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sleht ≠ schlecht

Wird etwas in einem mhd. Text als „sleht“ beschrieben, sollten wir uns davor hüten, es als etwas Schlechtes zu verstehen. Stattdessen erinnern wir uns einfach an das sehr ähnlich klingende Wort ’schlicht‘ und liegen damit – schwupps – schon ganz richtig.



Denn das mhd. „sleht“ kann, je nach Kontext, sowohl „schlicht, einfach, ungekünstelt, gewöhnlich“ als auch „eben, gerade, glatt“ bedeuten.



  • Wird also berichtet, dass „ir nase was sleht und wol getân“, dann hat sie keine paradoxerweise gleichzeitig hässliche und hübsche Nase, sondern im Gegenteil: „Ihre Nase war gerade und schön“.
  • Nicht nur schön, sondern auch sehr gesund ist – wie wir es aus Home Office-Zeiten wohl nur allzu gut kennen – eine aufrechte Haltung: „er stuont strac und ûfrecht, als er wære ein balke sleht“ („Er stand gerade und aufrecht, als sei er ein schnurgerader Balken“).
  • Gerade in der warmen Jahreszeit ist es natürlich ebenso gesund, stets hydriert zu sein. Am besten schmeckt ein kühles, erfrischendes Bier dann aus einem „slehten becher“, also aus einem „einfachen/schlichten Becher“.



Tatsächlich hängen „schlecht“ und „schlicht“ etymologisch aber sehr eng miteinander zusammen: „schlicht“ ist nämlich die niederdeutsche Entsprechung zum hochdeutschen „schlecht“. Seit dem 15. Jh. entwickelte „schlecht“ dann die Bedeutung „geringwertig, nicht gut“, wohingegen „schlicht“ die Bedeutung „gerade, glatt, einfach“ angenommen hat.



Nachzuschlagen wie immer im Lexer, BMZ und DWDS.



Der Beitrag erschien das erste Mal auf dem Instagram-Kanal von Hartmanns Aue.