wân ≠ Wahn
Hartmanns Aue
Bei dem mhd. „wân“ denken wir vielleicht zuerst an Geisteskrankheiten oder Fieberwahn. Tatsächlich führt einen der „wân“ im Mhd. aber nicht (unbedingt) ins Verderben. In seiner Grundbedeutung bezeichnet er nämlich schlicht die ‚Erwartung, Hoffnung‘ oder einfach den ‚Gedanken‘, die ‚Meinung, Ansicht‘.
- Wird etwas bspw. „durch argen wân“ gemacht, dann geschieht es ‚in böser Absicht‘.
- Ist der Ritter fort auf âventiure, macht sich seine Herzensdame natürlich große Sorgen. Doch wenn ein Bote mit guten Nachrichten zu ihr kommt, passiert es wohl, dass „dâ von die juncvrouwe gewan trôstlîchen wân“ (‚dadurch erhielt die Dame Hoffnung‘).
- Trifft die Dame ihren Liebsten dann wieder, wird sie vielleicht sagen: „mîn wân was daz ir wæret erslagen“ (ich dachte, Ihr wärt getötet worden).
Allerdings entwickelt sich die Bedeutung von „wân“ bereits im Mhd. zum Gegenteil von „Wahrheit“ und „Wissen“. So bezeichnet „wân“ v.a. die ungewisse und unbegründete Annahme. Im Frnhd. prägt sich diese Bedeutung weiter aus, sodass es schließlich eine ‚willkürliche, nicht der Realität entsprechende Meinung‘ (16. Jh.) und später gar die ‚Selbsttäuschung‘ (18. Jh.) bis hin zum heutigen (krankhaften) ‚Irrglaube‘ bezeichnet.
Damit nähert sich die Bedeutung stark ans „Wahn-“ aus bspw. dem „Wahnsinn“ an – dieses geht jedoch zurück auf das mhd. Adjektiv „wan“ (‚unvollständig, leer‘). Den „Wahn“ in der Bedeutung ‚Meinung, Vermutung‘ finden wir heute übrigens noch im Verb „wähnen“ (mhd. „wænen“).
Also: Lest so viele mhd. Texte, wie ihr könnt, aber verfallt dabei nicht dem Wahn(sinn)! Nachzuschlagen wie immer im Lexer, BMZ und DWDS.
Der Beitrag erschien das erste Mal auf dem Instagram-Kanal von Hartmanns Aue.