›Der Rhein. Leben am Fluss: Eine archäologische Zeitreise von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter‹: Im Interview mit Dr. Elke Nieveler
Tobias Enseleit
Im Vorausblick auf die Eröffnung der neuen archäologischen Dauerausstellung im Frühjahr 2027 lädt die Ausstellung ›Der Rhein. Leben am Fluss: Eine archäologische Zeitreise von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter‹ im LVR-LandesMuseum Bonn mit einer besonderen Auswahl herausragender Objekte zu einer faszinierenden archäologischen Zeitreise von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter ein. Wir konnten mit der Kuratorin Dr. Elke Nieveler über die Genese und Gestaltung der Präsentation sprechen.
Dr. Elke Nieveler ist seit 2012 wissenschaftliche Referentin für das Frühmittelalter am LVR-LandesMuseum Bonn. Sie hat in Bonn und Kiel Vor- und Frühgeschichte, Mittelalterliche und Neuere Geschichte sowie Klassische Archäologie studiert. Ihre Dissertation befasste sich mit merowingischen Besiedelungen im Erftkreis und im Kreis Euskirchen. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Fund- und Siedlungsgeschichte der Merowinger im Rheinland sowie merowingerzeitliche Chronologie.
Mittelalter Digital: Liebe Frau Nieveler, in Vorbereitung auf eine neue Dauerausstellung widmen Sie sich in Ihrem Haus aktuell unter dem Titel ›Der Rhein. Leben am Fluss: Eine archäologische Zeitreise von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter‹ der Frage, wie Menschen in historischer Perspektive an einem großen Fluss gestalteten. Wie kam es dazu, diesen Schwerpunkt für die Neugestaltung der Präsentation zu wählen? Und welche Zeiträume betrachten Sie in der Ausstellung?
Ausstellungsansicht.
Elke Nieveler: Wir haben das Thema ›Leben am Rhein‹ gewählt, weil der große Fluss seit der Steinzeit und bis heute als Verkehrsader und Lebensumfeld mit Vor- und Nachteilen bestimmend für das Leben der Menschen war. Aufgrund der regen Siedlungstätigkeit und Grabungstätigkeit bewahren wir gerade aus dem direkten Umfeld des Rheins auch Funde aus allen Epochen auf, die zahlreiche dieser Aspekte beleuchten, sodass sich dieses Thema für eine kurzen, beispielhaften Überblick anbot.
Mittelalter Digital: Die Bezeichnung „Vater Rhein“, in der Antike bereits lat. „Rhenus pater“, gibt einen Hinweis auf die Bedeutung des Flusses: Welche Rolle spielten in vormodernen Kulturen Flüsse im Allgemeinen und insbesondere der Rhein für den Verkehr, Transport und Informationsaustausch?
Elke Nieveler: Flüsse gehörten zu den wichtigsten Verkehrswegen und waren wirtschaftlich aber auch strategisch von großer Bedeutung. Sie boten nicht nur Rohstoffe und Lebensmittel, auf ihnen konnten Waren transportiert und Menschen in großem Stil reisen und so auch Ideen verbreitet werden.
Ausstellungsansicht einer Reiterhelmmaske.
Mittelalter Digital: Naheliegender Weise legt die Ausstellung einen starken inhaltlichen Fokus auf das Leben und Wirken der Römer am Rhein, welche die Flüsse nutzten, um Herrschaft zu etablieren und zu wahren. Wie gestaltete sich das Leben am Fluss nach ihrem sukzessiven Rückzug? Immerhin verloren mit Mainz und Köln (am Rhein) und Trier (an der Mosel) drei römische Gründungen perspektivisch keineswegs ihre Bedeutung, sondern stellten mit ihren Erzbischöfen Personen, welche die Reichsgeschichte maßgeblich prägten.
Elke Nieveler: Die Ausstellung behandelt nicht nur die römische Zeit, sondern belegt auch die Siedlungstätigkeit am und das Leben mit dem Rhein und der von ihm geprägten Landschaft in Vorgeschichte und Mittelalter.
Wir sehen zwar einen Verfall staatlicher Macht am Rhein in der Spätantike, dennoch bleibt die römische Infrastruktur bis weit ins Mittelalter bedeutsam und das Rheinland dicht besiedelt. Das betrifft nicht nur die unmittelbaren Rheinufer, sondern auch die zentralen Orte und die strategischen Punkt wie Rheinübergänge und Verkehrsknotenpunkte etwa bei Furten oder Mündungsgebieten der Sieg oder der Lippe, die den Weg nach Osten öffneten.
Ausstellungsansicht.
Die Ausstellung thematisiert dies für das frühe Mittelalter anhand der Funde aus Schwarzrheindorf auf der rechten Rheinseite, wo die Sieg und eine Fernstraße mündeten sowie eine Furt vermutet werden kann. Dort wird bereits in römischer Zeit ein Stützpunkt vermutet, im Frühmittelalter bleibt dieser Knotenpunkt dicht besiedelt und behält seine Bedeutung im Besitz der Grafen von Wied, die später dort die berühmte Doppelkirche von Schwarzrheindorf errichten ließen.
Über den Rhein wurden im Mittelalter die Erzeugnisse der großen Grundherrschaften und auch Waren transportiert wie etwa die Produkte der mittelalterlichen Keramikwerkstätten im Vorgebirge, in Mayen oder später in Siegburg.
Scheibenfibel, Ende 6. / Anfang 7. Jahrhundert.
Mittelalter Digital: Der Untertitel der Ausstellung ›Eine archäologische Zeitreise‹ gibt einen Hinweis, auf welcher inhaltlichen Grundlage die Präsentation steht. Auf welche Exponate können Sie in der Ausstellungsgestaltung zurückgreifen?
Elke Nieveler: Alle Exponate stammen aus der Sammlung unseres Museums, wurden bei Grabungen im Rheinland geborgen und in unserem Museum konserviert und erforscht. Schon in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden einige Grabungen interdisziplinär geplant und durchgeführt, d. h. es wurden auch viele organische Reste geborgen und erforscht. Sie können uns heute viel über Umweltbedingungen, Tier- und Pflanzenwelt, Ernährung und Wirtschaftsweisen erzählen.
Mittelalter Digital: Mit Blick in das Frühmittelalter legen Sie einen Fokus auf das sog. Haus Meer, eine Niederungsburg in Form einer hölzernen Motte, deren Rekonstruktion, die in der Ausstellung zu sehen ist, nur noch wenig vom vermeintlichen Glanz der Römerzeit erhalten hat. Was war das für eine Anlage und was wissen wir heute über das Leben der Menschen, welche die Burg bewohnten?
Elke Nieveler: Motten sind die früheste Form der Burgen am Beginn des Hochmittelalters und wurden sehr kunstvoll rein aus Holz errichtet. Haus Meer mit einem Beginn der Bebauung Ende des 10. Jahrhunderts ist dabei einer der frühesten Belege. Natürlich erhalten sich organische Baumaterialien und auch Raumdekorationen sehr viel schlechter als die römischen Steinbauten.
Modell der ‚Motte‘ Haus Meer in Meerbusch.
Das heißt aber nicht, dass dort primitivste Verhältnisse geherrscht haben. Die Funde und Befunde benötigen auch einen sehr viel größeren Aufwand an Konservierung und Rekonstruktion. Die Motte – obwohl in einem Rheinarm gelegen – war dauerhaft besiedelt. Tierknochen und botanische Reste weisen Viehhaltung, Obstanbau und auch Getreideanbau auf den etwas höher gelegenen Terrassen im unmittelbaren Umfeld nach. Handwerke wurden ausgeübt, es wurde gekocht und auch die Freizeit verbracht, wie die erhaltenen Spielfiguren zeigen. Die Motte war Zentrum eines größeren Grundbesitzes, sicherte Wasser- und Fischereirechte. So erklärt sich auch die Anwesenheit bewaffneter Bewohner.
Mittelalter Digital: Eine Ausstellung lebt auch immer von ihrem Rahmenprogramm: Uns hat beispielsweise gut gefallen, wie die Ausstellung Gestaltungs- und Designprozesse transparent macht und einen Einblick gibt, wie sich „hinter den Kulissen“ viele Gedanken gemacht wurden, Exponate zu inszenieren oder historische Kontexte aufzubereiten. Auf welchen Wegen versuchen Sie darüber hinaus, Besucherinnen und Besucher noch stärker zu involvieren?
Elke Nieveler: Wir erklären auch, woher wir etwas wissen, welche Quellen uns zur Verfügung stehen und was wir daraus folgern. In der neu konzipierten Dauerausstellung werden wissenschaftliche Zusatzinformationen, etwa Grabungsbedingungen und Forschungsmethoden für Interessierte im Mediaguide und in Medienstationen zur Verfügung stellen.
Doppelgrab von Oberkassel.
Ich selber mache zum Beispiel auch öfter selber Führungen und diskutiere mit den Besucherinnen und Besuchern, welche Informationen sie zusätzlich gerne hätten. So werden wir das Modell von Haus Meer auch mit Augmented Reality zusätzlich erfahrbar machen. Dazu drehen wir einzelne Szenen, die Handwerkstechniken ausführlich und detailliert darstellen, morgen und übermorgen zusammen mit französischen Kolleginnen und Kollegen.
Ferner ermöglicht unser Ausstellungsbereich „Das Museum der Zukunft“ im 2. OG des Museums den Besuchenden, ihre Meinungen und Wünsche zu dokumentieren.
Mittelalter Digital: Liebe Frau Nieveler, herzlichen Dank für die Einblicke in die Arbeit hinter den Kulissen von ›Der Rhein. Leben am Fluss: Eine archäologische Zeitreise von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter‹. Weitere Informationen zur Ausstellung findet ihr auf der Webseite des LVR-LandesMuseums Bonn.