Das Mittelalter und seine Rezeption: Medievalism
Nicolas Huss
„[H]istory isn’t the same thing as the past” – Amy S. Kaufman / Paul Sturtevant, The Devil’s Historians: How Modern Extremists Abuse the Medieval Past, Toronto 2020, S. 3.
Wer Geschichte sagt, muss auch Vergangenheit sagen
Diesen Satz gilt es zu internalisieren, wenn wir über "Geschichte" und "Vergangenheit" sprechen. Vor allem gilt er dann, wenn wir die "Vergangenheit" nutzen – sei es im privaten, akademischen oder öffentlichen Raum. Insbesondere die Epoche des Mittelalters ist wie keine andere Epoche erfunden und umgedeutet worden, um sie dann wieder neu zu erfinden. Das "Mittelalter" und die Menschen, die sich der Epoche widmen, bedingen sich gegenseitig. Zur Annäherung an dieses Zusammenspiel von Menschen und historischer Epoche – also wie das Mittelalter adaptiert, rezipiert und inszeniert wird – hat sich in der englischsprachigen Forschung der Begriff Medievalism etabliert. Dieser liefert uns Struktur und Klarheit, wenn wir darüber sprechen, wie und warum bestimmte Personen, Gruppen, Institutionen oder Medien "das Mittelalter" nutzen. Methodisch, könnte man sagen, befindet sich die Medievalism-Forschung in der Nachbarschaft der Public-History sowie der Geschichtsdidaktik, besitzt aber auch einen stark kulturtheoretischen Zuschnitt. Im Folgenden wollen wir uns den einzelnen Facetten der Mittelalterrezeption widmen. Die Beispiele stammen dafür – passend zur Themenwoche – vor allem aus der sogenannten "Wikinger-Zeit".
Das Herauswachsen aus Kinderschuhen
Im Gegensatz zur englischsprachigen Forschung, lag das Thema bei deutschsprachigen Historiker:innen, Literatur- und Kulturwissenschaftler:innen sowie Archäolog:innen nicht so stark im Fokus. Das könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass sich die Fachwissenschaften erst in den letzten Jahren vermehrt neuen Medien öffneten. Lange Zeit schien und scheint es unter dem Diktat von E- und U-Kultur (ernste und unterhaltende Kultur, respektive auch Hoch- und Popkultur) tabu, sich akademisch wie nicht akademisch mit Computerspielen, Serien und Comics zu beschäftigen.
Weiterhin standen, hat man sich mit Rezeption des Mittelalters beschäftigt, fast immer „Nationalmythen“ wie der Nibelungenmythos im Vordergrund.¹ Aufgrund der altnordischen Überlieferungen waren hier die Wikinger auch immer schon mit im (Drachen-)Boot. Allerdings setzt hier ein Wandel ein: Die einzelnen mediävistischen Fachwissenschaften beschäftigen sich vermehrt trans- wie interdisziplinär mit der (post)modernen Rezeption von Geschichte. Vorreiter sind hier neben der Museologie vor allem die Game-Studies.
Was ist und meint Medievalism denn nun genau?
Schaut man sich die sehr umfangreichen und schon in zahlreichen Bänden existierende Reihe Journals in Medievalism an, zeigt sich, wie schwer es seit je her ist, eine zutreffende Definition für den Begriff und das Phänomen Medievalism zu finden. Auch wir werden im Folgenden lediglich einen Vorschlag unterbreiten, wie wir in Zukunft über bestimmte Einzelgegenstände differenziert sprechen können. Nach Leslie J. Workman ist Medievalism alles, was „das Mittelalter“ konstruiert.² Das ist recht nahe an dem, was Jörn Rüsen unter Geschichtskultur versteht.³ Demnach, und das knüpft an das Eingangszitat an, ist jegliche Beschäftigung mit dem Mittelalter, auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung, zunächst einmal nichts anderes als Medievalism; dies bedeutet implizit auch, dass selbst eine quellengestützte und methodischen Prinzipien verpflichtete Beschäftigung nicht zu einer Erkenntnis führt, wie es denn im „Mittelalter“ wirklich gewesen sei.
Wir können uns zwar so objektiv wie möglich der Vergangenheit nähern, was aber umso schwieriger wird, je weniger Quellen uns bereitliegen. Deshalb ist Geschichte stets eine Konstruktion von Vergangenem und diese Konstruktion beruht im Idealfall auf der Beschäftigung mit vorhandenen Quellen. Vergangenheit ist das Vergangene an sich und die Geschichte das Reden, Schreiben und Berichten über die Vergangenheit. Deshalb, als nebenstehender Apell, sollten wir uns von „Historischer Korrektheit“ verabschieden und besser von „Historischer Plausibilität“ sprechen, wenn es uns darum geht, etwas detailgetreu rekonstruieren zu wollen.
Dies alles ist und bleibt aber an sich eine Form von Medievalism; so eben auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Mittelalter.⁴ Es zeigt sich im Folgenden, dass der Begriff viele einzelne Facetten hat, weshalb eine Binnendifferenzierung unabdingbar ist. So schlägt Elisabeth Emery vor zwischen „scientific“, „dogmatic“ und „creative Medievalism“ zu unterscheiden.⁵ Ähnlich hat dies bereits Ulrich Müller vorgeschlagen, wenn er zwischen produktiver, reproduktiver, wissenschaftlicher und politisch-ideologischer Rezeption trennt.⁶
Ich halte solche Untergliederungen für sehr sinnvoll, da sie uns Medievalism als Methode⁷ verstehen lässt und wir uns auf diese Weise vor allem der Intention der Produzierenden annähern. Die Ebene der Produktion ist bei der Analyse von Medievalisms ebenso wichtig wie die Ebene der Rezeption, da ohnehin beide miteinander verschmelzen: Produktion ist Rezeption ist Produktion. Es geht darum, dass wir verstehen, warum und wie jemand sich „dem Mittelalter“ nähert, es dekonstruiert und neu konstruiert.
Für die Auseinandersetzung mit dieser Problematik schlage ich die nachfolgenden Kategorien vor, die sich an den oben genannten Binnengliederungen orientieren, sie aber neu ordnen und ergänzen, da die nachfolgende Neustrukturierung zum einen den Neomedievalism, also die aktive Neubearbeitung bereits bestehender Medievalisms ausklammert und zum anderen zu eindimensional im wissenschaftlichen Kontext ausgelegt werden, wobei das eskapistische Moment bestimmter Rezeptionen des Mittelalters oft zu kurz kommt.
Im Zentrum steht immer die Intention (sowohl bei der Produktion als auch Rezeption) hinter dem Medievalism. Außerdem verstehe ich die folgenden Kategorien als fluide; ein spezieller Fall von Medievalism kann eine, mehrere oder alle Formen annehmen. Grenzen verschwimmen zwar, aber die Einzelintentionen bestimmter Darstellungen des Mittelalters treten deutlicher hervor. Auch hilft uns eine Neuausrichtung die zuvor angesprochenen künstlich geschaffenen Grenzen zwischen Pop- und Hochkultur auszublenden. Der Fokus auf die Intention macht es möglich Wertungen, wie etwa, ob Medievalisms „gut“ oder „schlecht“, respektive „korrekt“ oder „inkorrekt“ sind, zunächst auszuklammern. Folgende vier Kategorien, die allerdings keiner Reihenfolge oder Hierarchie unterliegen, schlage ich vor:
- Idendity–related Medievalism (Identitätsbezogener Mediävalismus)
- Escapistical Medievalism (Eskapistischer Mediävalismus)
- Objectivity-related Medievalism (Objektbezogener Mediävalismus)
- Neomedievalism (Neomediävalismus)
Identity-related Medievalism
Die politische oder gar ideologische Inbesitznahme des Mittelalters und seiner Rezeption ist vor allem immer eines: identitätsbezogen. Und wenn Geschichte wichtig für die Identitätskonstruktion ist, ist sie auch immer politisch. Denn jede:r ist politisches Subjekt, egal wie unpolitisch man sich verhält, denn auch diese Einstellung ist wiederum ein politisches Statement. In diese Kategorie fallen alle Aspekte der Mittelalterrezeption, die auf die eine oder andere Art politisch-programmatisch sind und/oder die Identität der Produzierenden beinhalten und die der Rezipierenden bedingen.
Dabei geht es vor allem um das, was man auch kulturelle oder historische Identität nennen kann. Diese ist stark bedingt durch unser „Kulturelles Gedächtnis“⁸. Identität ohne „Geschichte“ ist nur schwer vorstellbar. Im extremen Fall können bestimmte Aspekte des Mittelalters dazu benutzt oder dafür missbraucht werden, bestimmte ideologisch-politische Statements durch- und umzusetzen. Die Vergangenheit wird in diesem Fall als Legitimationsmittel instrumentalisiert. Das wird vor allem dann fatal, wenn damit Ausgrenzung, Abgrenzung und Abwertung bestimmter marginalisierter Gruppen miteinhergehen, die nicht dem Identitätskonstrukt einer anderen Gruppe entspricht.
Die Historie deutschsprachiger Mittelalterrezeption ist hier enorm vorbelastet; was mitunter ein Grund sein kann, warum das Thema ausgespart wird.⁹ Ein Beispiel: In den USA wurde die sogenannte „Vinland-Fahne“ bereits in den frühen 2000er-Jahren von White-Supremacists und Neonazis verwendet.¹⁰ Ursprünglich wurde die Fahne von Peter Steele, dem Sänger und Bassist der Doom-Metal Band ›Type-O-Negative‹, entworfen. Die Farben entsprechen den Farben des Bandlogos und der Albencover und sollen das nordische Erbe, den Bezug zur Natur und zum Sozialismus repräsentieren.¹¹ Der Intention der ursprünglichen „Erfinder“ der Fahne ist noch keine politische Agitation, aber definitiv schon eine Identitätskonstruktion auf Basis des Mittelalters vorzuwerfen.
Die sogenannte „Vinland-Flagge“.
Hier kommen nun also die Wikinger ins Spiel. Der Name „Vinland“ ist die altnordische Bezeichnung für Teile des nordamerikanischen Kontinents.¹² Die Textquellen dazu sind vor allem die beiden sogenannten ›Vinland-Sagas‹.¹³ Ohne hier näher ins Detail gehen zu wollen: Bezeichnend für die Historiographie über „Wikinger“ ist, dass hier ursprünglich literarische Texte als historische Quellen ernst und somit altnordische Literatur als „historische Fakten“ wahrgenommen werden. Das ist natürlich mit Vorsicht zu genießen, da man die literarische Eigenheit weiterhin berücksichtigen muss; viel ernster jedenfalls als beispielsweise deutschsprachige Heldensagen des Mittelalters. Die altnordische Skaldendichtung überschneidet sich nicht nur im Stoffkreis, sondern auch im Hinblick auf Gattungsmerkmale stark mit der mittelhochdeutschen Heldenepik.
Interessant ist nun, dass eben zu Beginn des neuen Millenniums die extreme Rechte in den USA diese Fahne für sich entdeckt hat. Dies hat soweit geführt, dass die Alt-Right Bewegung die „Vinland-Fahne“ mit der Reichskriegsflagge des Dritten Reichs und dem Logo von ›4-Chan‹ (einem englischsprachiges Imageboard) kombiniert zu einer „Flag of Kekistan“ (Ich verzichte hier bewusst auf eine Darstellung).¹⁴
Wie kommt es, dass aus seiner zunächst „harmlosen“ Bebilderung einer Doom-Metal Band das Symbol einer Allianz aus Rassisten und Internettrollen wurde? Die Attraktivität liegt in beiden Fällen in dem Identitätsbezug zu den „Wikingern“, die als direkte Vorfahren verstanden werden. So abstrus diese Konstruktionen auch sind, so stark ist ihre Wirkung.
Die Vorstellung von einem Mittelalter, insbesondere der sogenannten „Wikingerzeit“ als „geordnete“ Epoche, in der noch alles unkompliziert gewesen sei und jede vermeintlich homogene Kultur ihre eigenen Kulturraum hatte, wirkt auf Ethnopluralist:innen (Vertreter der „Neuen Rechten“, die ethnische Homogenität in Gesellschaft und Staat anstrebt) sehr anziehend. Die „Wikinger“ stellen dabei für weiße Nordamerikaner:innen auch den einzigen mittelalterlich-historisierbaren Abstammungsmythos dar.
Dank der oben vorgenommenen Kategorisierung können wir aber jede einzelne Erscheinung so einordnen, dass wir Peter Steele nicht in denselben Topf mit Neonazis werfen müssen. Identity–related Medievalism ist per se nichts Gefährliches, wird aber problematisch, sobald dieser eben missbräuchlich zur Ausgrenzung und Diskriminierung genutzt wird.
Escapistical Medievalism
Kommen wir zu etwas Erfreulicherem. Nicht nur aus politischen oder ideologischen Gründen ist das Mittelalter attraktiv; sondern auch zur Alltagsflucht. Als vielschichtige Projektionsfläche kann fantasiert und ausprobiert werden – vor allem im spielerischen Sinne wie in klassischen Video- und Brettspielen, Re-Enactement oder Live-Action-Roleplaying (LARP).¹⁵
Die romantische Vorstellung vom Mittelalter als unkorrumpierte, naturnahe und im besten Sinne bodenständige Zeit lädt zum Eskapismus ein.
Solcher Eskapismus ist nicht zu belächeln oder als Randerscheinung abzutun, sondern hat seine Berechtigung. Man muss sich nur selbst hinterfragen, wo sich in den eigenen Alltagsflüchten das Mittelalter versteckt. Insbesondere die Wikinger sind hier aktuell immer wieder Bezugspunkt, wie die vermehrte popkulturelle Beschäftigung à la ›Vikings‹¹⁶ oder ›AC: Valhalla‹¹⁷ zeigt. Eine mögliche Erklärung hierfür ist die „Zeitlosigkeit“ der Epoche durch ihre Sagengestalt oder besser gesagt aus Sicht eines germanistischen Mediävisten: ihrer „Heldenzeit“.¹⁸
So zeigen populäre TV-Serien wie ›Vikings‹, dass die Zeit an die Helden gekoppelt ist;¹⁹ reale Zeitverhältnisse spielen eine untergeordnete Rolle. Das ist, nebenbei bemerkt, nichts anderes als mittelalterlich-heldenepischer Erzählstil. Eigentlich vergehen zwischen den in der Serie dargestellten historischen Ereignissen von Staffel 1 und Staffel 4 beispielsweise mehr als 80 Jahre; Protagonist Ragnar Lodbrock steht aber, auch wenn minimal gealtert, weiterhin in vollem Saft. Messbare Zeit spielt in Heldenepen eine untergeordnete Rolle; ein historisch-narratologisches Spezifika, das die Serie ›Vikings‹ ebenfalls nutzt.
Ragnar in Staffel 1 und Staffel 4 im Vergleich.
Der Flucht aus dem Alltag hilft ein solcher Umgang mit Zeit ungemein: diese soll hintenanstehen, bestimmt sie doch den Alltag der Rezipierenden schon zu genüge. Ob nun TV-Serien, Filme, Viking-Metal, Comics und Mangas: Geschichten von Wikinger-Held:innen begeistern. Grund dafür ist neben der „Zeitlosigkeit“ der Epoche eben auch deren Rolle als Sehnsuchtsort; ein Ort der Freiheit, der Naturverbundenheit und Spiritualität, aber auch ein Ort von klaren gesellschaftlichen Strukturen und Rangordnungen. Die Welt ist „einfach“; noch nicht so kompliziert wie unsere globalisierte Welt und funktional-differenzierte Gesellschaft heute.
Dass eine stratifikatorisch-differenzierte (hierarchisch organisierte) Gesellschaft der Kategorie „Freiheit“ widerspricht ist egal, denn Freiheit gilt ohnehin nur für die vermeintlich privilegierten (potenten) Gruppen (Adlige, Reiche und Warlords), welchen man sich als (weiße:r) Rezipient:in verbunden fühlt oder fühlen soll. Aber auch das hobbymäßige Schlüpfen in bestimmte historische Kostüme oder Rollen zählt hier natürlich dazu. Hierzu später mehr, wenn wir uns damit beschäftigen, wie die einzelnen Kategorien neben- und ineinander wirken können.
Objectivity-related-medievalism
Als dritte Kategorie kommt nun erneut die Wissenschaft in Spiel; aber nicht nur. Objektbezogenheit meint hier vor allem den Versuch, das Mittelalter so plausibel (oder um das Unwort zu verwenden: korrekt) wie möglich darzustellen. Diesen Anspruch verfolgt natürlich einerseits die Wissenschaft, auch wenn wir als Wissenschaftler:innen (meistens) nicht mehr den Ansprüchen Leopolds von Ranke nachhängen, Geschichte so zu erzählen, „wie es eigentlich gewesen“ ist.²⁰ Der Versuch, die Vergangenheit an sich zu rekonstruieren, kann aber, wie eingangs erwähnt, nur mit Annäherung auf Basis der uns vorhandenen Quellen gelingen.
Auf einem anderen Blatt steht das „Wie“ der Annäherung. Besonders eindrucksvoll zeigt die Beschäftigung mit den Wikingern, wie ganz unterschiedliche Disziplinen international ineinandergreifen und sich gegenseitig bereichern können. Berühmt sind hier vor allem die transdisziplinären Forschungen wie die zur „Kriegerin von Birka“²¹ oder zum Beenden des Mythos von „blonden Wikingern“.²² Hier finden dann auch kulturwissenschaftliche Disziplinen wie Gender-Studies und auch Postcolonial-Studies ihre Anknüpfungspunkte.
Doch nicht nur die Wissenschaft verfolgt den Anspruch sich der „Historischen Wirklichkeit“ anzunähern. Wikinger-Reenactementgruppen auf der ganzen Welt wollen „ihre“ Epoche so gut es geht rekonstruieren und begeben sich dabei, obgleich in aller Regel wissenschaftliche Laien, in die Untiefen von Museen, Archiven und Forschungsliteratur. Solche Varianten von „Citizen-Science“ versuchen daher ebenfalls, die eigene Beschäftigung mit der Vergangenheit mit wissenschaftlichem Standard zu verbinden und unterliegen dennoch weiterhin weitestgehend dem Irrtum, die Vergangenheit, so wie sie wirklich gewesen sei, rekonstruieren zu können. Für Laien wie auch für die Wissenschaft ist es wichtig zu verstehen, dass die Rekonstruktion der Vergangenheit maximal ein Konsens darüber sein kann, was die plausibelste und objektivste Annäherung an das Mittelalter sei.
Neomedievalism
Im Rahmen der letzten Kategorien schauen wir uns an, was passiert, wenn nicht das „Mittelalter“ als historische Epoche rezipiert, umgearbeitet oder missbraucht wird, sondern dezidiert bereits vorhandene Medievalisms. Es geht dabei um eine meta-reflexive Sichtweise auf Medievalisms und das Konstrukt „Mittelalter“ an sich. Hier besteht eine enge Verbindung zur Postmoderne,²³ da Neomedievalisms ein durchaus neueres Phänomen in der Geschichte der Mittelalterrezeption darstellen. Grundlage ist weniger die Bezugnahme auf die Vergangenheit, sondern die Bezugnahme auf bereits bearbeitete Vergangenheit, folglich „Geschichte“.
Dekonstruktivismus, Feminismus und Postkolonialismus sind hier einschlägige Stichwörter. Es geht einerseits um ironische Überblendung, andererseits um das Thematisieren aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Das Mittelalter wird dadurch als Themenfeld auch inklusiver. Man arbeitet sich an bereits vorhandenen Vorstellungen vom Mittelalter ab.²⁴
Thorvinns Schwester findet den im Schnee begrabenen, aber noch lebenden Sklaven.
Ein Beispiel: In der Anime-Adaption des Mangas ›Vinland-Saga‹²⁵ wird bereits in der ersten Folge²⁶ das Thema Sklaverei aufgegriffen und verhandelt. Das Thema an sich ist nicht das, was es diesen Teil der Episode zu einem Neomedievalism macht, sondern die Präsentation des Themas; demnach das „Wie“ der Erzählung und nicht das „Was“.
Der als gewalttätiger und unbesiegbarer Heros eingeführte Vater (Thors) des Protagonisten (Thorfinn) verschont in der Episode das Leben eines vor seinem Haus gefundenen Sklaven, der einem benachbarten Jarl gehört. Selbstverständlich hat dies einerseits mit der Sympathiesteuerung in Bezug auf die Charaktere zu tun. Thors ist ein sanfter Riese, der nun der Gewalt abgeschworen hat. Andererseits ist dies eine Art von Neomedievalism, da hier ein Thema verhandelt wird, das „klassische“ Medievalisms der Wikingerzeit gerne aussparen, weil ein Held, der – ähnlich einem Dietrich von Bern – erst als gewaltsamer unbesiegbarer Krieger und gleichzeitiger Zauderer eingeführt wird, nun auch mit (post)modernen Idealen eines Helden aufgeladen wird. Soll heißen: Der „Wikinger-Held“ Thors wird hier entgegen der Darstellung von Wikinger-Helden als reine Rauf- und Saufmaschinen mit fragileren Charakterzügen versehen; ein Charakter also, der auch auf heutige gesellschaftliche Fragestellungen zugeschnitten ist. Neben diesem Aspekt der Geschlechterrolle wird dies an einem Thema wie der Sklaverei verhandelt, das durch den „postcolonial turn“ wieder verstärkt problematisiert und thematisiert wird.
I‘m not a princess, I‘m a Schieldmaiden…
Wichtig ist nun, nachdem wir uns die vier Kategorien von Medievalisms erschlossen haben, zu betonen, dass diese nun rein theoretisch innerhalb von einem Phänomen, einer Inszenierung von Geschichte, existieren können. Dazu will ich das Beispiel der Schildmaid aufgreifen. Die ersten mehr oder weniger popkulturellen Vertreterinnen finden sich unter anderem in den Opern Richard Wagners.
Den mitunter größten Einfluss auf das heutige Bild der Schildmaiden haben, vor allem in Bezug auf die breite Öffentlichkeit, wohl die Figur Eowyn aus der Fantasytrilogie ›Der Herr der Ringe‹²⁷ und mittlerweile wohl auch die Figur der Lagertha aus ›Vikings‹. Wie können wir nun in der Schildmaid unsere vier Kategorien erkennen?
Amalie Materna als Brunhild.
Ich beginne mit dem Escapistical Medievalism. Dieser zeigt sich neben den vielen Film- und Serien-Adaptionen vor allem in der Reenactement- und LARP-Szene. Der Typus der Schildmaid, die sich in einem männlich dominierten Umfeld durchzusetzen weiß, ist eine populäre Rolle, die natürlich, vor allem für nicht-männliche Personen, einen hohen Rezeptionsanreiz bietet. Online-Shops bieten hier mitunter gleich das ganze Set an.²⁸
Auch auf „massentauglicheren“ Events wie Mittelaltermärkten sind Schildmaiden oft zu entdecken. Ebenso tritt sie immer wieder als vorgefertigte Charakterschablone im „Pen und Paper“-Rollenspiel und in MMORPGs auf. Im Hinblick auf den Objectivity-related Medievalism ist hier das oben bereits erwähnte Grab von Birka im akademischen wie nicht akademischen Bereich immer wieder Dreh- und Angelpunkt, wenn es um die Frage geht, welchen Stellenwert Kriegerinnen in der Kultur und Gesellschaft der Wikinger innegehabt haben. So bieten archäologische Funde wie dieser die Interpretationsmöglichkeit, Schildmaiden „historisch“ plausibel werden zu lassen.
Aber auch ein weitgehend neutrales Beispiel wie dieses ist nicht frei von politischem Missbrauch. Einerseits gibt es beispielsweise Re-Enactementgruppen, die in Bezug auf vermeintlich „historische Fakten“ nicht-männliche Personen aus dem Kreis bestimmter nachspielbaren Figuren und Rollen exkludieren wollen. Andererseits gibt es aber auch heute in der Neuen Rechten die Stilisierung von Frauen als Kriegerinnen und Valkyren; als Verteidigerinnen der Traditionen.²⁹ Eine kürzlich erschienene Recherche von Correctiv zeigt auf, wie verbreitet die Wikinger-Germanen-Romantik bei Influencerinnen aus dem neu-rechten Spektrum ist.³⁰ Letzteres ist natürlich an und für sich auch eine Form des Neomedievalism.
Zum Abschluss wollen wir hier jedoch die positiven Seiten des Neomedievalism Schildmaid aufgreifen. Denn durch ihn wird losgelöst von der Frage nach historischer „Korrektheit“ eine Teilhabe an (post)modernen Rezeptionen des Mittelalters für nicht-männliche Personen ermöglicht; vor allem mit den oben erwähnten Beispielen aus Film und Serie gibt es starke Identifikations- und Vorbildfiguren. Wikinger:innen müssen also nicht immer nur muskelbepackte haarige Männer sein, die sich ihren Weg durch Feindesscharen schnetzeln. Im Sinne des Neomedievalism darf hier jede:r als Schildmaid mitschnetzeln; sei es auf einer Wiese im spielerischen Kampf, in gemütlicher Runde auf dem Papier oder im virtuellen Raum von Tamriel (die Welt der ›The Elder Scrolls‹-Reihe) oder Thedas (die Welt der ›Dragon-Age‹-Reihe). Bei jeglicher Form der Aneignung vom „Mittelalter“ – wie hier im Speziellen Facetten der sogenannten „Wikingerzeit“ – sind die oben kategorisch aufgezeigten Dimensionen von Medievalism sukzessive mitzudenken.
Literatur
[1] Vgl. Ina Karg (Hrsg.), Nibelungen-Rezeption, Bielefeld 2008; Ulrich Müller, Die Auferstehung der Nibelungen. Beobachtungen zur gegenwärtigen Rezeption des Nibelungen-Mythos, in: Sabine Heimann / Gotthard Lerchner / Ulrich Müller / Uta Störmer (Hrsg.), Soziokulturelle Kontexte der Sprach- und Literaturentwicklung. Festschrift für Rudolf Große zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1989 (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik 231), S. 495-506; Andrea Sieber, Bunt, light, seriell? – Nibelungen-Rezeption zwischen Eskapismus und Partizipation, in: Volker Gallé (Hrsg.), Vom finsteren zum bunten Mittelalter: Wissenschaftliches Symposium der Nibelungenliedgesellschaft und der Stadt Worms vom 16. bis 18. Oktober 2015 im Wormser Kultur- und Tagungszentrum, Worms 2017, S. 91-118.
[2] Vgl. Nils Holger Petersen, Medievalism and Medieval Reception: A Terminological Question, in: Studies in Medievalism 17 (2009), S. 36-37.
[3] Vgl. Jörn Rüsen, Was ist Geschichtskultur?. Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann (Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln u. a. 1994, S. 5.
[4] Vgl. Mary Jane Toswell, The Tropes of Medievalism, in: Studies in Medievalism 17 (2009), S. 69.
[5] Vgl. Elisabeth Emery, Medievalism and the Middle Ages, in: Studies in Medievalism 17 (2009), S. 82-83.
[6] Vgl. Ulrich Müller, Formen der Mittelalter-Rezeption: Teil II, in: Peter Wapnewski (Hrsg.), Mittelalter–Rezeption: ein Symposion, Stuttgart 1986, S. 508.
[7] Vgl. Elisabeth Emery, Medievalism and the Middle Ages, in: Studies in Medievalism 17 (2009), S. 78: „The common denominator among the multiple, interdisciplinary forms of medievalism takes is method: how and why various individuals and institutions have chosen to engage with the Middle Ages”.
[8] Begriff nach Assmann. Vgl. Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Ders. (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988, S. 9-19. Vgl. hierzu auch Nicolas Huss, Ist das Mittelalter oder kann das weg? Zur Debatte um Authentizität in Kingdom Come: Deliverance, in: PAIDIA (2018), URL: https://www.paidia.de/ist-das-mittelalter-oder-kann-das-weg-zur-debatte-um-authentizitaet-in-kingdome-come-deliverance.
[9] Vgl. Volker Gallé, Vom finsteren zum bunten Mittelalter – eine Einführung, in: Ders. (Hrsg.), Vom finsteren zum bunten Mittelalter: Wissenschaftliches Symposium der Nibelungenliedgesellschaft und der Stadt Worms vom 16. bis 18. Oktober 2015 im Wormser Kultur- und Tagungszentrum, Worms 2017, S. 11.
[10] Vgl. Anti-Defamation League Hate Symbols Database, Vinland Flag, URL: https://www.adl.org/education/references/hate-symbols/vinland-flag.
[11] Vgl. Paul B. Sturtevant, Schrödinger’s Medievalism, in: Public Medievalist (2017), URL: https://www.publicmedievalist.com/schrodinger.
[12] Zur „Entdeckung“ Vinlands durch die Wikinger vgl. Rudolf Simek, Vinland!: Wie die Wikinger Amerika entdeckten, München 2016.
[13] Vgl. Else Ebel (Hrsg.), Die Vínlandsagas. Ausgewählte Texte zur Entdeckung Amerikas durch die Wikinger. Mit Anmerkungen und Glossar, Tübingen 1973.
[14] Vgl. Hatewatch Staff, Flags and Other Symbols Used By Far-Right Groups in Charlottesville, in: Hatewatch (2017), URL: https://www.splcenter.org/hatewatch/2017/08/12/flags-and-other-symbols-used-far-right-groups-charlottesville.
[15] Vgl. hierzu auch Veronica Ortenberg-West-Harling, Medievalism as Fun and Games, in: Studies in Medievalism 18 (2010), S. 2 und Christian Rohr, Das Mittelalter als Spiel und Parallelwelt – Annäherungen und Klischeebildung in der modernen Populärkultur, in: Volker Gallé (Hrsg.), Vom finsteren zum bunten Mittelalter: Wissenschaftliches Symposium der Nibelungenliedgesellschaft und der Stadt Worms vom 16. bis 18. Oktober 2015 im Wormser Kultur- und Tagungszentrum, Worms 2017, S. 21-22.
[16] Vgl. ›Vikings‹ (Kanada & Irland seit 2013; Idee: Michael Hirst).
[17] Ubisoft Montreal: ›Assassin’s Creed: Valhalla‹ (Montreuil 2020, Ubisoft).
[18] Vgl. Florian Kragl, Gibt es eine Heldenzeit? Vergangenheitskonzeptionen in hoch- und spätmittelalterlicher Literatur, in: Ders. / Johannes Keller (Hrsg.), Heldenzeiten – Heldenräume: Wann und wo spielen Heldendichtung und Heldensage? 9. Pöchlarner Heldenliedgespräch, Wien 2007 (= Philologica Germanica 28), S. 61-86.
[19] Übrigens eine Eigenheit mittelalterlichen Erzählens. Vgl. Uta Störmer-Caysa, Kausalität, Wiederkehr und Wiederholung. Über die zyklische Raumzeitstruktur vormoderner Erzählungen mit biographischem Schema, in: Harald Haferland (Hrsg.), Historische Narratologie – mediävistische Perspektiven, Berlin u.a. 2010 (= Trends in medieval philology 19), S. 362.
[20] Leopold von Ranke, Vorrede zur ersten Ausgabe. Oktober 1924, in: Sämtliche Werke. Bände 33 und 34, Leipzig: 1974, S. VII.
[21] Vgl. Charlotte Hedenstierna-Jonson u.a., A female Viking warrior confirmed by genomics, in: American Journal of Physical Anthropology 164, 4 (2017), S. 853-860.
[22] Vgl. Ashot Margaryan u. a., Population genomics of the Viking world, in: Nature 585 (2020), S. 390-396.
[23] Vgl. Amy S. Kaufman, Medieval Unmoored, in: Studies in Medievalism 19 (2010), S. 2: “Neomedievalism is one way of doing medievalism, one that requires certain philosophical and technological shifts in order to exist at all. Yet while medievalism can exist perfectly independently at any point in time, neomedievalism, despite its seeming ahistoricity, is historically contingent upon both medievalism itself and the postmodern condition”.
[24] Vgl. Lesley Coote, A Short Essay about Neomedievalism, in: Studies in Medievalism 19 (2010), S. 29-32.
[25] ›Vinland-Saga‹ (Japan 2019; Drehbuch: Hiroshi Seko / Kenta Ihara).
[26] Regie: Shūhei Yabuta: ›Somewhere Not Here‹, in: ›Vinland-Saga‹ (Japan 2019; Drehbuch: Hiroshi Seko / Kenta Ihara), Staffel 1, Folge 1.
[27] ›Der Herr der Ringe‹ (Filmtrilogie) (USA / Neuseeland 2011-2003, Regie: Peter Jackson).
[28] Vgl. https://www.battlemerchant.com/tag/schildmaid.html.
[29] Vgl. Amy S. Kaufman / Paul B. Sturtevant, The Devil’s Historians: How Modern Extremists Abuse the Medieval Past, Toronto 2020, S. 90-92.
[30] Vgl. Kein Filter für Rechts, URL: https://correctiv.org/top-stories/2020/10/06/kein-filter-fuer-rechts-instagram-rechtsextremismus-frauen-der-rechten-szene.