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Das Mittelalter der Mäuse

Die Maus gehört zu den ältesten Begleitern des Menschen. Doch bereits ihr Name verrät, dass ihre Beziehung zum Menschen nicht immer die innigste war (das indogermanische *mus ist wahrscheinlich verwandt mit dem altindischen musnáti, "stehlen", "rauben" und würde dann "Diebin" bedeuten). Nichtsdestoweniger hat die Maus in den letzten Jahren eine kleine Renaissance erfahren – einerseits als Wegbegleiter in populärwissenschaftlichen Publikationen, insbesondere aber in der Populärkultur als anthropomorpher ("vermenschlichter") Held, der sich in mittelalterlichen Fantasywelten bewähren muss und Abenteuer zu bestehen hat. Hier können die auf den ersten Blick unscheinbaren Tiere in wahrer Heldenmanier über sich hinauswachsen.



Ghost of a Tale (Videospiel 2018)



Im Bereich der Videospiele ist mit dem kleinen Indie-Projekt ›Ghost of a Tale‹ vor wenigen Jahren ein spielerisch gelungenes, atmosphärisch dichtes und vor allem niedliches Abenteuerspiel erschienen, in dem der kleine Mäusebarde Tilo seine verlorengegangene Frau finden muss. Das Problem: Er befindet sich im Kerker einer riesigen, verwinkelten Burg, die von garstigen Ratten bemannt ist.



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Da hilft nur die Flucht nach vorne und der Ausbruch. Aber um die mysteriöse Burganlage hinter sich lassen zu können, muss Tilo Rätsel lösen, Ratten, Riesenspinnen und anderes Ungeziefer mehr überlisten und das Geheimnis der grünen Flamme lüften, die Tote wieder zum Leben erweckt – ziemlich viel für eine kleine Maus, die sich mehr aufs Singen denn aufs Kämpfen versteht und deshalb zusehen muss, nicht aufzufallen und ungesehen durch die Burg zu schleichen.



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Und das macht ziemlich viel Spaß, zum einen, weil die Spielmechaniken sauber funktionieren, vor allem aber, weil die Mittelalterwelt von Tilo mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist. Dabei ist das Spiel ziemlich komplex und kann aufgrund fehlender Questmarker oder blinkender Hinweis vor allem Casual-Gamer frustrieren. So muss Tilo ziemlich auf sich allein gestellt die riesige Burganlage erforschen – was aber die gelungene Hintergrundgeschichte und Atmosphäre nur unterstreicht. Mit etwa 15 Stunden Spielzeit hat ›Ghost of a Tale‹ eine angenehme Spiellänge.



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Maus und Mystik (Brettspiel 2012)



Anthropomorphe Mäuse in mittelalterlichen Welten finden sich natürlich auch im Medium der Brettspiele. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist Jerry Hawthrones ›Maus und Mystik‹ aus dem Jahr 2012.



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Bei ›Maus und Mystik‹ handelt es sich um ein kooperatives Abenteuerspiel. Die Spieler:innen schlüpfen in die Rolle von Helden, die den guten König Andan vor der bösen Zauberin Vanestra retten wollen. Um aus der Gefangenschaft zu fliehen, verwandeln sich die Helden in Mäuse und müssen sich fort an durch das Schloss kämpfen, um ihren König zu retten. Schnell merken die Helden, dass auch die übrigen Tiere sehr menschlich agieren und alsbald müssen sie sich gegen Ratten und anderes Ungeziefer zur Wehr setzten. Unter anderem müssen sie „Brodie“, den alten Kater von König Andara, überreden, ihnen zu helfen, was sich wenig überraschend als nicht sonderlich einfach erweist.



Das Spiel funktioniert nach dem Prinzip klassischer Dungeoncrawler ala ›Hero Quest‹ oder ›Descent‹. Die Spieler:innen werden durch 3D-Figuren dargestellt und bewegen sich über immer wieder neu zusammengesetzte Spielfelder, auf denen sie verschiedene Aufgaben erfüllen müssen. Gekämpft wird mit Würfeln. Dabei hat jeder Charakter spezielle Fähigkeiten und übernimmt dementsprechend verschiedene Aufgaben. Die Maus Tilda unterstützt z.B. als Heilerin vor allem ihre Mitmäuse, während Rex, als ehemaliger Soldat und Schmied von König Adan, einen Koloss im Kampf darstellt.



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›Maus und Mystik‹ überzeugt durch die abwechslungsreichen Abenteuer und punktet durch eine wunderbare Geschichte. Dabei ist das Spiel leicht genug, dass man es auch zusammen mit jüngeren Kindern spielen kann, und fesselnd genug, dass auch Erwachsene ihren Spaß daran haben.



Wer also schon immer mal mit seiner Familie oder dem Freundeskreis als Mäuse in einer mittelalterlichen Märchenwelt Abenteuer erleben wollte und klassische Märchen und gute Geschichten mag, sollte sich ›Maus und Mystik‹ und seine Erweiterungen genauer anschauen.



Despereaux (Roman 2003, Spielfilm 2008)



Eine Maus mit dem sprechenden Namen Despereaux hat weitere Regionen der Medienlandschaft für sich gewinnen können – die des Kinderromans und die des Animationsfilms.



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Die kleine Maus mit den etwas zu großen Ohren ist wagemutig und lässt sich von Rittergeschichten begeistern – und ist damit in den Augen ihrer Artgenossen gar nicht so wie eine Maus eigentlich zu sein hat. Nach einer Reihe unglücklicher Umstände wird Despereaux daher in den Untergrund zu den miesgelaunten Ratten verbannt, unter denen die kleine Maus einen besonderen Freund findet.



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Die Geschichte um Despereaux richtet sich vor allem an die Kleinen und will zeigen, dass jeder seinen eigenen Weg finden kann – mit genug Enthusiasmus und der Hilfe von Freunden. So zeitlos die Geschichte auch ist, dem animierten Spielfilm sieht man mittlerweile technisch die Jahre etwas an. Das sollte aber keinen Mäusefreund davon abhalten, Zeit mit Despereaux zu verbringen.



Redwall (Romanreihe seit 1998)



Zu den neueren Klassikern gehört mittlerweile die 22-teilige Fantasyromanreihe ›Redwall‹ von Brian Jacques, von der allerdings nur neun Bände ins Deutsche übersetzt wurden. Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist die alte und ehrwürdige Abtei Redwall.



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Anders als in den bisher vorgestellten Mäuseerzählungen spannen die ›Redwall‹-Romane ihre Handlung über mehrere Generationen, die alle mit der Abtei verbunden sind. Die dort lebenden friedfertigen Tiere müssen ihren ganzen Mut und all ihre Klugheit zusammennehmen, um sich gegen tyrannische Invasoren zu Wehr zu setzen – allen voran zu Beginn der kleine Mäuserich Matthias, der sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Schwert des Schutzpatrons der Abtei begeben muss.



Seit 1999 gibt es unter dem Titel ›Retter von Redwall‹ auch eine aus drei Staffeln bestehende Zeichentrickserie.



Mouse Guard (Graphic Novel seit 2008)



Mit der ›Mouse Guard‹-Reihe aus der Feder von David Petersen haben sich die Mittelaltermäuse auch in den Bereich der Graphic Novel vorgearbeitet (und im Nachgang sogar zum Pen & Paper). Die erste Geschichte der Reihe folgt den drei Mouse Guards Lieam, Saxon und Kenzie, die ihre Stadt Lockhaven um jeden Preis beschützen wollen.



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Obwohl als Kinderliteratur ausgelobt, besticht die Graphic Novel insbesondere durch ihren düsteren Zeichenstil und die durchaus gewalttätige Handlung – wer "niedliche" Mäuse sucht, sollte daher einen Bogen um ›Mouse Guard‹ machen, das sich qua Gestaltung an Freunde von Dark Fantasy richtet.