Ausstellung ›Die Normannen‹: Im Interview mit Dr. Viola Skiba
Tobias Enseleit
Regelmäßig lenken in ganz Deutschland große und aufwendige Ausstellungen das Interesse auf die Epoche des Mittelalters. Aktuell laufen in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim die Vorbereitungen für eine Sonderausstellung zur Geschichte und Kultur der Normannen, die coronabedingt verschoben werden musste und voraussichtlich vom 8. September 2022 bis 26. Februar 2023 zu sehen sein wird. Bis dahin ist es zwar noch ein wenig hin; aber wir haben die Gelegenheit genutzt, mit Dr. Viola Skiba, die als Projektleiterin die Ausstellung verantwortet, über die Idee und die Konzeption der Ausstellung und ihr Interesse an den Normannen zu sprechen.
Das Plakat zur Ausstellung ›Die Normannen‹, die von Dr. Viola Skiba organisiert wird.
Mittelalter Digital: Liebe Frau Skiba, herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft, uns einige Einblicke in die Konzeption der nächsten großen mittelalterlichen Sonderausstellung ›Die Normannen‹ zu geben, die voraussichtlich ab September 2022 in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim gezeigt wird. In den letzten Jahren gab es dort bereits einige aufwendige Mittelalterausstellungen, 2006 etwa – um nur einige zu nennen – ›Saladin und die Kreuzfahrer‹, 2010/2011 ›Die Staufer und Italien‹, 2012/2013 ›Benedikt und die Welt der frühen Klöster‹ oder 2017/2018 ›Reformation! Der Südwesten und Europa‹.
Sie sind die Projektleiterin der Ausstellung ›Die Normannen‹. Ganz naiv gefragt: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus und welche Bereiche umfasst die Projektleitung?
Viola Skiba: Zunächst darf ich vorausschicken, dass ich mich sehr über Ihr Interesse freue, mehr über die Genese und Vorbereitung einer großen Sonderausstellung zu erfahren, die ein sehr langwieriger und kreativer Prozess ist. Das hat zum einen mit der Herkunft der Leihgaben, zum anderen aber mit der Art zu tun, wie wir in den Reiss-Engelhorn-Museen arbeiten. Wir versuchen nämlich, unsere großen Ausstellungsthemen in die Forschung einzubinden, sorgfältig zu recherchieren, Netzwerke zu knüpfen und selbst einen Beitrag zur Forschung zu leisten.
Das kostet natürlich Zeit, macht die Arbeit aber auch sehr vielfältig. Für mich ist die Projektarbeit nur ein Teil meiner Arbeit, aber der welcher mir persönlich am meisten Spaß macht. Neben der inhaltlichen Komponente umfasst die Projektleitung natürlich auch organisatorische Aufgaben wie die Anleitung des Teams, Erstellung von Zeitplänen, Koordinierung von Prozessen und die Budgetplanung.
Begonnen hat alles 2018 mit der Erstellung einer wissenschaftlichen Konzeption, d.h. dem kulturhistorischen Rahmen und Hintergrund für die Ausstellung, die dann im Austausch mit dem historischen Seminar der Universität Heidelberg und der gemeinsamen Forschungsstelle für Geschichte und kulturelles Erbe weiterentwickelt wurde. Anschließend wurde ein – in diesem Fall sehr junges – Projektteam zusammengestellt und mit dem Aufbau einer Objektdatenbank begonnen. Parallel dazu wurde auf Basis der wissenschaftlichen Konzeption ein erster Entwurf für den Ausstellungsrundgang erstellt, was auch mediale Umsetzungen beinhaltet.
Normannen als Kirchenzerstörer und -förderer: Die Ruine der Abtei von Jumièges (Bild 1), einst eines der mächtigsten Klöster der Normandie. Zunächst von den Wikingern zerstört, wurde das Kloster von den Normannen wiederaufgebaut und stark gefördert. Victor Hugo bezeichnete die Überreste der Abtei als „schönste Ruine Frankreichs“.
Die Kathedrale von Palermo (Bild 2) wurde 1184/1185 im normannisch-arabischen Stil errichtet und beherbergt u. a. die Gräber Rogers II., Konstanzes von Hauteville und Friedrichs II.
In einer zeitgemäßen Ausstellung sind ja nicht nur authentische historische Objekte zu sehen, sondern auch Filme, digitale Modelle, Hörstationen oder interaktive Module – und in jedem Element steckt wieder viel Arbeit und Planung. Dieser Teil der Vorbereitungen wird zwar vorwiegend von uns im Museum betrieben, wird aber auch von außen begleitet, denn für viele Spezialfragen – etwa zu Architektur, Kunst oder Grabungsergebnissen – braucht es Experten und spezielle Expertise, die von uns in die Planung aufgenommen, oft aber erst noch „übersetzt“ werden muss.
Das Thema der Normannen bringt es mit sich, dass unsere Experten überall in Europa verstreut sind, was die Sache noch einmal interessanter macht. Unser wissenschaftlicher Beirat – ein Expertengremium, das uns bei der Arbeit berät und unterstützt – ist entsprechend mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus sechs Ländern besetzt. Sie alle verbindet die Forschung und das Interesse an der normannischen Welt. Jetzt habe ich schon sehr viel berichtet und doch nur einen Teil unserer Arbeit angerissen.
Die von den Normannen geförderte Abtei auf dem Mont-Saint-Michel zählt heute zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten Frankreichs.
Natürlich dürfen wir auch das zentrale Element jeder Ausstellung nicht vergessen: die Objekte. Sie werden recherchiert, erfasst, manchmal auch von unseren Experten vorgeschlagen und müssen dann angefragt werden. Auch das ist ein längerer Prozess, der sich je nach Land, in dem sich die leihgebende Institution befindet, sehr unterschiedlich und teilweise ziemlich bürokratisch gestalten kann – und bei weitem nicht immer bekommt man dann auch, was man gerne haben möchte, so dass stets nachjustiert werden muss. Je näher die Ausstellung rückt, desto mehr Aufgaben kommen auf uns zu und umso mehr Mitarbeiter des Museums sind involviert.
Mittelalter Digital: Wikinger und Normannen sind ein Teil des gegenwärtigen mittelalterlichen Kosmos, der viele Menschen interessiert und deshalb in der Medienlandschaft aktuell vielfältig ausgebreitet wird. Wie kam es zu der Entscheidung, eine Sonderausstellung speziell zu den Normannen in die Wege zu leiten? Gibt es im musealen Betrieb bestimmte Spielregeln, nach denen mögliche Themen aufkommen, diskutiert und deren Umsetzung letztlich beschlossen werden? Gab es im Findungsprozess alternative bzw. konkurrierende Themen und spielt die Kategorie des öffentlichen Interesses an einem Thema bei der Entscheidungsfindung eine Rolle?
Viola Skiba: Das ist eine interessante Frage, die Sie hier anreißen. Natürlich orientieren sich Museen bei ihrer Themenwahl häufig an aktuellen Themen und Fragestellungen – oft greifen sie auch Jubiläen oder Jahrestage auf. Das birgt natürlich die Gefahr – bei prominenten Daten –, dass sich Museen Konkurrenz machen, wenn sie ähnliche Themen aufgreifen. Ganz deutlich war das etwa in der Zeit des Reformationsjubiläums zu sehen. Viele Museen haben zu diesem Thema Ausstellungen gemacht und dabei um dieselben Objekte und dieselben Besucher konkurriert.
Neben dem Aufgreifen von Jubiläen sind Ausstellungsmacher aber auch auf der Suche nach Themen, die nicht nur für ein großes Publikum spannend sind, sondern auch neu und innovativ. In diese Kategorie fällt die Normannen-Ausstellung, die nicht an einen Jahrestag gebunden ist, sondern vielmehr in eine Lücke in der Museumslandschaft stößt. Nie zuvor gab es im deutschsprachigen Raum eine Ausstellung, die sich den Normannen in all ihrer Komplexität widmet und eine faszinierende historische Thematik mit der Gegenwart zu verbinden weiß. Die Normannen waren nämlich eine hochmobile Gruppe, die zwischen Kulturen und Traditionen zu navigieren wusste. Mobilität, Migration, Integration und Transkulturalität waren Teil ihrer Geschichte.
Der Kreuzgang des Doms zu Monreale in Sizilien zählt mit seinen 228 einzigartigen Säulenpaare heute zu den UNESCO-Welterbestätten (Bildnachweise: © rem, Foto: Viola Skiba).
Einmal mehr lässt sich an diesem Thema zeigen, wie vielfältig, bewegt und bunt die mittelalterliche Welt war – und das ist es, was uns Ausstellungsmacher besonders reizt. Der Themenfindungsprozess in Museen ist in der Regel sehr individuell, und natürlich spielt auch das Potential eines Themas sowie das angenommene Besucherinteresse eine wichtige Rolle bei der Entscheidung in die Ausstellungsplanung zu gehen. Das stand in diesem Falle bei uns aber gar nicht zur Debatte, denn – seien wir ehrlich – allein der Titel übt doch schon einen besonderen Reiz aus und weckt Assoziationen.
Für mich persönlich geht mit der Normannen-Ausstellung ein Traum in Erfüllung und die positiven Rückmeldungen und spontanen Reaktionen sowohl innerhalb des Museums als auch außerhalb ermutigen mich und meine Kolleginnen und Kollegen sehr.
Jedes Kapitell des Kreuzgangs von Monreale ist detailreich mit Ornamenten oder narrativen Szenen versehe. Ein besonders interessantes Kapitell zeigt auf seinen vier Seiten Darstellungen, die mit den vier zentralen Religionen in Verbindung gebracht werden können: das lateinische Christentum, das Christentum östlicher bzw. byzantinischer Prägung, das Judentum und der Islam.
Mittelalter Digital: 2022 klingt heute noch so weit weg; aber gut Ding will Weile haben, und ich kann mir vorstellen, dass es viel Zeit braucht, um eine Ausstellung von der ersten Idee bis zur konkreten Realisierung umzusetzen, zumal die aktuelle Situation nicht die einfachste ist. Auf der Museumswebseite ist bereits zu lesen, dass Besucher „anhand 300 hochkarätiger Leihgaben aus großen europäischen Sammlungen“ tiefer in die Geschichte und die Kultur der Normannen eintauchen können.
Damit scheint die Umsetzung der Ausstellung bereits sehr konkret zu werden. Wie findet man die für eine Ausstellung unentbehrlichen Ausstellungsstücke und gibt es bestimmte Exemplare, die Sie unbedingt zeigen möchten und die daher bereits während der Konzeption im Hinterkopf einen Platz hatten? Welche Rolle spielen dabei Kooperationen, wie Sie sie etwa mit dem Museumsverband ›Réunion des Musées Métropolitains‹ in Rouen (also einem „authentischen“ Normannenstandort) unterhalten? Dürfen Sie schon verraten, welche Highlights in der Ausstellung zu sehen sein werden?
Das 22 m lange Oseberg-Schiff war einst Teil eines mit reichen Beigaben versehenen wikingerzeitlichen Schiffsgrabs und wurde 1904 unter einem Grabhügel in Norwegen entdeckt. Heute befindet es sich im Viking Ship-Museum in Oslo.
Farbige Rekonstruktion eines Runensteins in Jelling, Dänemark.
Viola Skiba: Sie haben vollkommen recht. 2022 klingt nach sehr viel Zeit, aber die geht schneller vorbei als gedacht und tatsächlich hätten wir sogar schon im Herbst 2021 eröffnen sollen – und dann kam Corona. Das hat vieles nicht einfacher gemacht, insbesondere weil viele Kolleginnen und Kollegen in Museen anderer europäischer Länder deutlich stärker in ihrer Arbeit behindert sind, als es bei uns glücklicherweise der Fall ist. Manche Häuser sind derzeit nur schwer oder überhaupt nicht erreichbar. Die Kommunikation verzögert sich dadurch enorm und die ist wichtig, denn es gibt viel zu organisieren, bevor ein Objekt auf Reisen gehen kann.
Was die Auswahl der Exponate angeht, ist dies ein längerer Prozess. Klar gibt es ikonische Stücke, die man zu diesem Thema in einer Ausstellung haben will, darunter auch Stücke, von denen man weiß, dass man sie nicht bekommen kann, wie z. B. den Mantel Rogers II. in der Wiener Schatzkammer, der grundsätzlich nicht verliehen wird. Aber darüber hinaus versuchen wir Ausstellungsmacher natürlich, auch neue und eher unbekannte oder gar erst neu entdeckte Stücke zu präsentieren, und um diese zu finden, sind wir auf den Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen sowie mit Museumsleuten, die Bestände zum Thema Normannen kennen, angewiesen. Wir versuchen im Vorfeld eines derartigen Großprojekts auch die zentralen Orte und musealen Institutionen zu besuchen, die als Leihgeber in Frage kommen.
Das Grab Wilhelm des Eroberers in der Abbaye aux Hommes in Caen, das über die Jahrhunderte mehrfach geschändet wurde.
Das haben wir auch bei den Normannen getan und waren bereits 2019 in der Normandie unterwegs. Auf derartigen Reisen bekommt man ein Gefühl für die historischen Orte, entdeckt das eine oder andere potenzielle Exponat und knüpft vor Ort Kontakte. So war es auch in Rouen und Caen der Fall. Tatsächlich konnten wir dort mit unserem Projekt so überzeugen, dass die Réunion des Musées Métropolitains sogar für eine weitergehende Kooperation gewonnen werden konnten und zusammen mit dem Musée de Normandie in Caen im Anschluss an die Präsentation in Mannheim die etwas verkleinerte und adaptierte Normannen-Ausstellung sowie eine Schau zu Mythos und Rezeption (Caen) zeigen werden.
Das ist eine wunderbare Entwicklung, die aber auch symptomatisch ist für das Interesse, auf das das Projekt europaweit stößt. Bereits jetzt haben wir zudem Zusagen von herausragenden Objekten erhalten, die das gesamte Spektrum normannischer Geschichte abdecken: Waffen aus der Normandie, ein kostbares Reliquienkästchen aus Nordspanien, das ein Zeugnis kultureller Verschmelzung darstellt. Ja, das ist nicht sonderlich bekannt, aber die Normannen waren auch im Nordosten der iberischen Halbinsel aktiv und begründeten kurzzeitig in Tarragona sogar ein eigenes Prinzipat.
Die Abbaye aux Hommes oder Abbaye Saint-Étienne wurde von Wilhelm dem Eroberer in Caen gegründet.
Die Vatikanische Bibliothek, ein Leihgeber der unsere Ausstellungen häufig mit besonderen Highlights unterstützt, ist ebenfalls wieder mit fünf kostbaren Handschriften dabei und aus Bari kommen eine Votivkrone Rogers II. und eine Plakette, die seine Königskrönung durch den Heiligen Nikolaus darstellt nach Mannheim. Auch Alltagsgegenstände, archäologische Funde, Textilien und Kunsthandwerk werden den Weg nach Mannheim antreten. An vielen Stellen ist der Leihverkehr aber noch im Gang und aufgrund der Pandemie-Lage nicht ganz einfach.
Mittelalter Digital: Vom 15. bis 17.10.2020 wurde im Rahmen der Ausstellungskonzeption eine wissenschaftliche Tagung unter dem Titel ›Norman Connections: Normannische Verflechtungen zwischen Skandinavien und dem Mittelmeer‹ veranstaltet, in deren Rahmen namhafte Fachvertreter zu ganz unterschiedlichen Spezialthemen referiert haben. Der Titel der Tagung verrät wie deren Zusammenfassung das besondere Interesse an der Mobilität und der Anpassungsfähigkeit der Normannen, die sich in vielen Ecken Europas und darüber hinaus häuslich eingerichtet haben.
Gorm der Alte und Harald Blauzahn errichteten in Jelling zwei Grabhügel, die 1994 in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen wurden. Die Runensteine und eine zwischen den Grabhügeln errichtete Kirche dokumentieren den Übergang vom Heiden- zum Christentum (Bildnachweis: © rem, Foto: Viola Skiba).
Wikinger als Miniatur.
Wie kam es zu der spezifischen Ausrichtung des Themas, die Mobilität und die soziale, kulturelle und religiöse Anpassungsfähigkeit der Normannen in den Fokus zu rücken, und wie darf man sich den Einfluss dieser Tagung auf die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung vorstellen? Geben die dort gehaltenen Vorträge einen generellen Orientierungsrahmen vor oder wurden die Themen auf die spezifischen Bedürfnisse der Ausstellung – etwa im Hinblick auf einen Ausstellungskatalog – hin konzipiert?
Viola Skiba: Wie auch bei vorangegangenen Projekten der Reiss-Engelhorn-Museen stellt eine wissenschaftliche Fachtagung einen integralen Bestandteil der Ausstellungsvorbereitung dar. Wir verstehen unsere Ausstellungen als Beitrag zur Wissenschaftsvermittlung, aber gleichzeitig auch als eigenständigen Forschungsbeitrag.
Um dies zu erreichen, ist die wissenschaftliche Einbindung der Projektarbeit sehr wichtig. Insofern erlaubt ein Blick auf das Tagungsprogramm auch einen Blick auf thematische Schwerpunkte der Ausstellung. Die Ergebnisse der Tagung fließen in einen wissenschaftlichen Essayband ein, der den Ausstellungskatalog begleiten wird, und geben darüber hinaus Impulse für die weitere Ausstellungsplanung. Tagung und Ausstellung sind demnach konzeptionell verschränkt.
Das an einer Seine-Schleife gelegene Chateau Robert le Diable kontrollierte im 11. / 12. Jahrhundert den Zugang nach Rouen.
Die Ausrichtung auf besondere Mobilität und Anpassungsfähigkeit der Normannen resultiert daraus, dass diese als besondere Stärke verstanden werden können. In unserer Ausstellung wollen wir zeigen, dass sie wichtige Faktoren waren, die die Normannen in vielen Bereichen enorm erfolgreich machten. Zugleich bietet diese Schwerpunktsetzung auch die Möglichkeit, an die Gegenwart anzuknüpfen. Mobilität, kultureller Austausch, Wissenstransfer, Kommunikation und Integration sind Begriffe, die die aktuelle Lebenswirklichkeit berühren. Zugleich sind sie aber auch wichtige Begriffe für die Beschreibung normannischer Geschichte.
Mittelalter Digital: Dass die Inhalte einer musealen Ausstellung dieser Art einen fachwissenschaftlichen Anspruch verfolgen, muss nicht extra betont werden. Nichtsdestoweniger sind die meisten Besucher aber keine Experten, sondern tragen ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen und Erfahrungshorizonte ins Museum, die sich in aller Regel stärker dem populärkulturellen Diskurs als dem fachwissenschaftlichen verdanken. Inwieweit spielen diese weiter verbreiteten Allgemeinplätze und Stereotype, die zu Wikingern und Normannen kursieren, für die Ausstellung eine Rolle und wie begegnen Sie der Schwierigkeit, populärkulturelles Interesse und fachwissenschaftliches Expertenwissen einander anzunähern?
Viola Skiba: Unser Ziel ist es, eine Ausstellung zu schaffen, die alle anspricht und für jeden etwas bietet. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass ein wissenschaftlicher Anspruch und Allgemeinverständlichkeit sich nicht ausschließen müssen. Es geht uns vielmehr darum, die Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen zu einem schillernden Ganzen zusammenzufügen, mit herausragenden Exponaten in Bezug zu setzen und ästhetisch zu verbinden, so dass ein Besuch gleichzeitig Wissensvermittlung, Spaß und Genuss bietet.
Das Grab Rollos, des Begründers der Dynastie der normannischen Herzöge, befindet sich mit weiteren bedeutenden Grablegen in der Kathedrale von Rouen, der ersten Hauptstadt der Normandie.
Und selbstverständlich bedeutet das auch, dass wir uns im Vorfeld mit den Erwartungen oder Vorkenntnissen unserer Besucher auseinandersetzen, was die Populärkultur miteinschließt. Gerade die Populärkultur schafft es, Interesse zu wecken und emotional zu packen, was berücksichtigt werden sollte.
Mittelalter Digital: Abschließend: Interessieren Sie Wikinger und Normannen auch im privaten Bereich und wenn ja, auf welchen Wegen rezipieren Sie das Thema?
Viola Skiba: Ja, ich interessiere mich auch privat für die Normannen, was ja letztendlich auch zur Idee für die Ausstellung geführt hat. Als Mediävistin bin ich natürlich auch fachlich etwas vorbelastet, denn früher oder später stolpert man da über die Normannen. Vor einigen Jahren habe ich eine phantastische BBC-Dokumentation zum Thema Normannen gesehen und im Urlaub wandele ich – besonders in Süditalien und England – gerne auf normannischen Spuren.
Mittelalter Digital: Liebe Frau Skiba, vielen Dank für die spannenden Blicke hinter die Kulissen. Wer sich bereits jetzt schon etwas über die Ausstellung informieren möchte, kann die Webseite der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim besuchen.
Das Interview führte Tobias Enseleit.