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Das Liesborner Evangeliar kehrt zurück: Im Interview mit Dr. Sebastian Steinbach

Das Liesborner Evangeliar ist eine der ältesten, vollständig erhaltenen Handschriften des frühen Mittelalters. Vor 1.000 Jahren geschrieben, kehrt es nun nach einer 200-jährigen Reise durch Europa und Übersee an seinen ursprünglichen Bestimmungsort zurück: in das Museum der ehemaligen Benediktinerabtei Liesborn. Für uns ein guter Grund mit Museumsleiter Dr. Sebastian Steinbach zu sprechen!



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PD Dr. Sebastian Steinbach leitet das Museum Abtei Liesborn des Kreises Warendorf. Er lehrt Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Osnabrück und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.



Mittelalter Digital: Lieber Sebastian, das Liesborner Evangeliar kehrt nach einer sehr langen Reise heim und findet nun in eurem Haus einen angemessenen wie modernen Platz. Kannst du uns darstellen, welche Bedeutung der Codex für Liesborn hat und etwas zu seiner Entstehung sagen?



Sebastian Steinbach: Die Liesborner Abtei gehört zu den ältesten Klosteranlagen in Westfalen. Anfang des 9. Jahrhunderts als Frauenstift gegründet, wurde es 1130/31 in ein Benedktinermännerkonvent umgewandelt. Von der Gründung in der Karolingerzeit bis zu dieser Umwandlung waren es fast 300 Jahre lang Frauen, von denen die Region in einzigartiger Weise geprägt wurde.



Leider gibt es über diese Frühzeit des Klosters nur sehr wenige Quellen und in der Mehrzahl handelt es sich um Sachquellen wie archäologische Funde, Reliquien der Klosterkirche oder architektonische Überreste. Das Liesborner Evangeliar ist die älteste erhaltene Schriftquelle unserer Abtei.



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Der Buchdeckel des Liesborner Evangeliars.



Mittelalter Digital: Für alle, für die das Thema vielleicht noch etwas unbekannt ist: Was genau ist eigentlich ein Evangeliar? Welche Rolle spielte es in der Zeit seiner Entstehung und darüber hinaus? Und wissen wir, wie euer Evangeliar zum Einsatz kam?



Sebastian Steinbach: Ein Evangeliar enthält die vier Texte des Neuen Testaments, die vom Leben und Sterben Jesu berichten: die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Damit waren sie die wichtigsten Texte der christlichen Heilslehre und in der Vorstellung des Mittelalters war Christus selbst in diesem Buch anwesend … sein Körper (lateinisch Corpus) sozusagen.



Das Evangeliar kam während der Messe zum Einsatz und diente dem theologischen Studium. Davon zeugen zahlreiche spätere „Gebrauchsspuren“ wie Korrekturen oder Ergänzungen innerhalb des Textes. Was sich vielleicht negativ anhört, ist ein Glücksfall für die Wissenschaft, denn über diese Gebrauchsspuren erfahren wir eben sehr viel über die intensive Nutzung des Evangeliars… bis hin zu winzigen Wachsflecken, die von den Kerzen stammen, die beim Lesen neben dem Buch standen.



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Das neue "Zuhause" des Evangeliars, stilvoll eingerichtet.



Mittelalter Digital: Nun ist ein Evangeliar innerhalb des mittelalterlichen Literaturbetriebs und seiner Überlieferung aufgrund der großen Nachfrage in der Liturgie keine Seltenheit – ganz im Gegenteil. Inhalt, Gestaltung und theologische Bedeutung gehen in diesem Buchtyp ja ohnehin schon immer eine besondere Symbiose ein. Gibt es Aspekte am Liesborner Evangeliar, etwa in seiner Ausgestaltung, von denen du sagen würdest, sie seien bemerkenswert?



Sebastian Steinbach: Es ist verständlich, dass man heute lieber auf die „Ausnahmehandschriften“ des Mittelalters schaut… das Nibelungenlied beispielsweise oder die Manessische Liederhandschrift. Die Menschen jener Zeit hätten aber ganz anders gedacht. Für sie waren die theologischen Handschriften von weitaus größerer Bedeutung – die Bibeltexte, die Schriften der Kirchenväter oder Traktate bedeutender Kirchenmänner wie Bernhard von Clairveaux.



Unser Evangeliar weist zudem eine Reihe von Besonderheiten auf: Am Anfang steht ein Widmungsgedicht in lateinischen Hexametern, in dem die Äbtissin Berthildis den Codex der Kirche des Heiligen Simeon zum Geschenk macht. Simeon ist der Patron der Liesborner Klosterkirche. Auf der letzten Seite gibt sich ein Diakon Gerwardus in einem Buchstabenrätsel als einer der drei Schreiber zu erkennen. Auf der ersten Seite wurde – wahrscheinlich mit dem Einzug der Benediktinermönche – eine Radfigur (das sogenannte Pater-Noster-Diagramm) nachgetragen, die wie eine Kompassrosette den Weg zu Gott im Zentrum der grafischen Darstellung weist. Dieser Weg führt über die Bitten des Vaterunsers und die Seligpreisungen der Bergpredigt.    



Mittelalter Digital: Nun hat das Evangeliar ja eine außerordentlich lange Abenteuerreise hinter sich: Wie kam es dazu, dass es sich in die weite Welt aufmachte? Was hat es dort alles erlebt? Und wie kam es letztlich zu euch zurück?



Sebastian Steinbach: Nach der Aufhebung des Klosters im Zuge der Säkularisation im Jahre 1803 wurde auch das Inventar aufgelöst und verkauft. Darunter die Klosterbibliothek mit dem Evangeliar. Im Laufe der Jahrzehnte ist es dann durch die Hände zahlreicher berühmter Privatsammler von mittelalterlichen Handschriften gewandert – Sir Thomas Phillipps (1792-1872), Abraham Simon Wolf Rosenbach (1876-1952), Carrie Estelle Doheny (1875-1958) und Martin Olsen Schøyen (1896-1962).



2017 gelang es dem Kreis Warendorf dann mit der Unterstützung zahlreicher Förderer, das Evangeliar zurückzukaufen und an seinen ursprünglichen Bestimmungsort zurückzubringen. Um es in einem würdigen Rahmen präsentieren zu können, wurden in den folgenden Jahren der gesamte Nordflügel der barocken Abtresidenz umgebaut und eine neue Dauerausstellung konzipiert.



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Sakralität und Licht – dem Konzept nach mehr als "mittelalterlich", aber modern inszeniert.



Mittelalter Digital: Ich war ehrlich gesagt ziemlich beeindruckt von den Bildern der neuen Ausstellungsräume, in denen das Evangeliar von nun an der Öffentlichkeit präsentiert wird: Kannst du uns etwas zur Idee und Umsetzung dieser wirklich schönen Inszenierung sagen?



Sebastian Steinbach: Das Liesborner Evangeliar wird in der Mitte eines sakral anmutenden Raumes gezeigt, der aus 22 Stahlplatten besteht – jede acht Meter hoch und zwei Meter breit. Aus ihnen sind zentrale Stellen des Evangelientextes – wie die Weihnachtsgeschichte, die Bergpredigt oder die Kreuzigung – ausgelasert worden. Durch diese Textpassagen fällt nun das Sonnenlicht in den Raum.



Zu den Seiten des Evangeliars befinden sich zwei Vitrinen mit einem Kruzifix aus der Entstehungszeit des Evangeliars um 1000 und ein Kruzifix aus der Zeit, als das Evangeliar seinen neuen Einband bekam, also um 1500. Das ganze Arrangement ist zugleich ein Verweis auf unsere einzigartige Museumssammlung von Kuzifixen und Kreuzigungsdarstellungen mit mehr als 900 Objekten.



Durch die Inszenierung hat der Besucher den Eindruck, er würde sich in einem spärlich beleuchteten Kirchenschiff befinden – genau so, wie das Evangeliar jahrhundertelang aufbewahrt wurde.



Mittelalter Digital: Lieber Sebastian, wir freuen uns schon sehr darauf, das Evangeliar demnächst „persönlich“ kennenzulernen: Natürlich habt ihr euch für den Start seiner Präsentation ein paar schöne Dinge einfallen lassen. Magst du abschließend noch etwas Werbung für das Liesborner Evangeliar und das Museum Abtei Liesborn machen?



Sebastian Steinbach: Das Museum Abtei Liesborn – oder vielmehr das ehemalige Kloster – hat ein äußerst spannende und bewegte Geschichte zu erzählen. Heute beherbergt das Haus verschiedene Sammlungen von Gemälden, liturgischen Gegenständen oder Objekten der Alltagskultur, über die man die Geschichte der Region verstehen und erleben kann. Darüber hinaus bieten wir zahlreiche attraktive Veranstaltungen wie den Handwerkstag, den Kinderweihnachtsmarkt oder Kino im Kreuzgang und die Liesborner Museumskonzerte.



Es lohnt sich also in jedem Fall bei uns vorbei zu schauen… und immer mal wiederzukommen, denn wir bieten natürlich auch regelmäßig wechselnde Dauerausstellungen zu verschiedenen kunst- und kulturgeschichtlichen Themen.



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Das Museum Abtei Liesborn lädt zum Besuch ein.



Mittelalter Digital: Lieber Sebastian, ganz lieben Dank für die spannenden Einblicke! Wer sich näher über das Evangeliar und das Museum Abtei Liesborn informieren möchte, sollte unbedingt die Webseite des Museums besuchen!



Das Interview führte Tobias Enseleit.