Reise ins Mittelalter: Straße der Romanik II
Tobias Enseleit
Der Osten von Deutschland birgt zahlreiche Städte und Örtchen, an denen das Mittelalter bis heute erfahr- und erlebbar ist. Kathedralen und Burgen zeugen von Macht- und Kulturzentren, die sich bereits im frühen Mittelalter etabliert haben. Unter der Herrschaft der Ottonen avancierten das heutige Thüringen und Sachsen zu den bedeutendsten Zentren Europas. Heute lädt die sog. Straße der Romanik dazu ein, den mittelalterlichen Spuren in diesen Regionen nachzugehen. Teil 2 unserer Reise in unsere Lieblingsepoche.
Den ersten Teil der Reise auf der Straße der Romanik findet ihr hier.
Merseburg
Aufbruch von Naumburg: Einen Katzensprung (oder etwa eine halbe Stunde Fahrt) von Naumburg entfernt liegt die einstige Pfalz- und Bischofsstadt Merseburg, die unseren Zwischenstopp auf der Fahrt nach Quedlinburg darstellte, wo wir die nächsten Tage verbringen wollten.
In Merseburg lockte uns insbesondere der Dom St. Johannes und St. Laurentius, der Anfang des 11. Jahrhunderts von Bischof Thietmar von Merseburg gegründet wurde, der auch als bedeutender Geschichtsschreiber bekannt ist. Die erste Weihe des Kirchbaus fand 1021 in Anwesenheit des Kaiserpaares Heinrich II. und seiner Frau Kunigunde statt – also ein Ort, der durchaus Prominenz anlockte.
Als ältestes Bildgrabmal befindet sich im Chor des Doms die Grabplatte Rudolfs von Rheinfelden, der 1080 als Gegenkönig zu Heinrich IV. verstarb, nachdem ihm der Überlieferung zufolge in der Schlacht von Hohenmölsen in den Unterleib gestochen und die Schwurhand abgehackt worden war. Für die Gegenpartei galten Tod und Verlust der Schwurhand des Widersachers natürlich als göttlicher Wink, auf der richtigen Seite zu stehen. Nach der Schlacht löste sich der Widerstand gegen Heinrich dann auch relativ rasch auf.
Berühmt ist Merseburg auch für seine beiden Zaubersprüche, die nach dem Ort benannt sind. Die Sprüche in althochdeutscher Sprache öffnen ein kleines Fenster in die Sprach- und Vorstellungswelt des frühen Mittelalters. Sie sollten dabei helfen, Gefangene zu befreien und Fußverrenkungen von Pferden zu heilen, Themen, die für uns heute nicht mehr alltäglich sind.
Neben dem Kaiserdom sind der Domschatz und das Kapitelhaus jeden Besuch wert. An die Anlage angeschlossen findet sich zudem das Schloss Merseburg mit eigenem Museum, das einlädt, die Merseburger Geschichte kennenzulernen. Auch hierum sollte man keinen Bogen schlagen. „Bewohnt“ wird das Schloss von einem Rabenpärchen, das an die sog. Rabensage erinnern soll:
Im 15. Jahrhundert soll Bischof Thilo von Trotha einen treuen Diener hingerichtet haben, weil dieser im Verdacht stand, einen wertvollen Ring entwendet zu haben. Dieser fand sich später in einem Rabennest wieder. Reumütig soll der Bischof daraufhin sein Familienwappen geändert haben: ein Rabe, der in seinem Schnabel einen goldenen Ring davonträgt.
Der Dom zu Merseburg besitzt natürlich auch eine Webseite, auf der man die Anlage auch virtuell erkunden kann!
Quedlinburg
Nördlich des Harzes erreichten wir nach dem Besuch von Merseburg unsere nächste Destination: Quedlinburg. Das kleine Städtchen mit seiner wunderschönen Altstadt, über dem majestätisch der Stiftsberg thront, avancierte im 10. Jahrhundert unter den Ottonen zu einem der wichtigsten politischen und kulturellen Orte nördlich der Alpen.
Insbesondere der im Jahr 919 durch die Akklamation von Sachsen und Franken zum König erhobene Heinrich I. ließ Quedlinburg, das er zu seiner letzten Ruhestätte erkor, größte Bedeutung zukommen.
Wahrzeichen der Stadt ist der imposante Stiftsberg, auf dem ein den beiden Heiligen Dionysios und Servatius geweihtes Damenstift errichtet wurde. Der Bau geht auf die Initiative von Heinrichs Ehefrau Mathilde zurück und sollte insbesondere der Memoria, dem Totengedenken an Heinrich gewidmet sein.
Auch in den folgenden Generationen blieb Quedlinburg ein bedeutender Ort: Heinrichs Söhne und Nachfolger, unter ihnen der berühmte Otto I., der erst die deutschen Stämme gegen die Ungarn vereinte und später die römische Kaiserwürde erhielt, besuchten Quedlinburg zu hohen kirchlichen Fest- sowie Hoftagen und zeigten damit, dass der Ort nach wie vor im Zentrum der Macht lag.
So ist der Stiftsberg mit seiner Bebauung und den angeschlossenen Museen für Mittelalterinteressierte ein Must See, von dem aus die gesamte Stadt aus der Vogelperspektive betrachtet werden kann. Und das Tüpfelchen auf dem I:
Auch die Innenstadt von Quedlinburg ist mehr als sehenswert und bietet eine Fülle kleiner Läden, schnuckeliger Cafés und Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten, um den Kulturgenuss gemütlich einzubetten. Damit bildete Quedlinburg für uns den idealen Ausgangspunkt für weitere Reisen in die Umgebung.
Die Stadt Quedlinburg verfügt über eine eigene Webseite mit vielen weiteren Informationen.
Halberstadt
Beinahe direkt neben Quedlinburg liegt das kleine Städtchen Halberstadt, das uns mit seinem zentralen Kirchenbezirk lockte. Zentrale Anlage ist hier der imposante Dom zu St. Stephanus und St. Sixtus.
Nicht nur das riesige Kirchengebäude ist überaus sehenswert; auch die angeschlossene Domschatzkammer ist ein echtes Highlight und lässt Besucher den Dom noch einmal aus ganz anderer Perspektive erleben. Besonders angetan hat es uns der in Grün getränkte Innenhof, in dem mittelalterliche Architektur und Natur wunderbar verschmelzen.
Direkt gegenüber vom Dom liegt die kleine und schmucke Liebfrauenkirche, die unbedingt besucht werden sollte. Ein besonderes Kleinod ist hier die um 1200 entstandene Darstellung der Gottesmutter Maria, die sich auf den Chorschranken befindet und durch ihre zwei langen geflochtenen Zöpfe besticht, die über ihre Schultern fallen.
Wer sich weiter informieren möchte, kann dies auf der Webseite zu Dom und Domschatz tun.
Wernigerode
Nach einer wunderbaren Zeit in Quedlinburg und Umgebung (mit viel Eis und Käsekuchen), hieß es so langsam, den Heimweg anzutreten. Eine letzte Übernachtung stand noch im schönen Goslar an. Zuvor wollten wir dem auf dem Weg liegenden Wernigerode einen Besuch abstatten. Hier wartete das Schloss auf uns.
Auf mittelalterlichem Fundament ließ hier der Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode – ab 1867 erster Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover, später Stellvertreter Bismarcks als Vizekanzler des Deutschen Reiches – sein ganz eigenes steinernes Mittelalter entstehen, das als „Hogwarts“ Sachsen-Anhalts bis heute die Besucher begeistert.
Malerisch über dem Örtchen gelegen, lädt das verwunschene Schloss zum Entdecken und Staunen ein – und hat mit eigener Kapelle, gemütlichen Wohnräumen und repräsentativen Sälen einiges zu bieten. Ein in Stein gehauener Traum der Mittelalterrezeption.
Natürlich verfügt auch das Schloss Wernigerode über eine eigene Webseite mit weiteren Informationen.
Goslar
Endstation Goslar: Neben der sehenswerten Innenstadt mit ihren schönen Kirchlein bildet die beeindruckende Kaiserpfalz, die Heinrich III. zwischen 1040 und 1050 errichten ließ und die zu einem der wichtigsten Zentren „deutscher“ Geschichte avancierte, den „mittelalterlichen“ Anlaufpunkt. Die angeschlossene Pfalzkapelle St. Ulrich beherbergt das Herz des königlichen Gründers.
Die Kaiserpfalz ist nicht nur von außen betrachtet majestätisch. Inwendig besticht der riesige Kaisersaal sowohl durch seine Größe als auch durch das im 19. Jahrhundert entstandene, aus 68 Werken bestehende Bildprogramm, das Szenen der mittelalterlichen Geschichte darstellt. Wer sich daran noch nicht sattgesehen hat, sollte unbedingt auch das angeschlossene Museum mit dem sog. Wintersaal besuchen.
Viele weitere Informationen findet ihr auf der Webseite zur Kaiserpfalz in Goslar.
Damit durften wir unsere Reise ins Mittelalter mehr als majestätisch ausklingen lassen. Was hatten wir alles gesehen! Burgen, Klöster und Kathedralen, mittelalterliche Kunstobjekte von Weltrang und wunderschöne Innenstädte, waren abgetaucht insbesondere in die Zeit der Ottonen und Salier – und hatten dabei nicht mal alles besuchen können, was an der Straße der Romanik liegt!