veige ≠ feige
Hartmanns Aue
Wird jemand im Mittelhochdeutschen als „veige“ bezeichnet, heißt das i.d.R. nicht, dass er bzw. sie besonders ängstlich ist. Sondern zunächst einmal bezeichnet es solche, die (vom Schicksal) zum Tod oder Unglück bestimmt sind.
- Für die kann man an höherer Stelle natürlich Fürbitte einlegen: „hilf den veigen!“
Ist das Befürchtete schon eingetreten, kann man „veige“ auch mit ‚tot‘ oder ‚gefallen‘ übersetzen:
- „hei waz guoter degene vor in veige gelac“ („ei, wie viele tapfere Helden tot vor ihnen lagen“).
Tut man wiederum jemandem einen „veigen stich“, dann versetzt man ihm einen ‚todbringenden Stich‘.
Ist man nun von höheren Mächten für den Tod vorherbestimmt, ist man gleichzeitig auch „unselig“ oder „verwünscht, verdammt“ – denn irgendeinen Grund muss das nahende Sterben ja schließlich haben. Diese Bedeutung kann auf Personen, Dinge oder Sachverhalte übertragen werden:
- So ist für das christliche Mittelalter z.B. der „Satanas“ („Satan“) bzw. der „tiuvel“ („Teufel“) in diesem Sinne „veige“.
- Auch ein Winter kann „veige“ sein, sofern er sehr hart ist.
Die Bedeutung „feige“ gibt es im Mittelhochdeutschen zwar auch schon, kommt aber erst ab dem Ende des 13. Jh. auf – also nach den Texten der höfischen „Blütezeit“.
Der Beitrag erschien das erste Mal auf dem Instagram-Kanal von Hartmanns Aue.