Thron der Diebe: Im Interview mit Juliane Stadler
Tobias Enseleit
Mit ›Thron der Diebe‹ erschien am 2. Oktober 2026 der dritte historische Mittelalter-Roman aus der Feder von Juliane Stadler im Piper Verlag. Bereits ihr 2023 veröffentlichter und gelungener Roman ›König der Turniere‹ war in einem anglo-normannischen Setting angesiedelt und erzählt die Geschichte von einem jungen angehenden Turnierritter, der dem besten Ritter aller Zeiten begegnen sollte: Guillaume le Maréchal. Der neue ›Thron der Diebe‹ spielt also in derselben Welt, stellt allerdings die Geschichte einer historischen Person ins Zentrum, die in vielen Aspekten die Vorlage für eine der bekanntesten Mittelalter-Figuren gewesen sein kann: Robin Hood.
Wir sprechen mit der Autorin über ihren neuen Mittelalter-Roman; darüber, wie die Idee zu ihm entstanden ist, wie sich Quellenmaterial und Forschungsliteratur in eine Erzählhandlung verwandeln lassen und wie herausfordernd der Balanceakt ist, einen gleichermaßen „modernen“ wie „authentischen“ Roman zu schreiben.
Juliane Stadler studierte an der Universität Heidelberg Ur- und Frühgeschichte, Archäologie des alten Orients sowie Alte Geschichte und promovierte mit einer Untersuchung zu frühkeltischen Bestattungssitten. Sie arbeitete als Journalistin und Redakteurin, auf Ausgrabungen, in Museen und archäologischen Forschungseinrichtungen oder unterrichtete Studierende und versuchte dabei stets, die Vergangenheit zum Leben zu erwecken.
Diesen Wunsch verknüpfte sie schließlich mit der Leidenschaft zum Schreiben. Nach unzähligen Schubladenmanuskripten und einigen erfolgreich veröffentlichten Kurzgeschichten wagte sie sich mit „Krone des Himmels“ an ihren ersten historischen Roman. Dafür recherchierte sie unter anderem an Originalschauplätzen entlang der Kreuzzugsroute Barbarossas und im Heiligen Land.
Anfang Oktober erschien ihr dritter historischer Roman ›Thron der Diebe‹ im Piper Verlag.
Mittelalter Digital: Liebe Juliane, es freut mich sehr, dass am 2. Oktober nun dein dritter Roman erschienen ist und wir uns über diesen austauschen können. Wie geht es dir jetzt, wo der Roman in den Bücherläden steht? Ist die stressigste Phase nun vorbei? Oder steht bei dir noch einiges an?
Juliane Stadler: Erst einmal bin ich natürlich erleichtert, dass das neue Buch nach der vielen Arbeit und Vorbereitung endlich in der Welt ist und von allen gelesen werden kann. Gleichzeitig sind das Warten auf Rezensionen und Feedback und die ersten Lesungen immer auch sehr aufregend. Einige Termine liegen schon hinter mir, weitere Veranstaltungen stehen noch an. Aber am Ende von so einem langen und oft einsamen Schreib- und Arbeitsprozess mit den Lesenden persönlich in Kontakt zu kommen, das ist für mich die Kirsche auf der Sahne und macht einfach Spaß!
Mittelalter Digital: Betrachtet man das Setting deines neuen Romans, so könnte man meinen: Never change a running system, denn du bist der anglo-normannischen Welt des Hochmittelalters treu geblieben (hier findet ihr unser Interview mit Juliane zu ihrem Roman ›König der Turniere‹). War das Zufall? Oder spricht dich das Setting besonders an? Oder um etwas konkreter zu fragen: Wie bist du für deinen neuen Roman auf das Thema gekommen?
Juliane Stadler: Das anglo-normannische Mittelalter hat, gerade mit Familien wie den liebreizenden Plantagenets, einfach unglaublich viele spannende Persönlichkeiten und Konflikte zu bieten, da ergibt sich der nächste Romanstoff fast von selbst. Und natürlich erleichtert und verkürzt es die Recherche ein wenig, wenn man sich auf vertrautem Terrain bewegt – bei so umfangreichen, komplexen Romanprojekten ist das ein nicht ganz unerheblicher Faktor.
Eustache Busqués, der Protagonist in ›Thron der Diebe‹, ist mir bei einer Lektüre über den Englisch-Französischen Krieg zufällig über den Weg gelaufen und ich dachte sofort: Das ist eine Geschichte, die es zu erzählen lohnt!
Jeder Roman benötigt seine Helden: Hier sind es Eustache Busqués, ein Edelmann aus Boulogne, der um 1200 durch eine Intrige Titel und Besitz verliert und geächtet wird, und Ida von Elsass, Gräfin von Boulogne, die zum Spielball der adeligen Heiratspolitik wird.
Mittelalter Digital: Deinen Romanen merkt man – das freut Fachwissenschaftler wie mich natürlich immer sehr – die vertiefte Beschäftigung mit der historischen Materie an. Auch der neue Roman weist ein „historisches Nachwort“ auf. Wie bist du bei der Recherche historischen Materials vorgegangen?
Juliane Stadler: Am Anfang steht die Idee - eine Ereignis, eine Person o.Ä. –, die als Aufhänger der Geschichte dient. Und über diese Sache und den historischen Kontext versuche ich dann erst einmal so viel wie möglich zu erfahren, in erster Linie durch zeitgenössische Quellen, Forschungsarbeiten und fundierte Fachliteratur.
Das heißt also zunächst: Ganz viel lesen, Informationen sammeln, einordnen und in Zusammenhang stellen, das Puzzle so weit wie es geht vervollständigen. Wenn sich die Möglichkeit bietet, besuche ich auch passende Museen und Ausstellungen und befrage Fachpersonen zu Details. Wenn das historische Gerüst mit seinen Ereignissen und Personen stabil ist, beginne ich die fiktiven Elemente möglichst sinnvoll und authentisch einzubauen.
Im Fall des neuen Romans habe ich das Glück, dass über die Hauptperson eine zeitgenössische Biographie existiert, entstanden kurz nach deren Tod. Viele Details über ihr Leben sind also gut dokumentiert. Die wesentlichen Ereignisse habe ich dann so weit möglich mit anderen historischen Quellen abgeglichen und verifiziert.
Mittelalter Digital: Nun haben wir mit deinem Protagonisten Eustache Busqués eine Figur, die womöglich eine der Vorlagen für die schon legendäre Robin Hood-Figur gewesen sein kann, mit der viele Leser:innen wahrscheinlich ganz konkrete Vorstellung verbinden. Fiel deine Wahl auf Eustache aufgrund seines populärkulturellen Weiterlebens in einer anderen Figur? Oder ist Robin Hood eher eine Hypothek für die Entwicklung deiner Geschichte?
Juliane Stadler: Dass Eustache als mögliches Robin Hood-Vorbild gehandelt wird, hat sich erst im Laufe der vertieften Recherche und Beschäftigung mit dem Stoff ergeben. Es hat die Sache und die Person für mich umso interessanter gemacht. Und dass seine Lebensgeschichte sich ab einem gewissen Punkt sehr unerwartet und völlig anders als in der bekannten Legend entwickelt, hat einen zusätzlichen Reiz ausgeübt. Ich denke, selbst wenn man mit einer gewissen Erwartungshaltung an die Geschichte geht, wird man fasziniert sein von dieser außergewöhnlichen Biographie.
Mittelalter Digital: Der historische Eustache Busqués muss allem Anschein nach eine sehr umtriebige und vielfältige Person gewesen sein, denn er war u.a. Mönch, Pirat und Outlaw. Was wissen wir über Eustache? Und woher? Und welche Überschneidungen gibt es zwischen seiner Figur und derjenigen Robin Hoods?
Juliane Stadler: Als Hauptquelle zu Eustaches Leben dient wie gesagt seine Biographie, ›Li Romans de Witasse le Moine‹, die kurz nach seinem Tod 1217 in Form eines Versromans verfasst wurde. Daneben haben seine Taten auch Eingang in diverse Chroniken und Urkunden gefunden. Demnach verlässt Eustache nach dem unerwarteten Tod seines Vaters das Kloster und wird Hofbeamter beim Grafen von Boulogne. Es gelingt ihm, zum Seneschall aufzusteigen, doch durch eine Intrige verliert er schließlich alles: sein Amt, seinen Titel und seinen Besitz.
Die Parallelen zur Robin Hood-Legende werden im folgenden Lebensabschnitt offensichtlich: Er wird zum Gesetzlosen erklärt und flieht in die Wälder. Zusammen mit einigen Getreuen lebt er als Räuber und Wegelagerer und kämpft – vergeblich – für sein Recht. Dabei bedient er sich allerlei Tricks und Verkleidungen und führt seine Widersacher immer wieder hinters Licht. Bei einem Überfall wird er gefangen genommen und ihm droht der Galgen, doch seine Freund und Unterstützer können ihn befreien.
Schließlich flieht er aus Boulogne und beginnt eine Karriere als Pirat im Ärmelkanal, so erfolgreich, dass er sowohl in den Fokus des englischen als auch des französischen Königs rückt.
Mittelalter Digital: Robin Hood ist bis heute eine sehr werbewirksame Figur – erst vor Kurzem erschien ja die neueste, prominent besetzte Verfilmung mit Hugh Jackman in der Hauptrolle. Und auch dein Roman wirbt gleich auf dem Cover mit der „echten“ Geschichte hinter dem Rächer der Entrechteten und Armen. Hast du in deinem Roman in manchen Aspekten einen Schulterschluss zwischen Eustache Busqués und Robin Hood vorgenommen? Oder lebt „dein“ Eustache insbesondere von der Distanz zu Robin Hood, sobald sich der Buchdeckel öffnet?
Juliane Stadler: Ich würde sagen, ›Thron der Diebe‹ spielt ein bisschen mit den Erwartungen und den Vorstellungen, die viele von der Sagenfigur im Kopf haben, das zeigt sich allein schon am Buchcover. Aber jede*r kann und soll sich während der Lektüre selbst eine Meinung darüber bilden, wieviel Eustache Busqués in Robin Hood steckt.
Ich kann nicht behaupten, dass ich gezielt versucht hätte, bestimmte Erwartungen zu erfüllen oder meine Geschichte an die Legende anzupassen. Im Wesentlichen versuche ich, mich an die historischen Fakten zu halten und Lücken plausibel zu füllen, so wie es sich für einen ordentlichen historischen Roman gehört. Und das Leben von Eustache war wahrlich abenteuerlich genug, in Teilen vielleicht sogar spannender als die Legende.
Aber natürlich kann man sich auch als Autorin nicht vollständig frei machen von äußeren Einflüssen, insofern will ich nicht ausschließen, dass hier und da ein wenig Popkultur abgefärbt hat.
Mittelalter Digital: Zum Abschluss des Robin Hood-Themas: Hast du im Vorfeld des Schreibens oder während des Arbeitsprozesses Verfilmungen seiner Figur geschaut? Und kennst du nun alle der mittlerweile mehr als 70 filmischen Adaptionen?
Juliane Stadler: Ich beobachte mit großem Interesse, auf welche Weise Robin Hood auch aktuell wieder popkulturell aufgegriffen wird. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich zur Vorbereitung meines Buchs gezielt Filme o.Ä. konsumiert hätte. Ich will meine Hauptfigur Eustache Busqués lieber unabhängig davon und als eigenständige Persönlichkeit betrachten. Trotzdem hat mich das Thema natürlich schon immer begeistert, und ich kenne zumindest einen Großteil der existierenden Verfilmungen des Stoffs. Zuletzt habe ich die Version mit Hugh Jackman im Kino gesehen.
Mittelalter Digital: Die beiden fiktiven Figuren Erec und Genovefa, die im Zentrum der Handlung deines letzten Romans standen, begegnen allerhand illustrer historischer Persönlichkeiten, u.a. mehreren (zukünftigen) Königen, darunter Heinrich II. oder Richard Löwenherz. Welche Rolle spielen die Plantagenets in deinem neuen Roman? Geht es in ihm ähnlich „royal“ zu? Und auf welche historischen Figuren dürfen sich Leser:innen noch freuen?
Juliane Stadler: Auch diesmal treffen meine Protagonisten wieder mit großen Persönlichkeiten ihrer Zeit, wie Philippe II. oder dem Plantagenet-König John zusammen. Beide Herrscher bekämpften sich um 1200 erbitterte im sog. Englisch-Französischen Krieg, in den meine Romanfiguren mehr und mehr verstrickt werden.
Eine weniger bekannte historische Figur spielt allerdings eine zentrale Rolle im Roman: Der walisische Söldnerführer Lambert Cadoc, der zunächst für die Angevinen und dann für den französischen König arbeitete und unter anderem für die Erstürmung von Château Gaillard und damit für die Rückeroberung der Normandie mitverantwortlich zeichnet. Ein Mann mit großem Schurkenpotenzial, der auch mit Eustache Busqués eine Rechnung offen hatte.
Und natürlich dürfen auch nicht die Bösewichte in einer Geschichte fehlen: Renaud de Dammartin, Graf von Boulogne, ist ein enger Vertrauter des französischen Königs, Lambert Cadoc war ein erbarmungsloser Söldnerführer, der sich auch nicht zu schade war, die Seiten zu wechseln.
Mittelalter Digital: Nun weiß ich ja schon aus unserem gemeinsamen Austausch, dass du einige der Orte deiner Handlung im letzten Urlaub auch besucht hast. War das ein schöner Zufall? Oder ein Anliegen, noch tiefer in die eigene Arbeit abzutauchen? Hilft der Besuch historischer Stätten beim Schreiben eines Romans?
Juliane Stadler: Ich bin tatsächlich ganz gezielt in die ehemalige Grafschaft Boulogne, das heutige Département Pas-de Calais in Nordfrankreich, gereist, um mir von den zentralen Schauplätzen des Romans ein Bild zu machen. Natürlich kann man inzwischen fast alles im Internet oder mit Google Maps recherchieren, aber die Orte mit eigenen Augen zu sehen und mit allen Sinnen zu erleben, ist noch mal etwas völlig anderes. Viele Szenen entstehen dadurch überhaupt erst. Und auch zahlreiche kleine Details, die einer Geschichte die nötige Authentizität und Lebendigkeit verleihen, ergeben sich gerade aus dem Besuch der Originalschauplätze.
Mittelalter Digital: Wir haben in unserer Rezension zu deinem letzten Roman, ›König der Turniere‹, ausgeführt, wie gut dir unseres Erachtens der Balanceakt zwischen „historischer Authentizität“ und einer modernen Publikumsansprache gelungen ist. Hast du dir für ›Thron der Diebe‹ einen ähnlichen Anspruch gegeben? Welche Aspekte haben dich vor besondere Herausforderungen gestellt, einen gleichzeitig „modernen“ wie „historischen“ Roman zu schreiben?
Juliane Stadler: Insbesondere dem historischen Roman wird ja gerne vorgeworfen, in seiner Erzählweise behäbig, langatmig und angestaubt zu sein, ein Vorurteil das v.a. jüngere Leser:innen abschreckt. Dem möchte ich grundsätzlich etwas entgegensetzen. Unsere Vergangenheit war und ist voller kleiner und großer menschlicher Dramen, spannend, abenteuerlich, emotional – und genauso kann man sie auch erzählen.
Zu diesem Zweck versuche ich immer wieder, moderne erzählerische Mittel aus anderen Medien, gerade Film/Fernsehen oder Videospiel, in die Romansprache zu übersetzen, z.B. harte Schnitte mit Cliffhangern in Form von schnellen Szenenwechseln und unterschiedlichen Perspektiven. Auch Sprachrhythmus und -dynamik spielen eine wichtige Rolle, genau wie unverbrauchte Sprachbilder. Ziel ist es, ein möglichst immersives, mitreißendes Leseerlebnis zu schaffen.
Natürlich muss man im historischen Roman immer wieder auch mit Begriffen arbeiten, die nicht mehr geläufig sind. Solche möglichst elegant in den Text einfließen zu lassen und zu erklären, ohne die Lesenden zu langweilen, zu belehren oder aus der Story zu reißen, empfinde ich bisweilen als herausfordernd. Auf altertümelnde Formulierungen versuche ich dagegen bewusst zu verzichten, weil sie m.E. wenig zur Atmosphäre beitragen oder im Gegenteil oft gekünstelt wirken.
Mit potenziell diskriminierenden Begriffen versuche ich möglichst sparsam und bewusst umzugehen und verwende sie nur in klar definiertem Kontext. Überhaupt macht Reflektion über die Wirkung von Sprache einen wichtigen Teil meiner schriftstellerischen Arbeit aus. Es ist ein stetiger Entwicklungs- und Lernprozess.
Mittelalter Digital: Zum Schluss eine persönliche Frage: Hast du eine Lieblingsfigur, die dir beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen ist?
Juliane Stadler: Haha, die Frage ist ein bisschen gemein, fast so, als müsste man sich für eins seiner Kinder entscheiden. Meine liebste Hauptfigur ist vermutlich Eustache, weil ich mich ihm und seinem rastlosen Verstand sehr nahe fühle. Von den Nebenfiguren mag ich den schrulligen Schiffsseelsorger Sermon sehr gern, aber auch die etwas trampelige Zofe Flavia. Und der kratzbürstige Piratenkater Cill hat natürlich einen besonderen Platz in meinem Herzen.
Mittelalter Digital: Liebe Juliane, herzlichen Dank für die Einblicke in die Entstehungsgeschichte deines neuen Romans! Julianes Roman findet ihr ab sofort in eurer Buchhandlung und online beim Piper Verlag. Wenn euch die historischen Hintergründe hinter Julianes Roman weiter interessieren, schaut gerne bei uns auf Instagram vorbei – dort beschäftigen wir uns mit einer eigenen Themenreihe mit der Geschichte hinter der Erzählung!
Das Interview führte Tobias Enseleit.