Zum Hauptinhalt springen
Artikel Artikel

Von der eigenen Haustür bis zum Ende der Welt: ›Reisen im Mittelalter‹

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Was heute gilt, galt natürlich auch schon im Mittelalter. Nun ist im Fischer Verlag mit Anthony Bales ›Reisen im Mittelalter: Unterwegs mit Pilgern, Rittern, Abenteurern‹ ein überaus lesenswerter Band erschienen, der sich an die Fersen verschiedener Reisender aus dem Mittelalter heftet.



Ferne Länder und fremde Kulturen versprechen noch heute eine zeitlich begrenzte Pause vom Alltag – das mhd. Wort ‚Urlaub‘ bezeichnet die eingeholte Erlaubnis, sich für eine bestimmte Zeit entfernen zu dürfen (etwa aus der Nähe des Lehnsherrn). Und auch die Beschäftigung mit der Vergangenheit lockt durch ihre Alterität (Andersartigkeit). Sich mit dem Reisen im Mittelalter zu beschäftigen, ist also gleich doppelt spannend.



Wer reiste im Mittelalter? Wohin reiste man? Und aus welchen Gründen? Welche Herausforderungen türmten sich auf, wenn man erst die Türschwelle des eigenen Heims überschritten hatte? Und was erlebten die Menschen des Mittelalters auf ihren Reisen? Anthony Bale geht diesen Fragen anhand mittelalterlicher Teilbiographien kontextreich nach – und lädt Leserinnen und Leser auf diese Weise ein, gleichsam selbst auf eine literarische Reise zu gehen.



Vom heimischen Sessel aus begleiten wir so Pilgerinnen und Pilger, Abenteurer, Händler und Heilige auf ihren Weg nach Köln, Aachen, Venedig, Rom und Jerusalem und zahlreiche andere Orte, die sie mit Kind, Kegel und Gepäck entweder in anstrengenden Märschen und Ritten oder auf dem Rücken von Booten erreichten. Der Fokus liegt aufgrund der Quellenlage dabei vornehmlich auf Menschen des späten Mittelalters, die an der Schwelle zu einer Zeit lebten, die sich mit der Entdeckung Amerikas und neuer Seewege in den Pazifik grundlegend wandeln sollte.



Wir erfahren, wie die Tourismusindustrie des Mittelalters funktionierte, welche zentrale Bedeutung dem „religiösen“ Reisen zukam und wie Verpflegung auf und abseits der Wege organisiert werden musste. Anthony Bale gelingt es dabei stets, Parallelen zu modernen Reiseerfahrungen einzuflechten, welche die mittelalterlichen Erfahrungen passend kontextualisieren. Und er betont, welche Bedeutung beim Reisen auch der Fantasie zukommt, denn das Reisen war damals (wie es heute noch ist) eng verbunden mit den Geschichten jener Orte und Stätten, die man besuchte.



Reisen findet vor dem Horizont von Welt und Kosmos statt, den Reisende in sich tragen – für den mittelalterlichen Christen war dies ein heilsgeschichtlicher Horizont, der an den Rändern der Welt die Wunder der Schöpfung Gottes verortete, die in den Köpfen der Reisenden gleichsam mitgetragen wurden.



Die Reisen in Anthony Bales ›Reisen im Mittelalter‹ gehen folglich über die physisch erfahrbaren Wege hinaus und spannen damit den Bogen zu den kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Vorstellungen des Mittelalters, wie die Welt in Gänze beschaffen ist.



Hochwertig und ansprechend aufgemacht, lädt ›Reisen im Mittelalter‹ also jeden und jede dazu ein, sich mit den Menschen des Mittelalters auf den Weg zu machen – und ist eine lesenswerte Lektüre für alle, die sich für das Reisen oder das Mittelalter oder für beides begeistern können.



Alle weiteren Infos zum Buch und die Möglichkeit des Erwerbs findet ihr hier.



PS: Vom 25. Juni bis einschließlich 30. Juni 2024 verlosen wir auf Instagram drei (3) Exemplare des Buches. Schaut gerne einmal vorbei und macht mit!