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Kiev und das Kiever Höhlenkloster

Bezüge zu Exponaten aus dem Ikonen-Museum

Das im 11. Jahrhundert gegründete Kiever Höhlenkloster (seit 1923 Museum, seit 1990 UNESCO-Weltkulturerbe) ist eines der ältesten und bedeutendsten Klöster Osteuropas und gilt als Wiege des monastischen Lebens der Ukraine und Russlands. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Kathedrale des Klosters 1941 von den deutschen Besatzungstruppen gesprengt. Durch den aktuellen Krieg ist es, wie unzählige andere Kulturgüter in der Ukraine, erneut von Zerstörungen bedroht. Ein trauriger Anlass, einige Verbindungen von Kiev und seinem berühmten Kloster zu Objekten in unserer Sammlung vorzustellen.



Überblick: Kiev und die Kiever Rus‘ im Mittelalter

Kiev war im Mittelalter die Hauptstadt der sogenannten „Kiever Rus’“. Dieses Reich war von Warägern errichtet worden, Wikingern, die im 9. Jahrhundert entlang der großen Flüsse in das Gebiet des späteren Russlands eindrangen und von den einheimischen Slawen als „Rus’“ (Ruderer) bezeichnet wurden. Die Kiever Fürsten waren in Europa gut vernetzt, in Kiev kreuzten sich bedeutende Fernhandelsrouten zwischen Orient und Okzident sowie zwischen Ostsee und dem Schwarzen Meer. Besonders mit dem byzantinischen Reich pflegten die Kiever Rus‘ enge (häufig konfliktreiche) Kontakte.



Im Jahr 988 heiratete ihr Fürst Vladimir die Tochter Anna des byzantinischen Kaisers Romanos II., ließ sich taufen und erhob das Christentum zur Staatsreligion. Die Anbindung an Byzanz war wegweisend für die weitere historische Entwicklung der Rus‘ und die Herausbildung einer slawisch-orthodoxen Kultur. Byzantinische Baumeister und Künstler waren verantwortlich für den Bau und die Ausschmückung der ersten Kirchen in der Kiever Rus‘ und lernten einheimische Kräfte an; der enorme Bedarf an Ikonen, liturgischen Gerätschaften und Büchern wurde aus Byzanz gedeckt.



Viele kostbare Objekte wurden von den zu Beginn überwiegend griechischen Klerikern mitgebracht und vom byzantinischen Kaiserhof oder dem Patriarchen Konstantinopels gestiftet. Letzterer ernannte zudem die Metropoliten von Kiev. Auch ideologisch knüpfte Kiev an Byzanz an: Valdimir wurde wie die die byzantinischen Kaiser als neuer David und neuer Konstantin verherrlicht. Sein Sohn Jaroslav der Weise (reg. 1019 bis 1054) ließ zentrale Bauten Kievs nach dem Vorbild Konstantinopels errichten: Wie die byzantinische Hauptstadt erhielt Kiev eine Sophienkathedrale (geweiht der Göttlichen Weisheit, der Hagia Sophia) und ein Goldenes Tor für zeremonielle Ein- und Auszüge des Fürsten.



Zudem berief sich Kiev auf den Apostel Andreas, dessen Reliquien seit 357 in der Apostelkirche von Konstantinopel ruhten. Gemäß einer Anfang des 12. Jahrhunderts in der Nestorchronik überlieferten Legende segnete der Apostel den Ort, auf dem später die Stadt entstand, und errichtete am Ufer des Dnepr ein Kreuz. All diese Zeugnisse zielten drauf ab, Kiev – ebenfalls in der Tradition Konstantinopels – als „Neues Jerusalem“ zu etablieren und ihm so eine besondere Rolle in der Heilsgeschichte zuzuweisen.



Die Taufe der Rus‘

Die am 28. Juli gefeierte Taufe der Rus‘ ist ein recht neues Thema in der Ikonenmalerei, dass für die Tausendjahrfeier des Ereignisses im Jahr 1988 konzipiert wurde. Die Ikone, die uns von Heribert Heyberg aus Köln im vergangenen Jahr geschenkt wurde, hat höchstwahrscheinlich der Archimandrit Zinon aus dem Höhlenkloster von Pečory bei Pskov gemalt (Abb. 1). Im Vordergrund wird die von Vladimir befohlene Massentaufe des Volkes im Dnepr vollzogen. Im Hintergrund steht vor einer Kirche der Apostel Andreas mit dem Kreuz, das er auf einem Hügel am Dneprufer aufgestellt hat.



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Abb. 1: Taufe der Rus‘, ca. 1988.



Flankiert wird er von vom hl. Fürsten Vladimir und seiner Großmutter, der hl. Fürstin Olga (die sich bereits 955 hatte taufen lassen, und zwar auf den Namen Helena). Beide treten an die Stelle von Konstantin und seiner Mutter Helena, die in der ostkirchlichen Kunst häufig links und rechts des Kreuzes Christi dargestellt werden. Bei den beiden nimbierten Heiligen unterhalb Vladimirs handelt es sich um die Slawenapostel Kyrill und Method, ihnen gegenüber steht mit Michael von Kiev der erste Metropolit der Stadt. Am rechten Bildrand befinden sich außerdem Boris und Gleb, die ersten Heiligen, die auf dem Gebiet der Kiever Rus‘ kanonisiert wurden (ohne Zustimmung Konstantinopels).



Zu ihren Füßen sitzt der Mönch Nestor als Chronist des Ereignisses. Nestor gehörte zur Möchsgemeinschaft des Kiever Höhlenklosters, die ihm (wahrscheinlich fälschlich) zugeschriebene und nach ihm benannte „Erzählung der vergangenen Jahre“ ist eine der wichtigsten Schriftquellen für die Geschichte der Kiever Rus‘.



Die „Muttergottes vom (Kiever) Höhlenkloster“ (Pečerskaja)

Das berühmte Kiever Höhlenkloster wurde der Überlieferung zufolge im Jahr 1051 von den beiden Heiligen Antonij (Abb. 2) und Feodosij gegründet. Seinen Namen hat es von den weitläufigen unterirdischen Höhlen, in denen die Mönche lebten. Es entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum bedeutendsten und einflussreichsten Zentrum monastischen Lebens in den Gebieten der heutigen Ukraine und Russlands. Von der Ukraine wird es als Wahrzeichen nationaler Eigenständigkeit gesehen. Die russische Seite vereinnahmt das Kloster dagegen (auch) als Symbol für die Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland, weil man sich als alleinige Bewahrer der Traditionen der orthodoxen Rus‘ sieht. Gemeinsame Wurzeln werden paradoxerweise zu etwas Trennendem.



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Abb. 2: Hl. Antonij vom Kiever Höhlenkloster, um 1900.



Zwischen 1075 und 1077 wurde die Hauptkirche des Klosters errichtet, die Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale, und in den Jahren 1082 bis 1089 mit Mosaiken und Fresken ausgestattet. Bau und Ausschmückung lagen in den Händen byzantinischer Baumeister und Künstler: In der Apsis wurde die thronende Muttergottes mit Kind dargestellt, wie es der byzantinischen Tradition spätestens seit dem Ende des Bilderstreits entsprach. Unter den Mönchen, die bei den Arbeiten halfen, war auch der hl. Alimpij, der von den Griechen die Technik des Ikonenmalens erlernte und es zu großer Meisterschaft gebracht haben soll.



Ihm schrieb man später die Schaffung einer berühmten Ikone zu, die sich auf das Apsismosaik der Kathedrale bezieht und als „Muttergottes vom (Kiever) Höhlenkloster“ bekannt ist. Sie wird heute in der Tretjakov-Galerie in Moskau verwahrt und zeigt die thronende Muttergottes mit dem Kind auf dem Schoss, das seine Arme zu beiden Seiten segnend ausgestreckt hat (Abb. 3).



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Abb. 3: Muttergottes vom Kiever Höhlenkloster, Ende 13. Jhd.



Zu ihren Seiten stehen Antonij und Feodosij, beide mit geöffneten Schriftrollen in den Händen. Der Überlieferung nach wurde die von Alimpij gemalte Ikone 1288 zu dem erblindeten Fürsten Roman Michailovič nach Brjansk (nordöstlich von Kiev) geschickt und stellte sein Augenlicht wieder her. Am Ort der Heilung ließ der Fürst ein Kloster errichten, wo sie fortan verehrt wurde. Wahrscheinlich wurde die Ikone aber erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts gemalt und mit einer Legende ausgestattet, die ihr hohes Alter und ihre Wunderkraft belegte.



Ihrer hohen Verehrung tat dies keinen Abbruch, wie die zahlreichen in der Ukraine und in Russland angefertigten Kopien bezeugen. Auf ihnen werden die Gründer des Höhlenklosters manchmal durch andere Heilige ersetzt und weitere Figuren hinzugefügt. Dies ist auch der Fall auf einer fein gemalten Ikone des Ikonen-Museums aus dem 19. Jahrhundert (Abb. 4). Neben der thronenden Muttergottes mit Kind stehen hier der hl. Vladimir von Kiev und seine Mutter Olga. Zu ihren Füßen knien zwei heilige Mönche, Aleksandr Oševenskij (gest. 1479) und Ioann.



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Abb. 4: Muttergottes vom Kiever Höhlenkloster, 19. Jhd.



Die Ikone „Entschlafen der Muttergottes vom Kiever Höhlenkloster“

In der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale des Höhlenklosters befand sich eine weitere hochverehrte Ikone, die mit einer ihr hohes Alter bescheinigenden Legende aufwarten konnte: Sie soll von den griechischen Baumeistern der Kirche aus Konstantinopel mitgebracht worden sein. Sie berichteten, dass ihnen dort die Muttergottes in der Blachernenkirche (der wichtigsten Muttergotteskirche in der byzantinischen Hauptstadt) erschienen sei und die Ikone übergeben habe. Sie wurde über der Königstür der Ikonostase befestigt, war querformatig und verhältnismäßig klein (ca. 30 x 40 cm).



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Abb. 5: Kiew, 1942 Lavra-Kloster. Zerstörte Uspenskikathedrale. F.Kr. 90.



Da die Ikone seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschollen ist, lässt sich nicht mehr klären, ob sie tatsächlich aus Konstantinopel stammte und so alt war, wie ihre Legende angibt – zumal die Kathedrale 1484 und 1718 abbrannte und im 18. Jahrhundert im Stil des ukrainischen Barocks wieder aufgebaut wurde. Die barbarische Sprengung der Kathedrale durch deutsche Besatzer im November 1941 (Abb. 5) hat die Ikone wohl noch überlebt und wurde wahrscheinlich mit anderen Raubgütern 1943 abtransportiert. Vermutlich verbrannte sie zusammen mit diesen Kunstschätzen im Februar 1945 (vielleicht auch schon 1944) in Ostpreußen. Die noch stehenden Reste der Kathedrale wurden zunächst gesichert, erst in den Jahren 1998 bis 2000 erfolgte der Wiederaufbau.



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Abb. 6: Entschlafen der Muttergottes vom Kiever Höhlenkloster, 2. Hälfte 18. Jhd.



Kopien dieser Ikone sind sehr selten (Abb. 6), manchmal trifft man auf sie als Teil einer anderen Darstellung. Auf einer Ikone unserer Sammlung mit den hll. Tierpatronen Modestos, Blasios, Floros und Lauros beten die vier Heiligen eine Ikone an, die sich über ihren Köpfen befindet (Abb. 7 und 8). Dass es sich um die fragliche Ikone aus dem Höhlenkloster handelt, ist am Querformat und einem weiteren charakteristischen Detail zu erkennen:



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Abb. 7: Vier hl. Tierpatrone, um 1700.



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Abb. 8: Ausschnitt.



Im Vordergrund befindet sich links von der Mitte ein überdimensioniertes geschlossenes Evangelienbuch, das an eine Tür erinnert. Auf der originalen Ikone verbargen sich dahinter Reliquien der sieben Märtyrer von Ephesus, die beim Bau der Kirche auch in ihre Fundamente eingemauert worden waren. Auch eine wahrscheinlich als Pilgerandenken hergestellte Holzschnitzarbeit zeigt die Ikone in vereinfachter Form über der Kathedrale schwebend, flankiert von den beiden Klostergründern (Abb. 9).



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Abb. 9: Pilgerandenken aus Kiev, um 1900.



Abbildungen



Abb. 1:

Archimandrit Zinon (zugeschr.)

Die Taufe der Rus‘

Russland, nach 1988

Eitempera auf Holz, 52,7 x 35,6 cm

Schenkung Heribert Heyberg 2021

Ikonen-Museum Recklinghausen, Inv. Nr. 4381



Abb. 2:

Hl. Antonij vom Kiever Höhlenkloster

Berg Athos (russische Einsiedelei Hl. Nikolaus vom Weißen See), um 1900

Eitempera auf Holz, 35,5 x 29,0 cm

Schenkung Olaf Muradin 2013

Ikonen-Museum Recklinghausen, Inv.-Nr. 3764



Abb. 3:

Muttergottes vom Kiever Höhlenkloster mit den h. Antonij und Feodosij

Ukraine (Kiev), Ende 13. Jahrhundert

Eitempera auf Holz, 67,0 x 42,0 cm

Moskau, Tretjakov-Galerie (Inv.-Nr. 12732)

Bildnachweis: WikiCommons



Abb. 4:

Muttergottes vom Kiever Höhlenkloster (Pečerskaja) mit beistehenden Heiligen

Russland (Palech oder Choluj?), 19. Jahrhundert

Eitempera auf Holz, 27,0 cm x 22,0 cm

Erworben 1955 aus der Sammlung Dr. Heinrich Wendt

Ikonen-Museum Recklinghausen, Inv. Nr. 32



Abb. 5:

Zerstörte Kathedrale des Kiever Höhlenklosters 1943

Bundesarchiv, Bild 146-2005-0070, Kiew, Lavra

Bildnachweis: WikiCommons



Abb. 6:

Entschlafen der Muttergottes vom Kiever Höhlenkloster

Ukraine (Kiev), 2. Hälfte 18. Jahrhundert

Eitempera auf Holz, 18,7 x 31,7 cm

Privatbesitz

Bildnachweis: Hermeneia 1/1997, S. 5 (Ivan Bentchev)



Abb. 7, 8 (Ausschnitt):

Vier heilige Tierpatrone

Ukraine (Kiev), um 1700, mit späteren Stuckverzierungen

Eitempera auf Holz, 53,2 x 33,9 cm

Schenkung Dr. Wilhelm und Helmtrud Fey 2008

Ikonen-Museum Recklinghausen, Inv. Nr. 1177



Abb. 9:

Pilgerandenken aus Kiev

Ukraine (Kiev), um 1900

Holzschnitzerei, Glas, Metallfolie, 14,7 x 9,4 cm

Geschenk 1984

Ikonen-Museum Recklinghausen, Inv.-Nr. 905



Dieser Beitrag erschien das erste Mal im Museumsblog des Ikonenmuseum Recklinghausen.