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Von Hexern und Monstern: ›The Witcher‹

Abenteuer, Zauberer, Fabelwesen, edle Ritter und schöne Maiden – seit Jahren boomt das Genre der Mittelalter-Fantasy. Zu den Franchises, die sich in letzter Zeit einer sehr großen Beliebtheit erfreuen, gehört die Erzählwelt rund um den stoischen und wortkargen Hexer Geralt von Riva, der professionell finstere Monster erlegt, aber das Herz am rechten Fleck hat: ›The Witcher‹.



Die düstere Fantasywelt, in denen Ghule, Werwölfe, Vampire und noch düsterere Gestalten zum festen Alltag gehören, stammt aus dem Kopf und der Feder des polnischen Autors Andrzej Sapkowski, der die Abenteuer des Hexers Geralt in Kurzgeschichten und einem eigenen Romanzyklus beschrieben hat. Auf dieser literarischen Grundlage (mit je unterschiedlicher Schwerpunktsetzung) fußen sowohl die äußerst beliebte Videospieltrilogie (und die nachfolgenden Titel) als auch die Bewegtbildadaptionen, von denen besonders die Netflix-Serie den weißhaarigen Hexer einem noch größeren Publikum bekannt gemacht hat.



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Die Romane und Kurzgeschichten von Andrzej Sapkowski bilden die Grundlage des Witcher-Universums.



Wer also den Hexer bis zu seinen Ursprüngen verfolgen möchte, darf vor dem Bücherlesen nicht bange sein – und sollte ein grundlegendes Interesse an Fantasy mitbringen, denn obgleich sehr erfolgreich, gehören Sapkowskis Romane nicht zu den literarischen Meisterleistungen, die auch Genre-fremde Leser von Anfang an begeistern werden.



Spannend sind indes die intertextuellen Bezüge, aus denen die Romane keinen Hehl macht und die bis auf antike und mittelalterliche Texte und Motive zurückreichen, wie etwa die Artus- oder Physiologus-Tradition. Fans der Videospiele, die über die Bücher tiefer in die Welt des Hexers eintauchen möchten, sollten damit rechnen, dass sich die Erzählstrange bis auf punktuelle Ausnahmen sehr unterscheiden – was freilich nicht verkehrt ist, möchte man weitere Facetten der reichen Erzählwelt kennenlernen. Hier ist die Netflix-Serie, nicht zuletzt wegen der direkten Mitarbeit von Sapkowski, weit näher an der Buchvorlage.



Für eingefleischte Witcher-Fans lohnt ein Blick in die Bücher also ohne Frage – und wie könnte man die dunkle Jahreszeit gemütlicher verbringen als mit einem Buch im Sessel?



Der erste Teil der Videospielreihe vom Entwickler Studio CD Projekt RED war im Releasejahr 2007 auf dem Rollenspielmarkt ein echter Geheimtipp. Das Spiel war zwar seinerzeit bereits sperrig in der Handhabung und barg selbst für erfahrene Gamer aufgrund des Schwierigkeitsgrads einige Frustelemente, machte alles vieles mit dem spannenden Setting und der dichten Erzählung mehr als wett. Die düstere Welt des Hexers voller Sex, Crime und Gewalt stellte sich als einladender Gegenpol zu den marktbeherrschenden High-Fantasy-Welten heraus.



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Die Welt des Hexers ist nichts für schwache Nerven, wie diese Szene aus dem zweiten Videospiel ›Assassins of Kings‹ zeigt.



Blieb der erste Teil der Trilogie noch auf eine überschaubare Gamingnische beschränkt, avancierten in der Folge der zweite Teil ›Assassins of Kings‹ und insbesondere der gefeierte dritte Teil ›Wild Hunt‹ zur Créme de la Créme der Videospielrollenspiele. Die dichte, durchaus cineastische Inszenierung der Erzählung, die finstere Abenteuer und akute gesellschaftliche Themen wie etwa Migration und Fremdenhass inszeniert (und beides natürlich der Buchvorlage verdankt), kombinierte CD Projekt RED mit einer kurzweiligen und funktionierenden Spielmechanik.





Der reservierte Protagonist mit seiner reichen Hintergrundgeschichte, der in bester Dirty Harry-Manier entgegen allen Widrigkeiten seinen eigenen Weg in der Welt geht, entpuppte sich als Idealbesetzung für einen Videospielhelden.



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Der Hexer Geralt von Riva vom ersten bis zum aktuell letzten dritten Teil der Videospieladaptionen.



Der durchschlagende Erfolg der Videospielreihe verdankte sich zudem den beiden gelungenen Erweiterungen ›Heart of Stone‹ und ›Blood and Wine‹. Während andere Publisher solche aufwendigen und spielzeitintensiven Addons zum Vollpreis hätten angeboten, ging CD Projekt RED einen anderen Weg – der sie noch tiefer direkt ins Herz einer großen Spielerinnen- und Spielerschaft führte. Dabei setzten beide Erweiterungen noch einmal erzählerisch eigene Schwerpunkte:



Während ›Heart of Stone‹ im Grunde eine aufbereitete Faust-Geschichte um einen Dämonenpakt ist, mit dessen unschönen Konsequenzen sich Geralt auseinandersetzen muss, entführt ›Blood and Wine‹ die Spielerinnen und Spieler ins liebliche Königreich Toussaint, in dem zwischen sonnenbeschienenen Weinhängen und pittoresken Schlössern galante Ritter um die Gunst schöner Damen streiten. Hier schafft es die Spielreihe wenigstens zeitweise das finstere Grundsetting durch ein romantisches, klischeebeladenes Mittelalteridyll zu ersetzen, das noch einmal einen ganz eigenen Charme entwickelt.



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Das Königreich Toussaint – auf den ersten Blick alles andere als finster…



Der große Erfolg der Videospielreihe ließ eine Adaption in einem weiteren Medium nur folgerichtig erscheinen, die schließlich 2019 mit der Netflix-Serie das Licht der heimischen Leinwände erblickte. Doch stellte die Serie nicht den ersten Versuch dar, die Abenteuer des Hexers auf die Leinwand zu bringen. Bereits 2001 erschien mit ›The Hexer‹ (polnisch: Wiedźmin) ein polnischer Spielfilm, der inhaltlich lose auf Sapkowskis Romanen fußt, allerdings aufgrund einer schwachen Handlung und noch schwächeren Special Effects keinen Anklang bei den Rezipienten fand.



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Geralt von Riva im Videospiel und gespielt von Henry Cavill.



Das sollte bei der Netflix-Serie anders sein, für die Henry Cavill in die Rolle des weißhaarigen Hexers schlüpft. Inhaltlich enger an den Büchern, bot die Serie auch Videospielkennern genug Neues, die in ihrer Inszenierung insbesondere durch die Darstellung Geralts ikonographisch den Schulterschluss mit den Videospielsuchen suchte, um Erwartungshaltungen nicht zu unterlaufen. Durch Corona verzögert, erscheint nun bald am 17. Dezember die 2. Staffel der Serie.



Mittlerweile gehört die Witcher-Reihe zu den beliebtesten Fantasyfranchises – und stellt damit für Produzenten eine echte Cash Cow dar, die folgerichtig möglichst ausgiebig gemolken wird. So verwundert es nicht, dass die Erzählungen um Geralt auf ganz unterschiedlichen Gebieten inszeniert werden:



Um die Zeit zwischen Staffel 1 und 2 der Serie inhaltlich zu überbrücken, veröffentlichte Netflix 2021 mit ›The Witcher: Nightmare of the Wolf‹ einen animierten Spielfilm, der die Vorgeschichte von Geralts Mentor und Freund Vesemir in den Mittelpunkt rückt. Das Kartenspiel ›Gwent‹, ursprünglich ein Minispiel innerhalb von ›The Witcher 3: Wild Hunt‹, wurde 2016 als eigenständiges Onlinekartenspiel veröffentlicht und bildet gleichzeitig die zentrale Spielmechanik im Jahr 2018 erschienenen ›Thronebreaker: The Witcher Tales‹, das wiederum andere Aspekte der Hexerwelt thematisiert, ohne dabei Geralt in den Mittelpunkt zu stellen.



Damit bietet die mediale Welt des düsteren Hexers mittlerweile etwas für jeden Geschmack: für Leseratten, für Gamer und Gamerinnen, für Serienfans und tatsächlich auch für alle, die sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit der intermedialen Inszenierung einer modernen Mittelalterfantasy beschäftigen möchten – wer einmal ein wenig reinlesen möchte, kann dies hier in der Einleitung tun!