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Rezension: Farbensemantik und Farbensymbolik im Mittelalter. Ein Handbuch

Die Mediävisten Christel Meier und Rudolf Suntrup legen mit dem Buch „Farbensemantik und Farbensymbolik im Mittelalter“ (Band I und II) ein ambitioniertes Werk vor, das sich– dies darf vorweg gesagt sein – als übersichtliche wie präzise ausgearbeitete Überblicksdarstellung zur Anwendung von Farbe im Mittelalter präsentiert und dabei deren theologisches Bedeutungsspektrum beleuchtet. Zugleich zeigt der immense Zeitstrahl, der in diesem Werk „abgearbeitet“ wird, wie sehr sich Vorstellungen und Bedeutungen im Laufe des Mittelalters veränderten.



Über die Autorin: Dr.Dr. Melanie Obraz M.A. studierte Rechtswissenschaften (Staatsexamen); Magister- und Promotionsstudium: Philosophie, alte Geschichte, Mediävistik; Promotionsstudium: Kunstgeschichte; Promotionsstudium: Soziologie – Schwerpunkt Sozialisation. Sie doziert an der Universität Münster, Evangelische Theologie, Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften. Zu ihren Forschungsinteressen zählen: Theologie des Mittelalters, Bild der Frau im Mittelalter; Sozialphilosophie: Sozialisation, Atmosphären-Forschung; Strafrecht: Gnade und Recht; Literaturwissenschaft: Thomas Mann – Gnade, Recht, Strafe.



Das Cover von Band I zeigt eine „Illustration in der C-Initiale zum Lemma ›Color‹: Maler mit Pinsel und Farbschalen in der alphabetischen Enzyklopädie ›Omnebonum‹ von James le Palmer“. Band II schmückt als Cover eine Abbildung von Hildegard von Bingen:



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Umschlagabbildung: James le Palmer, Omne bonum, Illustration zum Lemma color.



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Umschlagabbildung: Hildegard von Bingen, Liber divinorum operum, Vision III 5: Die Farben des Ewigkeits-Zeitenrades in abstrakter Figuration.



Die Arbeit geht der Frage nach, von welchen Aspekten mittelalterliche Künstler im Hinblick auf die Entwicklung einer Farbensemantik und -symbolik beeinflusst wurden und verdeutlicht dabei, wie sehr beispielsweise Fra Angelico und andere Maler in spezifische Kontexte eingebunden waren. Das Aufscheinen der Farben kommt dabei in einer Vielfalt zum Ausdruck, die so eine wichtige Aussagekraft für die Gesamtheit eines Bildes besitzt. Die Farbe ist maßgeblich: Diese Aussage ist zentral für das Werk von Christel Meier und Rudolf Suntrup, die zeigen, wie sehr Farben im Mittelalter ein Eigenleben erlangen und so sehr unterschiedlichen Interpretationen den Weg ebnen.



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Färberküche, Färben von Textilien.



Ultramarinblau wurde beispielsweise mit Gold aufgewogen, da es insofern als ganz besonders galt, als damit das Himmlische und Transzendente zum Ausdruck gebracht wurden. Farben entstehen in einem komplizierten Vorgang, der ein Farbenreiben und spezielle Arbeiten nötig macht. Die Schönheit spiegelt sich in der Leuchtkraft der Farben. Das Licht wird durch sie quasi an die Betrachter übergeben. Obwohl im Mittelalter noch nicht übergreifend von einem individuellen Stil zu reden ist, kündigt sich jener aber mit Blick auf die Farbgebung an. So stellt sich beispielsweise die Frage nach der farblichen Darstellung von Haut und wie diese als erotisches Element zum Ausdruck gelangt.



Damit ist zugleich auf das Herzstück und die Absicht der vorliegenden Bücher zur Farbensemantik und -symbolik verwiesen: Das Hauptanliegen der Untersuchung ist es, die Farbe als etwas Besonderes herauszustellen. Denn durch die Leuchtkraft der Farbe kommt eine spezifische Ästhetik zum Ausdruck, die für das religiöse Verständnis des Mittelalters von Bedeutung ist. Vor diesem Hintergrund avanciert das Mittelalter zu einer hell aufscheinenden Entität, welche die Kraft besitzt, den Bogen zur frühen Neuzeit zu spannen.



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Magister mit Edelleuten in der Landschaft zeigt farbige Stoffe.



Die Autoren rücken hier – um nur einige wichtige Personen zu nennen – Origines, Gregor den Großen, Beda Venerabilis, Hildegard von Bingen, Joachim von Fiore, und Nikolaus Cusanus in den Mittelpunkt, ebenso die neuplatonisch-philosophische Lichtmetaphysik und wenden sich auch der Kritik Rabelais’ zu, um schließlich die emotionale wie auch didaktische Seite (Bd. I, S. 186ff.) der Farbinitiation zu beleuchten. So wird auf die Bedeutung und Unterscheidung der Sinnträger (significans), der Proprietäten (proprietates) und der Bedeutungen (significata) in Schaubildern illustrativ hingewiesen, um so einen Einstieg in das Verständnis der Farbenwelt des Mittelalters zu ermöglichen.



In diesem Punkt zeigt sich sogar eine Verbindung zu Émile Benveniste und Ferdinand de Saussure: Ähnlich wie Benveniste legen die Autoren des vorliegenden Werkes eine stärkere Betonung auf die intuitive und subjektive Seite der Farbe, eben als ihren speziellen Ausdruck, stellen jedoch auch die technische und strukturale Seite der Farbe als gesonderter Sprache in den Vordergrund.

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Die Sieben Freien Künste in zu ihrer Bedeutung passenden farbigen Gewändern auf der bemalten Tischplatte Martin Schaffners von 1533.



Der Unterscheidung von Sprache als System und der individuellen Empfindung einer Farbe wird hier ebenso Rechnung getragen wie der theologisch-religiösen Ebene, auf der die Farbe als Ausdruck einer seelischen Empfindung deutbar ist. Die Farbgebung im Mittelalter ist erfüllt von einer dynamischen und interaktiven Natur der Farbsprache und fordert die Betrachter in ihrer Rolle als Subjekt innerhalb eines theologisch-religiös geprägten Systems. Die intuitiven und subjektiven Aspekte, die Farben im Innerseelischen des Menschen quasi zur Sprache werden lassen, scheint hier ein besonderer Tenor zu sein. Immer geht es dabei um die Deutung der Farben und was sie bewirken – oder auch was sie bewirken sollen.



Von Bedeutung ist vor allem der Einfluss der Antike auf die Farbgebung im Mittelalter. So lehnt sich Isidor von Sevilla († 636) an Plinius und die von ihm detailliert vorgenommenen Farbbeschreibungen an. Wie sollte es möglich sein, den „Glanz der Auferstehung“ sichtbar zu machen, sodass die Betrachter sogleich in ihrer Frömmigkeit bestärkt werden konnten? Für Petrus von Poitiers († 1205) war es die Farbe Weiß, die sich durch diese Qualität auszeichnete (Bd. I, S. 19).



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Illustration in der C-Initiale zum Lemma ›Color‹: Maler mit Pinsel und Farbschalen in der alphabetischen Enzyklopädie ›Omne bonum‹ von James le Palmer.



Wie sehr es die Absicht war, „mit Farben auch abstrakte Sachverhalte zu konstruieren“ (Bd. I, S. 91), um auf diese Weise letztendlich zum Intelligiblen hinführen zu können, belegen die detailreichen Ausführungen der Autoren. Trinitätsfigurationen werden in diesem Zusammenhang ebenso in Augenschein genommen wie auch das Ganze der Welt, welches sich in Licht und Finsternis aufteilt (Bd. I, S. 100). Die Multivalenz im Hinblick auf Bedeutungen und der Abstand, der sich für die Betrachter der Gegenwart auftut, werden durch diese Ausführungen untermauert. So sind dann auch Brückenschläge in Richtung Neuzeit von Interesse, wie sie sich z. B. in Hinsicht auf Johann Wolfgang von Goethe und seinen „Versuch einer Witterungslehre“ ergeben. „Das Wahre mit dem Göttlichen identisch, lässt sich niemals von uns direkt erkennen, wir schauen es nur im Abglanz, im Beispiel, im Symbol, in einzelnen verwandten Erscheinungen“ (Bd. I, S. 157).



Ein ausführlicher Abschnitt widmet sich der Bedeutung François Rablais’ und seiner Kritik, der die Frage stellt, wer nun eigentlich „behauptet, dass Weiß Treu, Blau Beständigkeit bedeut(e)“ (Bd. I, S. 187). Nicht zuletzt deshalb wird Rabelais mit seinem Werk "Gargantua" (1534) vorgestellt, wodurch die Bedeutung von Farben in Rabelais' detailliert ausgearbeiteter Farbenlehre besondere Erwähnung findet. Zentrale Aspekte von Rabelais' Farbenlehre: Bei ihm ist die Gegenüberstellung von Schwarz und Weiß bedeutsam, um Leid und Freude besondere Tiefe zu verleihen. Die rationale Absicherung wie auch die emotionale Verbundenheit mit der Thematik der Farben wird auf jeder Seite des umfangreichen Werkes der Autoren deutlich. Die historische Entwicklung der Bedeutung der Farbgebung wird analysiert und insbesondere im Übergang zur Frühen Neuzeit einer nuanciert mediävistischen Betrachtung unterzogen.



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Franz. Bartholomäus Anglicus, Initialbildern zu den einzelnen Farbenkapiteln: Cap. 12 die hellgelbe Farbe (la flaue couleur; color flavus, glaucus); Cap. 13 die fahle Farbe (la couleur pale; pallidus); Cap. 14 die rote Farbe (la couleur rouge; rubeus color ); Cap. 15 die zitronengelbe Farbe (la couleur citerine et jaune et punicee; citrinus, croceus, puniceus).



Auch richtet sich die Fragestellung auf die Farbbedeutungen der Minne unter den Aspekten der Emotion, der Didaktik und schließlich des Unterhaltungsfaktors. Grün, Weiß, Rot, Blau, Gelb und Schwarz stehen für bestimmte Variationen und Phasen der Minne (Bd. I, S. 193).



Ein umfangreiches Literaturverzeichnis und eine Anleitung zur Benutzung des Lexikons runden die Arbeit ab. Sie führen den Leser zu den Hauptproblemen der mittelalterlichen Sicht auf die Farben und deren "Anwendung" in der Liturgie und der Kunst. Dokumentiert wird damit auch, wie sehr interdisziplinäre Forschungsarbeiten von Bedeutung sind. „In dem hermeneutischen System der Bildexegese erhielten die Farben – lange noch unbemerkt – ihren eigenen Platz neben Dingen, Personen, Zeiten, Orten, Handlungen und Zahlen“.

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Malerin Marcia malt nach ihrem Spiegelbild ein Selbstporträt; Boccaccio, De claris mulieribus.



Fazit

Die Farbenwelt des Mittelalters führt die Leser zu einer Intensität, jene gefühlsmäßig nachzuempfinden, und so mag eine Erweiterung des eigenen intellektuellen wie auch empathischen Horizontes gelingen. Insgesamt handelt es sich bei dieser Forschungsarbeit um ein Muss für Interessierte und Forschende der Mediävistik, die sich der Bandbreite der Farbgebung wie Farbwirkung widmen möchten und so einen Weg in die Welt der mittelalterlichen Farbe geebnet bekommen.



Darüber hinaus behandeln die Autoren das Atmosphärische, das in den Farben zum Ausdruck kommt und jene Aura des Göttlichen verströmt, Vorstellungen, welche die reichhaltige Farbinterpretation des Mittelalters bereithält. Es ist zugleich der Raum der Farbe, der hier von Christel Meier und Rudolf Suntrup thematisiert wird. Ihr Werk ist somit in höchstem Maße interdisziplinär angelegt, vereint es die Fachgebiete der Mediävistik, der Kunstgeschichte und der Theologie mit jenen der Kunstsoziologie.



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Das rote Feuer von Pfingsten, die Feuerzungen des vom Himmel kommenden Heiligen Geistes; dem entsprechend ist die liturgische Farbe von Pfingsten Rot.



Darüber hinaus werden unterschiedliche Farbkompositionen angesprochen, um auf diese Weise auf eine strukturelle Bedeutung des Atmosphärischen hinzuweisen, was sich auch an den gewählten Bildbeispielen eindrucksvoll nachvollziehen lässt. Hier kulminieren mystische, magische und religiöse Bedeutungen des Atmosphärischen und schärfen den Blick auf die Farbe. Es gelingt den Autoren, die Welt des Mittelalters als eine farbige Welt zu präsentieren, die auch grundlegende Erkenntnisse für die theologische Ästhetik der Neuzeit lieferte.



Christel Meier / Rudolf Suntrup, Farbensemantik und Farbensymbolik im Mittelalter: ein Handbuch, 2 Bände, Münster 2025 (ISBN : 978-3-402-25158-4) ist in der ersten Auflage im Verlag Aschendorff erschienen.