›Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit‹: ein würdiger Thronfolger?
Tobias Enseleit
Mit ›Die Säulen der Erde‹ schrieb Ken Follett vor mehr als 30 Jahren einen historischen Roman, der zum Beststeller avancierte und wie sein Nachfolger, ›Die Tore der Welt‹, auch verfilmt wurde. Mit ›Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit‹ hat Follett 2020 seinen bereits vierten Roman in der Reihe im Verlag Bastei Lübbe veröffentlicht: Dessen Handlung ist auf über 1.000 Seiten zeitlich vor den anderen Romanen angesiedelt und erzählt die Geschichte des emsigen Bootsbauers Edgar, der forschen Normannin Ragna und des idealistischen Mönches Alfred, die in Zeiten von Wikingerüberfällen und politischen Intrigen ihren Weg finden müssen.
Die Nordmänner kommen – oder?
Die Erwartungshaltung ist bei einem prominenten Autor und den hochgelobten Vorgängerromanen natürlich hoch, zumal Follett mit der Wahl des Settings im Fahrwasser des großen Wikingerhypes fährt, der seit Jahren eindrücklich die „historische“ Populärkultur prägt.
Inwiefern hier Erwartungshaltungen gebrochen werden, wird jeder Leser und jede Leserin für sich entscheiden müssen: Denn die raubenden Nordmänner spielen im gesamten Roman nur ganz am Rande eine Rolle und geben stattdessen den geopolitischen Rahmen der Handlung vor.
Wer sich auf handfeste Wikingeraction gefreut hat, wird damit enttäuscht werden. Persönlich halte ich Folletts Vorgehen an dieser Stelle für die richtige Wahl; einerseits, weil er so nicht in Konkurrenz zu den unzähligen Vertretern des Wikingergenres tritt, und damit andererseits die gewohnten Erzählmechanismen der Romanreihe nicht aus den Augen verliert, die in der Vergangenheit eine ihrer Stärken waren.
Never change a running system
Und hier liegt meines Erachtens eines der Hauptprobleme des Romans. Wer bereits bei der initialen Kurzzusammenfassung der Handlung gedacht hat: „Moment, irgendwie kommt mir das doch bekannt vor!?“, der hat ganz Recht: Mit einem kongenialen Handwerker, einer selbständigen jungen Frau, einem gutmütigen Mönch und einem intriganten Bischof als Widersacher weist ›Kingsbridge‹ eine altbekannte Figurenkonstellation auf, welche bereits die Erzählungen der Vorgängerromane getragen hat.
Kaum erwähnenswert ist dabei der Umstand, dass die drei Hauptprotagonisten einerseits demselben moralischen Kompass folgen und dabei andererseits postaufklärerischen Idealen nacheifern, die von selbstbestimmter Liebe bis zu gesamtgesellschaftlicher Gerechtigkeit reichen. Dieser Umstand bietet natürlich einerseits großes Identifikationspotenzial für ein modernes Lesepublikum, das über Edgar, Ragna und Alfred sowohl geschlechterübergreifend als auch inhaltlich breit aufgestellt ist, und gleichzeitig reichlich Konfliktpotenzial, da sich die Figuren in einer – aus Sicht einer modernen Leserschaft – rückständigen, gewalttätigen und ungerechten Umwelt bewähren müssen.
Soweit verpflichtet sich Ken Follett hier gewohnten und funktionierenden Erzählmechanismen populärkultureller Mittelalterinszenierung, verschenkt dabei aber viel Potenzial für eine vertiefte Charakterzeichnung – auch mit Blick auf die Antagonisten des Romans, an denen sich kein gutes Haar finden lässt. Diese Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren, die sich auch über weite Teile der Nebenfiguren erstreckt, funktioniert natürlich, um eine durchaus interessante Handlung in Gang zu setzen.
Dass Follett aber bereits auserzählte Figurenkonstellationen in ein neues Setting transferiert, hinterlässt einen faden Beigeschmack. Die Entscheidung dazu mag marketingtechnisch nachvollziehbar sein – nach dem Motto „Never change a running system“ funktionieren auch viele Geschichtsinszenierungen in Film und Fernsehen –, verwehrt ›Kingsbridge‹ aber die Möglichkeit, auf eigenen Beinen zu stehen und etwas Neues zu präsentieren.
Diese Schablonenhaftigkeit erstreckt sich dabei nicht nur auf die Gestaltung der Figuren, sondern auch auf den Verlauf der Handlung. Das führt etwa dazu, dass auch in ›Kingsbridge‹ der Held gegen Ende die Erzählung räumlich für eine ganze Zeit verlässt. Persönlich hatte ich mir hier mehr Mut gewünscht, erzählerisch neue Wege zu beschreiten.
Fazit
Wen es nicht stört, bekannte Muster wieder vorgesetzt zu bekommen – dies mag ja durchaus auch nostalgisches Vergnügen bereiten –, der wird mit ›Kingsbridge‹ wahrscheinlich sehr zufrieden sein. Damit ist ›Kingsbridge‹ je nach persönlicher Präferenz im guten oder im schlechten Sinne sehr konservativ.
Bedeutet dies, dass ›Kingsbridge‹ damit auch ein schlechter Roman ist? Keineswegs, denn trotz aller nun geäußerter Kritik überzeugt der Roman durch seine hochwertige Aufmachung sowie das lupenreine Lektorat und unterhält über weite Teile, weil er sich auf die Stärken besinnt, die bereits die Vorgänger erfolgreich gemacht haben.
Auch wenn ich mir etwas mehr Mühe und Raum in der Beschreibung von Figuren, Orten und Erzählsträngen gewünscht hätte (an manchen Stellen huscht der Roman nahezu durch die Handlung), möchte man doch wissen, wie es mit den Figuren weitergeht (auch wenn man das meiste aufgrund des wiederverwendeten Schemas bereits ahnt). Das Ende, das in seiner Zuspitzung ebenfalls etwas hastig und konstruiert wirkt, hat mich dann einigermaßen versöhnt entlassen – jeder hat das bekommen, was er verdient hat.
Ob auch jede Leserin und jeder Leser mit ›Kingsbridge‹ das bekommt, was sie oder er verdient hat, hängt vornehmlich von der eigenen Erwartungserhaltung ab. Wen die genannten Punkte nicht stören oder wer sich sogar heimisch dabei fühlt, Gewohntes wieder zu entdecken, der darf sich auf viele Seiten Lesevergnügen freuen! Aber auch alle anderen machen mit einem Griff ins Bücherregal nichts falsch – wenn sie hier und da ein, oder auch mal zwei Augen zudrücken.