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Das goldene Mittelalter hautnah erleben

Selten bietet sich die Gelegenheit, eine museale Ausstellung mit dem Besuch historischer Stätten zu kombinieren, die im unmittelbaren Zusammenhang mit den Exponaten der Präsentation stehen. Seit dem 20. April 2024 ist die Große Landesausstellung ›Welterbe des Mittelalters – 1.300 Jahre Klosterinsel Reichenau‹ in Konstanz, auf der Insel Reichenau und in weiteren Korrespondenzorten zu sehen. Auch wir hatten bereits zweimal die Gelegenheit, die überaus sehenswerte Sonderausstellung in der Bodenseestadt und die Klosterinsel selbst besuchen zu können.



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Blick in einen der Ausstellungsräume.



Eine Ausstellung wie diejenige des Badischen Landesmuseums wird nur selten realisiert. Die Möglichkeit, die kostbaren Objekte zu sehen, eröffnet sich hier wahrscheinlich nur einmal im Leben, denn die Sonderausstellung vereint wertvolle Leihgaben mit gleich zwei UNESCO-Welterbe-Titeln. Das Reichskloster Reichenau war im Frühmittelalter eines der innovativsten kulturellen und politischen Zentren des Reiches und besaß im 10. und 11. Jahrhundert ein weithin berühmtes Skriptorium mitsamt einer hervorragenden Malschule. Nicht zuletzt deshalb wurde die „Klosterinsel Reichenau“ im Jahr 2000 zum UNESCO-Welterbe erklärt.



Im Reichenauer Skriptorium entstanden im Auftrag von Herrschern und Bischöfen einige der wertvollsten Prachthandschriften der Welt, die bis heute faszinieren und das unbestrittene Kernstück und Glanzlicht der Ausstellung darstellen. Schon damals als „Exportschlager“ an wichtige Zentren des Reichs vergeben, versammelt die Ausstellung viele dieser Prachthandschriften in unmittelbarer Nähe zu ihrem Entstehungsort und trägt damit einen wahren kulturellen Schatz zusammen, der auch Aufnahme in das UNESCO-Weltdokumentenerbe fand.



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Zentrale Exponate sind die reichbebilderten Prachthandschriften, wie der hier gezeigte sog. Hillinus-Codex vom Beginn des 11. Jahrhunderts.



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Imposante Goldverzierungen und wunderbare Miniaturen auf tiefrotem Purpurgrund machen den sog. Egbert Psalter aus dem 10. Jahrhundert zu einem wahren Schatz. Psalter beinhalten die Psalmen aus dem Alten Testament, die integraler Bestandteil der Stundengebeten der Mönche und Nonnen waren und sind.



Damit erzählt die Sonderausstellung die Geschichte der Klosterinsel von ihrer „Entdeckung“ durch den hl. Pirmin, der dort die erste Kirche errichtet haben soll, bis zu ihrem Niedergang und beleuchtet, auf welchen Wegen klösterliche Kultur zwischen Herrschernähe, Heiligenkult und alltäglicher Frömmigkeitspraxis sich etablieren und gedeihen konnte. Neben den bezaubernden Exponaten hat es uns dabei insbesondere deren Inszenierung angetan: Stilisiertes Chorgestühl, in dem man gregorianischen Chorälen lauschen kann, laden ebenso wie aufwendige audio-visuelle Installationen dazu ein, das Mittelalter noch einmal ganz anders zu entdecken!



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Mit Exponaten auf Tuchfühlung: Der heilige Fridolin bittet den Leichnam des Adeligen Ursus aus dem Grab, damit dieser für ihn vor Gericht als Zeuge aussagen kann – der kinderlose Ursus soll Fridolin seine Ländereien vererbt haben, was Ursus' Bruder vor Gericht aber in Zweifel zog.



Die unmittelbare Nähe zu Konstanz ermöglicht es natürlich, auch abseits des Ausstellungsbesuchs auf Geschichts- und Kulturentdeckungstour zu gehen. Neben dem sehr sehenswerten Konstanzer Münster in der Altstadt mit seinem wunderbaren Portal aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert steht im Fokus der Stadtgeschichte das Konstanzer Konzil, auf dem zwischen 1414 und 1418 das Kirchenschisma beendet werden konnte.



Attraktion ist hier das große Konzilsgebäude direkt am See, in dem 1417 das Konklave zur Wahl von Papst Martin V. abgehalten wurde. Aber auch ein Besuch des Rosgartenmuseums ist mehr als lohnenswert: Neben zahlreichen wunderschönen Kunstwerken aus dem ausgehenden Mittelalter wird hier auch ein Exemplar der sog. Richenthal-Chronik gezeigt, die reich bebildert das Konzilsgeschehen beschreibt und dabei spannende Einblicke in die Alltagsgeschichte der Stadt gibt.



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Die wunderbaren Türen des Konstanzer Münsters vom ausgehenden 15. Jahrhundert zeigen anschaulich biblische Szenen – von links oben beginnend: Der Kindermord zu Bethlehem, die Taufe Jesu im Jordan durch Johannes, die Pharisäer vor Pontius Pilatus und die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten.



Unbedingt zu besuchen ist im Kontext der Sonderausstellung die Klosterinsel selbst: Die drei mittelalterlichen Kirchen, die einst zum Kloster Reichenau gehörten, tragen den Titel des UNESCO-Weltkulturerbes und lassen sich heute noch besuchen – bei schönem Wetter am besten auf einem ausgedehnten Spaziergang direkt am Bodensee entlang.



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Die Basilika St. Maria und Markus in Reichenau-Mittelzell – die Keimzelle der Klosterinsel, in der auch die Mönche lebten und in der sich wahrscheinlich auch das Skriptorium befunden haben wird. Gut zu erkennen sind vom Klostergarten aus die romanischen und gotischen Bauabschnitte.



Erster Anlaufpunkt sollte dabei die Basilika St. Maria und Markus in Mittelzell sein. Sie ist nicht nur die älteste der drei Kirchen, sondern beherbergt auch den kleinen, aber überaus sehenswerten Münsterschatz, der u. a. den Krug beinhaltet, in dem Christus auf der Hochzeit zu Kana Wasser zu Wein verwandelt haben soll. Zu beachten ist allerdings die lange Mittagsruhe von jeweils 12 bis 15 Uhr, in welcher der Münsterschatz wie auch der Chorraum geschlossen bleibt.



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Blick in den ausgemalten Chorraum von St. Maria und Markus.



Es lohnt sich daher, vormittags in Mittelzell mit der Reise zu beginnen, denn dort erwartet einen auch das Museum Reichenau mit einer Korrespondenzausstellung, welche die Gedichte und Pflanzenkunde des Abtes Walahfrid Strabo in den Fokus rückt. Auch lockt direkt hinter der Basilika ein Klostergarten, der nach Vorbild des berühmten St. Galler Klosterplans angelegt wurde. Wer dann schon eine erste Pause benötigt, findet in kleinen Cafés im Grünen einen idealen Anlaufpunkt, um genug Energie für die weitere Erkundung der Insel aufzuladen.



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Klein, aber oho: Die Münsterschatzkammer direkt in der Kirche ist überaus sehenswert.



Obwohl die gesamte Klosterinsel gut mit einem öffentlichen Busnetz erschlossen ist (es gibt sogar passend zum Jubiläum der Insel die Linie 1300), lohnt es sich, die nächste Station – St. Peter und Paul in Niederzell – zu erwandern. Unweit der Kirche in Mittelzell befindet sich das Bodenseeufer mitsamt Yacht-Hafen. Von hier lässt sich immer am See entlang in 20 bis 30 Minuten Niederzell erreichen. Der Weg führt größtenteils malerisch am Wasser entlang.



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Lohnenswertes Ziel nach schöner Wanderung: St. Peter und Paul in Reichenau-Niederzell. Der Bau geht Egino zurück, der für Karl den Großen ab 780 als Bischof von Verona fränkische Interessen im ehemaligen Langobardenreich vertrat. 799 kehrte Egino in seine Heimat zurück und erhielt die Erlaubnis, an der Westspitze der Bodenseeinsel eine Kirche zu errichten. 1080 wurde Eginos Gründung nach zwei Gründen abgerissen und neu errichtet – das Ergebnis lässt sich bis heute besuchen.



Das letzte Highlight ist dann die Kirche St. Georg in Oberzell, die sich ebenfalls auf dem Fußweg erreichen lässt. Wer aber nicht mehr laufen mag (zumal der Weg nun weiter ist), kann sich mit dem Bus direkt vor dem Gotteshaus absetzen lassen. Zu beachten ist, dass die Pfarrkirche St. Georg außerhalb der Gottesdienstzeiten aus restauratorischen Gründen nur im Rahmen einer Führung geöffnet wird. Täglich werden drei Führungen angeboten, und wir empfehlen die Teilnahme nachdrücklich.



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Ungemein beeindruckend ist St. Georg in Reichenau-Oberzell – hier befinden sich noch wunderschöne Ausmalungen aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, die einen Eindruck davon vermitteln, wie bunt das Frühmittelalter mitunter gewesen war.



Denn wer auf das Betreten der dritten Kirche auf der Klosterinsel verzichtet, verpasst wirklich etwas: Mit den reichhaltigen Ausmalungen aus ottonischer Zeit, welche die Wundertaten Christi lebendig werden lassen und mehr als 1.000 Jahre alt sind, stellt St. Georg kunsthistorisch ein weiteres Highlight der Reichenau dar. Für Pilgerinnen und Pilger oder fromme Katholiken bietet die Kirche zudem einen weiteren Schatz: eine Berührungsreliquie des Hl. Georg selbst!



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Blick ins Kirchenschiff: Linker Hand sieht man die Wundertaten Christi mit Wasserbezug, bspw. die Beruhigung des Sturms. Wer immer noch dem Irrglauben anhängt, das Mittelalter sei trist und finster gewesen, kann sich hier eines Besseren belehren lassen.



Noch bis zum 20. Oktober 2024 lässt sich das Mittelalter im Wortsinne erfahren, erlaufen und anfassen, und das in einer Region, die etwa mit St. Gallen oder Meersburg noch weitere sehenswerte Anlaufpunkte parat hält. Wenn ihr also dieses Jahr noch nicht am Bodensee wart oder die Ausstellung und die Klosterinsel noch nicht kennt, empfehlen wir euch wärmstens eine Reise in die mittelalterliche Klosterkultur anzutreten!



Wer nun neugierig geworden ist, sollte unbedingt die Webseite zur Ausstellung besuchen – dort findet ihr übrigens auch den sehr hörenswerten Podcast ›Mönchsgeflüster‹, der sich des Themas unter verschiedenen Fragestellung annimmt. Besucht uns auch gerne auf Social Media – dort beschäftigen wir uns gemeinsam mit dem Badischen Landesmuseum bereits seit April in einer Themenreihe mit der ›Klosterkultur im Mittelalter‹.