„Mittelalterliche“ Neuerscheinungen zur ›SPIEL 2021‹
Lukas Boch
Es ist Oktober und somit nähert sich ein, wenn nicht sogar das Ereignis der internationalen Brettspielcommunity. Zur SPIEL in Essen strömen vom 14. bis 17. Oktober hunderttausende Brettspielbegeisterte aus der ganzen Welt ins Ruhrgebiet, um vier Tage lang Gleichgesinnte zu treffen, Neuheiten zu begutachten und natürlich zu spielen. Dabei ist es nicht leicht, bei den tausenden Neuveröffentlichungen den Überblick zu behalten. Insbesondere das Mittelalter, das wie keine andere Epoche eine Spielwiese für verschiedenste Vorstellungen und Sehnsüchte ist, wird dabei immer wieder als Setting für Brettspiele genutzt. Unser Redakteur Lukas hat sich, nicht ganz uneigennützig, Spiele herausgesucht, die ihr als Freunde des Mittelalters nicht verpassen dürft.
›Dark Ages – Das Erbe Karls des Großen‹ / ›Das Heilige Römische Reich‹ (Giant Roc)
Spieler:innen: 1-4; Preis: je 120 Euro; Spielzeit: 120-180min
Der deutsche Verlag ›Giant Roc‹ ist für deutsche Lokalisierungen von internationalen Spielen mit historischem Setting bekannt. Dieses Jahr erscheinen gleich zwei Ausgaben von ›Dark Ages‹: Zum einen ›Das Erbe Karls des Großen‹ sowie zum anderen ›Das Heilige Römische Reich‹.
Das Spielprinzip ist bei beiden Versionen gleich: Die Spielenden übernehmen die Rolle einer historischen Herrscherpersönlichkeit und versuchen, das mächtigste Reich auf einer detaillierten Karte des mittelalterlichen Europas zu errichten. Neben militärischer Kraft ist für das Erreichen von Siegespunkte auch das Bauen von Kirchen und das Gründen von Städten samt Produktionsgebäuden zentral. Die Autoren haben dabei eine 4X Spiel im Stil eines Civilisations geschaffen, das aber zusätzlich verschiedene Elemente moderner Eurogames beinhaltet.
So setzt man seine Adelige ganz im Sinne eines Worker-Placer und wählt so jede Runde aus verschiedenen Aktionen. Unter anderem kann man Technologien und Vorteilskarten draften und entwickeln. Ein besonderer Hingucker sind bei dem Spiel vor allem die Miniaturen der Soldaten, Gebäude und der Heerführer, die man mittles einer Erweiterung ins Spiel integrieren kann. So erhält man sogar die Möglichkeit, Jeanne d’Arc für sich zu verpflichten.
Spätestens hier wird es mit der historischen Triftigkeit natürlich schwierig, denn es können sich zur selben Zeit Persönlichkeiten auf dem Spielfeld befinden, die mehrere Jahrhunderte getrennt haben. Davon abgesehen, bietet das Spiel aber vielerlei Bezüge für Geschichtsfans. So kann man die Dreifelderwirtschaft entwickeln und Mönchorden etablieren, die einem beispielsweise erlauben, Kirchen auch Jenseits der eignen Städte zu errichten. Apropos Kirchen: Als Kirchenhistoriker war ich begeistert, dass einem die Spielmechanik erlaubt, Reliquien, die man zuvor aus der Auslage gekauft hat, in seinen Kirchen zu platzieren.
Der Preis von 120 Euro pro Spiel ist zwar eine Hausnummer, für den Spielinhalt aber angemessen. Wenn man nicht genug vom Mittelalter bekommen kann, gibt es auch die Möglichkeit, beide Editionen zusammen zu kaufen und ein Spielfeld von ganz Europa zu bilden, auf dem dann bis zu acht Spielenden um die Vorherrschaft im Europa des Mittelalters wetteifern können. Die verschiedenen Editionen unterscheiden sich durch das umkämpfte Gebiet und durch die Mini-Addons, mit denen man das Spiel zusätzlich erweitern kann, sowie durch die verfügbaren Heerführer.
›Messina 1347‹ (Delicious Games)
Spieler:innen 1-4; Preis: 50 Euro; Spielzeit: 45-120min
Das neue Spiel vom Erfolgsautor Vladimir Suchy (›Praga Caput Regni‹) und Raúl Fernández Aparicio ist schon seit fünf Jahren in der Entwicklung. Das Setting ist angesichts der momentanen pandemischen Lage unangenehm aktuell. Um 1347 wütete die schwarte Pest in Europa, Handelsschiffe sollen den Erreger aus Zentralasien nach Europa gebracht haben. Eine stark betroffene Stadt war die Handelsmetropole Messina auf Sizilien.
Die Spielenden versuchen als Vertreter wichtiger Familien der Stadt, aufs Land zu flüchten und so der Pandemie zu entgehen. Spannend sind dabei die Zielvoraussetzungen. Um die begehrten Siegesunkte zu erhalten, müssen wir vor allem Einwohner aus der Stadt retten. Für das Gelingen dieses Unterfangens benötigen wir einen möglichst ausgebauten Landsitz, denn die Bewohner möchten natürlich entsprechend versorgt werden.
Sollten diese dabei aus einem Stadtteil kommen, der bereits kontaminiert ist, müssen sie erst in Quarantäne. Ganz ohne Kapitalismus kommt das Spiel aber natürlich trotzdem nicht aus. Denn am Ende warten wir darauf, dass die Pest in bestimmten Vierteln abklingt, damit unsere Familie das verwaiste Gebiet übernehmen kann.
Gerade die Anwesentableaus der Spielenden sehen sehr ausgeklügelt aus und machen Lust auf mehr. Dass zudem die Kirche eine entscheidende Rolle spielt, macht das Spiel, zumindest für mich, zusätzlich interessant. ›Messina 1347‹ wird für 50 Euro auf der SPIEL zu kaufen sein.
›Gutenberg‹ (Granna)
Spieler:innen 2-4; Preis: 50 Euro; Spielzeit: 60-120min
Das Spiel ›Gutenberg‹ erscheint beim polnischen Verlag ›Granna‹. Viel ist über das Spiel noch nicht bekannt: Ziel ist es aber wohl, als Pioniere des Buchdrucks an lukrative Aufträge von Gönner:innen zu gelangen und so die eigene Werkstatt und Lagerkapazität sukzessive auszubauen.
Spannend ist zumindest der Anspruch der Autor:innen, das Spiel so historisch akkurat wie möglich zu gestalten. Wir sind bereits im Gespräch mit den Autor:innen und hoffen, euch bald mehr Informationen zukommen lassen zu können. ›Gutenberg‹ wird für 50 Euro erhältlich sein.
›Kingsbridge‹ (Kosmos)
Spieler:innen: 1-5; Preis: 14,99 Euro; Spielzeit: 20min
Nach ›Die Säulen der Erde‹, ›Die Tore der Welt‹ und ›Das Fundament der Ewigkeit‹ erscheint mit ›Kingsbridge‹ die vierte Adaption eines Romans von Ken Follet. Diesmal begeben wir uns ins England um 997 und erleben das Prequel zum Bestseller ›Die Säulen der Erde‹. Als Autor konnte man Wolfgang Kramer gewinnen, der unter anderem mit ›El Grande‹ das Spiel des Jahres 1996 gewonnen hat.
Entgegen der vorherigen Roman Adaptionen wird ›Kingsbridge‹ aber ein Kartenspiel mit einer Spielzeit von 20 Minuten, das auch einen eigene Solomodus besitzen wird. Die Illustrationen von Michael Menzel (›Robin Hood‹) setzten das mittelalterliche Setting in eine romantische Atmosphäre. Mit einem Preis von 14,99 Euro ist Kingsbridge das mit Abstand günstigste Spiel unter den Vorstellungen.
›Glory: A Game of Knights‹ (UGG)
Spieler:innen: 1-4; Preis: 70 Euro; Spielzeit: 45-120min
›Glory‹ ist ein Spiel der beiden Tschechen Dominik Mucha und Marcin Wisthal. Als tapfere Ritter versuchen wir, Ruhm und Ehre zu erlangen und so unsere Bestimmung zu erfüllen. Das Eurogame bedient sich einem Workerplacement-Mechanismus und bezieht seinen Reiz unter anderem durch die Turnierfunktion.
Während einer Runde versuchen wir, unsere Ritter mit besseren Waffen, Rüstungen und Waffen auszustatten und zudem die Unterstützung von Personen wie der Nonne oder dem Waffenschmied zu erhalten. Über einen Turnierbaum werden anschließend unsere Gegner:innen ausgewählt. Der Clou: Wir können dabei auch gegen unsere Mitspieler:innen antreten. Das Spiel bietet also auf jeden Fall Konfliktpotential.
Den Autoren, die selber in der Reenactment-Szene unterwegs sind, war es wichtig, die Ausrüstung der Ritter möglichst authentisch zu gestalten. Auch die Münzen, die zusätzlich erworben werden können, sind nach originalen Vorlagen gestaltet. Trotz dieser Bemühungen zeichnet das Spiel ein sehr glorifizierendes Bild des Mittelalters. So viele Details schlagen sich im Preis von 70 Euro nieder.
Wer mehr über ›Glory‹ erfahren möchte, kann ich das Interview eines der Autoren mit dem Brettspielkanal ›BoardgameEngine‹ empfehlen, an dem ich auch teilnehmen durfte.
Ich hoffe, diese Anregungen helfen dabei, die lange Reihe neuer Spielerscheinungen einzuordnen, und machen dem einen oder anderen Mediävisten Lust, sich genauer mit dem Mittelalter im modernen Brettspiel zu beschäftigen. An dieser Stelle möchte ich außerdem schonmal auf die Publikation des Projekts ›Boardgame Historian‹ hinweisen:
Unter dem Thema „Mehr als nur Zeitvertreib? Wissenschaftliche Perspektiven auf analoge Spiele“ veröffentlichen wir über 25 verschiedene Text von Wissenschaftler:innen, die ihre Perspektiven auf analoge Spiele vorstellen. Viele der Beiträge betreten dabei wissenschaftliches Neuland. Auch einige Artikel zum Mittelalter sind vorhanden. Pünktlich zur SPIEL 2021 (14. Oktober) werden die Texte inkl. einer Einleitung auf unserem Blog veröffentlicht und zudem über die SPIEL.digital zugänglich sein.
Bildnachweise: Abgesehen von den Bildern zu Dark Ages (@ Lukas Boch) stammen alle Abbildungen von der Seite BoardgameGeek.