bronze.



Insbesondere die schwedische Insel Gotland scheint ein „Treasure-Hotspot“ für das Vergraben von Silberschätzen im Frühmittelalter gewesen zu sein – an keinem anderen Ort findet man derart viele Münzen und andere Silberschätze im Boden. Es handelt sich im Wesentlichen um Pfennige (lateinisch Denare) von etwa einem Gramm Gewicht und zwei Zentimetern Durchmesser, der einzigen ausgeprägten Münzsorte jener Zeit.



Dieses Phänomen einer weitestgehend im Ausland präsenten deutschen Münzprägung hat in der Geldgeschichte zum Begriff der „Epoche des Fernhandelsdenars“ geführt, womit wir zum eigentlichen Zweck der Verbergung kommen. Der typische Schatzfund eines Wikingerhaushalts enthält bei Weitem nicht nur Münzen – Barren, Ringe, Ketten oder andere Schmuckstücke werden ebenso gemeinsam mit den Münzprägungen verborgen… oder „vergesellschaftet“, wie der Numismatiker sagt.



Der stattliche Schatzfund von Ocksarve (Kirchspiel Hemse, Gotland) – verborgen nach 999 und entdeckt 1997 – enthielt beispielsweise mehr als fünf Kilogramm Silber, darunter neben Barren, Drähten und Stangen auch 416 Münzen. Von diesem wiederum stammten 393 aus dem Gebiet des Deutschen Reiches (Kluge 2007, 93). Die Datierung ergibt sich übrigens aus der jüngsten Münze Bischof Alwichs von Straßburg (999-1001).



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Die Otto-Adelheid-Pfennige wurden um das Jahr 1000 in verschiedenen Münzstätten des Harzraumes geprägt und gelangten zu Hunderttausenden in die skandinavischen Schatzfunde.



Unter den deutschen Münzen dieses und zahlreicher weiterer Schatzfunde machen mit 198 Stück die sogenannten „Otto-Adelheid-Pfennige“ den bedeutendsten Anteil aus. Es handelt sich um eine um das Jahr 1000 in verschiedenen Münzstätten des Harzraums geprägte Münzsorte mit den Namen OTTO / ODDO und ATHEAHLT / ADELHEIDA auf Vorder- und Rückseite, mit denen wohl Otto III. (983-1002) und seine Großmutter, die Kaiserin Adelheid, gemeint sind, die für den unmündigen König zwischen 991 und 994 die Regentschaft führte. Allerdings wurden die Otto-Adelheid-Pfennige weit über den Tod der beiden hinaus weitergeprägt, da sie sich bei Wikinger-Fernhändlern offenbar großer Beliebtheit erfreuten.



Interessant ist hierbei, dass die Otto-Adelheid-Pfennige ein kastenartiges Kirchengebäude mit weit ausgezogenen Giebeln zeigen, das in seiner Gestaltung ein wenig an die noch heute vielerorts in Skandinavien zu findenden Holzkirchen erinnert. Bevor im Hochmittelalter der Steinbau einen erneuten Aufschwung erlebte, dürften solche aus Holz errichteten Kirchenbauten auch in Mitteleuropa verbreitet gewesen sein.



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Noch heute in Skandinavien erhaltene mittelalterliche Holzkirchen (Stabkirchen) wie diejenige von Borgund (Norwegen) erinnern in ihrer Bauart an die auf den Otto-Adelheid-Pfennigen abgebildeten Kirchengebäude mit ihren auskragenden Giebeln.



Repräsentation und Wertanlage

Es ging den Nordmännern also weniger um das Geld in Münzform als vielmehr um das Edelmetall Silber – das in Europa viel seltenere Gold kommt nur äußerst selten vor. Der Begriff Wikingerhaushalt ist hierbei treffend gewählt, denn die Fundsituationen zeigen oftmals einen direkten Zusammenhang mit den Siedlungen und hierbei mit den Wohnkomplexen sozial herausragender Persönlichkeiten. Offenbar wurden die Münzen nicht – wie zur gleichen Zeit auf dem Boden des ostfränkisch-deutschen (ottonischen und salischen) Reiches – im Boden als Wertanlage versteckt, sondern an repräsentativer Stelle im Haus ausgestellt.



Es ging also nicht um den „Tresor des kleinen Mannes“ im Frühmittelalter, sondern um das Repräsentationsbedürfnis erfolgreicher Händler oder Krieger. Apropos: Zwischen handelnden Kriegern und kriegerischen Händlern in dieser Wikinger-Gesellschaft zu unterscheiden, ist vermutlich wenig zielführend, da die Übergänge fließend waren.



Eines aber ist auffällig: Während die karolingischen Quellen des 9. Jahrhunderts voll sind von Wikingerüberfällen, berichten die ottonisch-salischen Quellen des 10. / 11. Jahrhunderts nichts davon. Die riesigen Münzschatzfunden Skandinaviens sind also anscheinend das Ergebnis von Handelsaktivitäten und nicht von Plünderungszügen. Der Begriff „Epoche des Fernhandelsdenars“ birgt aber auch eine Gefahr in sich: Möglicherweise wird durch die Überbetonung des Verbergungsinteresses der Nordmänner die heimische Geldwirtschaft erheblich unterschätzt. Denn hierzulande wurden die Münzen regelmäßig (oftmals jährlich) außer Kurs gesetzt und neue ausgeprägt.



Durch den Wechsel von alten und neuen Münzen generierten die jeweiligen Münzherren lukrative Einnahmen. Es lohnte sich also für die Bevölkerung nicht, diese Münzprägungen allzu lange zu horten. Wenn Münzfunde im Inland auftauchen, sind diese dementsprechend meisten räumlich und zeitlich eingeschränkt, was ihren Inhalt betrifft. Bei den Wikingern aber konnten Münzen deutlich länger überleben, da sie ihren Wert – genauer gesagt ihren Edelmetallwert – behielten.



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Das vorliegende Exemplar eines Hildesheimer Denars des Bischofs Godehard (1022-1038) zeigt sowohl eine deutliche Verbiegung als auch einige halbmondförmige Einritzungen, die darauf schließen lassen, dass der Edelmetallgehalt des Stücks untersucht wurde.



Wenn es den Wikingern vorrangig um das Silber ging, dann scheinen deutsche Münzen in besonderem Maße ihren Qualitätsstandards entsprochen zu haben – ansonsten wären sie nicht in so großen Mengen verborgen worden. Für sie war der Stempel der Münzprägung ein Qualitätssiegel für die Reinheit des enthaltenen Edelmetalls. Dass man dem Braten dennoch nicht immer traute, verraten Verbiegungen und Probiermarken auf den Münzen, mit denen man prüfen wollte, ob der Kern der Prägungen ebenfalls aus Silber bestand. Fälschungen kamen also offenbar auch schon im Frühmittelalter vor.



Auch die Herkunft der Prägungen spricht für einen Zusammenhang mit Handelsaktivitäten: Vorrangig sind es die Exemplare aus Münzstätten entlang der großen Flüsse (Rhein, Main, Elbe und Donau), als den wichtigsten Verkehrsadern des Reiches, die wir in den Schatzfunden finden. Münzen aus Köln, Mainz oder Trier rangieren dementsprechend auf Spitzenplätzen in den Wikingerfunden. Sie beschwören geradezu Bilder von Drachenbooten herauf, die schwer mit Säcken voller Silber beladen, den Rhein auf dem Weg in die Heimat hinabfahren.



Von der Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft

Was die Wikinger im Gegenzug mitbrachten, ist nicht so leicht zu beantworten, da sich die deutschen Schriftquellen darüber weitestgehend ausschweigen und die Wikinger zu diesem Zeitpunkt noch nichts aufschrieben. Angenommen werden Pelze, Wachs, Holz und Honig als die „Luxusgüter des Nordens“. Auch Sklaven könnten von den Wikingern gehandelt und gegen Münzsilber getauscht worden sein – in Metz befand sich beispielsweise ein lukrativer Umschlagplatz für den Menschenhandel zwischen dem byzantinischen Osten und dem islamischen Westen. Aus dieser Region stammen sogar mehrsprachige Münzen mit lateinischen, griechischen und arabischen Mischlegenden, die sich anscheinend direkt an die internationale Kundschaft wandten.



Im Verlaufe des 11. Jahrhunderts begannen die Wikinger dann parallel zu ihrer Christianisierung und zur Entstehung von ersten größeren Königreichen in Nordeuropa mit eigenständigen Münzprägungen. Diese ahmten zunächst Gepräge aus den Regionen nach, aus denen zuvor Münzen importiert worden waren: deutsche und angelsächsische Münzen dienten als Vorbilder für die ersten norwegischen und schwedischen Silbermünzen. Einige wenige Münztypen zeigen dabei sogar Runeninschriften oder ahmen byzantinische Bilder nach – wahrscheinlich eine Reflektion auf die Wikinger-Leibwache (Waräger) der oströmischen Kaiser.



Inwieweit die Münzmeister dabei immer noch den eigentlichen Sinn der kopierten Vor-Bilder verstanden, mag dahingestellt sein. Auch exportierten die Wikinger nun selbst ihre Münzprägung: Im bis dato münzlosen Irland beispielsweise rechnete man zunächst noch in geschlechtsreifen weiblichen Rindern, bevor in den Wikingersiedlungen entlang der Ostküste (Dublin, Wexford oder Waterford) mit Silberbarren und Silbermünzen bezahlt wurde. König Sithric von Dublin verdanken wir die erste „irische Münze“ (Hiberno-Norse coin) – eine skandinavische Nachahmung einer angelsächsischen Prägung in Irland.



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Bei dem vorliegenden Exemplar handelt es sich um einen Pfennig Heinrichs IV. (1056-1106) aus der Reichsmünzstätte Goslar. Die Rückseite zeigt im Münzbild die Apostel Simon und Judas.



Für die deutsche Geldgeschichte ist dieser Beginn einer „nationalen Münzprägung“ in Nordeuropa dagegen fatal: Die salische (1024-1125) lässt sich weitaus schlechter schreiben als die ottonische (919-1024) Münzgeschichte davor, da ab etwa 1050 die Fundüberlieferung deutscher Münzen in Skandinavien abreißt. Da die Münzen aber lediglich einen OTTO REX oder OTTO IMP[erator] – also König oder Kaiser Otto – nennen und keine Unterscheidung in Otto I. (936-973), Otto II. (973-983) oder Otto III. (983-1002) vornehmen, lässt sich eine genauere Zuweisung oftmals nur über die Untersuchung gemeinsam verborgener Typen in den Schatzfunden erreichen. Das gleiche gilt für die Salierherrscher Heinrich III. (1039-1056), Heinrich IV. (1056-1105) und Heinrich V. (1105-1125), die ebenfalls nacheinander regierten, aber zu einer Zeit, als die Wikinger eben lieber ihr eigenes Geld prägten. Pech für die heutigen Numismatiker!



Literatur

Bernd Kluge, Numismatik des Mittelalters. Band 1: Handbuch und Thesaurus Nummorum Medii Aevi, Berlin / Wien 2007.

Bernd Kluge, Deutsche Münzgeschichte von der späten Karolingerzeit bis zum Ende der Salier (ca. 900-1125), Sigmaringen 1991.

Annemarieke Willemsen, Wikinger am Rhein 800-1000, Stuttgart 2004.