Like a Viking: Im Interview mit ›Steel, Blood and Love‹
Lukas Boch
Bis heute gibt es weltweit zahlreiche Menschen, die von der Kultur der Wikinger so fasziniert sind, dass sie in ihrer Freizeit das Leben von Wikingern in LARP (Live-Action-Roleplay) oder Reenactment nachempfinden möchten. Wir haben mit Jeannine und Sebastian gesprochen, die sich in den sozialen Netzwerken mit großem Aufwand fotografisch als Wikinger inszenieren.
Mittelalter Digital: Liebe Jeannine, lieber Sebastian, ihr beide betreibt den äußerst erfolgreichen Instagram-Kanal ›Steel_blood_and_love‹. Einer großen Fangemeinde (knapp 11.000 Follower) präsentiert ihr dort regelmäßig Einblicke in euer sehr aufwendig inszeniertes „Leben“ als Wikinger. Vielleicht könnt ihr euch zunächst kurz vorstellen und uns erzählen, woher eure Passion für Geschichte und speziell die Wikinger herrührt.
Steel, Blood and Love: Wir sind Jeannine und Sebastian, sind 26 und 27 Jahre alt und wohnen in der schönen Schweiz. Seit fast acht Jahren sind wir ein Paar. Kennengelernt haben wir uns durch das Handyspiel ›Hobbit‹, da sind wir per Zufall in derselben Allianz gelandet und haben angefangen miteinander zu schreiben. Neben dem Wikinger-Dasein sind wir noch in einer Guggenmusik (Karnevalsmusikverein).
Jeannine und Sebastian.
Vor ca. 2,5 Jahren haben wir unsere Instagramseite @steel_blood_and_love erstellt und seitdem shooten wir quer durch die Epochen. Wir beide sind seit klein auf von der Geschichte fasziniert. Sebastian mehr von der Geschichte des 20. Jahrhunderts und Jeannine mehr vom Mittelalter. Zudem ist Jeannine ein totaler Fantasyfan. Durch den Besuch eines Mittelaltermarkes im Jahr 2015 hat das Mittelalterfieber dann auch Sebastian gepackt. Seitdem teilen wir das Interesse am Mittelalter.
Bei den Wikingern sind wir vor allem hängen geblieben, da das Bild, das wir von den Wikingern haben, nicht korrekt ist. Wenn wir an Wikinger denken, denken wir an furchtlose Krieger mit Hörnern auf den Helmen und Fellen über den Schultern. Auch wir hatten dieses Bild – es wird uns ja von Hollywood so vermittelt. Aber sie waren auch Seefahrer und Händler. Je mehr wir uns diesem Thema widmeten, desto mehr faszinierte uns diese Zeit. Als wir dann angefangen haben, Serien wie ›Vikings‹ oder ›The Last Kingdom‹ zu schauen, hat es uns komplett gepackt. Auch wenn diese Serien nicht authentisch sind und nicht das richtige Leben von damals zeigen, haben sie etwas Fesselndes. Mit den Wikingern kam dann auch das Interesse in der nordischen Mythologie. Thor, Odin, Heimdall und Co. waren für uns bislang nur Figuren aus den Marvel-Filmen.
Mittelalter Digital: Wenn ihr einer fremden Person erklären solltet, was ihr auf eurem Kanal macht, was würdet ihr antworten? Welchen Stellenwert nimmt das „Wikinger-Dasein“ in eurem Leben ein? Welche Aspekte faszinieren euch besonders? Ist das Ganze noch ein Hobby oder schon mehr?
Steel, Blood and Love: Wenn jemand nachfragt, was wir machen, sagen wir immer, dass wir Mittelalter- und Fantasybilder machen. Wir entführen die Betrachter in eine andere Zeitepoche. Dabei versuchen wir die Bilder so darzustellen, dass sie selbst eine Geschichte erzählen.
Für uns hat das Wikinger-Dasein einen hohen Stellenwert eingenommen. Allein schon dadurch, dass wir uns sehr mit dem Thema Wikinger befassen. Uns fasziniert es immer wieder, etwas Neues darstellen zu können. Schlussendlich sind ja immer nur wir beide auf den Bildern, einfach immer mit anderen Gewandungen und eventuell mit anderen tierischen Begleitern.
Des Weiteren fasziniert uns das „einfache“ Leben von damals. Einfach mal um ein Feuer sitzen mit Freunden und über Gott und die Welt reden. Solche Sachen gehen in unserer Zeit leider unter und werden viel zu selten gemacht. Natürlich ist auch das Kulinarische nicht zu vergessen. Ab und zu kochen wir auch Rezepte nach „Wikinger-Art“. Rezepte dazu finden wir im Internet oder in Facebook-Gruppen. Jeannine investiert mittlerweile auch viel Zeit mit Nähen und Sticken und setzt sich viel mit den historischen Schnitten, Mustern und Symbolen auseinander. Wir investieren viel Zeit in das Ganze. Ein Hobby würden wir das Ganze nicht mehr nennen. Mittlerweile ist es eine Leidenschaft geworden.
Mittelalter Digital: Es gibt international ja eine recht rege und vernetzte Viking-Reenactment-Szene. Zählt ihr euch dazu und könnt uns einen Einblick geben, was das überhaupt ist und was man dort so macht?
Steel, Blood and Love: Nein, wir zählen uns nicht dazu. Viele unserer Gewandungen sind eher LARP-Gewandungen, also Fantasy – sie sind nicht authentisch. Viking-Reenactment heißt, dass man die Wikinger so darstellt, wie sie damals gelebt haben. Am besten kann man seine Gewandung und Interpretationen noch mit archäologischen Funden belegen. Wir haben ein paar Gewandungen, die historisch inspiriert sind, also ein paar historisch korrekte Elemente enthalten. Aber obwohl wir viel über die Wikinger wissen, wie sie gelebt und sich gekleidet haben, sind unsere Wikingerdarstellungen nicht authentisch und haben einige Fantasy-Elemente (Schulterfelle, Armschützer etc.). Viel ist von Filmen oder Serien inspiriert.
In Zukunft möchten wir auf jeden Fall etwas mehr in die Reenactment-Richtung gehen und unsere Reichweite nutzen, um die Leute etwas über die „richtigen“ Wikinger aufzuklären.
Mittelalter Digital: Das Interessenspektrum eures Instagram-Kanals umreißt ihr mit: viking • medieval • fantasy • wasteland: Das sind ja Kategorien, die irgendwie miteinander zusammenhängen und dann doch wieder recht unterschiedlich sind. Wie nähert ihr euch den Wikingern und woher gewinnt ihr Informationen und Inspirationen? Sebastian z. B. könnte ja 1 zu 1 in ›Vikings‹ mitspielen. Spielt Forschungsliteratur für euch eine Rolle?
Steel, Blood and Love: Ja, wir haben ein großes Spektrum an Bildern. Wer ein bisschen durch unser Profil scrollt, findet auch noch ein paar Bilder von unserem die „Schöne und das Biest“-Cosplay. Das Kostümieren und in andere Rollen zu schlüpfen ist uns beiden bereits in die Wiege gelegt worden. Seit klein auf sind wir Fasnächtler und lieben die fünfte Jahreszeit im Jahr.
Uns gefällt ein breites Spektrum, und das zeigen wir auch gerne. Um es kurz zu sagen, machen wir das, was uns gefällt. Wir haben auch schon überlegt, ein Piratenshooting zu machen, aber da fehlen uns noch ein paar Requisiten. Aber von allen Themen, die wir darstellen, ist das Thema Wikinger, das was uns am liebsten ist.
Inspirationen finden wir überall: Filme, Serien, Pinterest, Social Media etc. Manchmal inspirieren uns auch unsere Gewandungen oder die Locations. Man stellt aus Langeweile was Neues zusammen und hat gleich ein Bild im Kopf, das man umsetzen möchte. Oder wir richten unsere Darstellung nach den Locations aus. Also dass wir zuerst die Location haben und danach die Gewandung aussuchen. Eine Wikingerdarstellung passt zum Beispiel nicht in eine spätmittelalterliche Burg.
Informationen zu den Wikingern holen wir aus dem Internet oder aus Dokumentationsfilmen. Forschungsliteratur spielt für uns keine große Rolle.
Mittelalter Digital: Auf den ersten Blick erkennt man den großen Aufwand, der in euren Gewandungen, Ausrüstungsgegenständen und Waffen steckt. Auf eurem Kanal findet man auch Stories, in denen Jeannie selbst Kleider näht. Gleichzeitig verweist ihr immer wieder auf Shops und Hersteller, über die sich die gezeigte Kleidung beziehen lässt. Wie viel von euren Sachen stellt ihr selbst her? Wie wichtig ist euch, dass eure Kleidung und Gegenstände möglichst authentisch sind, und gibt es Hersteller, die eures Erachtens solche Sachen anbieten?
Steel, Blood and Love: Wie bereits erwähnt, sind wir bestrebt, darin immer etwas Neues darzustellen. Darum haben wir auch eine große Auswahl an Gewandungen und Requisiten. Der größte Teil von unserer Ausrüstung ist gekauft. Teilweise fehlt einfach die Zeit, um alles selbst herzustellen. Jeannine gibt sich immer Mühe, neue Outfits zusammenzustellen. Wenn wir am Wochenende ein Fotoshooting haben, fängt sie bereits Mitte Woche an, alles zusammenzustellen, damit es stimmig ist und etwas Neues. Bis zum Wochenende stellt sie dann alles noch ein paar Mal um, bis die mit dem Ergebnis zufrieden ist.
Wenn mal nichts Passendes da ist, greift Jeannine zur Nähmaschine und näht kurzerhand selbst was Passendes. Jeannine ist der kreative Kopf mit Zauberhänden von uns beiden. Wenn sie eine Idee hat, dann setzt sie es auch um und gibt sich nicht zufrieden, bis es so aussieht, wie sie es sich vorstellt. Manchmal will man auch einfach etwas Einzigartiges haben, etwas, das nicht alle anderen auch haben. Es gibt Gewänder, die haben viele im Schrank, da möchte man sich ein bisschen abheben und etwas Individuelles haben. Zudem erfüllt es einem schon ein bisschen mit Stolz, wenn man etwas Selbstgenähtes trägt und nicht etwas von der Stange. Jeannine hat auch schon gekaufte Kleider mit einer Stickerei versehen, damit es sich von den anderen unterscheidet. Authentizität spielt dabei keine große Rolle.
Zuletzt hat Jeannine für unser „Outlander“-Shooting ein Kleid genäht. Sie hatte nichts Passendes für ein 18. Jahrhundert-Shooting und anstatt sich etwas zu bestellen, hat sie lieber selber zu Nadel und Faden gegriffen und sich ein Kleid genäht. Auch weitere Projekte sind geplant. Aber natürlich kaufen wir auch nach wie vor noch Gewandungen und Accessoires von Händlern und Onlineshops. Wenn uns was gefällt, dann kaufen wir es auch gerne.
Es gibt aber auch Händler, die authentische Einzelanfertigungen machen. Ein Beispiel ist ›Thorids Gewandungen‹. Sie stellt alles in Handarbeit mit sehr viel Liebe zum Detail her. Leider haben wir noch nichts bei ihr gekauft, aber ihre Arbeiten sehen toll aus. Natürlich gibt es auch andere Handwerker, die maßgefertigte und handgemachte Werke anbieten. Alle aufzuzählen, würde aber den Rahmen dieses Interviews sprengen.
Aber auch von der Stange kann man schon gute Kleidung kaufen. Besonders wenn man erst am Anfang von Reenactment ist und/oder nicht das nötige Geld hat, um sich die Gewandungen und Accessoires anfertigen zu lassen, oder wenn einem das Können fehlt, sich die Kleider selber zu nähen. Hierzu eignen sich ›Leonardo Carbone‹ oder ›Burgscheider‹. Beide haben tolle Basics, aus welchen sich gute Wikingergewandungen zusammenstellen lassen.
Mittelalter Digital: Wilde Flüsse, alte Wälder, Burgruinen: Ihr legt auch viel Wert auf die Orte und Kulissen, in denen fotografiert wird. Wie findet ihr passende Locations und wo seid ihr schon überall gewesen?
Steel, Blood and Love: Die meisten Locations auf den Bildern sind in der Schweiz und finden wir per Zufall. Wir halten immer die Augen offen nach schönen Orten, die uns die Natur schenkt. Sei es beim Wanden, Spazieren oder wenn wir mit dem Auto unterwegs sind. Oft stolpern wir auch im Internet über Locations. Aber auch unserer Freunde und Familie helfen uns, neue Locations zu finden, und empfehlen uns großartige Orte. Auch die Fotografen haben ihre Geheimtipps.
Wir waren jedoch auch schon in Deutschland zum Shooten. Besonders in der Region rund um Dortmund. Wir haben da einige Wikinger- und Fotografenfreunde, die wir ab und zu besuchen. Zudem findet dort jedes Jahr der ›Phantastische Lichter Weihnachtsmarkt‹ (PLWM) statt, den wir gerne besuchen. Es ist immer eine schöne Stimmung dort und ein etwas anderes Weihnachtserlebnis. Leider fällt auch dieser dieses Jahr Corona zum Opfer.
Aber auch in unserem Urlaub können wir nicht aufs Shooten verzichten. Letztes Jahr haben wir einen zweiwöchigen Roadtrip durch die Normandie und die Bretagne gemacht. Natürlich hatten wir auch einen Teil unserer Gewandungen dabei, damit wir die eindrücklichen Landschaften, Ruinen, Schlösser, Megalithen und Steinreihen auf unsere Weise bildlich festhalten konnten.
Mittelalter Digital: Die Beliebtheit von Wikingern ist aktuell ja nicht von der Hand zu weisen: Was glaubt ihr, macht das Thema für uns Menschen heute so attraktiv? Und was fasziniert eure Fans speziell an eurem Kanal?
Steel, Blood and Love: Serien wie ›Vikings‹, ›Berserkers‹ oder ›The Last Kingdom‹ sind sehr populär. Auch das neue ›Assassin’s Creed: Valhalla‹ pusht den Hype um die Wikinger. Das Bild von den furchtlosen Wikingern und tapferen Schildmaiden scheint die Leute zu faszinieren.
Wir denken, dass die Abwechslung unserer Bilder unseren Kanal interessant macht. Wir haben viele verschiedene Outfits und versuchen immer etwas anderes darzustellen. Auch unsere tierischen Shooting-Partner, wie zum Beispiel Rentiere, Schottische Hochlandrinder, Greifvögel oder Wolfshunde helfen uns dabei, andere Szenen darzustellen und machen viele Fotos noch spannender. Wir achten auch immer darauf, dass unser Feed immer abwechslungsreich ist.
Mittelalter Digital: Würdet ihr gerne einmal Urlaub bei den „echten“ Wikingern machen? Wenn ja, welche Zeit und welchen Ort würdet am liebsten besuchen?
Steel, Blood and Love: Es wäre spannend einmal zu sehen, wie das Leben damals wirklich war. Jedoch denke ich, dass wir uns das Leben bei den Wikingern viel schöner vorstellen als es wirklich war. Daher würde ich sagen, dass ein Urlaub sicherlich spannend wäre, aber wir wären genau so froh, wieder in unserer Zeit zu leben. Jeannine würde gerne den Alltag beobachten. Also einfach ein Teil in einer Wikingersiedlung sein und die Handwerkskünste der Wikinger anschauen und sich das Wissen ein bisschen aneignen. Sebastian würde gerne bei einem Schlachtzug dabei sein. Speziell beim Angriff auf die Sachsen 793 n. Chr.
Mittelalter Digital: Nun geht es mit großen Schritten auf den Winter zu. Zieht ihr euch nun auch erst einmal in eure Methalle zurück? Was habt ihr Spannendes für die Zukunft geplant?
Steel, Blood and Love: Ein Rückzug ist sicherlich nicht geplant. Vielmehr freuen wir uns auf die kalte Jahreszeit. Denn auch der Winter hat seine schönen Facetten. Generell ist der Winter, neben dem Herbst, unsere Lieblingsjahreszeit. Der Schnee hat immer etwas Magisches. Wir haben auch bereits ein paar Shootings im Winterzauber geplant.
Wir sind jetzt schon an einem Punkt, von dem wir niemals gedacht hätten, dass wir sowas jemals erreichen werden. Ein Ende ist auf jeden Fall noch nicht in Sicht. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen.
Mittelalter Digital: Ihr Lieben, ganz herzlichen Dank für die tiefen Einblicke in eure Welt!
Das Interview führte Lukas Boch.