Sprache und Schrift zur Zeit Heinrichs IV.
Esra Grun
Dem Radiergummi des Redakteurs fielen vor allem Wendungen zum Opfer, die in der Fantasy nicht benutzt werden dürfen, denn `damals wurde nicht so gesprochen´. Beim Durchlesen der in der Fantastyka abgedruckten Erzählung bemerkte ich also mit einiger Verwunderung, dass aus ‚Arroganz‘ ‚Hochmut‘ geworden war, aus ‚Intelligenz‘ ‚Klugheit‘ usw. – Sapkowski 2017, S.10.
Das virtuelle Wintersemester 2020/21 kreativ nutzen und selbst digitale Inhalte erstellen, dachten sich Studierende der Universität Osnabrück. Im Rahmen der Lehrveranstaltung ›Heinrich IV. – Herrschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im Reich der Salier‹ beschäftigten sie sich zusammen mit ihrem Dozenten PD Dr. Sebastian Steinbach und den Betreibern von Mittelalter Digital mit der Frage, wie die Welt des berühmten Canossa-Kaisers wohl ausgesehen haben mag und wie sie uns in den Spielsequenzen moderner Fernsehdokumentationen präsentiert wird. Entstanden sind Beiträge zu Musik, Sprache und Schrift sowie dem Reisekönigtum der Salierzeit (1024-1125), die nun online präsentiert werden und den Grundstock für ein offenes Themenheft zur Welt des 11. Jahrhunderts bilden. Eine Fortsetzung ist also mehr als erwünscht… viel Spaß beim Lesen und Sammeln weiterer Ideen für Artikel zum Thema!
Zu Autorin: Esra Grun studiert momentan im Fachmaster Geschichte an der Universität Osnabrück mit dem Epochenschwerpunkt Frühe Neuzeit. Im Bachelor hat sie Geschichte und Politik studiert und sich in ihrer Bachelorarbeit zum Thema städtische Kleiderordnungen im 17. Jahrhundert mit dem Transkribieren von handschriftlichen Ordnungen auseinandergesetzt. Die Beschäftigung mit gedruckten oder handschriftlichen Quellen in ihrer Originalsprache und -schrift ist auch im Master noch einer ihrer Interessenschwerpunkte. Thematisch interessieren sie ferner besonders Themen wie die soziale Ungleichheit und die symbolische Kommunikation.
Einleitung
Mit diesen Worten erläutert der polnische Autor Andrzej Sapkowski, bekannt für seine Bücherreihe um den „Witcher“ Geralt von Riva, die auch in zahlreichen Videospielen und einer Netflix-Serie vermarktet wurde, wie sein Redakteur einen seiner ersten Texte veränderte, damit dieser mehr nach Mittelalter-Fantasy klang. Den Austausch unterschiedlicher Begriffe mit vermeintlich mittelalterlicheren Begriffen begründete der Redakteur damit, dass „damals […] nicht so gesprochen [wurde]“ (Sapkowski 2017, S. 10). In der vorliegenden Textsammlung hatte der Autor die Änderungen des Redakteurs wieder zurückgenommen, da er überzeugt war, dass Fantasy in keinem ‚Damals‘ spiele (vgl. ebd.).
Die kleine Anekdote zeigt deutlich, dass der Redakteur eine Vorstellung davon hatte, wie im Mittelalter gesprochen wurde. Sapkowski lehnte wiederum die Ersatzbegriffe nicht deshalb ab, weil er ihren mittelalterlichen Ursprung in Frage stellte, sondern weil sie nicht seiner Vorstellung von Fantasy entsprachen.
Das Mittelalter ist in der populärkulturellen Inszenierung wieder sehr präsent und spricht alle Sinne an: Filme, Serien und Dokumentationen werden gesehen, Bücher gelesen, Musik gehört und auf Jahrmärkten, die in einem historisch-mittelalterlichen Setting spielen, können sogar mittelalterliche Speisen gekostet werden. In allen diesen Medien spielt die Sprache eine wichtige, aber ambivalente Rolle. Auf der einen Seite soll Sprache das mittelalterliche „Flair“ genauso inszenieren wie es Bilder oder Musik tun. Auf der anderen Seite sollen die Rezipienten die Filme und Bücher natürlich auch verstehen.
Die praktische Umsetzung dieser „mittelalterlichen“ Sprache zeigt sich meist dadurch, dass sie mit unserer heutigen Sprache immer noch einwandfrei zu verstehen ist, dabei aber gezielt Begriffe wie „Hochmut“ und „Klugheit“ für den „authentischen Zuschnitt“ verwendet werden. In diesem Kontext stellt sich rasch die Frage, wie realistisch solche Darstellungen sein können. Wie „realitätsnah“ ist diese Sprache und woher wissen wir das?
Der Autor der Witcher-Saga, Andrej Sapkowski, weigert sich, in seinen Erzählungen eine Sprache zu verwenden, die aus einem vermeintlichen „Damals“ stamme. Diese Einstellung wurde anscheinend auch in der auf den Büchern aufbauenden Netflix-Serie ›The Witcher‹ übernommen, in der sich der Protagonist in der englischen Originalfassung durch den häufigen Gebrauch des sehr „unmittelalterlichen“ Wortes „fuck“ auszeichnet. Darüber hinaus wird allerdings auch in dieser Fantasy-Mittelalter-Serie eine Sprache verwendet, die etwas altertümlich klingt, indem beispielsweise in Dialogen der deutschen Übersetzung Personen mit Ihr/Euch statt mit Sie/Du angesprochen werden.
Für eine erste Annäherung an das Thema Sprache im Mittelalter soll zunächst festgehalten werden: Es gab weder eine einheitliche Sprache noch eine allgemeingültige Schrift. Sprache ist sehr wandelbar und unterscheidet sich über regionale Grenzen hinweg genauso wie über Zeit. Die Menschen sprechen in München anders als in Kiel, in den 1950ern anders als heute. Das Mittelalter umfasste einen Zeitraum von etwa 1000 Jahren. Im Hinblick auf die mittelalterliche Sprache macht es dementsprechend einen großen Unterschied, ob der Raum des heutigen Niedersachsen um 600 oder das Gebiet des heutigen Bayern um 1200 betrachtet wird. Hinzu kommt, dass es keine einheitliche Standardsprache wie das heutige Hochdeutsch gab, das als allgemeine Verständigungsbasis diente.
Eine weitere Schwierigkeit bei der Annäherung an mittelalterliche Sprache stellt die schlichte Tatsache dar, dass es nur schriftliche Quellen gibt, denn Ton- oder gar Videoaufnahmen konnten noch nicht angefertigt werden.
Als Schreibmaterialien dienten Pergament, also Tierhäute, meistens von Ziegen, Tinte, welche aus Galläpfeln gewonnen wurde, und Vogelfedern. Diese Materialien, insbesondere das Pergament, waren sehr teuer. Das hatte zur Folge, dass in den schriftlichen Quellen oft nur das Allernotwendigste und das Allerwichtigste festgehalten wurde. Für vorläufige Notizen wurden Wachstafeln und Griffel verwendet (vgl. Hauschild 2013, S. 45-47 und 66-76).
Eine weitere Hürde ist, dass die schriftlichen Quellen beinahe ausschließlich auf Latein verfasst wurden. Das Latein des Mittelalters, das Mittellatein, war zwar nicht die einzige, aber die vornehmliche Schrift- und allgemeine Verkehrssprache. Erst wer diese erlernte, konnte danach auch andere Sprachen lesen und schreiben lernen (vgl. Grundmann 1958, S. 3-6).
Lesen und Schreiben waren Privilegien, die vor allem in den Klöstern gelehrt wurden, und da beinahe alle mittelalterlichen Schriftstücke auf Latein verfasst wurden, ging mit dem Erlernen von Schrift in der Regel immer ein Studium der lateinischen Sprache einher. In den sogenannten Skriptoren, den Schreibstuben der Klöster, lernten vor allem Kleriker und Mönche dieses Handwerk. Die Tätigkeit des Schreibens war also eine vor allem von christlichen Geistlichen ausgeführte Tätigkeit (vgl. Hauschild 2013, S. 31-32). Das schlägt sich auch in den Inhalten nieder, die häufig mindestens einen religiösen Unterton besaßen.
Lateinkenntnisse blieben jedoch vielen Menschen verwehrt, was bedeutet, dass die Schriftquellen fast ausschließlich in einer Sprache verfasst wurden, die nur einer Minderheit geläufig war; die meisten Menschen kommunizierten in den sogenannten Volkssprachen.
Mittellatein
Was ist Mittellatein?
Some say there are four varieties of Latin, that is, Ancient (Priscus), Latin, Roman, and Mixed. The Ancient is that uncouth language that the oldest people of Italy spoke in the age of Janus and Saturn, and it is preserved in the songs of the Salii. Then Latin, which the Etruscans and others in Latium spoke in the age of Latinus and the kings, and in this variety the Twelve Tables were written. […] Then Roman, which arose after the kings were driven out by the Roman people. In this variety the poets Naevius, Plautus, Ennius, and Vergil, and the orators Gracchus and Cato and Cicero, and others produced their work. Then Mixed, which emerged in the Roman state after the wide expansion of the Empire, along with new customs and peoples, corrupted the integrity of speech with solecisms and barbarisms. – Isidor von Sevilla, Etymologiae IX,6, zit. u. übersetzt nach Barney 2011, S. 191.
Latinas autem linguas quattuor esse quidam dixerunt, id est Priscam, Latinam, Romanam, Mixtam. Prisca est, quam vetustissimi Italiae sub Iano et Saturno sunt usi, incondita, ut se habent carmina Saliorum. Latina, quam sub Latino et regibus Tusci et ceteri in Latio sunt locuti, ex qua fuerunt duodecim tabulae scriptae. Romana, quae post reges exactos a populo Romano coepta est, qua Naevius, Plautus, Ennius, Vergilius petae, et ex oratoribus Gracchus et Cato et Cicero vel ceteri effuderunt. Mixta, quae post imperium latius promotum simul cum moribus et hominibus in Romanam civitatem inrupit, integritatem verbi per soloecismos et barbarismos corrumpens. – Isidor von Sevilla, Etymologiarvm, Lib. IX. i, 6-8, zit. nach Lindsay 1985.
Isidor von Sevilla schrieb diese Worte in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts. n. Chr. Der Autor benannte mit dem Mischlatein die Sprachstufe seiner Zeit und grenzte diese außerdem zu anderen Lateinformen ab. Aus seinen Ausführungen lässt sich erkennen, dass es kein allgemeingültiges Latein gab, sondern sich verschiedene Abwandlungen entwickelt hatten (vgl. Heimann 1989, S. VII). Im frühen Mittelalter, etwa vom 5.-8. Jahrhundert, fand eine Umbildung zu den romanischen Sprachen statt. Damit ging einher, dass viele Elemente der gesprochenen Sprache ihren Weg ins Lateinische fanden.
Erst im Verlauf des 9. bis 13. Jahrhunderts orientierte man sich wieder vermehrt an den antiken Vorbildern, wodurch die Sprache wieder etwas bereinigt wurde. Diese Phase kann als Hochphase des Mittellateins bezeichnet werden, in der das Latein die universale Verständigungssprache blieb. Ab dem 14. Jahrhundert wurde das Latein von den Volkssprachen zurückgedrängt, blieb allerdings als Gelehrtensprache bis weit in die Neuzeit weiter erhalten (vgl. Goetz 2014, S. 253). In der Schule wird heutzutage in aller Regel das antike Latein gelehrt. Nichtsdestoweniger gilt:
Wie sich aus der buchliterarischen Übersicht ergibt, übertraf das mittelalterliche Latein das antike in zeitlicher und noch mehr in räumlicher Dimension. Hinzu kommt natürlich auch, daß das aus dem Mittelalter Überlieferte mindestens um das zehnfache stärker ist als das aus der römischen Antike; so hat z.B. die christliche Hymnendichtung, für die nur auf die 55 Bände der Analecta Hymnica verwiesen sei, das antikhymnische Latein nur wenig wirklich Entsprechendes gegenüberzustellen. Schon derartige Quantitäten verbieten, das Mittellatein als Anhängsel abzuwerten. – Langosch 1990, S. 15.
Um 1050 wurde von Hand geschrieben, denn den Buchdruck gab es noch nicht. Für die Untersuchung der alten Handschriften gibt eine akademische Disziplin, die „Paläographie“: Bei der Bücherproduktion im Mittelalter handelte es sich oft um eine Herstellung Kunstwerken. Verschiedene Personen kümmerten sich um Schrift, die Verzierung und um kleinere Bilder.
Wer „sprach“ Mittellatein?
Das Mittellatein war primär den Klerikern, Mönchen und Nonnen geläufig, doch war die mittellateinische Schriftlichkeit nicht nur ihnen vorbehalten. Auch für die weltliche Obrigkeit (und damit für die Höfe) waren Schrift und Literatur überaus wichtig. Es ist in der Forschung durchaus umstritten, in welchem Rahmen Laien Schreib- und Lesefertigkeiten besaßen. Häufig wird auf die Hofgeistlichen verwiesen, die am Hof hinzugezogen wurden, wenn mit Schriftstücken umgegangen werden musste.[1]
Mit Blick auf den Adel waren es zumeist die Frauen, die über Lateinkenntnisse verfügten, um Teile der Bibel lesen zu können. Auch adlige Söhne konnten im Zuge ihrer Ausbildung zum Herrscher oder im Rahmen einer Erziehung für eine kirchliche Laufbahn Latein sowie Lesen und Schreiben lernen.[2] So wird etwa über Heinrich IV. berichtet, dass er Urkunden lesen konnte (vgl. Weinfurter 2004, S. 133). Schon die Tatsache, dass dieser Umstand erwähnenswert ist, zeigt, dass es keinesfalls eine Selbstverständlichkeit war, dass Herrscher Lateinkenntnisse besaßen und lesen beziehungsweise schreiben konnten.
Das Mittellatein blieb über das 14. Jahrhundert hinaus die maßgebliche Sprache der Theologen, im Zuge der spätmittelalterlichen Universitätsbewegung und einem vordringenden Laientum auch die der Juristen, der Mediziner, der Räte und Diplomaten. Als übernationale Buchsprache sicherte das Mittellatein dieser Bildungselite den Zugang zu und die Herrschaft über Fachwissen ebenso wie Prestige und Einkommen. – Heimann 1989, S. VIII.
Dokumentationen über das Mittelalter inszenieren mit verschiedenen Bildern und auch Musik die Zeit, von der sie berichten, wie beispielsweise die ZDF-Dokumentation ›Die Deutschen. Heinrich und der Papst‹: Der Papst diktiert seinem Schreiber einen Text, an dieser Stelle vermutlich einen Rechtstext. Zwar ist die Tatsache, dass der Text diktiert wird, realistisch, doch spricht der Papst sehr schnell, sodass es fraglich erscheint, ob der Schreiber in dieser Geschwindigkeit einen Rechtstext in Schönschrift ausschreiben konnte. In diesem Zusammenhang erscheint die Nutzung von Wachstafeln wahrscheinlicher. Auch die Tatsache, dass der geschriebene Text sehr wahrscheinlich auf Latein verfasst wurde, wird in dieser Szene nicht deutlich.
Volkssprachen
Neben Latein waren auch die Volkssprachen Verkehrssprachen und regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gab einige länderspezifische Sprachen, so wie heute auch, zum Beispiel Althochdeutsch, Altfranzösisch, Altspanisch und Altenglisch bzw. Mittelenglisch oder auch Altnordisch. Aber auch innerhalb des deutschen Sprachraumes gab es einige signifikante Unterschiede. Das „Hoch“ in Althochdeutsch oder Mittelhochdeutsch kennzeichnet diese nicht als Standardsprache, sondern bezieht sich auf den geografischen Raum dieser Sprache. In diesem Fall war es eine Sammelbezeichnung für westgermanische Sprachen, die südlich der Benrather Linie gesprochen wurden. Demgegenüber standen beispielsweise Altniederdeutsch oder Mittelniederdeutsch, welche im Bereich der norddeutschen Tiefebene gesprochen wurden.
Die Karte zeigt verschiedene Schriftdialekte in mittelhochdeutscher und mittelniederdeutscher Zeit. Es wird deutlich, dass es auch räumlich nicht die eine deutsche Sprache gab, sondern dass viele verschiedene Dia- und Regiolekte nebeneinander existiert haben, die auch in die schriftliche Überlieferung miteingeflossen sind.
Es wird zwischen unterschiedlichen Sprachstufen des Deutschen unterschieden. Das Althochdeutsche bildet den Anfang mit einer zeitlichen Dimension von etwa 700-1050. Danach folgen von ca. 1050-1350 das Mittelhochdeutsche und von ca. 1350-1650 das Frühneuhochdeutsche. Ab 1650 bis heute spricht man schließlich vom Neuhochdeutschen (vgl. Bergmann u. a. 2016, S. 19). Die Veränderung von Sprache ist ein langer Prozess. Die Schnittpunkte der unterschiedlichen Sprachepochen sind also nicht punktuell festgelegt, sondern verschwimmen miteinander. Ferner gibt es auch innerhalb der einzelnen Sprachstufen weitere Unterscheidungen. So lässt sich bspw. das Althochdeutsche wiederum in Frühalthochdeutsch und Spätalthochdeutsch unterscheiden (vgl. Bergmann u. a. 2016, S. 34).
Es gab im Mittelalter viele gesprochene Sprachen, die mit unserem heutigen Deutsch verwandt sind. Allerdings entwickelten sich die Sprachen im Laufe der Zeit durch innersprachliche und außersprachliche Veränderungen. Außerdem gab es auch regionalspezifische Dialekte. Eine spezifische Grammatik gab es genauso wenig wie ein übergreifendes Hochdeutsch, das jeder verstehen konnte. Dieser Umstand kann durchaus zu Verständigungsschwierigkeiten auch innerhalb des deutschen Sprachraums geführt haben.
Welche mittelalterlichen Quellen gibt es für das Althochdeutsche?
Es gibt vergleichsweise wenige Quellen, die Worte oder Texte aus dem Althochdeutschen überliefern. In lateinischen Texten finden sich ab und an sogenannte Glossen oder Glossare, von denen der ›Codex Abrogans‹ in St. Gallen der bedeutendste ist. Dabei handelt es sich um Verständnishilfen bzw. Begriffserklärungen, die die Autoren in ihrer „Muttersprache“, dem Althochdeutschen, an den Rand von Texten schrieben. Diese Quellen sind Fragmente, einzelne Worte oder auch mal ganze Sätze, die aus dem Althochdeutschen überliefert sind. Es gibt allerdings auch einige wenige tatsächlich in Althochdeutsch verfasste Texte[3], von denen der bekannteste wohl das ›Hildebrandslied‹ ist. Darüber hinaus sind einige althochdeutsche Zaubersprüche erhalten, wie beispielsweise jene aus Merseburg, Segenssprüche für die Gesundheit von Tieren (z. B. Wiener Hundesegen), gegen blutende Wunden (z.B. Bamberger Blutsegen) oder auch Reisesegnungen (z. B. Weingartner Reisesegen) (vgl. Dahlmann 2020, S. 78-80).
Die Merseburger Zaubersprüche in der Originalquelle. Der erste Merseburger Zauberspruch findet sich in den ersten vier Zeilen. In den darauffolgenden zehn Zeilen steht der zweite Zauberspruch. Die Texte befinden sich in einer Sammelhandschrift mit christlichen Texten. Direkt unter dem zweiten Zauberspruch befindet sich ein christliches Gebet, das in Latein geschrieben wurde (vgl. Beck 2015, S. 21).
Gesprochene Sprachen
Althochdeutsch rekonstruieren?
Die Germanistik hat die verschiedenen Sprachstufen des Deutschen untersucht und analysiert. Dabei konnten die Besonderheiten der einzelnen Sprachstufen und ihre Unterschiede herausgearbeitet werden. Das Althochdeutsche hat sich in seiner dreihundertjährigen Geschichte stetig gewandelt, wie sich an Unterschieden in der Morphologie und in der Phonologie im Übergang vom Frühalthochdeutschen zum Spätalthochdeutschen erkennen lässt.[4]
Das Althochdeutsche ist darüber hinaus auch räumlich gegliedert. Althochdeutsch ist eine Sammelbezeichnung für die kontinentalen westgermanischen Stammesdialekte, die die 2. Lautverschiebung durchgeführt haben. Die nicht verschiebenden Dialekte heißen Altniederfränkisch, Altsächsisch und Altfriesisch. In den althochdeutschen Dialekten wurde die 2. Lautverschiebung teilweise unterschiedlich durchgeführt […]. Es gibt ferner Dialektunterschiede in der Flexion und im Wortschatz. Da für die schriftliche Verwendung der Volkssprache keine schriftsprachlichen Normen existierten, wurden die regionalen Varianten der Volkssprache verschriftet. Dabei ist in der Regel der Sprachstand des Entstehungsortes eines Werkes dominierend. So schrieb Otfrid († nach 870) in Weißenburg Südrheinfränkisch, Notker III. von St. Gallen († 1022) in St. Gallen Alemannisch. […] Die althochdeutsche Überlieferung ist darüber hinaus nach Textfunktionen differenziert. Von einer zeilengetreuen Übersetzung des Bibeltextes wie im althochdeutschen Tatian wird man in vieler Hinsicht einen anderen Wortschatz und eine andere Syntax erwarten als von einem im archaischen Stabreimvers tradierten heroischen Lied wie dem Hildebrandslied. Sprachliche Vergleiche innerhalb der althochdeutschen Überlieferung sind daher nur in eingeschränktem Maße möglich. – Bergmann u.a. 2016, S. 34-35.
Für die Rekonstruktion gibt es also aus sprachwissenschaftlicher Perspektive einige Besonderheiten, die das Althochdeutsche ausmachen. Trotzdem zeigen sich auch Schwierigkeiten, die eine einwandfreie Rekonstruktion des Althochdeutschen nicht erlauben. Dazu zählt unter anderem, dass keine einheitlichen Normen oder Richtlinien existierten, die die Grammatik des Althochdeutschen regelten und vereinheitlichten. Es waren also regionale Varianten und Dialekte vorhanden, die in das Schriftbild mit einflossen. Hinzu kommt, dass die verschiedenen althochdeutschen Texte häufig unterschiedlichen Gattungen zuzurechnen sind, die man nur schwer miteinander vergleichen kann.
Für den Versuch einer einheitlichen Grammatik wird häufig der althochdeutsch ›Tatian‹ herangezogen, auf dessen Grundlage ein sogenanntes „Normalalthochdeutsch“ beschrieben wurde, das es in dieser Form allerdings nicht gegeben hat. Nichtsdestoweniger kann eine solche Grammatik für die Auseinandersetzung mit der althochdeutschen Sprache hilfreich sein (vgl. Baechler 2017, S. 49-50).
Was ist mit der Alltagssprache?
Es gibt also einige Quellen, welche die geschriebene althochdeutsche Sprache überliefern, aber auch zahlreiche methodische Schwierigkeiten, diese in Gänze zu rekonstruieren. Noch schwieriger ist es, Aussagen über die im Alltag gesprochene Sprache zu treffen.
Wenn Historiker in etwa 1000 Jahren herausfinden wollen, wie die Menschen heute gesprochen haben, und sie hätten keine Ton- oder Videoaufnahmen, welche Quellen würden sie dann nutzen? Einen Gesetzestext, einen Roman oder doch ein Gedicht von Julia Engelmann? Allein diese Aufzählung zeigt, dass es nicht einfach ist, von geschriebener Sprache auf gesprochene Sprache Rückschlüsse zu ziehen.
Da zeigt denn schon ein flüchtiger Blick, dass zwischen den Voraussetzungen für das geschriebene Wort und denen für das gesprochene Wort tiefgreifende Unterschiede bestehen. Das eine hat auf das Auge zu wirken, das andere auf das Ohr; und so sind schon die Mittel andere, über die beide gebieten. – Behagel 1899, zit. nach: Dürscheid 2016, S. 23.
Es gibt also einige tiefgreifende Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, die es erschweren, die gesprochene Sprache anhand von geschriebenen Texten verstehen und rekonstruieren zu können. Die Unterschiede sind beispielsweise, dass die gesprochene Sprache flüchtig ist, die geschriebene hingegen dauerhaft, sie kann archiviert werden. Bei einem Gespräch verläuft die Kommunikation synchron und der Hörer kann direkt eingreifen, bei schriftlicher Kommunikation ist dies nicht der Fall, sie verläuft asynchron. Außerdem können beim direkten Sprechen deiktische Ausdrücke (z.B.: hier, dort, der da) verwendet werden, die direkt nachvollziehbar sind. Schriftliche Kommunikation muss deutlicher darauf hinweisen, was gemeint ist (vgl. Dürscheid 2016, S. 24-27). Diese Beispiele für Unterschiede sind zwar prototypisch und insbesondere in unserer heutigen Zeit nicht immer anwendbar, aber besonders für das Mittelalter doch hervorzuheben. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass es unterschiedliche Formen von sowohl gesprochener als auch geschriebener Sprache gibt. Auch heute noch unterscheidet sich gesprochene Sprache in verschiedenen sozialen Bereichen und Situationen.
Nichtsdestoweniger sind einige Möglichkeiten vorhanden, ein wenig von der Alltagssprache zu erfassen, wie es z.B. Karl Bischoff für das gesprochene Mittelniederdeutsch versucht hat:
Wenn wir in und aus der Zeit […] etwas über dies gesprochene Mittelniederdeutsch erfahren wollen, […] sind wir […] auf das geschriebene Mittelniederdeutsch angewiesen. Es gibt zwar keine zusammenhängenden Texte von Gesprochenem, aber es finden sich doch einzelne Reflexe von ihm, so dass wir wenigstens einen gewissen Widerschein von ihm zu erfassen vermögen. […] Besonders in der Frühzeit des Mittelniederdeutschen werden hin und wieder zumal beim flüchtigen Schreiben sog. Sprechformen festgehalten. Man schreibt auch einmal, was man im Allgemeinen nicht zu tun pflegt, wie man spricht, nicht ganze zusammenhängende Sätze, wohl aber Satzstücke, einzelne Wörter in ihrer jeweiligen gesprochenen Lautung, man bringt z. B. Assimilationen zu Pergament und Papier, bewahrt auch in der Schrift beim Sprechen zusammengezogene Wörter und Sprechakte. Wenn das zunächst auch nur Einzelerscheinungen sind, so machen sie doch insgesamt eine stattliche Zahl aus, so dass man wenigstens einen Eindruck von gesprochenen Sprachgepflogenheiten erhält. – Bischoff 1981, S. 5 und 7.
Fazit
Sprache im Mittelalter war sehr vielschichtig. Zwar versuchen verschiedene populärkulturelle Mittelalter- und Fantasyinszenierungen ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie im Mittelalter gesprochen worden sei, doch bleiben diese Interpretationen der „historischen Wirklichkeit“ fremd, schon weil meistens lediglich einzelne Wörter ausgetauscht werden, die Grundsprache dennoch das heutige Deutsch bleibt.
Mittelalterliche Sprache gliederte sich zum einen in die Sphäre des Mittellateins und zum anderen in die Volkssprachen. Es herrscht eine gewisse Ambivalenz zwischen diesen Sprachen, da beinahe alle überlieferten Quellen auf Mittellatein verfasst wurden, diese Sprache für den Großteil der Bevölkerung allerdings eine Fremdsprache darstellte. Der Großteil der Bevölkerung verwendete für die alltägliche Kommunikation stattdessen Volkssprachen, wie zum Beispiel das Althochdeutsche, die in den Quellen deutlich seltener überliefert sind, sodass spätestens bei der Klärung der Frage, wie die Menschen im Mittelalter in ihrem Alltag miteinander gesprochen haben, die Grenzen des Aussagbaren erreicht werden.
Literaturverweise
[1] Sie bildeten wahrscheinlich keine feste Personengruppe am Hof, sondern hielten sich die meiste Zeit in kirchlichen Institutionen auf (vgl. Reuvekamp-Felber 2003, S. 6-7).
[2] Vgl. Grundmann 1958, S. 9ff. Hieraus sollte allerdings nicht abgeleitet werden, dass alle mittelalterlichen Adligen und Herrscher lesen und schreiben konnten (vgl. Grundmann 1958, S. 11). Insbesondere die mittelalterliche höfische (zumeist volkssprachliche) Literatur zeichnet ein sehr heterogenes Bild von der Frage, wer lesen und schreiben konnte (vgl. Reuvekamp-Felber 2003, S. 244ff.).
[3] Für eine Übersicht zur althochdeutschen und altsächsischen Literatur vgl. Bergmann 2013 und Müller 2017.
[4] Vgl. Bergmann u.a. 2016, S. 34. Unter Morphologie versteht man die Lehre der Form und Gestalt von Wörtern. Hierbei wird analysiert, mit welchen wiederkehrenden Regeln und Mustern Wörter gebildet werden, es geht allerdings noch nicht um die Untersuchung ganzer Sätze. Die Phonologie auf der anderen Seite betrachtet die Funktion von Sprachlauten für ein Sprachsystem. Zur Morphologie vgl. Michel 2020. Zur Phonologie vgl. Dahmen / Weth 2018, insbesondere S. 41-62.
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Barney 2011: Isidore of Seville, The Etymologies, übersetzt von Stephen A. Barney u.a., Cambridge 2011.
Beck 2015: Wolfgang Beck, Die Merseburger Zaubersprüche. Eine Einführung, Petersberg 22015 (= Kleine Schriften der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz 8).
Lindsay 1985: Isidori Hispalensis Episcopi, Etymologiarvm sive originvm. Libri XX. Tomvs I Libros I-X Continenes, hrsg. von W. M. Lindsay, reprint New York 1985.
Sekundärliteratur
Baechler 2017: Raffaela Baechler, Absolute Komplexität in der Nominalflexion. Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Alemannisch und deutsche Standartsprache, Berlin 2017.
Bergmann 2013: Rolf Bergmann (Hrsg.), Althochdeutsche und altsächsische Literatur, Berlin / Boston 2013.
Bergmann u. a. 2016: Rolf Bergmann u.a., Alt- und Mittelhochdeutsch. Arbeitsbuch zur Grammatik der älteren deutschen Sprachstufen und zur deutschen Sprachgeschichte, Göttingen 92016.
Bischoff 1981: Karl Bischoff, Über gesprochenes Mittelniederdeutsch, Mainz 1981.
Dahlmann 2020: Mirja Dahlmann, Die althochdeutschen Zaubersprüche zwischen Heidentum und Christentum, Meschede 22020.
Dahmen / Weth 2018: Silvia Dahmen / Constanze Weth, Phonetik, Phonologie und Schrift, Leiden u. a. 2018.
Dürscheid 2016: Christa Dürscheid, Einführung in die Schriftlinguistik. Mit einem Kapitel zur Typographie von Jürgen Spitzmüller, Göttingen 52016.
Foerster / Frenz 2004: Hans Foerster / Thomas Frenz, Abriss der Lateinischen Paläographie, Stuttgart 32004 (= Bibliothek des Buchwesens 15).
Goetz 2014: Hans-Werner Goetz, Proseminar Geschichte. Mittelalter, Stuttgart 42014.
Grundmann 1958: Herbert Grundmann, Litteratus – illiteratus. Der Wandel einer Bildungsnorm vom Altertum zum Mittelalter, in: Archiv für Kunstgeschichte, 40 (1958), S. 1-65.
Hauschild 2013: Stephanie Hauschild, Skriptorium. Die mittelalterliche Buchwerkstatt, Darmstadt 2013.
Heimann 1989: Heinz-Dieter Heimann, Mediävistik und Mittellatein. Einführung zur Neuauflage des Mittellateinischen Glossars, in: Edwin Habel / Friedrich Gröbel (Hrsg.), Mittellateinisches Glossar, Paderborn 1989, S. VII-XII.
Hoffmann 2012: Hartmut Hoffmann, Schreibschulen und Buchmalerei. Handschriften und Texte des 9.-11. Jahrhunderts, Hannover 2012 (= Monumenta Germaniae Historica Schriften 65).
Langosch 1988: Karl Langosch, Lateinisches Mittelalter. Einleitung in Sprache und Literatur, Darmstadt 51988.
Langosch 1990: Karl Langosch, Europas Latein des Mittelalters. Wesen und Wirkung – Essays und Quellen, Darmstadt 1990.
Michel 2020: Sascha Michel, Morphologie, Tübingen 2020.
Müller 2017: Jan-Dirk Müller, Episches Erzählen. Erzählformen früher volksprachlicher Schriftlichkeit, Berlin 2017 (= Philologische Studien und Quellen 259).
Reuvekamp-Felber 2003: Timo Reuvekamp-Felber, Volkssprache zwischen Stift und Hof. Hofgeistliche in Literatur und Gesellschaft des 12. und 13. Jahrhunderts, Köln u. a. 2003 (= Kölner Germanistische Studien 4).
Sapkowski 2017: Andrzej Sapkowski, Etwas endet, etwas beginnt. Erzählungen, München 52017.
von Boeselager 2004: Elke von Boeselager, Schriftkunde. Basiswissen, Hannover 2004 (= Hahnsche Historische Hilfswissenschaften 1).
Weinfurter 2004: Stefan Weinfurter, Das Jahrhundert der Salier (1024-1125), Ostfildern 2004.