Aus dem ›Physiologus‹: Vom Einhorn
Hartmanns Aue
Wie wir alle wissen, gibt es auf unserer Welt ja mindestens ein Einhorn. Dementsprechend hat der naturkundliche „Physiologus“ – ein ursprünglich altgriechisches Werk aus dem 2. Jh., das im Mittelalter mehrfach ins Deutsche übertragen wurde – die Eigenschaften des Einhorns heilsgeschichtlich ausgelegt:
- Das Einhorn ist ein kleines Tier, ähnlich einem Zicklein, hat ein Horn auf dem Kopf und ist sehr kühn. Niemand kann es fangen.
- Einhorn steht allegorisch für Jesus Christus: Er ist demütig (also klein) vor Gott und wurde in Ebenbild des sündigen Körpers (symbolisiert durch das Zicklein) erschaffen. Das einzelne Horn steht für die Einigkeit von Sohn und Vater und die Erhöhung seiner Macht. Niemand konnte und kann ihn überwinden.
- Setzt man aber eine Jungfrau vor dem Einhorn nieder, springt es, sobald es sie sieht, in ihren Schoß und schläft dort ein. Nur dann kann man es einfangen und zum König bringen.
- Durch die Geburt der Jungfrau Maria ist Christus Fleisch geworden und wohnt seither in den Menschen.
Für diese und mehr Tierdeutungen: Maurer, Friedrich (Hg.): Der altdeutsche Physiologus. Die Millstätter Reimfassung und die Wiener Prosa (nebst dem lateinischen Text und dem althochdeutschen Physiologus). Tübingen: Niemeyer 1967 (Altdeutsche Textbibliothek 67).
Der Beitrag erschien das erste Mal auf dem Instagram-Kanal von Hartmanns Aue.