Klosterkultur an der Peripherie: ›Vorpommern und seine Klöster‹
Tobias Enseleit
Wenn wir Klosterkultur im Mittelalter hören, denken wir bestimmt direkt an die bedeutenden Klosteranlagen Frankreichs oder Süddeutschlands oder an berühmte Ordensgründer wie den Hl. Benedikt oder Franziskus, die nicht selten aus Italien stammten. Doch dem universalen Anspruch der Frohen Botschaft folgend, verbreitete sich die Klosterkultur auch in vermeintlich entlegeneren Regionen und gestaltete den Alltag der dort lebenden Menschen mit.
Mit ›Vorpommern und seine Klöster‹ ist beim Verlag ›Schnell & Steiner‹ im letzten Jahr ein sehr lesenswerter Band erschienen, der sich der vielfältigen und reichhaltigen Klosterkultur in Nordostdeutschland widmet und der sehr dazu einlädt, bekanntere Fakten und Episoden aus der mittelalterlichen Geschichte neu zu kontextualisieren.
Bezeichnend ist beispielsweise, dass die Christianisierung Vorpommerns bis weit ins 12. Jahrhundert hinein noch überhaupt nicht abgeschlossen war und dass ein erster starker Impuls in diese Richtung aus Dänemark kam, also aus jener Region, die wir heute weithin mit der lange heidnischen Wikingerkultur in Verbindung bringen. So bildete etwa die Insel Rügen noch lange ein paganes Zentrum, in einer Zeit, in der christliche Kreuzfahrer bereits Jerusalem und die Stätten im Heiligen Land erobert und bereits wieder große Schwierigkeiten hatten, diese zu verteidigen.
Hier also, an der Peripherie des römisch-deutschen Reiches, setzte im Hochmittelalter ein Prozess ein, der die Landschaft religiös erschloss und strukturierte und den südlich gelegenere Regionen bereits lange vollzogen hatten – dann aber in einem erstaunlichen Tempo, der zu einer großen Vielfalt religiösen Lebens führte, die wir heute aus unserem Alltag gar nicht mehr kennen.
Städte wie Greifswald, Stralsund und Stettin zeichneten sich etwa durch eine große Ordensvielfalt aus: Benediktiner, Zisterzienser und Prämonstratenser prägten wie ab dem 13. Jahrhundert die Bettelorden in Form der Franziskaner und Dominikaner inklusive ihrer weiblichen Zweige sowie verschiedene semi-religiöse Lebensgemeinschaften das Alltagsleben in den Städten und deren Umland.
Vor diesem Hintergrund drückten diese religiösen Institutionen auch architektonisch wie kulturell der Landschaft ihren Stempel auf – ein Erbe, das heute für sich zu entdecken der Band ›Vorpommern und seine Klöster‹ einlädt, der im Rahmen des Forschungs- und Publikationsprojekts ›Klosterbuch Pommern‹ der Universität Kiel entstanden ist.
Neben einer Einführung in den zeitlichen und kulturellen Hintergrund, der in acht Kapiteln u. a. die historischen Ereignisse von den Anfängen der Mission bis in die Reformation nachzeichnet und die überlieferte Sachkultur vorstellt, zeichnet sich das Buch durch eine reich bebilderte Vorstellung einzelner religiöser Standorte aus, wie etwa der ehemaligen Klosterkirche der Zisterzienserinnen in Bergen oder dem ehemaligen Dominikanerkloster in Stralsund.
Auf diese Weise kann dieser Kulturführer gleichzeitig als Reiseführer fungieren, mit dessen Hilfe sich die Klosterkultur Vorpommerns noch heute vor Ort erschließen lässt. Insgesamt gibt der Band einen übersichtlichen und lesenswerten ersten Überblick über den religiösen Raum Pommerns, ist dabei – ausgehend von seinem wissenschaftlichen Hintergrund – allerdings nicht ganz niedrigschwellig.
Wer bspw. vor der Lektüre wenig mit religiösen Orden wie den Zisterziensern anfangen kann, wird wahrscheinlich nicht alle Entwicklungslinien für sich nachvollziehen können. Nichtsdestoweniger lohnt ein Blick in jedem Fall, insbesondere für die eingangs skizzierte eigene Horizonterweiterung oder aus einem vertieften Interesse an der Region heraus.
Vertiefte Eindrücke zur reichen Klosterkultur Pommerns erwarten euch auf der Projektwebseite der Universität Kiel. Den Band ›Vorpommern und seine Klöster‹ findet ihr auf der Webseite von Schnell & Steiner.