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Neuerscheinung: ›Der Schrein der Könige‹ von Sabine Weiß

Mit ›Der Schrein der Könige‹ erscheint im Verlag Bastei Lübbe der neue historische Roman von Sabine Weiß – ein Roman über einen entscheidenden Moment der Kölner Stadtgeschichte und die Entstehung des Dreikönigenschreins im späten 12. Jahrhundert.



Mit der Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige steigt Köln zu einem der bedeutendsten Pilgerorte Europas auf. Der geplante Schrein soll diesen neuen Rang sichtbar machen. Mit seiner Ausführung wird der berühmte Goldschmied Nicolaus von Verdun betraut – eine Entscheidung, die künstlerische Ambitionen ebenso berührt wie städtische Interessen und Rivalitäten.



So entsteht ein lebendiges Panorama des mittelalterlichen Köln – als religiöses Zentrum, Werkstattstadt und politisch umkämpfter Raum. Sabine Weiß verbindet sorgfältige Recherche mit erzählerischer Kraft und macht ein Stück Kölner Geschichte literarisch erfahrbar – als Unterhaltungsroman auf fundiertem historischem Fundament:



Nach der Eroberung Mailands gelingt Reinald von Dassel, dem mächtigen Erzbischof von Köln, ein Coup: Er spürt die Gebeine der Heiligen Drei Könige auf und überzeugt Kaiser Barbarossa, dass er diese in sein Erzbistum mitnehmen darf. Jahre später ist Köln überlaufen von Pilgern, die sich von den Reliquien Heilung versprechen. Noch liegen die Gebeine in einer unscheinbaren Kiste. Doch längst ist den Mächtigen der herausragende Ruf des Verduner Goldschmieds Nicolaus zu Ohren gekommen. Er soll einen Schrein schaffen, der den wertvollen Reliquien und der Stadt, in der sie aufbewahrt werden, alle Ehre macht. Die Kölner Goldschmiede sind jedoch alles andere als begeistert, dass ein Fremder ihnen den lukrativen Auftrag vor der Nase wegschnappt...



Verlagsinterview mit der Autorin

Der Dreikönigenschrein ist das Herzstück des Kölner Doms – und Mittelpunkt des neuen historischen Romans ›Der Schrein der Könige‹ von Sabine Weiß. Im Interview spricht die Hamburger Autorin über die Entstehung eines weltberühmten Kunstwerks, ihre Recherche über das mittelalterliche Köln und darüber, wie Geschichte im Roman lebendig wird.



Der Dreikönigenschrein ist eines der bedeutendsten Kunstwerke des Mittelalters. Was hat Sie an seiner Entstehungsgeschichte so fasziniert, dass daraus ein Roman wurde?

Der Dreikönigenschrein ist in vielfacher Hinsicht spannend. Erstaunlich ist beispielsweise, dass er eine so große Bedeutung hat und man doch so wenig über ihn weiß. Dass der verantwortliche Goldschmied mit großer Wahrscheinlichkeit Nicolaus von Verdun war, war nur durch kunstwissenschaftliche Detektivarbeit herauszufinden, denn es gibt keine Quellen aus der Entstehungszeit. Technisch ist der Schrein ein Meisterwerk. So wurden beispielsweise viele Figuren aus einem einzigen Gold- oder Silberblech getrieben – sogar die filigranen Hände. Man stelle sich das mal vor: Man formt in stundenlanger Kleinarbeit eine Figur aus einem Goldblech, schlägt einmal ein Loch hinein – und fängt ganz von vorn an. Unglaublich, aber so muss es gewesen sein.



Ihr Roman erzählt von Macht, Glauben und Kunst. Was war für Sie das zentrale Thema beim Schreiben?

Bei einem Thema wie dem Dreikönigenschrein, der die Heilsgeschichte komplex erzählt, ist der Glaube zentral. Ich wollte den Glauben in seinen verschiedenen Spielarten erzählen und auch die Glaubenszweifel angesichts von Schicksalsschlägen nicht aussparen. Mir war es jedoch wichtig, dabei lebensnah, dicht an den Figuren und spannend zu bleiben.



Wie intensiv war Ihre Recherche zum Dreikönigenschrein und zur Welt des 12. Jahrhunderts?

Die Recherche war sehr intensiv, weil das Thema so vielfältig ist. Da sind der Schrein mit seiner durchdachten Gestaltung und sein Schöpfer Nicolaus von Verdun, die viele Rätsel aufgeben. Köln im Mittelalter ist eine Stadt mit sehr speziellen Gesetzmäßigkeiten und farbenprächtigen Persönlichkeiten. Dazu kommt der komplexe politische Hintergrund über einen jahrzehntelangen Handlungszeitraum – ich sage nur: deutscher Thronstreit. Hier ging es mir darum, einerseits die Geschehnisse nachzuvollziehen, aber andererseits das für meinen Roman Wichtige herauszudestillieren.



Gab es während der Recherche einen Moment oder ein Detail, das Sie besonders überrascht hat?

Der Kölner Dom ist so gewaltig, dass er die Kausalkette überstrahlt: Ohne die Reliquien der Heiligen Drei Könige und ihre Beliebtheit bei Pilgern und anderen Gläubigen hätte es keinen Dreikönigenschrein gegeben und ohne den Dreikönigenschrein keinen Kölner Dom, wie wir ihn noch heute kennen.



Ich finde es immer wieder überraschend, wie fluide die Gesellschaft im zwölften und dreizehnten Jahrhundert noch gewesen ist. Die starren Standesunterschiede kamen erst im späteren Mittelalter auf. Zur Zeit des „Schreins“ konnten beispielsweise einfache Handwerker noch leicht in den Adelsstand aufsteigen, wie viele Kölner Familien beweisen.



Technisch gesehen ist erstaunlich, wie brillant die Ausführung des Goldschreins und insbesondere des Emailles ist. Nachlesen kann man diese Techniken in Teilen in den Schriften des Benediktinermönchs Theophilus Presbyter, die ganz sicher auch „mein Goldschmied“ Nicolaus von Verdun gekannt hat.



Was war die größte Herausforderung, über ein reales Kunstwerk zu schreiben, das bis heute existiert?

Viele Menschen – nicht nur Kölner – werden eine persönliche Verbindung zum Dreikönigenschrein haben, und ihnen allen wird er etwas Unterschiedliches bedeuten. Auch der Bedeutung des Schreins innerhalb des religiösen Gefüges der Stadt oder im Domkapitel werde ich nur in Ansätzen gerecht werden können. ›Der Schrein der Könige‹ erzählt meinen auf umfangreichen Recherchen basierenden, aber doch persönlichen Blick auf den Schrein, seinen Goldschmied und seine mittelalterliche Umwelt.



Wie sehr haben Sie sich an bekannte historische Fakten gehalten – und wo haben Sie bewusst erzählerische Freiheiten genutzt?

Ich bin eine „manische Rechercheurin“ und versuche bis zuletzt, inhaltliche Lücken zu schließen. Allerdings ist die Überlieferung im zwölften und dreizehnten Jahrhundert noch lückenhaft – was eine Freude für mein fantasievolles Autorinnenherz ist. Erzählerische Freiheiten habe ich mir vor allem bei der Figur des Jilles genommen, der zwischen den Welten, zwischen Klerus, Adel, Bürgern, Handwerkern und einfachen Leuten mäandert und so nicht nur zum Vertrauten des Erzbischofs, sondern auch zum besten Freund meines Goldschmieds Nicolaus wird.



Mit Reinald von Dassel und Nicolaus von Verdun treten historische Persönlichkeiten auf. Wie nähern Sie sich solchen Figuren literarisch?

Ich lese alles über sie, was ich in die Finger bekomme. Darum, wie Reinald von Dassel in den Besitz der Gebeine der Heiligen Drei Könige kam, ranken sich viele Mythen, manche erinnern an einen Schelmenstreich. Der Kern dieser Geschichten sagt meiner Ansicht nach beispielsweise viel über die Persönlichkeit des Erzbischofs aus. Bei Nicolaus habe ich mich intensiv mit seinen Schöpfungen beschäftigt. Nicht nur mit dem Dreikönigenschrein, sondern auch mit den eindrucksvollen Emaillen des Klosterneuburger Altars oder dem Marienschrein von Tournai, der ebenfalls aus seiner Werkstatt stammt. Wie stellt er das Paradies dar, wie die Apokalypse? Diese Gestaltungen verraten nicht nur viel über seine umfassende Bildung, sondern auch über seinen Geschmack und seine persönlichen Ansichten.



Welche Rolle spielen Ihre fiktiven Figuren, um die große Geschichte greifbar und emotional zu machen?

Eine sehr wichtige Rolle. Ein Grund ist, dass ich mich den fiktiven Figuren moralisch weniger verpflichtet fühle. Bei ihnen habe ich die Freiheit, dass sie so handeln können, wie es ihnen in den Kopf kommt – und nicht, wie es die Chroniken vorschreiben.



Der Schauplatz Köln ist mehr als nur Kulisse. Welche Bedeutung hatte die Stadt für den Ro-man?

Eine Geschichte wie die des Dreikönigenschreins konnte sich nur an einem Ort zutragen, an dem es eine moralische und gesellschaftliche Fluidität gibt – und dafür war und ist Köln bekannt. Die Stadt ist durch geschickte Politik, Eigensinn und Flexibilität damals zur bedeutendsten des Reiches geworden. Sie hat mehrfach die Fronten gewechselt – auch das wirkte sich auf den Bau des Schreins aus. Mit Jilles wollte ich zudem eine Figur schaffen, die Köln durch und durch liebt, denn auch ich habe die Kölner als Lokalpatrioten erlebt.



Ihre Bücher gelten als besonders atmosphärisch und sinnlich. Wie entsteht diese dichte Stimmung beim Schreiben?

Durch Fantasie, Einfühlungsvermögen und viele genau recherchierte Details. Beispielsweise suchten einige Mönche von Grandmont im Jahr 1181 Köln auf, um dort Reliquien zu kaufen, und lieferten in ihrem Bericht eine sehr anschauliche Schilderung des Hofes des Erzbischofs Philipp von Heinsberg.



Familie, Loyalität und innere Konflikte spielen eine wichtige Rolle. Warum sind diese Themen für Sie unverzichtbar?

Ganz einfach: Sie sind das Fundament unseres Zusammenlebens.



Gab es beim Schreiben eine Szene oder Figur, die Ihnen besonders nahgegangen ist?

Ach, ich lebe, liebe und leide mit allen Figuren mit. Besonders nachvollziehen konnte ich die Verzweiflung von Nicolaus von Verdun, der nach verschiedenen Schicksalsschlägen mit Gott hadert und genau in diesem Moment den Auftrag bekommt, in einem Kunstwerk diesen Glauben zu verherrlichen. Nicolaus‘ Sohn Bastien ist mir besonders ans Herz gewachsen. Mitgenommen hat mich das Schicksal der Pilgerin Elisabeth, einer jungen, naiven und sinnlichen Frau, die zum Opfer wird und sich von diesem Erlebnis nicht mehr erholt – etwas, das unabhängig vom Zeitalter auch heute noch geschehen kann.



Hat die Arbeit an diesem Roman Ihren Blick auf den Kölner Dom oder den Dreikönigenschrein verändert?

Absolut. Ich habe im Januar die Dreikönigenmesse besucht und in jedem Winkel meine Figuren erlebt. Gleichzeitig habe ich einen tieferen Einblick in das künstlerische Konzept gewonnen. Der Schrein ist nicht nur beeindruckend und schön, er erzählt inhaltlich auch eine bedeutende Geschichte.



Was wünschen Sie sich, das Leserinnen und Leser nach der Lektüre von „Der Schrein der Könige“ mitnehmen?

Ich würde mich freuen, wenn die Leserinnen und Leser den Dreikönigenschrein, Köln und den Kölner Dom auch durch die Augen meiner Figuren sehen und an der Seite von Nicolaus, Jilles und den anderen durch Kölns Gassen schreiten.



Sie sind in Hamburg geboren und leben heute südlich der Hansestadt am Rand der Lüneburger Heide. Hat es Sie auch persönlich inspiriert, über Köln zu schreiben?

Absolut! Das Kölsche Grundgesetz hängt als Postkarte neuerdings an meiner Pinnwand. Von diesem Lebensgefühl können wir Nordlichter uns auf jeden Fall etwas abgucken.



Alle weiteren Informationen zum Roman findet ihr auf der Webseite des Verlags Bastei Lübbe.