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Neuauflage eines altehrwürdigen Familiendramas im hohen Norden: ›Olav Audunssohn‹ von Sigrid Undset

Die skandinavische Geschichte des Mittelalters verbinden wir hierzulande gemeinhin mit plündernden und zur See fahrenden Wikingern, die ihre Nachbarn heimsuchen und eine Vorliebe für Klosterschätze entwickelt haben. Spätestens mit der Christianisierung der skandinavischen Königreiche endet die hiesige Beschäftigung mit der Region. Dass jedes Land einen besonderen Blick auf die eigene Geschichte legt, ist kein großes Geheimnis. Und so wundert es nicht, dass die norwegische Autorin Sigrid Undset († 1949) bereits Ende der 1920er Jahre eine Romanreihe geschrieben hat, die eine Zeit und Ereignisse inszeniert, die in unserer populärkulturellen Rezeption noch heute eine terra incognita darstellen. Wir nehmen das Erscheinen einer Neuausgabe in deutscher Übersetzung im Kröner Verlag zum Anlass, in die Welt des ersten Teils der Romanreihe mit dem Titel ›Olav Audunssohn‹ (norwegische Erstausgabe ›Olav Audunssøn i Hestviken‹, Aschehoug, Oslo 1925) einzutauchen.



Eines vorweg: Sigrid Undset erzählt eine Geschichte, die sich nicht deutlicher von den Handlungen vieler anderer moderner historischer Romane unterscheiden kann. Das hängt unter anderem mit der Entstehungszeit des Romans zusammen, der noch vor anderen Klassikern wie J.R.R. Tolkiens ›Der Hobbit‹ und ›Der Herr der Ringe‹ oder C.S. Lewis‘ ›Narnia‹ erschien. Wer eine Heldenreise erwartet, Waffengetümmel, aufreibende Intrigen, ja nur eine Handlung, die zügig voranschreitet, kann mit einiger Wahrscheinlichkeit von der Lektüre enttäuscht werden. Die Autorin nimmt sich für die Ausbreitung ihrer Handlung viel Raum und Zeit. Despektierlich betrachtet, ließe sich sagen, die Handlung plätschere über viele Seiten vor sich hin – positiver gewendet, imitiert die Autorin Erzähltechniken alter Sagas.



Dabei schafft Sigrid Undset jedenfalls ein Fundament, auf das der Roman (und seine Nachfolger, die bald auch als Neuausgabe erscheinen werden) aufbauen kann. Denn ›Olav Audunssohn‹ breitet eine Familiengeschichte aus, in deren Zentrum der titelgebende Olav und seine Gefährtin Ingunn Steinfinnstochter stehen, deren gemeinsames Schicksal detailliert auserzählt wird: Wo ist mein Platz in der Gesellschaft und im Leben? Mit wem darf ich welche Beziehung führen? Für was muss ich Sühne leisten? Und auf welche Weise? Insbesondere diese epische Breite ist es, die vor allem die anfängliche Lektüre herausfordernd macht:



Wir bekommen von Orten erzählt, die hierzulande wahrscheinlich den meisten unbekannt und deshalb kaum anschlussfähig sind (anders als wenn eine Handlung bspw. in Paris, London, Konstantinopel oder Nürnberg spielt). Unzählige Figuren – entfernte Verwandte von Olav und Ingunn, ferne Kriegsherren und Geistliche, verstorbene Könige, Nachbarn und lose Begegnungen – verschwinden aus der Handlung so schnell, wie sie gekommen sind. Man muss sich einlassen auf dieses erzählerische Setup, um mit der Zeit die Früchte der eigenen Lektüre zu ernten.



Und man muss sich darauf einlassen, tief in das Innenleben der Hauptfiguren einzutauchen und ihre Hoffnung und Zerrissenheit sowie ihre Beweggründe nachzuvollziehen. Dabei bewegen die Herausforderungen und Probleme, vor denen Ingunn und Olav stehen, nicht die Welt: Es geht ihnen nicht darum, den Lauf der Dinge zu ändern oder das Königreich zu retten. Im Gegenteil: Sie sind alltäglich. Aber deshalb nicht weniger lebensbestimmend.



Wer sich auf diese Art von Erzählung einlässt, wer sie sich zum Teil auch erarbeitet, kann in ›Olav Audunssohn‹ viel entdecken. Denn Sigrid Undset gelingt es überzeugend, ihre Figuren in die gesellschaftlichen und vor allem religiösen Strukturen ihrer Zeit einzubetten. Grundsätzlich ist ›Olav Audunssohn‹ die Erzählung davon, wie sich mit den eigenen Fehlern und Sünden leben lässt – auf einer ganz persönlichen Ebene, aber auch vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Regelwerks, das die Protagonisten in existentielle Zwangslagen bringt, aber auch Auswege aufzeigen kann.



Untadelige Helden und makellose Vorbilder sucht man in ›Olav Audunssohn‹ vergebens. Alle Figuren sind fehlerbehaftet, verhalten sich töricht und treffen nicht immer die richtige Entscheidung – und gerade das macht sie menschlich. Es findet sich kein strahlender Ritter und keine ehrenvolle Dame, die als Identifikationsfiguren dienen können. Insbesondere Olav und Ingunn sind jeder für sich überaus makelbehaftet und im hohen Maße auf die Fürsprache und Unterstützung anderer Figuren und ihres sozialen Umfelds angewiesen. Nicht Perfektion, sondern die die Handlung tragende Imperfektion der Figuren stellt mit vertiefter Lektüre die Verbindung mit ihnen her.



Der Autorin gelingt es dabei insbesondere, ihre Figuren vor dem Hintergrund der Erzählzeit plausibel zu erzählen. Gesellschaftliche Normen und Strukturen, religiöse Vorstellungen und Praktiken (hier kommt der Inszenierung auch der persönliche Hintergrund der Autorin zugute, die 1924 im protestantischen Skandinavien zum katholischen Glauben konvertierte und damit einen Skandal auslöste), lebensweltliche Möglichkeiten und Grenzen bilden einen authentisch inszenierten Horizont, vor dem sich alle Figuren bewegen und vor dem sie handeln.



Und dieser Horizont ist ganz alltäglich: Es geht um Liebe und Eifersucht, um Erbrecht und Wergeld, um Heiratsarrangements und bäuerliche Lebensrealitäten, um zwischenmenschliche Abgründe und religiöse Erbauung. Und vor allem um die wechselhafte Beziehung zwischen den Hauptfiguren Ingunn Steinfinnstochter und Olav Audunssohn.



Wer sich rund 100 Jahre nach Erscheinen der norwegischen Originalausgabe auf ein lesenswertes Wagnis einlassen möchte, findet Sigrid Undsets ›Olav Audunssohn‹ als hochwertige Neuausgabe in einer sorgfältigen vorgenommenen Übersetzung von Gabriele Haefs ins Deutsche im Kröner Verlag.