Ein Krimi zur Zeit der Reformation: ›Pentiment‹
Tobias Enseleit
Eine lebendige illustrierte Welt, inspiriert von illuminierten Handschriften und gedruckten Holzschnitten, in einer Zeit, in der Europa am Scheideweg großer religiöser und politischer Veränderungen steht – das erzählerische Videospiel ›Pentiment‹ von ›Obsidian Entertainment‹ hat in den letzten Wochen, auch bei Mediävisten, einige Begeisterung ausgelöst.
Mit Recht! Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rolle von Andreas Maler, einem jungen Künstler, der in der rückständigen Abtei Kiersau seine Ausbildung als Handschriftenillustrator abschließen soll. Zur Bevölkerung des fiktiven Ortes Tassing, welcher dem Abt der Abtei unterstellt ist, pflegt Andreas ein enges Verhältnis. Doch als der Gönner und Förderer der Abtei bei einem Besuch ermordet wird, schreitet Andreas als findiger Ermittler ein, um einen alten Freund zu retten – Parallelen zu Umberto Ecos ›Der Name der Rose‹ sind sicher nicht rein zufällig.
Der unscheinbare Held: Andreas Maler.
Wieso das Spiel begeistert, ist auf den ersten Blick womöglich gar nicht so ersichtlich: Denn weder verfügt es als antiquiertes Click and Point-Adventure über eine motivierende und kurzweilige Spielmechanik noch entspricht es optisch dem Stand der Technik. Dafür bietet ›Pentiment‹, und das macht es vielleicht auch für Menschen interessant, die sich sonst nicht für Spiele erwärmen können, eine sehr dichte Geschichte, die sich langsam entwickelt und über 25 Jahre in der Erzählung erstreckt. Denn Tassing und die Abtei Kiersau umgibt ein Geheimnis, das erst ganz am Ende gelüftet wird.
Gleichzeitig vermittelt ›Pentiment‹ mehr als andere „historische“ Spiele über Allgemeinplätze hinausgehend Wissen über die Übergangszeit zwischen Spätmittelalter und Neuzeit. Das ist freilich nicht die Hauptintention des Spiels, zeigt aber den Grad an Detailverliebtheit, den die Entwickler in ihr Werk gelegt haben. So lernen Spielerinnen und Spieler einiges über Handschriftenproduktion, den frühen Druck, das Leben einer Inkluse, religiöse Strömungen und Vorstellungen und, und, und…
Eine Besonderheit des Spiels ist es, dass dessen Handlung „in“ einer bebilderten Handschrift erzählt wird. Entsprechend haben auch die Figuren verschiedene Schrifttypen in ihren Sprechblasen, abhängig davon, ob sie im Skriptorium arbeiten, Bauern oder Drucker sind. Das trägt wie die Illustrationen auf den Rändern der „Spielhandschrift“ sehr zur Atmosphäre bei (Bildnachweis: Obsidian Entertainment).
Das erklärt unter anderem, wieso auch Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler einen Zugang zum Spiel finden. Inwiefern ›Pentiment‹ in der Wissensvermittlung als eine Art Lernspiel Platz finden kann, muss offenbleiben. Dafür ist das Spiel zu sperrig, fordert Muße und Motivation. Denn im Hinblick auf die Spielmechanik machen Spielerinnen und Spieler im Grunde nichts anderes, als die Hauptfigur von Nebenfigur zu Nebenfigur zu dirigieren, um in unvertonten Dialogen die Erzählung voranzubringen.
Die Gemeinde von Tassing ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Ihr Schicksal wird maßgeblich von den Entscheidungen der Spielerinnen und Spieler bestimmt. Beinahe jede einzelne Figur verfügt über eine eigene dichte Hintergrundgeschichte, die sehr zur Qualität des Spiels beitragen.
Das wird von Manchem womöglich als todlangweilig empfunden. Wer aber ein Faible für eine tiefgründige Geschichte hat und bis zum Ende dabei bleibt, wird mit einer Erzählung belohnt, die sonst nur richtig gute historische Romane bieten.
Viele weitere Informationen zum Spiel findet ihr auf dessen Webseite.