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Der Kopf der Hanse: Im Interview mit Jens Natter

Geschichte künstlerisch aufzubereiten, erfreut sich schon seit je her großer Beliebtheit. Insbesondere Comics und Graphic Novels entführen auf ganz eigene Art in die Vergangenheit. Wir haben mit dem Illustrator und Zeichner Jens Natter über seine neue Graphic Novel ›Der Kopf der Hanse‹ gesprochen, die bei ›Edition 52‹ erschienen ist und welche turbulente Episoden aus der Hansestadt Lübeck des Spätmittelalters erzählt – darüber, wie er sich der Geschichte inhaltlich angenähert und wie er sie grafisch ins Bild gesetzt hat.



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Illustrator Jens Natter mit einem eigens signierten Exemplar von ›Der Kopf der Hanse‹.



Mittelalter Digital: Lieber Herr Natter, Ende letzten Jahres ist Ihre neueste Graphic Novel ›Der Kopf der Hanse‹ veröffentlicht worden – ein Thema, das Leserinnen und Leser wie die schon mit Ihrer Graphic Novel ›Hammaburg‹ in die Geschichte Norddeutschlands entführt (hier findet ihr unser entsprechendes Interview). Wie kam es dazu, dass Sie sich nach den Abenteuern des Missionsheiligen Ansgar, der sich mit hohen Erwartungen und plündernden Wikingern herumschlagen musste, diesmal mit einem spätmittelalterlichen Abschnitt norddeutscher Geschichte gewidmet haben?



Jens Natter: Im Grunde war die Hanse als Leitthema überfällig, da ich bereits seit Jahren die Regionen Norddeutschlands zeichnerisch in unterschiedlichen Formaten bearbeite. Das hat verschiedene Gründe wie z. B. kürzere Laufwege bei Recherchen und langjährige Kontakte zu vielen Institutionen.



Hinzu kam, dass ich nach ›Hammaburg‹ der Abwechslung wegen nicht direkt im Anschluss ein weiteres Hamburg-Buch machen wollte. Da bot sich die Nachbarstadt Lübeck an, die ich natürlich schon mal besucht habe, aber mit einem solchen Projekt einmal genauer kennenlernen konnte.



Mittelalter Digital: Wahrscheinlich haben die meisten Menschen schon etwas von der Hanse irgendwo einmal gehört. War Ihnen das Thema schon im Vorfeld einigermaßen vertraut? Worum geht es in ›Der Kopf der Hanse‹ genau?



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Cover der Graphic Novel ›Der Kopf der Hanse‹.



Jens Natter: Tatsächlich nur in groben Zügen. Wenn ich ein solches Projekt angehe, dann immer mit dem Antrieb viel über das Thema zu lernen und die Erkenntnisse in kreativer Form der Leserschaft anzubieten. Gerade bei der Hanse haben die meisten von uns ja eigene Vorstellungen –  aber was genau machte die Hanse aus und was sind dort für Geschichten verborgen, die den Kaufmanns- und Städtebund anschaulich erklären?



Mit dieser Neugier stürze ich mich als geschichtsinteressierter Autodidakt dann immer in die Recherche. Und bei dieser bin ich dann im Holstentormuseum bei einer Infotafel über das Schicksal Johann Wittenborgs hängen geblieben.



Johann Wittenborg ist der Protagonist in ›Der Kopf der Hanse‹. Er war ein Lübecker Kaufmann und Bürgermeister im 14. Jahrhundert. In meinem Buch mausert er sich durch teils zwielichtige Geschäftsmethoden zu einem der führenden Köpfe des Städtebundes und wird gar deren Oberbefehlshaber im Krieg mit dem dänischen Königreich.



Aufgrund eines taktischen Fehlers verliert er jedoch eine entscheidende Schlacht und wird deswegen vom eigenen Rat zum Tode verurteilt. Das ist jedoch ein recht ungewöhnlicher Vorgang, weswegen die Forschung heutzutage annimmt, das Wittenborgs Geschäftsmethoden bereits viel früher dem Rat ein Dorn im Auge waren, so dass die verlorene Schlacht das Fass nur zum Überlaufen brachte.



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Geistreiches Stilelement sind die aufwendig inszenierten Bildkompositionen, bei denen Szenen ineinander übergehen.



Mittelalter Digital: Viel Zeit für Recherche und die Erstellung haben Sie seinerzeit für Ihre ›Hammaburg‹ aufgebracht. War der Weg zur neuen Graphic Novel ähnlich aufwendig und haben Sie auch hier in Vorbereitung den Austausch mit Wissenschaftlern oder Kulturinstitutionen gesucht?



Jens Natter: Ja, die Recherche hat wieder deutlich über drei Jahre gedauert. Allerdings habe ich zeitgleich auch noch an anderen kleineren Wimmelbuch-Projekten gearbeitet. Der Austausch mit den Fachleuten der entsprechenden Museen war erneut sehr wichtig. Ich kann als Autodidakt unmöglich in dieser Zeitspanne allein eine komplette Epoche erfassen.



Wichtigster Ansprechpartner für die meisten Fragen und auch prüfende Instanz war das Europäische Hansemuseum in Lübeck. Für speziellere Fachfragen wandte ich mich dann an weitere Museen. Im Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, wo ja auch die „Bremer Kogge“ aus dem 14. Jahrhundert zu bestaunen ist, erfuhr ich viel über die mittelalterliche Seefahrt. Im Salzmuseum Lüneburg bekam ich Informationen und Anschauungsmaterial über den wichtigen Salzhandel. Ich bin sogar bis nach Helsingborg in Schweden gefahren, wo in der Erzählung eine wichtige Schlacht stattfand, um dort zu sehen, wie die Stadt landschaftlich eingebettet ist.



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Das Figurenpersonal von Jens Natters Graphic Novels sind stets echte "Charakterköpfe".



Mittelalter Digital: Die Quantität an Bildquellen aus dem Frühmittelalter, die sich als Inspirationsquelle für eine Comicadaption anbieten, ist überschaubar – insbesondere für die Hammaburg hatten Sie ja auch intensiven Austausch zu den archäologischen Ausgrabungen, die uns heute ein Bild über den Zustand der Anlage im 9. Jahrhundert geben. Konnten Sie für das spätmittelalterliche Lübeck und Dänemark auf eine größere und andere Quellenbasis zurückgreifen? Welche haben Sie genutzt?



Jens Natter: Grundsätzlich habe ich natürlich selber erst einmal viele Fachbücher gelesen. Hinzu kam, neben den vielen Gesprächen mit den ExpertInnen, natürlich der Fundus an Originalgegenständen und Modellbauten in den kulturellen Einrichtungen.



Insbesondere das Hansemuseum hat wunderbare Themenräume, ohne die ich gerade bei den Abbildungen ziemlich aufgeschmissen gewesen wäre. Insgesamt lässt sich schon sagen, dass viel mehr Originalmaterial als bei ›Hammaburg‹ greifbar war. Aber das Aussieben hat dafür umso mehr Arbeit gemacht. Denn die vermeintliche Menge an Architekturdenkmälern aus der Hansezeit war größtenteils aus dem 16.Jahrhundert. Wittenborgs Geschichte spielt wesentlich früher.



Um halbwegs authentische Bilder liefern zu können, musste ich also immer auch die Altersangaben von Gebäuden und Objekten prüfen. Ganz durchhalten konnte ich das nicht immer. Aber immerhin ist es soweit stimmig, dass beispielsweise das Holstentor nicht im Comic auftaucht, weil es erst Ende des 15. Jahrhunderts errichtet wurde.



Mittelalter Digital: Empfanden Sie das „Mehr“ an Quellenmaterial beim Zeichen und der Gestaltung als Last oder als Problem? Wo belastbare Quellen fehlen, bedarf es hier und da ja etwas Fantasie, eine Geschichte bis ins letzte Detail darzustellen: War vor diesem Hintergrund die künstlerische Freiheit für ›Der Kopf der Hanse‹ etwas eingeschränkter? Oder wie haben Sie die Quellenadaption diesmal empfunden?



Jens Natter: Aufwendig war diesmal eher aus der Masse an Material die richtigen Sachen herauszufiltern. Etwas dünn war die Informationslage zu den Biographien Wittenborgs und Warendorps. Da musste ich mir die Lebenswege aus mehreren wissenschaftliche Aufsätzen zusammenschreiben. Es gibt zu der Person Wittenborg auch weiterhin viele Vermutungen, die jetzt nicht hundertprozentig bewiesen sind.



Da gibt es herausgerissene Seiten aus seinem Handelsbuch und angedeutete Griffe in die Kirchenkasse, die dann eben zu der Vermutung führten, dass er ein eher durchtriebener Geschäftsmann war. Aus diesen Puzzlestücken habe ich dann versucht, eine logische Handlung aufzubauen. Diese beruht also auf vielen Andeutungen in den Quellen, aber es ist dann natürlich einiges an Fiktion im Spiel, um die Lücken zu füllen.



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Der dänische König reitet nicht nur durch eine Szene, sondern auch über eine Landkarte – auf diese Weise wird die Handlung regelmäßig anschaulich komprimiert.



Mittelalter Digital: Die ›Hammaburg‹ hat seinerzeit den – unserer Meinung nach gelungenen – Versuch gewagt, sowohl kleine wie große Rezipientinnen und Rezipienten anzusprechen. War das auch dieses Mal Ihr Anspruch? Oder richtet sich ›Der Kopf der Hanse‹ an ein anderes Publikum. Wir empfanden die neue Geschichte als etwas komplexer.



Jens Natter: Ja, offenbar wurden mit dem Voranschreiten der geschichtlichen Vorgänge auch die Strukturen komplexer. Haben wir bei Hammaburg es weitestgehend noch mit dem Konflikt Wikinger und Fränkisches Reich zu tun, treten bei der Hanse wesentlich mehr „Player“ auf. Bei der Hanse handelte es sich ja nicht um ein starres Gebilde. Da herrschte auch unter den Städten ein Kommen und Gehen und jede hatte so ihre eigenen Interessen. Wenn dann noch Handelsboykotte gegen Grafen oder Konflikte mit Königen dazukommen, gibt es viel zu erzählen.



Ich hatte dennoch den Anspruch die Alterspanne bei einer an der Hanse interessierten Leserschaft so groß  wie möglich zu halten. Während ›Hammaburg‹ meiner Meinung ab 10 Jahren schon lesbar ist, wäre meine Einstiegsempfehlung für ›Der Kopf der Hanse‹ doch erst ab etwa der siebten Klasse, also dem Alter, in dem die Hanse auch im Unterricht vorkommen könnte.



Mittelalter Digital: Oft ist es ja so, dass man sich als Autor auch selbst für etwas begeistern kann: Zum Abschluss daher die Frage: Gab es einen Aspekt oder eine Figur Ihres Projekts, der oder die Ihnen besonders gut gefallen hat?



Jens Natter: Grundsätzlich gefiel mir die Geschichte deswegen so sehr, weil wir hier mit Wittenborg eine sehr spannende Lebensgeschichte bekommen, mit der sich viele Merkmale und Ereignisse der Hanse erklären lassen. Die Hanse bezeichnet sich zum ersten Mal auf einem Hansetag als solche, es gibt einen Handelsboykott gegen Flandern, die erste große Pestwelle erreicht Nordeuropa und die bürgerliche Städte wagen sogar den Konflikt mit Königen.



Mittelalter Digital: Lieber Herr Natter, vielen Dank für die Einblicke in den Entstehungsprozess von ›Der Kopf der Hanse‹! Wenn ihr nun mehr erfahren wollt: Die Graphic Novel findet ihr auf der Webseite von ›Edition 52‹, mehr zu Jens Natter auf seiner Webseite.



Das Interview führte Tobias Enseleit.