Zum Hauptinhalt springen
Artikel Artikel

Der lächelnde Engel von Reims

Das Mittelalter begegnet einem überall. Manchmal ganz unverhofft, wie mir gestern im Münsteraner Hauptbahnhof auf dem Weg nach Herne, wo im LWL-Museum für Archäologie aktuell und bis Mai 2020 die sehenswerte Sonderausstellung ›Pest!‹ läuft. Dort, in der Bahnhofshalle, wird nach deren Umbau mittlerweile auf digitalen News- und Werbebildschirmen über Sinn und Unsinn des Weltgeschehens informiert.



Und auf einem dieser Bildschirme, zwischen die Werbetrommel rührenden Magermodels, putzigen Äffchen, denen man beim Obstknabbern zusehen konnte, und dem nicht so putzigen Stefan Effenberg, der seinen Sermon zu den neuesten Transfergerüchten von sich gab, erschien für ein paar Sekunden der lächelnde Engel von Reims zusammen mit einem kurzen Erklärtext.



Mittelalter_Digital_Kolumne_Der_laechelnde_Engel_von_Reims_1.webp

Der lächelnde Engel, entstanden um 1250, am nördlichen Portal der Westfassade der Kathedrale von Reims.



Der lächelnde Engel, so wurde grundsätzlich erst einmal richtig informiert, ist eine von mehr als 2300 Steinskulpturen, die an der gotischen Kathedrale von Reims (der Bau wurde im Jahr 1211 begonnen) angebracht sind. Reims war im Mittelalter einer der bedeutendsten Orte Frankreichs, denn dort wurden die französischen Könige gekrönt. Der Engel – so der Bildschirmtext weiter – habe Namen und Berühmtheit aufgrund seines "süffisanten Lächelns" erlangt.



Nun kann man beim Ansehen der Skulptur durchaus den Eindruck gewinnen, der Reimser Engel würde süffisant, arrogant und selbstherrlich auf die Besucher der Kathedrale herabblicken. Aber keine Interpretation läge ferner.



Mittelalter_Digital_Kolumne_Der_laechelnde_Engel_von_Reims_Selige_Mainz.webp

Der Zug der Seligen am Westlettner des Mainzer Domes. Die Figuren, einige staunend, andere wie das Kind lächelnd, stehen kurz vor dem Einzug ins Paradies.



Denn was der Engel durch seinen Blick und sein Lächeln ausstrahlt, ist hilaritas. Dieser lateinische Begriff ist tatsächlich einigermaßen schwierig zu übersetzen. Wörtlich würde man ihn ins Deutsche als "Frohsinn" oder "Heiterkeit" übertragen.



Im religiösen Kontext geht die Bedeutung der hilaritas aber noch viel tiefer. Dort bedeutet der Begriff in etwa so etwas wie Glückseligkeit. Das Lächelns des Engels, der ja Einblick in die himmlischen Sphären besitzt, ist ein entrücktes und entzücktes, das bereits um die Herrlichkeit Gottes weiß, die am Ende aller Tage auch jene schauen werden, die dann ins Himmlische Jerusalem einziehen.



Mittelalter_Digital_Kolumne_Der_laechelnde_Engel_von_Reims_Reglindis_Dom_Naumburg.webp

Rechts die Stifterfigur Reglindis im Naumburger Dom mit demselben verzauberten Lächeln.



Insofern ist der Engel jenseits allen weltlichen Überlegensheitsgebarens. In seinem Gesicht spiegeln sich für den Betrachter das Glück und Heil, die auch er irgendwann erfahren wird, wenn er auf dem rechten Pfad bleibt. Wir kennen aus dem Mittelalter zahlreiche solcher Darstellungen, etwa die klugen Jungfrauen am Magdeburger oder Straßburger Dom oder die Seligen am Westlettner des Mainzer Doms, die Stifterfigur Reglindis im Westchor des Naumburger Doms und viele mehr. Sie alle sollen Glückseligseit ausstrahlen – und keineswegs Arroganz und Überheblichkeit (was in den Kontext ihrer Bildwelt auch überhaupt nicht passen würde).



Es ist meines Erachtens grundsätzlich richtig und lobenswert, etwas Kultur und Geschichte in den öffentlichen Raum zu tragen (auch wenn sie zwischen ehemaligen Sportprofis und seltsamen Quizfragen versteckt wird). Wenn man sie aber thematisiert, dann doch bitte richtig – ansonsten propagiert man ein Geschichts- und Kulturbild, das falscher nicht sein kann.