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Es leucht durch grau die fein lasur: Medialität in den Liedern Oswalds von Wolkenstein

Vom 15. bis 17. September 2025 fanden wir uns in einer neunköpfigen Studierendengruppe aus drei verschiedenen Ländern im Brixener Priesterseminar zum Austausch über ein gemeinsames Sujet zusammen: Oswald von Wolkenstein (1376/77–1445). Der Workshop stellte, ebenso wie die damit verbundene Tagung der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft (17.–20.9.2025), das Werk Oswalds vor dem Hintergrund von Medialität, Materialität und Kontextualisierung in den Mittelpunkt. Betreut von erfahrenen Wissenschaftler:innen konnten wir mitgebrachtes Vorwissen zum spätmittelalterlichen Südtiroler Dichter und Sänger vertiefen, diskutieren, vor allem aber unsere Kenntnisse zu Oswalds Werk erweitern.



In Hinblick auf die Medialität, die von Marina Blum (Innsbruck), Benedikt Gnosa (Bonn) und Malte Roll (Bochum) in den Blick genommen wurde, weisen die Lieder Oswalds besondere Qualitäten auf. Für unsere Kleingruppe unter der fachlichen Betreuung durch Prof. Dr. Ingrid Bennewitz von der Universität Bamberg bedeutete dies, ein wissenschaftliches Plakat sowie einen Vortrag zum Thema ‚Medialität in den Liedern Oswalds von Wolkenstein‘ zu gestalten:



Medialität beschreibt die Eigenschaft eines Gegenstandes, als Medium Informationen übertragen zu können. Erfolgt ein Transfer zwischen unterschiedlichen Medientypen (z. B. Text-Bild), wird von Intermedialität gesprochen. Die zu Oswalds Lebzeiten fertiggestellten Handschriften A und B mit seinen Liedern sind Beispiele für diese Intermedialität. Sie vereinen Oswalds Melodien (Musik), Liedtexte (Text) und Bildnisse (Bild). (A: Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2777; B: Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck, Cod. s. n.) Doch Details zur mittelalterlichen Aufführungssituation Oswalds – ein hochkomplexes „Zusammenspiel […] von Rezipienten und Vortragenden“ (Reichlin 2021: 234) – nachzuvollziehen, bleibt eine Herausforderung.



Dank drei differenter Zugänge gelang es, die Thematik vielseitig einzufangen. So beinhaltet das Plakat eine Kurzanalyse zur akustisch-performativen Erzeugung des Wirtshausraums in Oswalds Kl. 70 ›Her wiert, uns dürstet‹. Oswald nutzt akustische Signale um auf eine bestimmte Räumlichkeit – ein Wirtshaus – zu verweisen und eine charakteristische Stimmung in der Performanz des Liedes zu erzeugen. In einem zweiten Block wird vom musikalischen Medium zum visuellen gewechselt. Anhand von Kl. 34 ›Es leucht durch grau‹ wird Oswalds Verwendung von Begriffen der bildenden Kunst reflektiert: Neben einer Terminologie, die zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre oszilliert, verwendet Oswald Begriffe, die sich insbesondere auf die bildende Kunst beziehen lassen. Dazu kommen (marien-)ikonographische Motive, die sich als eine von vielen weiteren Deutungsmöglichkeiten anbieten.



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Neben einer bloßen Fixierung auf die Lieder selbst bot sich zudem eine Betrachtung der Rezeption Oswalds in unserer Gegenwart an. So wird im dritten Teil die Rezeption eines Oswald-Liedtextes in ausgewählten Radierungen des Südtiroler Künstlers Markus Vallazza (1936–2019) untersucht. Es schließt sich der Kreis zur ersten Analyse, da auch Vallazza mit Kl. 70 gearbeitet und eben dieses Lied in seine Kassette Oswald von Wolkenstein. Fünfundzwanzig Radierungen (1973) neben anderen Oswald-Liedern aufgenommen hat.



Der Workshop konnte vor Augen führen, aus welch unterschiedlichen Perspektiven die Auseinandersetzung mit Oswalds Liedern möglich und auch notwendig ist, um ein besseres Verständnis seines Oeuvres zu erhalten. Zugleich wurde deutlich, wie vielfältig und kreativ eine Beschäftigung mit Oswald von Wolkenstein sein kann und welches Potenzial für weiterführende Fragestellungen noch in seinem Œuvre steckt. Für die weitere Behandlung Oswalds Werk im Rahmen zukünftiger Projekte konnte dieser Workshop einen wichtigen Grundstein legen.



Hauptanliegen des Workshops war ebenso der fruchtbare Austausch der Nachwuchswissenschaftler:innen, die ein Interesse zum fokussierten spätmittelalterlichen Lyriker verbindet. Das vorbereitende digitale Arbeiten und Diskutieren der Kleingruppen wandelte sich vor Ort zu einem persönlichen Kennenlernen und Vernetzen in der größeren Studierendengruppe sowie mit Oswald-Expert:innen. Wertvoll war darüber hinaus der Einblick und die Einführung in wissenschaftliche Konferenzen, die für Wissenschaftler:innen zwar Usus, für fortgeschrittene (Master-)Studierende aber teils Neuland sind. Das freundliche Heranführen durch die Oswald-Gesellschaft war somit eine besondere Chance, die hoffentlich auch zukünftige Studierende nutzen können.



Marina Blum (Innsbruck), Benedikt Gnosa (Bonn), Malte Roll (Bochum)



Literatur:

Reichlin, Susanne: Die pragmatische und mediale Dimension des Minnesangs. In: Kellner, Beate / Reichlin, Susanne / Rudolph, Alexander (Hrsg.): Handbuch Minnesang. Berlin / Boston 2021, S. 233–256.