Zum Hauptinhalt springen
Artikel Artikel

›Magie Bergkristall‹: Im Interview mit Dr. Manuela Beer

Magie Bergkristall: Seit dem 25. November 2022 widmet sich im sehenswerten Museum Schnütgen in Köln eine neue Sonderausstellung mit einem Mineral, das sich im kulturellen und religiösen Kontext des Mittelalters großer Beliebtheit erfreute. Bergkristall – klingt ausgefallen? Auf jeden Fall! Das Mineral lädt aber auch dazu ein, in die Vorstellungswelten und das Handwerkskönnen des Mittelalters abzutauchen, um so ein vertieftes Verständnis der Epoche zu erhalten.



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Manuela_Beer.webp

Wir sprachen mit Dr. Manuela Beer, die als Kuratorin die Ausstellung realisierte – über die Idee und das Konzept hinter der Ausstellung, über deren Entstehung und Verwirklichung und natürlich über ihren Protagonisten: den Bergkristall.



Mittelalter Digital: Liebe Frau Beer, schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns ein wenig in „Ihre“ Ausstellung einzuführen. Auch wenn manch einer mit dem Bergkristall ad hoc vielleicht gar nicht so viel anzufangen weiß, ist er in Ihrem Haus ja kein Unbekannter. Das Museum Schnütgen hat selbst 30 Gegenstände und Exponate aus Bergkristall und hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder in verschiedenen Ausstellungskontexten mit ihm beschäftigt. Was war der Grund, sich nun ganz dezidiert und mit Blick auf die zahlreichen Leihgaben und den im besten Sinne inhaltsschweren Begleitkatalog in aller Tiefe mit dem Bergkristall zu beschäftigen?



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Caecilienkirche.webp

Auch die Dauerausstellung, die sich u. a. in der Cäcilienkirche in Köln befindet, sollte jeder Mittelalterfan gesehen haben.



Manuela Beer: Natürlich nehme ich mehr sehr gerne die Zeit, um mit Ihnen über Bergkristall zu sprechen – ein Mineral, dem seit Menschengedenken so manch Magisches und Göttliches anhaftet. Sobald das Gespräch auf den Bergkristall fällt, kommt jedem spontan eine persönliche Kristallbegegnung in den Sinn: Vielen fällt sofort die Kristallkugel als Wahrsageinstrument der Hexen und Zauberer in den Märchen ein, andere haben zu Hause Kristalle in ihrer Karaffe, um das Trinkwasser mit positiver Energie aufzuladen, und manch einer erinnert sich an die Mineraliensammlung seiner Kindheit.



Die Beziehung zwischen dem Menschen und dem Bergkristall reicht bis in die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurück. Bei keinem anderen Mineral ist es je zu einer so facettenreichen Interaktion gekommen, die in Kunst, Theologie, Medizin, Magie und in den Naturwissenschaften ihre Spuren hinterlassen hat. Dies war – verbunden mit einer großen Faszination für Edelsteine – die Inspiration, dem Bergkristall eine eigene Ausstellung zu widmen. Hinzu kam, dass das Museum Schnütgen über eine stattliche Anzahl bedeutender Bergkristallarbeiten des Mittelalters verfügt und damit die eigenen Sammlung eine ideale Ausgangslage für die große Sonderausstellung ›Magie Bergkristall‹ darstellte.



Mittelalter Digital: Bergkristall besticht zwar bis heute durch seine Rein- und Klarheit, löst bei uns Menschen der Moderne aber im Alltag keine Begeisterungsstürme mehr aus. Das war in der Antike und im Mittelalter noch anders: Welchen Stellenwert nahm der Bergkristall für einen Menschen des Mittelalters ein?



Manuela Beer: Bergkristall galt den Menschen stets als außergewöhnliches Material. Es ist vor allem die Transparenz des Bergkristalls, der kühler und härter ist als Glas, aber weicher als ein Diamant, die ihm seine große Anziehungskraft verleiht. Zahlreiche Legenden ranken sich um seine Herkunft und besonderen Kräfte. Die Bedeutungsaufladung des Bergkristalls im Mittelalter ist sicher auch auf die frühen naturkundlichen Erklärungsversuche seiner Herkunft und Entstehung zurückzuführen.



Im Griechischen steht „krystallos“ für „Eis“ – überaus passend für ein Mineral, das seit der Antike für lange Zeit als zu ewigem Eis erstarrtes Wasser angesehen wurde. Für die Menschen im Mittelalter muss der Blick durch einen vollkommen klaren Bergkristall eine aufregende visuelle Sensation gewesen sein. Zu jener Zeit gab es noch kein Glas, das diese Eigenschaft erfüllte. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Bergkristall in einer besonderen Größe und Transparenz immer eine Seltenheit gewesen ist.



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Bergkristallkugel.webp

Gefasste Bergkristallkugel von einem Reliquienschrein, Rheinland, Nikolaus von Verdun (Werkstatt), um 1185, Bergkristall, Bronze, vergoldet, Museum Schnütgen, Inv. G 570.



Mittelalter Digital: So beeindruckend die Materialität mittelalterlicher Kunstgegenstände auch ist – wir werden sie gleich noch ansprechen –, die eigentliche Bedeutung geht in der Epoche in aller Regel ja über das Sichtbare hinaus. Gemäß der verbreiteten Vorstellung, die Natur sei ein Buch, das man lesen lernen kann, um das Wunder hinter der Schöpfung zu begreifen: Welche Bedeutungen und Assoziationen verbanden die Menschen des Mittelalters mit dem Mineral? Und welche Quellenarten berichten uns abseits der Kunstgegenstände über den Bergkristall, seine Bedeutung und seine Verwendung?



Manuela Beer: Wenn Sie sich die große, perfekt gewachsene Kristallstufe am Beginn der Ausstellung ansehen, wird sofort klar, dass wir hier einem Wunderwerk der Natur gegenüberstehen. Plinius d. Ä. war der erste, der im 1. Jh. n. Chr. in seiner Naturgeschichte die gesammelten Kenntnisse seiner Zeit über Bergkristall in umfassender Weise zusammenstellte. Sie fanden später Eingang in die enzyklopädischen Werke des Mittelalters, die das Wissen der Zeit über Himmel und Erde systematisch zu gliedern suchten.



Eines der ersten war die um 630 vollendete ›Etymologiae‹ des Isidor von Sevilla, eines der über Jahrhunderte wichtigsten Lehrbücher in den Klosterbibliotheken. Auch spätere Enzyklopädien widmeten dem Bergkristall häufig ein eigenes Kapitel im jeweiligen Buch der Steine: Überlegungen zur Herkunft des Kristalls, seiner Beschaffenheit und insbesondere seiner medizinisch-magischen Wirkmacht wurden so überliefert. Seine übelabwehrenden und heilenden Kräfte machten ihn zu einem begehrten Amulettstein, er fand aber auch Verwendung in der mittelalterlichen Klostermedizin. Hildegard von Bingen (1098-1179) empfahl ihn u. a. zum therapeutischen Einsatz bei Augenleiden.



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Muttergottes.webp

Muttergottes mit dem Bergkristall, Köln, um 1220/1230 und Anfang 14. Jh. (Fassung), Museum Schnütgen.



Ebenfalls auf antike Vorstellungen zurückgehend, wurde das kostbare Mineral im Mittelalter als Manifestation des Göttlichen gedeutet und spielte im Kontext des christlichen Glaubens eine sehr wichtige Rolle: Der Bergkristall galt als Symbol für Jesus Christus, aber auch für die Anwesenheit des Heiligen und die Jungfräulichkeit der Gottesmutter Maria.



Mittelalter Digital: Der allegorische Gehalt des Bergkristalls erklärt natürlich insbesondere seine Verarbeitung in einem religiös-liturgischen Kontext. Bereits die Heterogenität der Exponate zeigt, dass sich die Verarbeitung von Bergkristall keineswegs auf eine Gegenstandsart beschränkte: Wo überall fand Bergkristall seinen Platz, was prädestinierte ihn für einen solch vielseitigen Einsatz und beschränkte er sich nur auf den religiösen Bereich?



Manuela Beer: Die vielfältigen symbolischen und allegorischen Deutungen des Bergkristalls durch Gelehrte und Theologen führten dazu, dass das aus Bergkristall sehr unterschiedliche Kunstwerke hergestellt. Allein die, die zum Gebrauch in der Liturgie bestimmt waren, weisen ein großes Spektrum auf. Vor allem große, kostbare Bergkristallkreuze sind hier zu nennen, die für hochrangige kirchliche Auftraggeber entstanden, die sich ein so kostspieliges Objekt leisten konnten.



Große, transparente Bergkristallstücke konnten wie Perlen auf ein kreuzförmiges Gestänge gefädelt sein, oder – eine Spezialität der Venezianischen Werkstätten – als vollkommen klare Kreuzarme mit tatzen- oder lilienförmigen Enden aus Kristallplatten geschnitten zu sein – eines der schönsten Exemplare ist das wenig bekannte Kreuz aus dem Erfurter Domschatz hier in der Ausstellung. Bedeutende Gemmenkreuze des Mittelalters zeigen an der Stelle, an welcher der Körper Christi am Kreuz hängt, häufig einen auffallend großen Bergkristallcabochon als Stellvertreter. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Lilienkreuz.webp

Lilienkreuz aus Bergkristallkreuz, Rheinland (?), Anfang 14. Jh., Museum Schnütgen.



Besonders für Gefäße, insbesondere für die Reliquiare, wurde vielfach Bergkristall verwendet. Er schützte den kostbaren Inhalt, erlaubte aber einen Blick auf die kostbaren der Heiligen. Hinzu kommt, dass Bergkristall in besonderer Weise das Licht bricht, fängt und verwandelt – ganz anders als Glas. Das Unfassbare, das Göttliche mag beim Betrachten der Bergkristallobjekte erfahrbar gewesen sein.



Diese Qualitäten des Bergkristalls machten ihn zugleich zum Material erster Wahl für kostbare, facettierte Prunkgefäße und kristallene Bestecke für die höfische Tafel. Solche luxuriösen Gegenstände waren Bestandteil der höfischen Prachtentfaltung, und besonders aufwendige Exemplare hatten ihren festen Platz in der Choreographie des höfischen Tischzeremoniells. Für ihre Kunstfertigkeit wurden vor allem solche Stücke geschätzt, die wie die in der Ausstellung gezeigte Pariser Kanne aus dem 14. Jahrhundert, aus einem Stück in technischer Perfektion gearbeitet waren – atemberaubend!



Mittelalter Digital: Widmen wir uns dem materiellen Bereich: Wo findet sich eigentlich Bergkristall und auf welche Arten und Weisen wurde er im Mittelalter verarbeitet?



Manuela Beer: Bergkristall ist die farblose, reinste Variante des Minerals Quarz und kommt weltweit vor. Von der Antike bis ins hohe Mittelalter gelangte der Rohstoff vor allem aus den Alpen, Zentralasien, Südindien und Sri Lanka sowie Ostafrika und Madagaskar nach Europa. Später kamen weitere Bezugsorte hinzu, darunter auch der Schwarzwald. Im Gegensatz zu anderen Mineralien besitzt Bergkristall die besondere Eigenschaft unter optimalen Bedingungen Riesenwuchs auszubilden. Solch enormen Kristalle, die man u.a. für große Gefäße benötigte, wurden in Europa ausschließlich in den Zentralmassiven der Alpen gefunden.



Bergkristall kann auf verschiedene Arten bearbeitet werden. Aufgrund seiner Härte und seiner Zerbrechlichkeit bedarf es in jedem Fall hohe handwerkliche Fähigkeiten und viel Geduld. Das grobe Zurichten des Werkstücks erfolgte durch Abschlagen mit dem Hammer oder durch Zusägen. Durch Schleifen und Bohren erreichte man die gewünschte Form, abschließend folgte die Politur, durch die der Kristall seinen Glanz und seine Transparenz erhielt. Durch Gravurtechnik, bei dem auf der Rückseite ein Bild in einen wasserklaren Kristall eingeritzt wurde, entstanden in der Zeit der Karolingerzeit ganz herausragende Meisterwerke, so der Intaglio mit der Taufe Christi aus Rouen, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Bergkristallstufe.webp

Bergkristallstufe, Köln, GeoMuseum der Universität zu Köln.



Mittelalter Digital: In der Vorstellung vieler Menschen heute lebten die Menschen des Mittelalters kulturell und geographisch isoliert – aufgrund nicht vorhandener moderner Verkehrsmittel und dank etablierter Ressentiments allem Fremden gegenüber. Ein Ausstellungsbereich widmet sich ja dezidiert den Bergkristallarbeiten, die ihren Weg aus muslimischen Gebieten an den Rhein gefunden haben – so abgeschottet kann die Welt damit nicht gewesen sein. Was kann uns der Bergkristall über kulturellen Austausch, Wissens- und Handelsnetzwerke verraten? Und was wissen wir darüber, in welchen Kontexten Bergkristall von A nach B kam – etwa als freundschaftliches Geschenk oder als geraubtes Beutegut?



Manuela Beer: Der Bergkristall scheint in dem mediterranen Kulturtransfer eine ganz wichtige Rolle gespielt zu haben. Im Medium des Bergkristalls begegneten sich Orient und Okzident, der Islam und das Christentum. Im islamischen Raum wurde Bergkristall als kostbares Material hochgeschätzt und mit Prachtentfaltung und Macht assoziiert. In den Kalifaten der Abbasiden (Mitte 8. Jh. – 10. Jh.) und dann der Fatimiden (10. – 2. H. 12. Jh.) entstanden ab dem 9. Jh. herausragende Bergkristallarbeiten für die Herrscher in eigenen Kristallwerkstätten. Es entstanden dünnwandige Kannen mit kunstvollem Reliefdekor für die Kalifen, aber auch kleinere Gegenstände wie Kosmetikfläschchen, Tierfiguren und Schachsteine für wohlhabende Käufer.



Ein Kokosnussreliquiar, das von einem Bergkristalllamm gekrönt wird: Das Lamm war ursprünglich mal ein Löwe (womöglich abbasidischer Herkunft aus dem 10. Jahrhundert), dessen Haupt man um 180° gedreht, im 13. Jahrhundert in Gold gefasst und auf eine Kokosnuss gesetzt hat.



Das Lamm stellt natürlich das Lamm Gottes dar, das Agnus Dei, das wie der Löwe Christus symbolisiert, womit die Kokosnuss zum Reichsapfel des Weltenretters wird. Dieses Stück, das sonst in der Domkammer in Münster zu finden ist, zeigt damit anschaulich, wie Kunststücke über die Kulturgrenzen hinweg für verschiedene Kontexte umgearbeitet und wie sie dadurch mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen werden konnten.



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Kokosnussreliquiar.webp

Kokosnussreliquiar, Westfalen (?), 1230/50; Bergkristalllöwe: wohl abbasidisch, 10. Jh., Münster, Domkammer der Kathedralkirche.



Schon lange vor den Kreuzzügen, bei denen die Kristallkammern der Kalifen geplündert und die Kostbarkeiten nach Mitteleuropa gebracht wurden, gelangten die islamischem Bergkristallarbeiten als Handel, als diplomatische Geschenke unter Herrschern oder als Mitgift über Byzanz nach Europa. Sie wurden als besondere Kostbarkeiten angesehen, denn die Technik, solche Bergkristallobjekte herzustellen, war in Europa noch unbekannt. Häufig kamen sie dann als fromme Stiftungen der Herrscher in die Schätze der Kirchen und wurden in diesem Zuge of sehr fantasievoll zur christlichen Kultgegenständen umgearbeitet.



So ist ein islamischer Schachstein zum Berg Golgatha unter dem Münsteraner Gemmenkreuz geworden, und das ganz und gar außergewöhnliche Reliquiar aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg besteht in seinem Kern aus zwei kristallenen Mondsicheln, die einst die Kanzel in der Moschee bekrönten, und nun, zu einem Ring zusammengefügt, als Abbild der himmlischen Sphäre christliche Heiligenreliquien umschließen.



Mittelalter Digital: Köln war im Mittelalter eines der bedeutendsten kulturellen und religiösen Zentren – vieles, was davon zeugt, lässt sich heute noch ansehen bzw. besichtigen. Nahm der Standort eine besondere Rolle für den Handel mit oder die Verarbeitung von Bergkristall ein?



Manuela Beer: Zwischen Köln und dem Bergkristall besteht eine ganz enge Verbindung – das wird in der Ausstellung ›Magie Bergkristall‹ und darüber hinaus ganz offenbar: Im Jahr 2005 kam im Zuge von archäologischen Grabungen im Rahmen den Stadtbahnbaus etwas ganz Außerordentliches zu Tage. Archäologen entdecken im ehemaligen Dombezirk im Bereich des heutigen Kurt-Hackenbergplatzes eine hochmittelalterliche Bergkristallschleiferei, die bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts in Betrieb gewesen war.



Alle Arbeitsprozesse lassen sich an rund 65.000 Fundstücken sehr gut rekonstruieren: Vom groben Zurichten durch Abschlag bis hin zum Bohren von kleinen Knäufen, wie sie sich vielfach auf den Firstbekrönungen der Kölner Reliquienschreine finden. Durch die vielen Reliquien, die im Laufe des 12. Jahrhunderts nach Köln kamen – u. a. die der Heiligen Drei Könige und der Ursulinischen Jungfrauen – war der Bedarf nach Reliquienschreinen und Reliquiaren enorm.



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Bergkristallwerkstatt.webp

Mittelalterliche Bergkristallwerkstatt in Köln (archäologische Funde), Köln, Römisch-Germanisches Museum.



Und sicher nicht zufällig findet sich eine Vielzahl herausragender Bergkristallreliquiare in den Kölner Kirchenschätzen – die Ausstellung versammelt eine große Zahl von ihnen. Köln wird als Produktionsort von Bergkristall fassbar – es ist die weltweit einzig bekannte mittelalterliche Bergkristallschleiferei!



Da Köln schon früh dass Stapelrecht besaß, ist denkbar, dass so die Zulieferung des Rohstoffs Bergkristalls gewährleistet war. Es gibt auch Hinweise, dass aus dem Silberabbau bei Königswinter „heimischer“ Bergkristall, wenn wohl auch nur in geringen Mengen und in kleinerem Format, zur Verfügung stand.



Mittelalter Digital: Viele der Exponate würden ein eigenes kleines Interview verdienen. Haben Sie ein persönliches Lieblingsstück?



Manuela Beer: Diese Ausstellung ist eine Schau meiner persönlichen Lieblingsstücke. Es ist schwer für mich, ein einziges herauszustellen. Besonders faszinierend finde ich einige sehr kleine Objekte in der Ausstellung, darunter den kristallenen Marderkopf mit seinem goldenen, mit Rubinen besetzten Zaumzeug. Weltweit haben sich von diesem luxuriösen modischen Accessoire nur fünf Exemplare erhalten.



Der in der Ausstellung gezeigte Zibellino (ital. für „Marderkopf“) ist zweifelsohne der schönste. Nur sehr vornehme, hochadelige Damen trugen einen solchen Marderkopf als bedeutendes Statussymbol an ihrer Kleidung: Der Kristallkopf ersetzte bei dem um die Schultern gelegten oder am einer Kette um die Hüften getragenen Pelz den echten Tierkopf. Die führenden Mailänder Kristallwerkstätten des 16. Jahrhunderts waren auf die Herstellung dieser Köpfchen spezialisiert.



Mittelalter_Digital_Interview_Magie_Bergkristall_Museum_Schnuetgen_Marderkopf.webp

Marderkopf, Mailand, Fassung: Frankreich (?), ca. 1560/70, Thyssen-Bornemisza Collections.



Ganz anders in seiner Gestalt ist das Aschaffenburger Spielbrett, das sicher auch zu meinen besonderen Lieblingen zählt und allein schon einen Besuch der Ausstellung wert ist. Das Spielbrett, das als Berührungsreliquie des hl. Rupert gilt, zeigt auf der einen Seite das Wurfzabelspiel (Vorläufer des heutigen Backgammon), auf der Rückseite ein Schachspiel. Luxusgegenstand und Reliquiar bestehen die Felder des Schachbretts alternierend aus kleinen Plättchen von klarem Bergkristall und blutrotem Jaspis: Das Wechselspiel aus Opazität und Transparenz scheint im Medium der Hartsteine den Wettstreit der Spieler zu versinnbildlichen. Zugleich steht der Bergkristall für die göttliche Natur, der Blutjaspis für die menschliche Natur Christi.



Hinter fast allen der einzigartigen Bergkristallobjekte der Ausstellung öffnet sich ein so facettenreiches, überwältigendes Panorama der Deutungen du Bedeutungen. Und hätten Sie gewusst, dass die Wikinger als erste optische Linsen mit nach heutigen Maßstäben perfekten Abbildungseigenschaften aus Bergkristall herzustellen wussten? Wir zeigen erstmals zwei solcher Exemplare aus dem 11. Jahrhundert, gefunden in einem gotländischen Wikingerschatz.



Aber auch beim Wahrsagen spielte der Bergkristall eine Rolle. Am Ende der Ausstellung haben Sie noch die Möglichkeit, den Blick in die Kugel, in die eigene Zukunft zu richten… aber ich will nicht zu viel verraten. Kommen Sie vorbei und tauchen sie selbst ein in die magische Welt des Bergkristalls im Mittelalter!



Mittelalter Digital: Liebe Frau Beer, herzlichen Dank für die Einblicke in die neue Sonderausstellung ›Magie Bergkristall‹, die seit dem 25. November im Museum Schnütgen zu sehen ist.



Alle weiteren Informationen zur Ausstellung findet ihr auf der Webseite des Museums Schnütgen! Wir haben übrigens aktuell die Themenreihe ›Wissen von der Welt‹ auf unseren Social Media-Kanälen, in welcher der Bergkristall auch eine Rolle spielt – schaut gerne einmal vorbei!