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Der, dessen Name nicht genannt werden darf

Der Dichterexkurs in Gottfrieds von Straßburg ›Tristan‹ stellt verschiedene zeitgenössische Dichter vor und bewertet sie in einer Art frühen Literaturkritik.



  • Die Worte Hartmanns von Aue bspw. werden als „lûter“ (‚klar‘), „reine“ (‚rein‘) und „cristallîn“ (‚kristallen‘) beschrieben; ihm gebühre „sîn schapel und sîn lôrzwî“ („sein Siegerkranz und Lorbeerzweig“).
  • Heinrich von Veldeke wiederum „inpfete das êrste rîs / in tiutischer zungen“ („propfte das erste Reis in deutscher Sprache“) – nämlich indem er den ersten höfischen Roman in deutscher Sprache verfasste und damit den Weg für weitere ebnete.
  • Auch Walther von der Vogelweide, Bligger von Steinach und Reinmar von Hagenau werden aufgrund ihrer kunstvollen Sprache gepriesen.



Nur ein Dichter bleibt ungenannt; und zwar einer, dessen Werke nicht kunstvoll wie die der anderen, sondern unverständlich seien:



si müezen tiutaere / mit ir maeren lâzen gân. / wirn mugen ir dâ nâch niht verstân, / als man si hoeret unde siht („Sie müssen ihren Erzählungen Ausdeuter mitgeben. Wir können sie nämlich nicht verstehen, wenn man sie hört oder sieht“).



Obschon eine endgültige Identifizierung nicht möglich ist, herrscht in der Forschung Konsens darüber, dass sich der Seitenhieb auf den namenlosen Dichter vermutlich gegen Wolfram von Eschenbach richtet. Das macht man v. a. an der Stelle fest, mit der die negative Kritik eingeleitet wird:



swer nû des hasen geselle sî / und ûf der wortheide/ hôchsprünge und wîtweide / mit bickelworten welle sîn.



Eine Übersetzung dieser Verse ist nicht ganz einfach, da z. B. „bickelworte“ ein Hapaxlegomenon, d. h. nur einmal belegt ist. In etwa bedeuten sie aber: Der angesprochene Dichter ist Gefährte des Hasen, der auf der Wortwiese hoch- und herumspringt und sich dabei schlechter Sprache bedient.



Dies wird i.d.R. in Bezug auf den Prolog des ›Parzival‹ gelesen, in dem ebenfalls ein Hasenbild herangezogen wird; dort allerdings soll es Wolframs kunstvolle Rhetorik illustrieren.



Kein Wunder also, dass Gottfried sich einer eindeutigen Namenszuweisung entziehen wollte…



Aus Gottfried von Straßburg: Tristan. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Stuttgart: Reclam 2019.



Der Beitrag erschien das erste Mal auf dem Instagram-Kanal von Hartmanns Aue.