Reise ins Mittelalter: Straße der Romanik I
Tobias Enseleit
Der Osten von Deutschland birgt zahlreiche Städte und Örtchen, an denen das Mittelalter bis heute erfahr- und erlebbar ist. Kathedralen und Burgen zeugen von Macht- und Kulturzentren, die sich bereits im frühen Mittelalter etabliert haben. Unter der Herrschaft der Ottonen avancierten das heutige Thüringen und Sachsen zu den bedeutendsten Zentren Europas. Heute lädt die sog. Straße der Romanik dazu ein, den mittelalterlichen Spuren in diesen Regionen nachzugehen. Wir haben uns auf den Weg gemacht, um einmal mehr in unsere Lieblingsepoche abzutauchen.
Um von Münster in den „fernen“ Osten zu gelangen, ist einige Fahrerei notwendig (zum Glück mussten wir dafür nicht auf Pferde, Ochsen oder unsere Füße zurückgreifen). Idealerweise liegt ziemlich genau auf halbem Weg eine der bekanntesten Burgen Deutschlands: die Wartburg. Über der thüringischen Stadt Eisenach thronend gilt die Wartburg wie kaum eine andere Anlage als deutsches Wahrzeichen des Mittelalters.
Die Wartburg
Ihre Errichtung im Jahr 1067 geht auf den sagenumwobenen Grafen Ludwig den Springer zurück, dessen Nachfahren als Landgrafen die Geschicke Thüringens lenken sollten. Seit 1999 zählt die Wartburg zum UNESCO Weltkulturerbe. Berühmt ist die Burg insbesondere durch die Menschen geworden, die wenigstens zeitweise auf ihr lebten: So war sie Wohnstätte der Heiligen Elisabeth von Thüringen (* 1207 – † 1231), die dort die meiste Zeit ihres kurzen Lebens verbrachte und sich aufopfernd um ihre Mitmenschen gekümmert haben soll. Bis heute zählt sie zu den bekanntesten und beliebtesten Heiligen, deren Anziehungskraft sich auch Protestanten kaum entziehen können.
Die Anlage soll zu Beginn des 13. Jahrhunderts auch als Austragungsort des sog. Sängerkriegs fungiert haben: ein Sangeswettstreit um Leben und Tod, an dem sechs der berühmtesten Dichter und Sänger des Mittelalters teilgenommen haben sollen, unter ihnen Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Reinmar von Zweter und Heinrich von Ofterdingen.
Gegenstand des Sängerstreits unter den Augen des Landgrafen und der Landgräfin von Thüringen ist die Frage, welcher Fürst der lobenswerteste sei. Ergänzt wird das Fürstenlob durch das sog. Rätselspiel zwischen Wolfram und dem Zauberer und Nekromanten Klingsor, der innerhalb der Erzählung als Schiedsrichter für den initialen Streit von Ungarn auf die Wartburg gerufen wird, und durch das märchenhafte Buch Zabulons.
Obgleich der Sängerstreit fiktiv ist, also nie wirklich stattgefunden hat, ist er ein anschauliches Zeugnis für die literarische Blüte am Hof der thüringischen Landgrafen, die sich als gönnerhafte Literaturmäzene bereits zu ihrer Zeit einen Namen gemacht haben und in dieser Funktion bis heute lebendig bleiben.
Außerdem erhielt die Wartburg auf der Schwelle zur frühen Neuzeit prominenten Besuch, denn Martin Luther hielt sich dort in den Jahren 1521/1522 auf und verwirklichte seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Eng verbunden mit seinem Aufenthalt ist die Geschichte um den Tintenfleck an der Wand, der dadurch entstanden sei, dass Martin Luther ein Tintenfass nach dem Teufel geworfen habe, der Luther von seiner Übersetzung abhalten wollte.
Wie kaum eine andere Anlage lädt die Wartburg, die durch einen ausführlichen Rundgang erlebbar ist, dazu ein, gleichzeitig sowohl das Mittelalter als auch seine Rezeption kennenzulernen. Gibt es einen idealeren Einstieg in eine Reise ins Mittelalter?
Weitere Informationen zur Wartburg gibt es auf ihrer Webseite.
Naumburg
Lieblich an Unstrut und Saale gelegen, stellt das beschauliche Städtchen Naumburg einen der südlichsten Ausläufer der Straße der Romanik dar und bietet nicht nur Weinfreunden ein Erlebnis. Von der Wartburg nur etwa 1 ½ Autostunden entfernt, war Naumburg für uns der perfekte Ausgangspunkt, das Mittelalter Sachsen-Anhalts zu entdecken. Wir hatten Naumburg bereits 2011 einen Besuch abgestattet, als dort die große und überaus sehenswerte Landesausstellung ›Der Naumburger Meister – Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen‹ zu sehen war.
Auch dieses Mal ließen wir es uns nicht nehmen, die Werke des Naumburger Meisters zu bestaunen, der in der Mitte des 13. Jahrhunderts den Westchor des schönen Doms, der den Aposteln Petrus und Paulus geweiht ist und seit wenigen Jahren ebenfalls zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, mit den weltberühmten Stifterfiguren errichtete. Am bekanntesten sind sicherlich die Figuren der Uta von Ballenstedt (die auch das Disney-Mittelalter nachdrücklich prägte) und ihres Gemahls Markgraf Ekkehard II.
Während Uta, die aufgrund dieser Darstellung als schönste Frau des Mittelalters gehandelt wird, durch den hochgehaltenen Mantelkragen eine unnahbare Grazie entwickelt, besticht Ekkehard mit seinem festen Griff ums Schwert durch energischen Tatendrang.
Fast lebendig wirken die Figuren, bei denen sich die Körperkonturen wie unter echtem Mantelstoff abzeichnen und sich Emotionen in den steinernen Gesichtern widerspiegeln, wie etwa bei der himmlisch lächelnden Reglindis. Der Dom selbst, der den Aposteln Petrus und Paulus geweiht ist, zählt mittlerweile zum UNESCO Weltkulturerbe.
Naumburg stellt damit ein wahres Highlight für alle dar, welche die deutsche Gotik kennenlernen möchten, und lädt auch durch die pittoreske Altstadt zum Verweilen ein. Für uns war Naumburg noch aus einem anderen Grund ein idealer Ort: Er lag inmitten zahlreicher weiterer Sehenswürdigkeiten.
Mehr zum Naumburger Dom findet ihr auf seiner Webseite.
Neuenburg
Nur wenige Kilometer nördlich und etwa 20 Autominuten von Naumburg entfernt liegt die Neuenburg, eine riesige Festungsanlage, welche die wichtigste und zeitweise auch größte Burg der Thüringer Landgrafen war und die sich heute ausführlich besichtigen lässt. Einer der architektonischen Höhepunkte ist die um 1180 errichtete Doppelkapelle.
Wer sich immer mal wie ein echter Ritter fühlen wollte, sollte der Anlage unbedingt einen Besuch abstatten. Mit einem eigenen Mitmachbereich (inkl. großer Kostümauswahl und sehr freundlichem Personal) bietet die Neuenburg auch kleinen „Zeitreisenden“ die Möglichkeit, ins „echte“ Mittelalter zu reisen und dort auf den Spuren der heiligen Elisabeth und Kaiser Friedrich Barbarossas zu wandeln, die beide zeitweise auf der Burg zu Gast waren.
Für Altgermanisten ist die Anlage indes insofern spannend, als hier der Dichter Heinrich von Veldeke um das Jahr 1185 mit seinem ›Eneas‹ einen der ersten höfischen Romane in deutscher Sprache vollendete. Die Burg wird im Werk erwähnt.
Wer sich weiter über die Burg informieren möchte, kann dies hier tun.
Kloster und Kaiserpfalz Memleben
Ebenfalls nicht weit entfernt von Naumburg liegen das Kloster und die Kaiserpfalz Memleben, eine malerische Anlage, in der die Natur die mittelalterliche Architektur verzaubert. Wandelten wir bisher auf den Spuren der Ludowinger eher im Hochmittelalter, so entführte uns Memleben ins Frühmittelalter und in die Zeit der Ottonen. So unscheinbar das Örtchen heute ist (wir mussten eine halbe Stunde suchen, bis wir eine Bäckerei fanden), so bedeutsam war es vor etwa 1.000 Jahren.
Denn hier verstarben die bedeutenden ostfränkischen Könige Heinrich I. und sein Sohn Otto I. der Große, dessen Eingeweide in Memleben bestattet wurden. Aus diesem Grund war der Ort zentral für die Memoria der Herrscherfamilie, also das Totengedenken, das für das Seelenheil der Verstorbenen als unerlässlich angesehen wurde.
Noch heute lassen die baulichen Überreste die frühmittelalterliche Pracht erahnen, laden zum Staunen ein und beherbergen darüber hinaus ein sehr feines Museum (inklusive Skriptorium zum Selberschreiben).
Auch hier gibt es natürlich eine eigene Webseite.
Meißen
Malerisch an der Elbe gelegen, ist Meißen mehr als nur die berühmte Porzellanstadt. Dom und Burg des sehenswerten Städtchens thronen hoch über dem Fluss und haben für Mittelalterfreunde einiges zu bieten. Unsere in Naumburg begonnene Reise in die Gotik wird hier inhaltlich fortgesetzt, denn im Hohen Chor des St. Johannes und St. Donatus geweihten Doms befinden sich ebenfalls wunderschöne Stifterfiguren, die aus der Hand bzw. dem Umfeld des Naumburger Meisters stammen.
Meißen mutete uns mit etwa 1 ½ Autostunden Fahrt die bislang weiteste Anreise zu, ließ uns dadurch aber gleichzeitig erahnen, wie die Menschen des Mittelalters Distanzen wahrgenommen und überwunden haben mussten. Selbst auf Pferderücken (oder sofern möglich auf dem Fluss) konnten die meisten Entfernungen zwischen diesen Sehenswürdigkeiten in Stunden oder wenigen Tagen überwunden werden, was einmal mehr veranschaulicht, wie sich schon vor 1.000 oder 800 Jahren ein Kulturnetz über die Landschaft legen konnte.
Im sehenswerten Dom beeindrucken insbesondere die Stifterfiguren Kaiser Ottos I. und seiner Gemahlin Adelheid. Sie symbolisieren die Gründung des Bistums Meißen durch den großen Kaiser im Jahr 968 und verdeutlichen ebenfalls die Kunstfertigkeit des Meisters, den wir heute nur noch über seine Werke kennenlernen können.
Ebenso sehr lohnt sich ein Besuch der Albrechtsburg und des dort ansässigen Schlossmuseums. In der ohnehin schon sehenswerten Anlage stehen die wechselhafte Geschichte der Wettiner, Bau- und Architekturgeschichte, das weltberühmte Meißner Porzellan sowie die Geschichtsrezeption des 19. Jahrhunderts, insbesondere durch die Romantik, im Fokus.
Direkt unter Schloss und Dom schmiegt sich zudem die schöne Altstadt an den steilen Hang und lädt zum Schlendern, Bummeln und Essen ein – viel besser als dort kann man einen vollen Kulturtag kaum ausklingen lassen!
Mehr zum Dom? Hier entlang.
Damit hatten wir die südlichen Stationen auf der Straße der Romanik, die wir besuchen wollten, gesehen. Aber das war erst der Auftakt, sollten uns doch noch viele weitere wunderschöne Mittelalter-Stationen erwarten. Mehr dazu könnt ihr im zweiten Teil unserer Reise auf der Straße der Romanik lesen!