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Arnold Angenendt und die religiöse Welt des Mittelalters

Kaum eine Epoche verschwindet unter einem so großen Berg aus Klischees und Vorurteilen wie das Mittelalter: Hexenverfolgungen, Ketzerverbrennungen, blutige Kreuzzüge, Gewalt gegen Frauen, obskure Rituale – und bis heute meint man um die finsteren, augenscheinlich religiösmotivierten Abgründe dieser Epoche zu wissen. So dient das Mittelalter im Fortschrittsnarrativ unserer säkularisierten Gesellschaft als rückständige Vergangenheit, die „Gott sei Dank“ durch Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie überwunden wurde.



Die Andersartigkeit (Alterität) des Mittelalters, die sich insbesondere in der religiösen Durchdringung der mittelalterlichen Lebenswelt manifestiert, ist eine der wichtigsten Beweggründe, sich mit der Epoche auseinanderzusetzen. Dabei spielt Religiosität in der populärkulturellen Inszenierung des Mittelalters in vielen Fällen entweder nur eine marginale Rolle oder beschränkt sich auf die Darstellung der oben skizzierten Allgemeinplätze.



Kaum jemand hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten so verdient darum gemacht, Stereotype und Allgemeinplätze über die Religiosität im Mittelalter auszuräumen, wie der jüngst verstorbene Mediävist und Kirchenhistoriker Arnold Angenendt (1934-2021). Engagiert und mit enormer Kenntnis von Zeit und Quellen hat er dazu beigetragen, die religiöse Lebenswelt des Mittelalters zu kontextualisieren und „ins rechte Licht“ zu rücken.



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Seine vielseitigen kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Arbeiten gehören zu den Standardwerken über das Mittelalter und laden aufgrund ihrer Anschaulichkeit auch Nichtakademiker ein, die Epoche kennenzulernen. Selbst zum Priester geweiht, beschäftigte sich Arnold Angenendt als „Insider“ mit gesellschaftlichen und religiösen Themen, die auch für die Gegenwart von Relevanz sind.



Seine Arbeiten sind auch deshalb so lesenswert, weil eine Auseinandersetzung mit dem Mittelalter ohne ein Verständnis des religiösen Hintergrunds zwangsläufig oberflächlich bleiben muss. Mit mehr als 200 Einträgen allein im Regesta Imperii-Opac kann Angenendts Opus hier nur in Auszügen vorgestellt werden: Er setzte sich unter anderem intensiv mit ›Toleranz und Gewalt‹ in Bezug auf gesellschaftliche Fragen auseinander, die uns auch noch heute im Umfeld von Religion beschäftigen. So kontextualisierte er etwa für das Frühmittelalter die brutale Sachsenmission Karls des Großen, die mit dem Blutgericht an der Aller auch in der populärkulturellen Wahrnehmung tief verankert ist. Hier zeigte er auf, welches Mindset hinter den Bekehrungsbemühungen stand und dass die gewaltsame Mission auch unter den Franken keineswegs unwidersprochen blieb. Alkuin, der große Gelehrte an Karls Hof, argumentierte etwa, dass eine gewaltsame Mission theologisch überhaupt nicht haltbar sei, da das freie und verinnerlichte Bekenntnis zum christlichen Glauben notwendige Bedingung sei, um aus ehemaligen Heiden „echte“ Christen zu machen.



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Einen besonderen Fokus legte Angenendt zudem auf heilige Männer, Frauen und Reliquien, die ihren festen Platz in der Lebenswirklichkeit mittelalterlicher Menschen hatten. Als Vermittler und Fürsprecher zwischen der Welt der Lebenden und dem Himmelreich galten Heilige gleichsam als Ansprechpartner und Nothelfer. Im Verständnis der Zeit (und noch heute im Katholizismus) verweilten sie aufgrund ihrer Taten bereits am Himmlischen Thron und konnten so als Fürsprecher für Bittende und Betende agieren. In diesem Kontext kam ihren Reliquien, ihren sterblichen Überresten oder bestimmten Artefakten, mit denen sie zu Lebzeiten in Berührung gekommen waren, eine wichtige Bedeutung zu, denn über sie soll(te) eine direkte Verbindung zu den Heiligen zustande kommen. Nur unter dieser Voraussetzung lassen sich Reliquienverehrung und -handel, das Ablasswesen oder bedeutende Aspekte der Liturgie verstehen.



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Doch damit nicht genug: Angenendt schrieb auch zur christlichen Sexualethik und -moral, zur Taufe und zu regionalen Themen. Besondere Beachtung schenkte er hierbei der Stadt Münster, in der er tätig war. Neben einer Bistumsgeschichte verfasste er eine Art Lebensgeschichte des ersten Bischofs von Münster, dem Heiligen Liudger, und über seine umtriebige Tätigkeit zur Zeit Karls des Großen. Münster wurde nämlich um 800 (wie andere heute bedeutende Städte, darunter Bremen oder Hamburg) als fränkisches Missionszentrum gegründet.



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Angenendts vielfältige Interessen mündeten dann auch in äußerst lesenswerten Überblicksdarstellungen, wie er sie etwa für die Kultur und Geschichte des Frühmittelalters vorgelegt hat.



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Arnold Angenendt wurde nicht nur durch seine lebhafte Art und seinen großen Wissenschatz zu einer Koryphäe auf seinem Gebiet und blieb seinen Studierenden durch seine cum manibus et pedibus bestrittenen Lehrveranstaltungen im Gedächtnis. Durch Fernsehdokumentationen wurde er auch einem größeren Publikum bekannt. Seine Bücher werden auch für die nächsten Generationen von Studierenden zum Pflichtkanon gehören, sind jedoch auch für jeden interessierten Laien zu empfehlen.



Wer wirklich etwas über das Mittelalter lernen und am heutigen gesellschaftlich-religiösen Diskurs teilhaben oder diesen wenigstens verstehen möchte, sollte gleich die nächste Bibliothek aufsuchen!