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Materialität und Heil: Zwischen Ordnungsprinzipien, Sprachbildlichkeit und religiöser Semantik. Überlegungen zum Materialitätsdiskurs in der Dichtung Oswalds von Wolkenstein

Was ist „Materialität”? Was ist Materialität von Oswald? Zu Oswald? Das sind die Fragen, die wir uns auf dem Nachwuchsworkshop der ›Oswald von Wolkenstein‹-Gesellschaft zu „Materialität, Medialität, Kontextualisierung” stellten. Jede Kleingruppe erhielt einen programmatischen Begriff aus dieser Trias – und so unterschiedlich sie am Anfang wirkten, lernten wir vom 15.-17.09.2025 doch schnell, wie eng sie miteinander verbunden sind. Der Workshop führte uns nach Brixen, Südtirol auf die Spuren von Oswald von Wolkenstein.



Bei unserer Auseinandersetzung stellten wir fest, dass sich die Definition und Anwendung des Begriffs „Materialität” in den Literaturwissenschaften als unscharf erweist, wobei auch eine Trennung von „Materialität” und „Immaterialität” aufgerufen wird.[1] Zudem zeigt sich eine Unverbundenheit zwischen Fragen nach der Materialität physisch präsenter Dinge und derjenigen von Dingen im Text.



Um diesem Problem zu begegnen, entschieden wir uns, bei dem, was man am intuitivsten als „Materialität” verstehen würde, anzufangen: bei den Handschriften. Um insbesondere mehr Erkenntnisse zur Streuüberlieferung (also der Überlieferung einzelner Oswald’scher Lieder in anderen Kontexten) zu generieren, die auch auf der sich anschließenden Tagung ein Thema sein sollte, setzen wir genau dort an. Bei der Zusammenstellung der Handschriften fiel auf, dass die Lieder Kl. 129 und Kl. 130, immer wieder zusammen in unterschiedlichen Sammelhandschriften überliefert wurden. Diese Lieder sind deutsche Übertragungen der lateinischen liturgischen Lieder ›Mundi renovatio‹, einem Osterlied, und ›Mittit ad virginem‹, einem Marienlied.[2] Wir legten den Fokus auf das Osterlied ›Der werlde verneuung‹ (Kl. 129).



In der kodikologischen Untersuchung der digitalisierten Handschriften Cgm. 715 und Cgm. 1115 konnten wir bestätigen, dass sich Oswalds Lieder hier in Handschriften finden, die das Werk des Mönchs von Salzburg überliefern, dessen enge Verbindung zu Oswalds Werk schon Burghart Wachinger[3] herausstellte.



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Es fiel auf, dass Oswalds Werk in unterschiedliche, aber vermutlich in beiden Fällen monastische Kontexte, eingebunden wurden. Beide Codices nutzen Platz effizient und legen mehr Wert auf den Gebrauch als auf Schmuck. Gebraucht wurden insbesondere die Osterlieder des Mönchs, die intensive Nutzungsspuren aufweisen. Oswalds Versionen sind alternative, nicht autorzentrierte Versionen für die Nutzung in einem liturgischen Kontext, welcher klar im Vordergrund steht. Doch warum Oswalds Lieder es überhaupt in eine Sammlung geistlicher und liturgischer Lieder eines anderen Autors schafften, ließ sich so nicht abschließend klären.



Neben einer Beschäftigung mit der Handschrift als Material haben wir uns auch auf textinterner Ebene mit Materialität auseinandergesetzt. Oswalds ›Der werlde verneuung‹ (Kl. 129) zeigt, beispielsweise durch die Nennung der vier Elemente (Ib, 1–4), der Geschöpfe (Ia, 4) oder der von Nutzgegenständen wie einem Schwert (IIIa, 4), dass Materialität auch auf textinterner Ebene zu finden ist. Durch Strategien der Attribuierung und Verräumlichung erscheinen die Dinge nicht als immateriell, sondern werden prozesshaft verlebendigt.[4] Mögen die Dinge in Kl. 129 zwar physisch nicht präsent sein, zeigen sie über das Zusammenspiel von Visualität und Imagination eine Sprachbildlichkeit auf, die sich im Zuge dessen als eine Form der textinternen Materialität festigt.



Darüber hinaus gibt es in liturgischen Liedern wie Kl. 129 eine weitere Ebene der Materialität, die Sprachbildlichkeit in einen religiösen Zusammenhang setzt. Tatsächlich macht die religiöse Semantik die Präsenz Gottes durch die Erwähnung der Schöpfung (Ia, 2) und durch die Parallelen zwischen der Erneuerung der Natur und der Auferstehung (IIa, 4–5) greifbar. Des Weiteren veranschaulicht die Kraft der vier genannten Elemente (Ib, 1–4) die Macht Gottes durch biblische Intertextualitäten, wobei beispielsweise das Feuer mit dem Urteil Gottes (1. Könige 18,38) und die Luft mit seinem Zorn (Psalm 18,8–9) in Verbindung gebracht wird. Durch die religiöse Semantik entsteht eine weitere Dimension von Materialität, die ein Erschaffen im Sinne der geschilderten Schöpfung hervorbringt.



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Unsere Auseinandersetzung mit verschiedenen Facetten der Materialität in den Handschriften und Texten von Oswald von Wolkenstein hat gezeigt, wie vielschichtig das Konzept „Materialität” wirksam werden kann. Wir haben aber auch gesehen, dass es nicht nur die Verwendung des Begriffs selbst stets zu kontextualisieren gilt, sondern auch, dass Materialität vor allem Rückschlüsse auf Kontexte zulässt, die uns die Entstehung und darüber auch die historischen Bedingungen und Nutzen besser verstehen lassen. Die zahlreichen Diskussionen – zunächst bei Zoom-Treffen zur Organisation unserer Recherche, dann mit den anderen Workshop-Teilnehmer*innen und schließlich bei der Präsentation unseres Posters während der Tagung – haben unsere Ergebnisse um eine interdisziplinäre Untersuchung bereichert. So war es möglich, im Workshop und auf der Tagung neue Perspektiven zu erzielen, andere Interpretationsansätze zu eröffnen, die auch für weitere Lieder Oswalds von Interesse sein können.



Hannah Becher (Frankfurt a. M.), Vivian Donath (Kassel), Marina Giraudeau (Lausanne)



Literatur

[1] Vgl. Angeliki Karagianni, Jürgen Paul Schwindt und Christina Tsouparopoulou: „Materialität”, in: Meier, Thomas, Ott, Michael R., Sauer, Rebecca (Hrsg.): Materielle Textkulturen. Konzepte – Materialien – Praktiken, Berlin / München / Boston 2025 (Materielle Textkulturen 1), S. 33–46, hier S. 33.

[2] Vgl. Freimut Löser: „Oswald von Wolkenstein: Geistliche Lieder”, in: Müller, Ulrich und Springeth, Margarete (Hrsg.): Oswald von Wolkenstein. Leben, Werk, Rezeption, Berlin 2011, S. 251–261.

[3] Burghart Wachinger: Der Mönch von Salzburg. Zur Überlieferung geistlicher Lieder im späten Mittelalter, Tübingen 1989.

[4] Hans Rudolf Velten: „Visualität in der höfischen Literatur und Kultur des Mittelalters”, in: Benthien, Claudia, Brigitte Weingart (Hrsg.): Handbuch Literatur & Visuelle Kultur, Berlin / Boston 2014 (Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie 1), S. 304–320, hier S. 310.