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Mittelalterliche Weihnachtsempfehlungen 2020

Die besinnliche Jahreszeit steht vor der Tür, und was gibt es Schöneres als sich oder den Lieben etwas Gutes zu tun? Aus diesem Grund stellen wir euch diesen Monat ganz persönliche "mittelalterliche" Empfehlungen vor, mit denen ihr euch oder anderen die Zeit versüßen könnt. Wir wünschen allen eine schöne Adventszeit und ein gesegnetes Fest!



Tobias Enseleit (Historiker)

Es gibt nur wenige Bücher, die einen durch das gesamte Studium begleiten. Solch ein Buch ist die Monographie ›Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter‹ von Joachim Bumke, mittlerweile ein Klassiker in der Mediävistik und gleichermaßen für Germanisten wie Historiker von Relevanz.



Die ›Höfische Kultur‹ stellt nach wie vor eine ideale und ausführliche Einleitung zur Geschichte, Sach- und Literaturkultur des (hoch-)mittelalterliches Hofes dar und behandelt damit einen zentralen Aspekt der Epoche. Nach Sachthemen geordnet und mit Übersetzungen ins Neuhochdeutsche versehen, finden sich auch Studienanfänger und interessierte Laien schnell ins Thema ein.



Handschriftenproduktion, Festkultur, Handwerk, Architektur und Kommunikation – Joachim Bumke zeigt mit großer Belesenheit den Facettenreichtum der höfischen Kultur auf und schlägt dabei eine interdisziplinäre Brücke zwischen den einzelnen mediävistischen Fachdisziplinen.



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Eine sehr gelungene Überblicksdarstellung, die sich zudem noch "gut weg lesen lässt" – und somit eine schöne wie sinnvolle Lektüre während der ruhigen und besinnlichen Festtagen (und darüber hinaus) darstellt.



Lukas Boch (Kirchenhistoriker)

Corona wird dieses Jahr dafür sorgen, dass wir noch mehr Zeit als sonst im Kreise unserer Liebsten verbringen werden. Gegen die damit möglicherweise verbundene Langeweile könnte ein Brettspiel helfen.



Ein Spiel für die ganze Familie, mit einfachen Regeln aber vielen strategischen Möglichkeiten ist der Klassiker ›Carcassonne‹ von Klaus-Jürgen Wrede aus dem Jahr 2000:



Bei diesem Legespiel baut ihr gemeinsam an einer blühenden Landschaft im mittelalterlichen Setting. Ihr errichtet Klöstern, bewirtschaftet Wiesen und baut Städten mit Mauern. Aber Vorsicht: Bei der Endwertung erhält nur der mit den meisten Meeple in einer Stadt die ganzen Punkte. Was als Gemeinschaftsprojekt beginnt, kann also ganz schnell auch zu einem Alleingang werden.



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Wenn ihr hingegen eher den direkten Konflikt sucht und über die Weihnachtstage lieber Plündern und Brandschatzen möchtet oder einfach eure Kollegen aus der Mediävistik beeindrucken wollt, lege ich euch ›Deus lo Vult‹ von ›Hiatus Games‹ ans Herz:



Das Spiel bezeichnet sich selbst als „eine eklatant geschmacklose und gehässige Parodie über Raserei, Verrat und Agonie für 2-4 Spieler.“ Während des Spiels übernimmt man die Kontrolle über eine Kreuzfahrernation und hat das Ziel, möglichst viel Reichtum zusammenzutragen.



Besonders hervorzuheben sind die opulente Aufmachung und die wunderbaren Illustrationen im Stil mittelalterlicher Buchkunst. Selbst wenn einem die Regeln nicht gefallen, kann man das Spiel immer noch im Bücherregal präsentieren.



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Michael Badelin, ›Deus lo Vult‹, hiatus Games 2020.



Dr. Lea Kohlmeyer (Germanistin)

Für junge – aber auch für ältere – Geschichtsinteressierte ab dem Schulalter ist ›Das Leben im Kloster. Ein Benediktinermönch im Mittelalter‹ (erschienen 2007) empfehlenswert, um das klösterliche Leben kennenzulernen und ins frühe Mittelalter einzutauchen.



Anschaulich und fachkundig beschreibt die Autorin Annette Adelmeyer den Tagesablauf im Kloster, den Konvent als Lebensort und -gemeinschaft: Das fiktive Tagesbuch eines Mönchs aus dem Jahr 1012 bildet die Grundlage für die Beschreibungen zu Wohnung und Kleidung, zum benediktinischen Beten und Arbeiten, zum Umgang mit Freunden und Familie, zu den Bereichen Lernen und Forschen, zu Fasten und Feiern und schließlich zu Gesundheit und Krankheit.



Leserinnen und Leser begleiten den jungen Benediktinermönch Ebbo und können miterleben, wie sich das klösterliche Leben (im Mittelalter) vom heutigen Alltag unterscheidet – und welche erstaunlichen Gemeinsamkeiten es gibt.    



In graphisch abgesetzten Informationskästchen am Seitenrand werden Begriffe und Institutionen (wie etwa „Benediktinerregel“ oder „Skriptorium“) erklärt; hier begegnet auch eine charmante Klostermaus. Moderne und geistreiche Zeichnungen veranschaulichen den Text und runden die Entdeckungstour junger Rezipienten auf gelungene Weise ab.



Entstanden ist das Buch im Zusammenhang mit dem ›Verein des Klosters und der Kaiserpfalz Memleben e.V.‹, der sich für den Erhalt und die Belebung des romanischen Klosters u. a. museumpädagogisch engagiert.



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Wer nach einem Blick hinter die Klostermauern im Mittelalter noch weitere Bereiche des Lebens und Wirkens von Mönchen (und Nonnen) kennenlernen möchte, dem seien die folgenden, ähnlich gestalteten, Bände unbedingt empfohlen. Hier begleiten Leserinnen und Leser die Klostermaus in eine mittelalterliche Schreibstube, entdecken, dass die Herstellung von Büchern Handwerk und Kunst zugleich war, und erfahren, dass ein Klostergarten viel mehr ist als ein Ort, an dem Nutz- und Heilpflanzen wachsen.



Dr. Florian Nieser (Germanist)

Wer in Sachen Wikinger über unsere Themenwoche(n) hinaus noch nicht genug bekommen konnte oder erst jetzt so richtig Interesse daran gefunden hat und zudem noch eine Schwäche für Frank Miller und die Artussaga hat, dem sei die Serie ›Cursed - Die Auserwählte‹ empfohlen.



Basierend auf der gleichnamigen Graphic Novel von Frank Miller kann man sich bereits denken, dass der Kopf hinter ›300‹ sicher nicht zum Kanon in Sachen Artussaga gezählt werden sollte, aber genau das kann ja auch sehr spannend sein. Neue Wege und Zugänge zu einem derart prominenten Sagenkreis rund um Merlin, das Schwert Excalibur und den Artushof bringen oftmals auch neue Perspektiven auf kulturelle Transformations- und Aneignungsprozesse tradierter Stoffe. Mit ›Cursed‹ verhält es genauso – wenn man bereit ist, einer nicht zu tief gehenden und popkulturellen Verarbeitung dieser Stoffgeschichte eine Chance zu geben.



Es treffen Dark Fantasy, Wikinger und zentrale Figuren des Artushofs in unterschiedlichen Rollen aufeinander, was die Serie zugleich zu einem Schaustück des Facettenreichtums von "Medievalism" macht, aber fast auch schon zu einem Stück Fanservice für all diejenigen, die schon immer wissen wollten, wie es sein kann, dass ein Wikinger in ›Assassin's Creed: Valhalla‹ das Schwert Excalibur besitzen kann...



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Möchte man sich aus einer stärker wissenschaftlich geprägten Perspektive heraus mit der Serie beschäftigen, ließe sich dingtheoretisch aus dem in ›Devil‘s Tooth‹ umgedeuteten Schwert Excalibur sicherlich eine Menge herausziehen – seien es die Triskelen im Knauf und der Parierstange des Schwerts oder die keilschriftartigen Insignien auf der Klinge.



Ob nun aus purer Unterhaltungslust oder Forschungsneugier kann sich ein Blick in ›Cursed - die Auserwählte‹ also lohnen.



Nicolas Huss (Germanist und Historiker)

Die nachfolgenden Empfehlungen eignen sich aus unterschiedlichen Gründen perfekt für die Weihnachtszeit. Der erste Tipp wird in jeder Diskussion am familiären Weihnachtstisch nützlich sein, wenn die Tante wieder mal Corona mit der Pest vergleicht oder ein Geschwisterteil meint, tagespolitische Zustände als "mittelalterlich" zu bezeichnen. Zum Schmökern sei daher für alle politisch Interessierten oder als Geschenk für alle, die schon immer die Beschenkten über falsche Mittelaltermythen aufklären wollten, das Buch ›The Devil's Historians‹ von Amy S. Kaufman und Paul B. Sturtevant empfohlen.



Das Buch ist zwar auf englisch, dafür aber sehr zugänglich geschrieben und vor allem auch für Lai:innen sehr spannend. Damit kann man eben auf jeder Familienfeier mit Hard-Facts zum Mittelalter glänzen. It is Fun at Parties!



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Der zweite Tipp eignet sich für alle, die aus bekannten Gründen die Weihnachtszeit doch lieber alleine oder mit dem / der Partner:in verbringen möchten. So hat man zum Bingen genügend Zeit und kann sich auf ›Vinland-Saga‹ freuen.



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Die Anime-Adaption des gleichnamigen Mangas kann ich sehr empfehlen, auch wenn man ihn bislang noch auf Amazon-Prime-Video mit deutschen Untertiteln im japanischen Original schauen muss. Die Serie hat erfrischend neue Ideen, wartet aber doch mit klassischen grandiosen Heldenerzählungen auf. Für Wikinger- und Anime-Fans ein Muss!