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Zwischen den Kulturen: ›Theoderich der Große: König der Goten – Herrscher der Römer‹ von Hans-Ulrich Wiemers

Vor Kurzem ist die zweite Auflage von Hans-Ulrich Wiemers' ›Theoderich der Große: König der Goten – Herrscher der Römer‹ im Verlag C.H. Beck erschienen, ein dichtes und umfangreiches Buch, das auf fast 700 Seiten Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die spannende Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter nimmt.



Im Zentrum der Biographie steht der titelgebende Gotenkönig Theoderich († 526), dem es am Ende des 5. Jahrhunderts gelang, ein gotisches Königtum in Italien – und darüber hinaus – zu errichten. Dabei musste er nicht nur über seinen gotischen Stammesverband herrschen, sondern auch über die Einwohner der ehemaligen weströmischen Provinzen.



Hans-Ulrich Wiemers geht der spannenden Frage nach, wie sich Theoderich als Anführer eines „barbarischen“ Gewalthaufens etablieren, wie er in vielfältiger Auseinandersetzung mit dem oströmischen Kaisertum eine eigene Herrschaft in Italien gründen und wie er sein Königtum über dreißig Jahre erhalten konnte. Denn als König der Goten in Italien musste er auch Herrscher über die dort lebenden Römer sein – und einen Weg finden, diese zwei kulturell, religiös und sprachlich unterschiedlichen „Völker“ unter einer Regentschaft zu vereinen.



Mit Liebe fürs Detail

Hans-Ulrich Wiemers' Mammutband kann erschlagend wirken – und tatsächlich muss man bei der Lektüre bereit sein, dem Autor in die gesellschaftlichen und politischen Feinheiten des 5. und 6. Jahrhunderts zu folgen. Das aber lohnt sich sehr: Wir lernen einen gotischen Anführer kennen, der als Geisel in Konstantinopel sozialisiert wurde, sich nach seiner Rückkehr aber schon in jungen Jahren bei „seinen“ Goten durch Gewalt und Terror einen ruhmreichen Namen machte. Wir erhalten vielfältige Einblicke in die sog. Völkerwanderungszeit, in der „barbarische“ Gewaltverbände ihren Platz im Imperium Romanum suchten und dabei in gesellschaftliche, politische und militärische Wechselwirkung mit den oströmischen Kaisern traten, die über viele Regionen ihres ehemaligen Großreiches keine direkte Herrschaft mehr ausüben konnten.



Dass das weströmische Reich aber nicht sang- und klanglos „unterging“ und von tumben und barbarischen Tyrannen zugrunde gerichtet wurde, zeigt Hans-Ulrich Wiemers in seiner Biographie mehr als anschaulich. Denn Theoderich errichtete, nachdem er in Italien seinen germanischen Vorgänger und Widersacher Odoaker nach Jahren des Krieges hinterrücks ermordete, keine stumpfe Barbarenherrschaft auf den Ruinen des antiken Roms.



Vielmehr stieß er einen diffizilen Austarierungsprozess mit den lokalen und überregionalen Eliten an, um seiner Herrschaft, in deren Zentrum die Stadt Ravenna stand, eine längerfristige Überlebenschance zu ermöglichen: mit dem altehrwürdigen und nach wie vor mächtigen römischen Senatorenstand, mit den kirchlichen katholischen Würdenträgern, allen voran dem Papst, mit den anderen germanischen Herrschern jenseits der Grenzen seines Reiches und mit dem oströmischen Kaiser, in dessen Herrschaftsanspruch Theoderichs Königtum formal aufging.



Ein König in turbulenten Zeiten

Herausfordernd gestaltete sich dabei für Theoderich insbesondere die Integration in die römische Lebenswelt seiner gotischen Krieger, auf dessen Gewaltpotential seine Herrschaft fußte. Denn ihre Gefolgschaft und ihr Einsatz im Krieg verlangten nach reicher Belohnung, den sie in Italien in Form von Landbesitz erhielten und der auf Kosten der einheimischen Eliten ging, die ihrerseits eine Kompensation erfahren mussten, um Theoderichs Herrschaft mitzutragen.



Theoderich inszenierte sich vor diesem Hintergrund als Herrscher über zwei Völker, die sich unter seinem Königtum harmonisch ergänzen sollen: hier die kriegerischen Goten, welche das Reich militärisch absichern sollen, dort die zivilen Römer, die das Reich verwalten und erhalten sollen. Dass dieses Ideal nicht immer erreicht werden konnte, zeigt Wiemers an zahlreichen politischen und juristischen Beispielen auf und entführt seine Leserinnen und Leser damit in die Tiefen der gesellschaftlichen und juristischen Verwaltungsprozesse und Traditionshorizonte des römisch-gotischen Westroms am Übergang zwischen Spätantike und Frühmittelalter.



Als Anhänger der arianischen bzw. homöischen Glaubenskonfession fanden sich Theoderich und die Goten zudem in einer katholischen Welt wieder. Theoderich umschiffte das theologische Pulverfass, das sich zwischen den Konfessionen befand, indem er seine katholischen Untertanen und die kirchlichen Würdenträger nicht unterdrückte oder benachteiligte, sondern sie eigenständig schalten und walten ließ. Dadurch erwarb er sich einen Ruf als neutraler König, der von den Katholiken seines Reiches in kirchlichen Entscheidungen angefragt wurde.



In der Außenpolitik wob Theoderich ein feines Netz aus Heiratsarrangements und diplomatischen Bündnissen, unter anderem zu seinen fränkischen, vandalischen und burgundischen Nachbarn, das lange Zeit hielt. Im Ernstfall suchte er aber auch die militärische Konfrontation. Sein Geschick brachte ihm schließlich nicht nur die gotische Herrschaft über Italien ein, sondern auch über die iberische Halbinsel und Südfrankreich.



33 Jahre herrschte Theoderich über Italien, doch gelang es ihm nicht, seine Herrschaft innerhalb seiner Familie zu perpetuieren. Das lag vor allem an der Tatsache, dass er keinen Sohn zeugen konnte und dass seine Alternativpläne durch unerwartete Todesfälle durchkreuzt wurden. Und sowohl Franken als auch Oströmer verfolgten den Plan, ihre Herrschaft auf Kosten des gotischen Reichs auszudehnen.



So kam es nach Theoderichs Tod, auch das stellt Hans-Ulrich Wiemers anschaulich wie ausführlich vor, zu den sog. Gotenkriegen, die mit wechselhaftem Schlachtenglück zwischen den Nachfolgern Theoderichs und den Truppen Ostroms über viele Jahre insbesondere in Italien tobten. Gewaltakte etablierten die gotische Herrschaft in Italien, Gewaltakte beendeten sie mehr als 50 Jahre später auch wieder.



Fazit

Hans-Ulrich Wiemers ›Theoderich der Große: König der Goten – Herrscher der Römer‹ ist ein detailreicher wie lesenswerter Ritt durch die gotische Geschichte. Wer aber eine schmalspurige Einführung in das Thema sucht, wird sich von diesem Band erschlagen fühlen. Vielmehr muss man sich darauf einlassen, tief in die gesellschaftlichen wie administrativen Details des spätantiken gotisch-römischen Gemeinwesens abzutauchen. Das Wagnis lohnt sich aber!



Nicht nur lernt man illustre Figuren wie Kaiser Iustinian, Papst Johannes I., den berühmten Cassiodor, die Amalerherrscherin Amalaswintha oder den Frankenkönig Chlodwig kennen. Man lernt auch sehr viel darüber, wie sich in der Spätantike Herrschaft über mehrere Völker und Glaubensrichtungen inszenierte, wo die Stärken und wo die Schwächen einer solchen Inszenierung lagen und wie man Narrative schuf, welche die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen miteinander verbanden.



Ebenso spannend sind dabei die Mechanismen, die immer dann greifen mussten, wenn ein Miteinander – so sehr man es auch propagierte – misslang. Und spätestens damit öffnet diese Biographie, die vor gut 1.500 Jahren zu Ende ging, eine spannende Perspektive auf aktuelle politische und gesellschaftliche Fragestellungen und Herausforderungen.



Das Buch findet ihr beim Verlag C.H. Beck.