EINE MORD(s) GESCHICHTE: Im Interview mit Dr. Katharina Hülscher
Tobias Enseleit
Krimi und Mittelalter gehören spätestens seit Umberto Ecos ›Der Name der Rose‹ für uns heute untrennbar miteinander zusammen. Aber schon die Epoche selbst bietet zahlreiche turbulente Kriminalfälle, unter denen die gewaltsame Ermordung des Kölner Erzbischofs Engelbert I. im Jahr 1225 zu den aufsehenerregendsten gehört. Der Ursprung des Mordes liegt aber nicht in Köln, sondern im Essener Frauenstift.
Im Museum des Essener Domschatzes widmet sich vom 08. November 2025 bis 29. März 2026 die Sonderausstellung ›EINE MORD(s) GESCHICHTE: Selbstbewusste Frauen, machthungrige Männer und der Tod Engelberts‹ eben jener turbulenten Geschichte. Wir konnten mit Dr. Katharina Hülscher, der Kuratorin der Ausstellung, über den Kontext der Ermordung und die Inszenierung der Geschichte im Rahmen einer musealen Präsentation sprechen.
Die Ausstellung widmet sich einem politischen Zwist zu Beginn des 13. Jahrhunderts, in dessen Verlauf ein Erzbischof brutal ermordet wird. Ausgangspunkt des Streits ist der Besitz des Essener Frauenstiftes (siehe rechts auf dem Bild).
Mittelalter Digital: Im Zentrum der Ausstellung steht ein Konflikt zwischen den Essener Stiftsdamen und ihrem Vogt Friedrich von Isenberg, der schließlich sehr hohe Wellen geschlagen hat. Was war der Ausgangspunkt des Zwists?
Katharina Hülscher: Ausgangspunkt des Konflikts war die Vogtei des Stiftes Essen. Friedrich von Isenberg hatte diese inne, wie schon zuvor sein Vater und Großvater. Friedrich beanspruchte sie jedoch in unangemessener Weise für sich, d.h. er schaltete und waltete auf den eigentlich zum Stift gehörenden Gütern weit über die Maße hinaus, wie es ihm eigentlich zugestanden hätte. Dazu versuchte er noch, die Vogtei als erblich auch für seine Nachkommen zu beanspruchen und die zur Vogtei gehörigen Güter zum Ausbau einer eigenen Landesherrschaft zu nutzen. Dies konnten die Stiftsfrauen selbstverständlich nicht zulassen.
Kettenbuch (Liber Catenatus) aus der Zeit um 1410: Das Buch verzeichnet den Grundbesitz des Essener Frauenstifts und die zu leistenden Abgaben der Höfe und Besitztümer. Damit verzeichnet es die wirtschaftliche Grundlage des Stifts. Damit es nicht entfernt werden kann, wurde es mit einer Eisenkette versehen, die sich nur selten erhalten haben.
Mittelalter Digital: Die Stiftsdamen wussten sich in der Auseinandersetzung mit Friedrich durchaus zu helfen und ihr Blatt zu ihren eigenen Gunsten zu gestalten. In diesem Kontext steht insbesondere die inhaltliche „Erweiterung“ der Gründungsurkunde des Essener Damenstiftes. Welche Wege bestritten die Stiftsdamen, um sich nicht von Friedrich übervorteilen zu lassen?
Katharina Hülscher: Sie haben ihre „Gründungsurkunde“ (eine Fälschung aus dem 11. Jahrhundert, da das original vermutlich beim Brand im 10. Jahrhundert vernichtet wurde) mit einem Zusatz versehen. Dieser lautete: „Kein Mensch oder der Vogt soll in Essen Gerichtsgewalt ausüben, ausgenommen nur die Äbtissin. Ausnahmen sind nur die Fälle des Handabschlagens oder der Ruf zum Waffendienst.“ In einer anderen, nachträglich „angepassten“ Urkunde wird das Recht des Vogtes dann nochmals präzisiert und deutlich auf das Recht zur freien Vogtwahl verwiesen.
Blick in die Sonderausstellung.
Mittelalter Digital: Schließlich sollte eine weitere Figur vermittelnd eingreifen: Erzbischof Engelbert von Köln. Was erhofften sich die Stiftsdamen von seiner Intervention und wie gestaltete sich sein Wirken?
Katharina Hülscher: Die Stiftsfrauen hofften natürlich darauf, dass Engelbert ihnen beispringen würde und sie im Ringen um ihre Vogtei unterstützen würde. Der machte jedoch erstmal gar nichts und hielt sich gegenüber Friedrich – mit dem er übrigens verwandt war und wohl auch gut auskam – bedeckt. Erst, als die Frauen sich an Papst und Kaiser wandten, hatte Engelbert keine Wahl mehr und musste aktiv werden.
Mittelalter Digital: Die Essener Stiftsdamen mussten Engelbert mehrmals bitten und lange warten, bis er sich schließlich involvierte. Doch blieb sein erstes Zusammentreffen mit Friedrich von Isenberg ergebnislos. Und nicht nur das: Auf seiner Rückreise nach Köln kam es zu einem blutigen Eklat. Was war passiert?
Katharina Hülscher: Engelbert ritt mit seinem Gefolge von Soest, wo er unter anderem mit Friedrich verhandelt hatte, zurück nach Köln. Bei Gevelsberg wurde er von Friedrich von Isenberg und Begleitern überfallen. Dieser Überfall führte schließlich zu Engelberts brutalem Tod. Vermutlich war diese katastrophale Eskalation nicht geplant. Engelbert sollte vermutlich nur entführt werden – Entführungen aus politischen Gründen waren zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, wenn man sein Anliegen nachdrücklich durchsetzen wollte. Doch durch die Gegenwehr Engelberts, aber wohl vor allem durch das Verhalten der Begleiter Friedrichs, die vielleicht selbst mit ihm ein Hühnchen zu rufen hatten, eskalierte die Situation.
Darstellung der Ermordung Erzbischofs Engelbert, der wehrlos am Boden liegend von einem Schwert durchbohrt wird, aus der Zeit zwischen 1700 und 1800.
Mittelalter Digital: Für die Essener Stiftsdamen bedeutete das Ereignis, dass sie ihren „Widersacher“ Friedrich von Isenberg loswurden, als er in Köln hingerichtet wurde. Hatte sich die Angelegenheit damit für sie erledigt?
Katharina Hülscher: Nicht wirklich. Denn als geistliche Institution benötigten sie immer noch einen Vogte für die Regelungen mancher juristischen und geschäftlichen Fälle, sowie auch für ihren Schutz. Nach Friedrichs Tat fielt die Vogtei zunächst an das Reich und wurde durch Verwalter übernommen. Ab 1238 fungierten die Kölner Erzbischöfe als Vögte – keine ideale Situation, verfolgten doch die Erzbischöfe ganz eigene Interessen im und mit dem Stift.
Reliquiar mit Korallenast aus der Zeit nach 1250: Das Reliquiar selbst besteht aus einem achteckigen Behälter aus Bergkristall, der Reliquien unbekannter Heiliger enthält. Die rote Koralle gelangte als Luxusgut aus dem Mittelmeerraum nach Nordeuropa.
Für die Erzbischöfe war die Vogtei eine Chance, Einfluss auszuüben, war das Stift doch seit dem 10. Jahrhundert in geistlichen Angelegenheiten nur dem Papst, in weltlichen nur dem Kaiser unterstellt. Äbtissin Berta von Arnsberg gelang es dann schließlich, die freie Vogtwahl durchzusetzen. 1275 fiel die Wahl auf König Rudolf von Habsburg – der als König jedoch ausgelastet genug war und als Stellvertreter wieder den Kölner Erzbischof einsetzte.
Erst, als Erzbischof Siegfried von Westerburg im Zuge der Schlacht von Worringen 1288 gefangen genommen wurde, gelang es dem Stift, einen ihnen genehmen Stellvertretervogt einsetzen zu lassen: Graf Eberhard von der Mark. Siegfried war darüber äußerst erbost und versuchte mit allen Mitteln, nach Ende seiner Gefangenahme die Vogtei zurückzuerlangen. Dies gelang ihm nicht, doch sein vehementes Vorgehen, zu denen unter anderem schwere Vorwürfe gegen Berta von Arnsberg gehörten, führten auch innerhalb der Stiftsgemeinschaft zu Auseinandersetzungen.
Blick in die Ausstellung.
Mittelalter Digital: Keine Ausstellung ohne Exponate: Über welche Ausstellungsstücke erzählt die Präsentation die komplexe und spannende Geschichte um den Bischofsmord 1225?
Katharina Hülscher: Die Ausstellung zeigt Darstellungen Engelberts in Form einer (später ihm umgewidmeten) Reliquienbüste, einer barocken, überlebensgroßen Skulptur und Gemälden aus dem 18. Jahrhundert, die ihn im Portrait und die Szene des Mordes zeigen. Gezeigt werden aber auch Engelberts Reliquien, die sich bis heute im Domschatz befinden. Es werden Urkunden und Handschriften ausgestellt. Die Urkunden beleuchten die rechtlichen Abläufe rund um den Streit um die Vogtei, eine der Handschriften – das Kettenbuch – zeigt, wieviel Land das Stift einst besaß und macht deutlich, warum die Vogtei so interessant für Friedrich von Isenberg war.
Eine weitere lässt erkennen, dass die Stiftsfrauen nach Engelberts Tod ihm auf besondere Weise gedachten. Darüber hinaus zeigen zahlreiche Exponate das Selbstbewusstsein der Stiftsfrauen und machten auch heute noch klar, dass sich diese Frauen keinesfalls „die Butter vom Brot“ nehmen lassen wollten.
Armreliquiar aus der Zeit um 1300: Das Reliquiar ließ Äbtissin Beatrix von Holte für Reliquien der Heiligen Cosmas und Damien, der Heiligen Barbara und anderer anfertigen. Nachdem 1275 die Kirche durch einen Brand zerstört wurde, veranlasste Beatrix den gotischen Neubau der Kirche. Das den Fingern aufgesetzte Türmchen verweist auf diesen Kirchenbau.
Es sind einige Objekte mit dabei, die sich normalerweise im Depot und Archiv befinden und sonst nicht in der Ausstellung des Domschatzes zu sehen sind.
Mittelalter Digital: Nach Engelberts Tod wurde der Versuch unternommen, ihn als Märtyrer heilig sprechen zu lassen. Gelang der Versuch? Und welche Rolle spielte er nach seinem Dahinscheiden noch in Essen und für die Stiftsdamen?
Katharina Hülscher: Tatsächlich gelang dies nicht – zumindest wurde er nicht offiziell kanonisiert. Dennoch wird er heute im Erzbistum Köln, Paderborn und im Bistum Essen als Heiliger verehrt. Das Nekrolog, also das Totenbuch des Stiftes Essen, gibt Aufschluss, dass die Stiftsfrauen drei Messen für Engelbert an seinem Todestag feiern sollten. Den anderen Kölner Erzbischöfen stand eine Messe zu – das ist natürlich dann schon ein deutlicher Unterschied.
Dennoch, eine wirkliche Engelbert-Verehrung gab es wohl nicht in Essen. Erst im 18. Jahrhundert, als seine Reliquien nach Essen kamen, die barocke Skulptur und ein großes Chorgemälde mit Szenen seines Lebens entstand, scheint man wieder eine etwas stärkeres Augenmerk auf ihn geworfen zu haben.
Blick in die Ausstellung.
Mittelalter Digital: Heute beobachten wir wieder, wie politische Akteure versuchen, ihre persönliche Machtbasis auszubauen und sich selbst zu bereichern. Lässt sich das Vorgehen Friedrichs von Isenberg damit vergleichen? Und ist uns das Mittelalter damit wieder in einem Aspekt recht nahe gekommen? Immerhin wird etwa die amerikanische Präsidentschaft vermehrt mit dem mittelalterlichen Feudalwesen in eine Reihe gestellt.
Katharina Hülscher: Parallelen im Verhalten sind schon auffällig – besonders, wenn man die „Schmutzkampagne“ anschaut, die Siegfried von Westerburg gegen Berta von Arnsberg anzettelte. Das erinnert doch ein wenig an das Verhalten in Teilen der Politik und bei einigen Medien im Vorfeld der Wahl der neuen Verfassungsrichterin im Frühjahr dieses Jahres.
Doch Friedrichs Verhalten mit dem Vorgehen Trumps oder einiger anderer Politiker*innen zu vergleichen, tut ihm Unrecht. Natürlich handelte Friedrich sowohl für damalige als auch heutige Verhältnisse nicht korrekt. Er und viele andere Vögte nutzten damals bestehende Rechts- und Überlieferungslücken, um das Beste für sich aus der Situation zu machen. Sie alle planten keinen Umsturz oder stellten die grundsätzliche gesellschaftliche Situation in Frage.
Anders als einige der heutigen politischen Akteur*innen. Die möchten ja noch viel mehr als nur das Beste für sich rausschlagen, diese Personen handeln für die Gesamtgesellschaft viel gefährlicher! Hier wird der Weg Richtung Faschismus beschritten, nicht Richtung Mittelalter.
Auch die wunderbaren Exponate der Dauerausstellung sind natürlich bei einem Besuch im Essener Domschatz zu sehen.
Mittelalter Digital: Liebe Frau Hülscher, herzlichen Dank für die Einblicke in die Ausstellung!
Weitere Informationen zur Ausstellung findet ihr auf der Webseite des Essener Domschatzes.
Das Interview führte Tobias Enseleit.