Vortrag ›Mehr als eine Begegnung. Die Heimsuchung in der gotischen Skulptur‹
Über 400 erhaltene Werke mittelalterlicher Skulptur, davon ein Großteil gotisch, zeigen die Begegnung der werdenden Gottesmutter Maria mit ihrer ebenfalls schwangeren Verwandten Elisabet, der Mutter Johannes des Täufers. Obwohl die Forschung diese Darstellungen der Heimsuchung bislang vor allem als Episode des Marien- bzw. Jesuslebens einordnete, legen Bildform, Kontext und Funktion nahe, dass sie im Spätmittelalter als eigenständiges und semantisch vielschichtiges Motiv wahrgenommen wurden.
Die Heimsuchung wurde nicht nur in exegetischen Texten allegorisch ausgelegt, sondern erhielt auch in mittelalterlichen Bildwerken und durch deren Einbindung in liturgische Kontexte eine vielschichtige Bedeutung. Dies soll anhand von drei Beispielen erläutert werden: der als Heimsuchung re-identifizierten Skulpturengruppe des Bamberger Doms (um 1225/30), der Visitatio aus dem Kloster St. Katharinental (um 1310/20) sowie den Türreliefs am Irrsdorfer Kirchenportal (um 1408). Sie alle verhandeln den liminalen Status der Schwangeren auf jeweils eigene Weise.
Die Körper der Frauen, durch Material, Form, Haltung, Gestik, Bewegungsrichtung, Gewand und Attribute moduliert, wurden spezifisch auf ihr Publikum und ihre Funktion zugeschnitten. Die Möglichkeiten des Mediums Skulptur lassen ihre Botschaft umso klarer zutage treten.
Dr. Katja Triebe spricht am Dienstag, 7. Juli 2026, ab 18 Uhr c.t. auf Einladung des Lehrstuhls für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte der Universität Paderborn im Rahmen der Vortragsreihe des IEMAN (Institut zur Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens).
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