Klosterbau wie im Frühmittelalter: Campus Galli
Tobias Enseleit
Mehrere Projekte in Deutschland und darüber hinaus haben sich zum Ziel gesetzt, einen Teil des Mittelalters möglichst authentisch zu rekonstruieren – nicht wie er war wirklich war, sondern so, wie es ihn idealtypisch hätte geben können: Hierzu zählen etwa der Bau der Burg Guédelon in Südfrankreich (hier findet ihr unsere reichbebilderte Empfehlung), das Freilichtlabor Lauresham, das auf historischem Grund und Boden einen karolingerzeitlichen Herrenhof aus der Zeit um 800 errichtet (hier findet ihr unser Interview mit Projektleiter Claus Kropp), und das Projekt Campus Galli, das in Meßkirch in Baden-Württemberg auf Grundlage des weltberühmten St. Gallener Klosterplans ein Kloster des 9. Jahrhunderts mit den Mitteln der Zeit errichtet. Mit dem 1. April 2023 ist die Klosterbaustelle nun wieder für Besucherinnen und Besucher geöffnet.
Wer einmal für einen halben Tag ins Frühmittelalter abtauchen möchte, kann dies auf dem Campus Galli tun: Das riesige Freilichtareal lädt dazu ein, den Fortschritt des Klosterbaus vor Ort zu verfolgen und dabei insbesondere die unterschiedlichen Gewerke kennenzulernen, die für den Bau einer solchen Anlage vonnöten sind. Der Anspruch, den idealisierten St. Gallener Klosterplan mit den Mitteln des Mittelalters zu realisieren, ist gleichsam Chance wie Herausforderung.
Eine Chance insbesondere für die Besucherinnen und Besucher, die mit den Menschen und Handwerkern in Kontakt und in den Austausch zu frühmittelalterlichen Handwerksprozessen und -methoden kommen können, die auf dem Campus Galli Anwendung finden. Denn für die Errichtung eines Klosters braucht es allerhand Expertise: Schmiede, Schreiner, Steinmetze, Glockengießer, Töpfer und viele andere mehr müssen Hand in Hand arbeiten, um das Projekt sukzessive voranzubringen.
Und das ist ziemlich herausfordernd, da sich viele Details, wie vor etwa 1.200 Jahren gearbeitet wurde, nicht erhalten haben. Deshalb ist die Klosterbaustelle auch gleichzeitig ein großes archäologisches Experiment, das im Austausch mit vergleichbaren Projekten, aber auch Universitäten steht, um Erfahrungen zu sammeln und zu teilen.
Das weitläufige Gelände mit seinen Wäldchen und Feldern lädt zum Verweilen ein und bietet auch kleinen Besucherinnen und Besuchern allerhand Abwechslung und Entdeckungen. Und: Der Campus Galli und Meßkirch sind für Mittelalterinteressierte günstig gelegen: Im Norden lockt mit Heidelberg, Mainz, Speyer und anderen Städten eine Kulturregion, die ein reiches mittelalterliches Erbe aufweist, im Süden wartet der Bodensee, in dessen Nähe sich das Kloster St. Gallen befindet, in dem sich dessen Klosterplan im Original besichtigen lässt – die ideale Kombination aus mittelalterlicher Überlieferung und ihrer Realisierung in der Moderne.
Viele weitere Informationen zum Campus Galli findet ihr auf dessen Webseite.