Mittelalter im Metal: Im Interview mit Kilian Baur
Tobias Enseleit
Kilian Baur
Geschichte ist omnipräsent, insbesondere in der vielfältigen Medienlandschaft. Filme, Games und Serien laden dazu ein, in die Vergangenheit abzutauchen. Aber auch verschiedene Musikrichtungen. Bereits 2025 erschien ›Dark Medieval Times: Das Mittelalter im Metal‹ aus der Feder von Kilian Baur. Anlass genug für uns, um mit ihm über die lange Tradition, Mittelalter und Metal miteinander zu verschmelzen, ins Gespräch zu kommen.
Kilian Baur ist Historiker und ist akademischer Mitarbeiter an der PH Ludwigsburg sowie Habilitand an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er studierte Mittelalterliche Geschichte, Neuere und Neueste Geschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Würzburg, München und Kopenhagen. Promoviert wurde er mit einer Arbeit über die hansisch-dänischen Beziehungen im Spätmittelalter. Nach Stationen an den Universitäten in Rostock, Eichstätt und Tübingen. Er forscht zur Geschichte Nordeuropas, zur früh- und hochmittelalterlichen Geschichtsschreibung und zum Mittelalter in der Geschichtskultur.
Mittelalter Digital: Lieber Kilian, schaut man nach Darstellungen von Geschichte in der vielfältigen Medienlandschaft, so fallen einem als vornehmlich visuelle Medien in der Regel schnell prominente Spielfilme, Serien oder Games ins Auge. Das ist jedenfalls der Befund, wenn man die fachwissenschaftliche bzw. didaktische Beschäftigung mit populärkulturellen Medien in den letzten Jahren betrachtet. Auch wenn in diesem wissenschaftlichen Kontext die Musiklandschaft eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt, so kann das Medium selbst ja auf eine langjährige Tradition zurückblicken – und auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr hat nicht erst gestern begonnen.
Was war deine Motivation, dich mit Mittelalterbildern im Metal zu beschäftigen und zu diesem Thema einen eigenen Band zu schreiben?
Kilian: Die kurze Antwort: Ich habe zwei persönliche Interessen zusammengeführt. Die etwas längere: Als ich als Jugendlicher angefangen habe, Metal zu hören, habe ich mich zunächst nur für die Musik begeistert. In meiner vermutlich typischen Jugend der späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre habe ich mich irgendwo zwischen Grunge, Hardcore, Alternative und Metal bewegt.
Das Mittelalter spielte für mich in diesem Zusammenhang kaum eine Rolle, was sich schlagartig geändert hat, als ich mit den üblichen Mittelaltermarkt- und Mittelalterrock-Kapellen in Kontakt gekommen bin. Der nächste große Schritt war die Entdeckung ›Amon Amarths‹ und dass es außerdem so ein Genre wie Pagan Metal gibt.
Ansprechend fand ich die Ästhetik der Bandkonzepte, die Texte haben mich damals kaum interessiert. Das ist eigentlich eine Unverschämtheit, wenn man mit solchen musikalischen Vorlieben Geschichte studiert. Auf die Idee, mein Interesse für das Mittelalter auch analytisch auf die Geschichtskultur anzuwenden, bin ich damals nicht gekommen.
Geändert hat sich das während meiner Arbeit an der Universität. Ich habe öfters Seminare zu popkulturellen Themen gegeben, z.B. zu ›Vikings‹ oder zum Mittelalter in Computerspielen, und mich wissenschaftlich mit Geschichte auf YouTube beschäftigt. Als Nachwuchswissenschaftler ist man ja Dank des Wissenschaftlichen Zeitvertragsgesetzes immer befristet angestellt und darf insgesamt nur eine bestimmte Zeit an einer Hochschule arbeiten.
Als mein vermeintlich letztes Seminar an der Universität nahte, wollte ich mir zum Abschied ein Seminar über die Mittelalterdarstellung im Metal schenken. Bei der Vorbereitung habe ich dann festgestellt, dass es zwar eine Menge Forschungsbeiträge zum Thema gibt, aber keine knappe Gesamtdarstellung. Mit dem Anliegen, eine solche zu schreiben, habe ich mich schließlich an den Verlag gewandt. Der Rest ist Geschichte...
Mittelalter Digital: Schaut man sich beispielsweise die Inszenierung des Mittelalters in Spielfilm an, so muss man für deren Ursprung eine ganze Zeit zurückgehen. Heute noch bekannter sind womöglich alte Klassiker wie ›Robin Hood‹ mit Errol Flynn in der Hauptrolle (1938) oder ›Ivanhoe – Der Schwarze Ritter‹ (1952) mit Robert Taylor. Und das waren seinerzeit schon „Mittelalterfilme“ der zweiten bzw. dritten Generation. Wann fand das Mittelalter Eingang in den Metal? Und auf welchen Wegen tat es das?
Kilian: Wege des Mittelalters in den Metal gibt es unzählige, sodass ich eigentlich nur ein paar davon kurz ansprechen kann. Einer führt über das große Interesse von Musiker*innen für Fantasy. Etliche Musiker*innen haben sich für Sword’n Sorcery begeistert, das in der Formierungs- und Frühphase des Metals Ende der 1960er- und 1970er Jahre, populär war.
Für das englische männliche, junge und weiße Arbeitermilieu, das aus einer schwächeren wirtschaftlichen Lage des Landes seine Möglichkeiten dahinschwinden sah, waren z.B. die Männlichkeitskonzepte attraktiv. Diese verliehen ihm eine Art Selbstwirksamkeit. ›Manowar‹ bspw. haben sich stark an der Ästhetik der Figur Conans des Barbaren aus diesem Universum orientiert. Spätestens in den 1980ern wurde die Figur durch die Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger (wieder) sehr populär. Die Gemeinsamkeiten zwischen ›Manowar‹ und ›Conan‹ sind offensichtlich: Muskeln, nackte Haut, Leder, Waffen.
Cover zu ›Fighting the World‹ von ›Manowar‹, 1987: Die Ähnlichkeiten zu seinerzeit populären Vertretern des Fantasygenres sind offensichtlich. ›Conan der Barbar‹ mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle löste im Genre ein kleines Revival aus. Der Archetypus des Barbaren erfeut sich bis heute in vielen Fantasy-Franchises großer Beliebtheit.
Auch jüngere Bands, wie etwa ›Castle Rat‹, bedienen sich an dieser Ästhetik. Aber auch das Tolkien-Universum spielt eine nicht unerhebliche Rolle, bspw. bei ›Blind Guardian‹ zunächst in einzelnen Songs (Majesty, Battalions Of Fear, 1988), später in ganzen Alben (Nightfall in Middle-Earth, 1988). Auch Black Metal-Bands wie ›Gorgoroth‹ verdanken Tolkien ihren Namen, sie sind nach der gleichnamigen Hochebene benannt. Ein großer Teil der Mittelalterbezüge im Metal sind also keine historischen, sie enthalten das Mittelalter insofern, als es im Fantasy sehr intensiv verarbeitet wird.
Anders sieht es mit der Behandlung konkreter historischer Szenarien aus: ›Led Zeppelin‹ haben mit dem ›Immigrant Song‹ bereits 1970 ein Lied über Wikinger veröffentlicht:
Und auch ›Iron Maiden‹ haben mit ›Invasion‹ 1979 ein verhältnismäßig früh entstandenes Lied über die Wikinger. Warum diese Szenarien Einzug im Metal hielten?
Das ist vermutlich auf eine Melange aus persönlichem Interesse der jeweiligen Texter zurückzuführen. In manchen Bands sind Historiker*innen, wie z.B. Georg Neuhauser, der Sänger von ›Warkings‹ und ›Serenity‹, die ihren Beruf nicht an der Tür zum Proberaum an den Nagel hängen. Manchmal dürften verbreitete Auffassungen über historische Szenarien oder Phänomene bedeutende Rollen spielen, wie der Ruf der Wikinger als rohe, ursprüngliche und etwas punkige Nonkonformisten oder der Kreuzzüge als Paradebeispiel für sinnlose, religiös motivierte Gewaltausübung.
Wenn wir schon über Wikinger reden: Ein wichtiger Weg des Mittelalters in den Metal führt über die Frage der Identität. ›Bathory‹, eine Band, die als Begründerin des Viking Metal gilt, haben sich Ende der 1980er-Jahre auf ihrem Album ›Blood Fire Death‹ mit Wikingern beschäftigt, weil sie nicht weiter – wie im damaligen Black Metal üblich – Satan besingen wollten. Den sah Quorthon, der die Band weitestgehend allein betrieb, als christliche Lüge an, während er sich mit den Wikingern als seinen Vorfahren verbunden fühlte.
So kommt es, dass Bands aus den Genres des Pagan und Viking Metal die Beschäftigung mit wikingerzeitlichen oder frühgeschichtlichen Themen und v.a. vorchristlicher Mythologien oftmals als Pflege einer ursprünglichen und vom Christentum nicht verfälschten Kultur betrachten.
Manchmal kommt das Mittelalter aber auch auf den einfachsten Wegen in den Metal. Wie du schon gesagt hast, ist das Mittelalter in Filmen und anderen Medien omnipräsent. Es ist also naheliegend, die dort erzählten Geschichten weiterzuerzählen. Etliche Lieder über den schottischen Kampf gegen den englischen König sind entstanden, nachdem ›Braveheart‹ in die Kinos gekommen ist, z.B. Grave Digger, William Wallace (Braveheart), Tunes of War, 1996:
Auch ist das Mittelalter auf zahlreichen Historiengemälden, in Theaterstücken und Opern des 19. Jahrhunderts zu finden. Das Cover zum Album ›The IVth Crusade‹ von ›Bolt Thrower‹ zeigt z.B. das Gemälde ›Prise de Constantinople par les croisés (12 avril 1204)‹ von Eugène Delacroix.
Und um auf das Beispiel ›Manowars‹ zurückzukommen: Joey DeMaio, der Bassist und Songwriter der Band, zählt Richard Wagner zu seinen musikalischen Vorbildern. Diese Verehrung geht sogar so weit, dass Manowar‹ dem Enkel Richard Wagners, Wolfgang Wagner, eine vergoldete CD von ihnen überreichen wollten. Das Büro Wagners wollte aber wohl nichts davon wissen. Auf jeden Fall plante DeMaio das Album ›Gods of War‹ als Auftakt für einen Albenzyklus, der sich an Wagners ›Ring der Nibelungen‹ orientieren sollte.
Ganz anders wiederum sieht es mit dem Mittelalterrock aus. Dieser hat seine Ursprünge hauptsächlich in der neu entstandenen Mittelalterszene in der ehemaligen DDR. Die musikalischen Vorbilder waren u.a. verschiedene Folkbands aus der DDR. Mitglieder von ›In Extremo‹ oder ›Tanzwut‹ (bestehend aus Mitgliedern der Mittelaltergruppe ›Corvus Corax‹) haben sich zunächst als Musiker auf Mittelaltermärkten verdingt, bevor sie mittelalterlich klingende Musik mit Rockmusik vermischten. Das Mittelalter dürfte hier teilweise ein Zufluchtsort zunächst vor der restriktiven Politik der DDR, dann vor den Wirren der Wiedervereinigungszeit dargestellt haben.
[Wer sich mehr für das Thema interessiert findet hier eine Reihe vom DLF-Kultur, in der Kilian in zwei Folgen als Experte vorkommt.]
Mittelalter Digital: Eingangs habe ich Spielfilme, Games und Serien als vornehmlich visuelle Medien charakterisiert. Das war natürlich insofern verkürzt, als diese audio-visuelle Medien sind. Nun wird Musik natürlich erst einmal vornehmlich gehört – aber auch der Metal verfügt über starke visuelle Komponenten. Welche sind das? Und welche Rolle spielen sie bei der Inszenierung des Mittelalters?
Kilian: Ein großer Vorteil des Mittelalters – oder besser: des popkulturellen Mittelalters – ist, dass wir es schnell als solches erkennen können. Wir sehen Schwerter, Ritter oder Burgen auf Merchandisingartikeln oder Covern und wissen sofort, in welchem Szenario wir uns befinden. Anhand weniger Marker basteln wir uns wegen unserer Vorprägung unsere gesamte mittelalterliche Welt um einzelne Gegenstände herum.
Ich glaube auch wegen dieser visuellen Eindeutigkeit ist das Mittelalter auch hinsichtlich seiner visuellen Ästhetik sehr beliebt. Das gilt allerdings nicht uneingeschränkt, denn manchmal ist die Mittelaltermarkierung im Metal etwas diffiziler. Wenn wikingerzeitliche Kunststile, gotische Bögen in Bandlogos oder mittelalterliche Schriftarten für Booklets aufgegriffen werden, ist das Mittelalter vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick zu erkennen.
Grundsätzlich existiert in der Intensität des auf Covern und Bühnenbildern, in Musikvideos, und Bühnenoutfits gezeigten Mittelalters eine große Bandbreite – von der Orientierung an historischen Trachten, Gebäuden etc. bis hin zu mehr oder weniger fantastischen Elementen.
Für die Darstellung des Mittelalters wie auch für die Selbstdarstellung von Bands klassisch wie zentral ist das Albumcover. Es wird nicht nur auf CDs gezeigt, sondern auch auf Merchandising-Artikel, zuallererst T-Shirts, gedruckt. Ikonisch ist beispielsweise das Cover zu ›Dark Medieval Times‹ von ›Satyricon‹ (1993), das einen Reiter zeigt, der vor eine dunklen Festung eine Axt in die Höhe reckt.
Auf Konzerten spielt die visuelle Komponente oft eine eher untergeordnete Rolle. Viele Bands, die mittelalterliche Themen verarbeiten, treten in ganz normalem szenetypischem Outfit auf. Weniger kostümieren sich in Anlehnung an mittelalterliche Trachten oder zeigen einzelne Utensilien, wie etwa Schwerter. Andere Bands wiederum, v.a. die kommerziell erfolgreicheren, bringen das Mittelalter immer wieder in größerem Ausmaß auf die Bühne:
Man denke an die Reenactment-Gruppen, mit denen sich ›Amon Amarth‹ öfters die Bühne teilen, an Bühnenbilder mit Langschiffen oder an die gotische Ruinenarchitektur, in der Powerwolf‹ gelegentlich auftreten:
Gleich ganz in historischer Umgebung finden regelmäßig Konzerte von ›In Extremo‹ und ›Saltatio Mortis‹ im Rahmen von „Burgentouren“ statt. Die Tatsache, dass diese Umgebung auch mal frühneuzeitlich sein kann, zeigt, dass es beim Mittelalter auf der Bühne nicht um eine wie auch immer geartete authentische Geschichtsdarstellung geht, sondern um die Erzeugung eines atmosphärischen und immersiven Konzerterlebnisses.
Mittelalter Digital: Du beschäftigst dich in deinem Band auch mit Authentizitätsfragen, die für die wissenschaftliche Beschäftigung mit popkulturellen Phänomenen auch mit Blick auf andere Medien immer zentral sind, zumal Kategorien wie „Realismus“ und „Korrektheit“ auch rezipientenseitig für die Bewertung eine Rolle spielen.
Das Thema ist so komplex, dass sich darüber ein eigenes Interview führen ließe, aber eine Grundlinie der Erkenntnis ist in der Forschung, dass Authentizität insofern keine objektive, sondern eine subjektive Kategorie ist, als sie sich vornehmlich an eigenen Sehgewohnheiten entlang etabliert – wir empfinden Dinge als historisch, die wir so entsprechend kennengelernt haben.
Bezeichnend ist dabei, dass unsere Vorstellungen von Geschichte dabei nicht zwangsläufig ein „wissenschaftliches“ Fundament haben müssen, sondern sich beispielsweise aus den Bildern speisen, die wir aus Spielfilmen kennen. Neue Medien rekurrieren dann wieder auf die so etablierten Gewohnheiten und zementieren damit bestimmte Vorstellungen. Das ist vielleicht ein Grund, wieso sich die Klischees über das Mittelalter schon seit Ewigkeiten halten.
Welche Rolle spielt Authentizität im Metal? Und auf welchen Ebenen wird die Kategorie dort verhandelt?
Kilian: Im Metal nimmt die Authentizität v.a. der Musiker*innen einen hohen Stellenwert ein. Das manifestiert sich im Begriff der Trueness/Trveness, der manchmal bierernst und manchmal ironisch verwendet wird. Zunächst bezeichnet der Begriff eine Glaubwürdigkeit der Musiker*innen in ihrem Handeln. Das ist ein Phänomen, das man auch aus anderen Subkulturen kennt, z.B. im Hip Hop in Form der Realness. Das Authentizitätskonzept des Metal ist u.a. mit den historischen Aspekten verbunden. Musiker*innen treten beispielsweise in den Medien als szeneinterne Geschichtsexpert*innen auf.
Was macht sie dazu? Sie haben sich für ihre Texte und Bandkonzepte in historische Aspekte eingearbeitet. Durch ihre Äußerungen, etwa in Interviews, über das historische Mittelalter verleihen sie ihren Darstellungen eine größere Glaubwürdigkeit à la „Die haben sich intensiv eingearbeitet, das wird schon so stimmen“. Auch wenn v.a. länger bestehenden Bands durchaus das Bedürfnis nach einem Wandel zugestanden wird, ist die Authentizität größer, je länger und konsequenter sie ihre Bandkonzepte – in unserem Fall mit seinen historischen Aspekten – durchziehen.
Andererseits sollte man die Frage der Authentizität auch nicht überbewerten. Zwar erheben manche Bands den Anspruch darauf, Geschichte triftig darzustellen, zahlreiche andere hingegen bedienen sich sehr frei am Mittelalter und sind sich dessen bewusst. Weil sie an bekannte Bilder anknüpfen, könnten ihre Darstellung unbeabsichtigt trotzdem als authentisch wahrgenommen werden.
Meist geht es den Bands eher darum, Geschichten zu erzählen, die zur Musik passen, ein markantes Bandkonzept zu konzipieren und eine ansprechende Ästhetik und Atmosphäre zu erzeugen. Insofern kann man dem Metal einen sehr spielerischen Umgang mit Mittelaltermarkern oder ganzen Mittelalterbildern attestieren.
Mittelalter Digital: Der Populärkultur wird ja immer wieder ein großer Einfluss auf die Geschichtsvorstellung ihrer Rezeption unterstellt, ohne dass es dazu belastbare empirische Studien gäbe. Im Blick standen dabei vor rund 20 Jahren die sog. Hollywood-Blockbuster, denen man große Breitenwirkung attestierte, heute sind es eher beliebte Serien oder Videospiele. Welchen Stellenwert nimmt deines Erachtens der Metal bei der Generierung und Zementierung von Geschichtsbildern und -vorstellungen ein? Und lässt sich in diesem Kontext überhaupt losgelöst betrachten?
Kilian: Den Metal von anderen Medien separieren kann man meiner Meinung nach nicht. Ob er zu einer Zementierung klischeehafter Geschichtsbilder und -vorstellungen beiträgt? Genau kann man das in Anbetracht des von dir erwähnten Mangels an Studien nicht sagen. Ich wäre vorsichtig, Musik und Texten allein einen zu großen Stellenwert einzuräumen.
Sarah Chaker hat 500 Metal-Fans befragt, ob und wie intensiv sie sich mit den Texten und Inhalten der von ihnen gehörten Bands beschäftigen. Der Anteil an Fans, die sich inhaltlich überhaupt nicht damit befassen, war sehr hoch, weil sie einfach nur die Musik hören wollen. Anders schätze ich die Wirkung visueller Komponenten ein. Während ich Texte aktiv hören oder lesen muss, kann ich mich einem Bild oder einem Video, das ich (an)schaue, nicht entziehen. Gerade im visuellen Bereich werden Bezüge zu verbreiteten Vorstellungen hergestellt.
Das Cover zum Album ›Hammerheart‹ von ›Bathory‹ zeigt beispielsweise das Gemälde ›The Funeral of a Viking‹ (1893) des englischen Malers Frank Bernard Dicksee. Auf diesem ist eine klischeehafte Bestattung eines Wikingers auf einem brennenden Schiff zu sehen, das von muskulösen Männern, teilweise mit Hörnerhelmen auf dem Kopf, aufs Meer hinausgeschoben wird. Aber auch jüngere Bilder werden aufgegriffen:
Die Mittelalterrockband ›Harpyie‹ orientiert sich in ihrem Musikvideo hinsichtlich der Requisiten und der Kostümierung zum Lied ›Blutadler‹ eindeutig an einer Szene der zweiten Staffel (Folge 7) von ›Vikings‹, in der Protagonist Ragnar seinen Gegner Jarl Borg bei lebendigem Leib den Oberkörper aufbricht und die Lungenflügel auf die Schultern legt. Ob die Hinrichtungsmethode des Blutadlers aber wirklich so angewandt wurde, ist umstritten. Durch das visuelle Recycling des vorhandenen Bildes aus ›Vikings‹ leistet das Video aber einen Beitrag zur Perpetuierung der Auffassung, der Blutadler sei ein reales Ritual der Wikingerzeit gewesen. Insofern kann auch der Metal Mittelalterbilder zementieren.
Mittelalter Digital: Wikinger, Kreuzritter – heute rücken bestimmte Stereotypen (in der Regel klischeebeladen und ohne Verankerung in wissenschaftlichen Erkenntnissen) wieder als Identifikationsfiguren und historische Bezugsgrößen in den Fokus, die insbesondere rechte Welt- und Gesellschaftsbilder Legitimität verleihen sollen. Im Kontext aktueller Social Media- und Internetphänomene, toxischer Männlichkeitskonzeptionen und religiösen Fanatismus verfangen insbesondere die „echten und harten Kerle“ des Mittelalters in bestimmten Kreisen.
Ist das ein Phänomen, das auch im Metal zu beobachten lässt, der ja thematische Evergreens wie die Kreuzzüge und die Wikingerzeit thematisiert und inszeniert?
Kilian: Der „echte und harte Kerl“ ist im Metal von Anfang an eigentlich immer dagewesen, wenn man an die frühen Verarbeitungen der Wikingerzeit oder Conans des Barbaren denkt, mitunter mit einer sexistisch-misogynen Komponente. ›Manowars‹ ›Pleasure Slave‹ (Kings of Metal, 1988) oder die Zeile „no christian woman unraped“ in ›Amon Amarths‹ ›Victorious March‹ (Sorrow Throughout the Nine Worlds, 1994) sind nur zwei Beispiele von vielen.
Das sind Fantasien von männlicher Dominanz, die anscheinend besonders von Musikern in ihrem ersten Lebensdrittel geäußert wurden. Diesen Äußerungen liegt aber, anders als bei beispielsweise Incels, kein geschlossenes oder gar politisches Weltbild zugrunde, obschon man durchaus inhaltliche Gemeinsamkeiten mit der Mannosphäre ausmachen kann. Während solche Texte nach wie vor weiterhin gesungen werden, gehen sie in den letzten Jahren – so mein Eindruck – bei jüngeren Bands zurück, was vielleicht im Zusammenhang mit einer zunehmenden Präsenz von Musikerinnen in der Szene steht.
Auch manche ältere Band erweist sich als reformfähig. Bis vor anderthalb Jahren haben Feuerschwanz noch von „Miezen“ gesprochen, wenn sie ihre Tänzerinnen erwähnten. Mittlerweile werden sie „Schildmaiden“ genannt. Überhaupt zieht die Band beispielsweise in ›Berzerkermode‹ (Fegefeuer, 2023) Mackertum und damit verbundene toxische Männlichkeit stark durch den Kakao.
Der religiöse Fundamentalismus rechtsradikaler Strömungen ist kein Phänomen, das den Metal insgesamt prägen würde. Ein Kult etwa um Kreuzfahrer, dem man in der Internetkultur in zahlreichen Memes begegnen kann und die oft aus einer politischen Richtung stammen, ist im Metal eher selten. Die Kreuzzüge werden hier überwiegend negativ als Krieg der Kirche gegen Unschuldige dargestellt, was v.a. auf die szenetypische religionskritische Haltung zurückzuführen ist. Einige Ausnahmen gibt es im Bereich des Power und Heavy Metal dann aber doch.
Auf der Suche nach genrespezifischen Helden reflektieren manche Bands historische Persönlichkeiten wenig kritisch – soweit ich sehen kann, geschieht aber auch das ohne politisch-ideologischen Hintergrund. Die entsprechenden Bands verlautbaren meistens, dass sie nur Geschichte nacherzählen würden, womit sie es sich meiner Meinung nach etwas zu einfach machen. Denn man kann nicht in Abrede stellen, dass historische Darstellungen eine politische Komponente haben, wenn sie Personen als Helden darstellen.
Helden werden immer im Nachhinein von Verehrergemeinschaften zu solchen erklärt. Ausschlaggebend hierfür ist, dass der Held symbolisch Werte der Verehrergemeinschaft verkörpern oder für von ihr propagierte Werte vereinnahmt werden kann. Welche Werte das sein sollen, kann man hinterfragen, wenn beispielsweise die Power Metal-Band ›Serenity‹ auf ihrem Album ›Lionheart‹ (2017) die Geschichte Richards Löwenherz trotz des Massakers von Akkon als ruhmreichen Kampf um das Heilige Land darstellt.
Aber wie gesagt: Hier dürfte eher die Suche nach dem genrespezifischen Helden ausschlaggebend gewesen sein als Weltanschauung. Denn der kriegerische Held, der durch Gewaltanwendung ein höheres Ziel, z.B. Freiheit, erreicht, ist fester Bestandteil zahlreicher Lieder im Power Metal.
Was die Subgenres des Pagan und Viking Metals intensiver prägt, ist die Auffassung, dass es sich bei der nordisch-germanischen Mythologie um die Religion der eigenen Vorfahren handle. Das Christentum wird von dieser „ursprünglichen“ Religion als fremd und von außen aufoktroyiert charakterisiert. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist das stark verkürzt.
Interessanter ist aber das Bedürfnis nach Ursprünglichkeit, das sich in dieser Sichtweise äußert und durch die eine Identitätssuche von Musiker*innen wie Rezipient*innen gestillt wird. Durch die Identifizierung der Wikinger als eigene Vorfahren erhält die Wikingergeschichte mitunter eine ethnische Komponente. Quorthon sah sich, wie er im Booklet zu ›Blood On Ice‹ (1996) äußert, über das Blut mit den Wikingern verbunden („linked by blood“). Damit orientierte er sich vermutlich an den griffigen Mittelalterbildern des 19. Jahrhunderts und erzählte derartige Auffassungen wieder. Aber gerade die Unterscheidung zwischen „einheimisch“ und „fremd“ macht die Musik anschlussfähig für radikalere politische Positionen, ohne dass ›Bathory‹ selbst solche vertreten hätten.
Nicht nur, aber v.a. wegen ihrer Bezugspunkte in der Romantik und anderen Strömungen des 19. Jahrhunderts ist im Black, Pagan und Viking Metal oftmals ein genauer Blick erforderlich, um herauszufinden, wie die Bands ihre Mittelalterdarstellung meinen. Durch die Verwendung von Runen und anderen Symbolen, die mit germanischer Mythologie verbunden werden, sind harmlose Bands mitunter schwer von solchen zu unterscheiden, die eine rechtsradikale Agenda verfolgen. Oft kann man diesen Unterschied nur anhand von Äußerungen der Musiker*innen jenseits der Musik ausmachen, was die Lage nicht unkomplizierter macht.
Man denke nur an die ewigwährende Diskussion um ›Burzum‹: Die einen machen im Werk keine politischen Inhalte aus und meinen daher, vom Musiker mit neonazistischer Gesinnung und gewalttätiger Vergangenheit hinter der Band trennen zu können, die anderen halten die Differenzierung von Werk und Künstler für unmöglich und sehen den Konsum seiner Musik daher äußerst kritisch. Um zum Punkt zu kommen: rechtsradikale und nationalistische Weltbilder spielen im Metal insgesamt kaum eine tragende Rolle, sie kommen aber durchaus vor, weswegen man immer genauer hinschauen sollte.
Mittelalter Digital: Über Geschmäcker lässt sich ja trefflich streiten, aber gibt es Beispiele im Metal, die aus fachwissenschaftlicher Sicht bei der Adaption von mittelalterlicher Geschichte besonders erwähnenswert sind?
Kilian: Vor einer Antwort auf diese Frage würde ich mich sehr gerne drücken – äußerst ungern möchte ich einer Band das Prädikat „besonders wertvoll“ erteilen, obwohl es viele gibt, die ich aus dem einen oder anderen Grund besonders spannend finde. Der Reiz liegt für mich aus wissenschaftlicher Perspektive weniger darin zu fragen, wie – gemessen an wissenschaftlichen Standards – akkurat Bands das Mittelalter behandeln, sondern mehr, wie sie das Mittelalter auf künstlerische und andere Bedürfnisse zuschneiden. Insofern ist fast jede Mittelalterdarstellung erwähnenswert.
Wenn’s aber ganz besonders wild sein darf, habe ich eine Liedempfehlung zum einen wegen ihrer sehr ironischen und klischeehaften Art der Mittelalterdarstellung und zum anderen, weil sie jenseits der üblichen Pfade geschieht. Das Duo ›Mittel Alta‹ macht eigentlich Rap mit mittelalterlich anmutenden, dem Genre entsprechenden derben und teilweise fragwürdigen Texten, hat aber mehrere Features mit Bands im weitesten Sinne aus dem Metal-Bereich, was sie wohl auf die Bühnen diverser Metal-Festivals gebracht hat.
Empfehlen würde ich das Feature mit der ›King Nugget Gang‹, einer Crossoverband, die ihre Texte um Essen kreisen lassen. Wer also Interesse daran hat, wie aus der „Hexenjagd“ die „Haxenjagd“ wird, wie Schweinshaxen durchbohrt werden wie Feinde mit dem Schwert und am Ende einen stattlichen Breakdown hören will, wie im Corebereich üblich, der sollte hier hineinhören:
Mittelalter Digital: Lieber Kilian, herzlichen Dank für die Einblicke!
Das Interview führte Tobias Enseleit.