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Das Mittelalter erzählen: Im Interview mit Rebecca Gablé

Das Mittelalter im historischen Roman erfreut sich größter Beliebtheit. Jedes Jahr erscheinen unzählige Bücher, welche das Mittelalter aus ganz verschiedenen Richtungen erzählen. Allein unsere Mediathek weist – ohne auch nur annähernd vollständig zu sein – mehr als 1.000 Titel auf. Wir durften mit Rebecca Gablé sprechen, die hierzulande als Autorin der dieses Jahr 25 Jahre alt gewordenen ›Waringham‹-Reihe (und vieler weiterer Werke) zu den renommiertesten und beliebtesten Autorinnen und Autoren historischer Mittelalterromane gehört – darüber, wieso sie die Epoche und insbesondere das englische Mittelalter so begeistert, wie sie bei der Recherche und Erstellung ihrer Romane vorgeht und weshalb es wichtig ist, dass ihre Protagonisten aus der Zeit gefallen sind.



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Rebecca Gablé studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war. Heute arbeitet sie als freie Autorin: Ihre historischen Romane und ihr Buch zur Geschichte des englischen Mittelalters wurden allesamt Bestseller und in viele Sprachen übersetzt. Besonders die Romane um das Schicksal der Familie Waringham genießen bei Historienfans mittlerweile Kultstatus.



Mittelalter Digital: Liebe Frau Gablé, seit 25 Jahren haben Leserinnen und Leser die Möglichkeit, mit der Familie Waringham das Mittelalter zu entdecken. Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Den ersten band Ihrer Waringham-Reihe, das ›Lächeln der Fortuna‹ habe ich seinerzeit verschlungen, lange bevor ich überhaupt mit dem Geschichtsstudium angefangen habe. Nun erscheint auch bald der nächste Band der Reihe. Langweilig ist Ihnen mit den Waringhams also nicht geworden, und den Leserinnen und Lesern ebenso wenig. Eine schöne Sache, oder?



Rebecca Gablé: Eine schöne Sache, allerdings. Wobei ich dieses Vierteljahrhundert ja nicht ununterbrochen in Gesellschaft der Waringham verbracht, sondern zwischendurch auch Romane über die Helmsby, die Durham und die Ottonen geschrieben habe. Es wäre sonst für meine Leserschaft und für mich selbst ein wenig zu eintönig geworden – bei aller Waringham-Liebe.



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Mittelalter Digital: Sie haben ein literaturwissenschaftliches Studium mit einem Schwerpunkt in der Mediävistik abgeschlossen und nach dem Erscheinen des ersten Waringham-Romans für einige Zeit an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf altenglische Literatur gelehrt – das Interesse für englische Geschichte und Literatur ist also augenscheinlich. Woher rührt Ihr Interesse insbesondere für die englische Geschichte des Mittelalters?



Rebecca Gablé: Geschichte hat mich immer schon interessiert. So wunderlich es klingen mag: Ich habe, sobald ich lesen konnte, in den Geschichte-Schulbüchern meiner älteren Schwestern gestöbert. Das englische Mittelalter hatte ich aber nie im Fokus, bis ich zu Beginn meines Anglistikstudiums eine Einführungsveranstaltung ›Introduction to Old English‹, also in die angelsächsische Sprache und Epoche besuchte.



Genauer gesagt, besuchen musste. Ich war alles andere als begeistert. Aber dann lasen wir dort gleich zu Beginn den Bericht eines Mönchs, der einen Wikingerüberfall auf sein Kloster schilderte, und bei der Gelegenheit habe ich mich ins englische Mittelalter schockverliebt. Die Tatsache, dass dieser Chronist mir über eine Kluft von tausend Jahren hinweg von diesem Ereignis erzählte und den Schrecken, den es ausgelöst hatte, spürbar machte, hat mich fasziniert und beschäftigt. Es dauerte nicht lange, bis ich die Ältere Anglistik, also die englische Sprache und Literatur vom 7. bis zum 15. Jahrhundert, zu meinem Studienhauptfach machte.



Mittelalter Digital: Wissen Sie noch, zu welchen Themen Sie Lehrveranstaltungen an der Universität angeboten haben?



Rebecca Gablé: Es waren Lektürekurse, mit denen die Studierenden ihre Lese- und Übersetzungsfertigkeiten in der altenglischen Sprache verfestigen sollten. Ich habe Prosatexte gewählt, z.B. die berühmte ›Sermo Lupi‹, die Predigt des strengen Erzbischofs Wulfstan von York, der die vielen Sünden und Missstände in England anprangerte und dabei lebhaften Einblick in die Lebenswelt des frühen 11. Jahrhunderts gab.



In einem der Lektürekurse habe ich auch einmal einen Themenschwerpunkt „Manuskriptherstellung“ gemacht, und wir haben die Handschriftenabteilung der Unibibliothek besucht. Das war sehr spannend. Wichtig war mir immer, die Texte, die wir lasen, in ihrem sozio-kulturellen Kontext zu verorten, denn dann können mittelalterliche Texte ein Fenster in die Vergangenheit sein. So wie der Bericht vom Wikingerüberfall in meinem ersten Semester.



Mittelalter Digital: Als Fachfrau sind Ihnen Quellenrecherche und -nutzung ja nicht fremd. Wie bereiten Sie sich auf das Schreiben inhaltlich vor? Wälzen Sie Forschungsliteratur, Chroniken und Urkunden? Reisen Sie an Orte, an denen heute noch Spuren der historischen Vorbilder für Ihre Figuren und Geschichten zu finden sind?



Rebecca Gablé: Wenn nicht gerade Pandemie ist, mache ich für jeden Roman eine Recherchereise zu den Schauplätzen, soweit noch vorhanden. Chroniken und Urkunden sehe ich natürlich nur in seltenen Ausnahmen im Original, weil sie empfindlich und kostbar und manchmal auch schwer zugänglich sind. Aber meistens gibt es ja gute wissenschaftliche Ausgaben.



Ich nutze auch sehr dankbar Übersetzungen der Chroniken, denn mein Latein ist unzureichend. Aber Quellen bilden den Schwerpunkt meiner Recherche. Zusätzlich lese ich Biografien, die jeweils einschlägigen Bände der ›Oxford History of England‹ bzw. der ›New Oxford History of England‹ und ähnliches mehr.



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Seit dem 26. August 2022 sind die ersten sechs Teile der Waringham-Saga in einer neuen Ausgabe zu haben. Mit das ›Lächeln der Fortuna‹ nahm vor 25 Jahren alles seinen Anfang.



Mittelalter Digital: Die Waringhams, die Protagonisten und damit auch die Hauptidentifikationsfiguren für die Leserinnen und Leser, zu gestalten, wird indes noch schwieriger gewesen sein, oder? Sie müssen ja einerseits als Vergleichsfolie für ein modernes Publikum fungieren und dürfen im Hinblick auf eine möglichst überzeugende Authentizitätsfiktion nicht völlig „aus der Zeit fallen“.



Bei Robin of Waringham, dem Helden des ersten Buchs, haben Sie dies durch seine Vorgeschichte im Kloster gelöst, wodurch z.B. seine Lese- und Schreibfähigkeiten erklärt sind. Ein ziemlich wichtiger Faktor für eine gelingende Leser-Figuren-Identifikation, insbesondere im Medium des historischen Romans. Robin (und weiteres Personal im Roman) erscheinen gerade im Vergleich mit anderen Figuren als sehr modern, putzen sich etwa die Zähne oder gehen mit Vorurteilen reflektierend um.



Damit stehen Ihre Romane natürlich nicht alleine – jede erfolgreiche Mittelalterinszenierung muss das Bedürfnis des Lesepublikums nach einer gewissen „Modernität“ der Figuren überzeugend lösen. Auf welche Aspekte haben Sie bei der Darstellung der Hauptfiguren besonderen Wert gelegt? Haben Sie es als schwierig empfunden, sie gleichsam „mittelalterlich“ wie „modern“ wirken zu lassen?



Rebecca Gablé: Das ist ein Thema mit vielen Facetten. Natürlich gibt es Aspekte an der mittelalterlichen Lebensrealität (soweit wir sie denn rekonstruieren können …), die einem heutigen Publikum schwer oder gar nicht zu vermitteln sind. Gewalt gegen Frauen und Kinder gehörten ebenso zur Normalität wie Rassismus, religiöser Fanatismus, Homophobie oder der barbarische Umgang mit Tieren.



Ein Romanheld, der seine Frau verprügelt oder zur Belustigung den Kampf zwischen einem angeketteten Bären und einem Dutzend halb verhungerter Mastiffs anschaut, ist einem heutigen Publikum kaum vermittelbar. Weil mir aber wichtig ist, dass meine Leserinnen und Leser sich mit meinen Figuren identifizieren können, tun meine Protagonisten solche Dinge eben nicht.



Andererseits waren manche Menschen und Epochen in dem langen Zeitraum, den wir etwas unbeholfen als „Mittelalter“ beschreiben, besser, als ihnen nach den heutigen, manchmal klischeehaften Vorstellungen zugebilligt wird. Viele Menschen haben sich beispielsweise die Zähne geputzt. Und Robins Epoche, das 14. Jahrhundert, war in England eine vergleichsweise aufgeschlossene Zeit, die Andersgläubigen oder Andersdenkenden mit weitaus mehr Toleranz begegnete als später das 15. Jahrhundert oder die Zeit der Reformation.



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Am 13. September 2022 erscheint mit ›Drachenbanner‹ der neueste Teil der Waringham-Reihe: England 1238: Die junge Adela of Waringham und Bedric, Sohn einer leibeigenen Bauernfamilie, sind zusammen aufgewachsen. Während Adela als Hofdame zur Schwester des Königs geschickt und später mit einem Ritter verheiratet wird, schuftet Bedric auf den Feldern von Waringham – dem Elend der Leibeigenschaft und der Willkür von Adelas Bruder ausgeliefert. Als die Situation unerträglich wird, flieht er, nicht ahnend, dass Adela von ihm schwanger ist. In London begegnet Bedric Simon de Montfort, dem charismatischen Schwager des Königs. Als 1258 Seuchen und Missernten über das Land ziehen, bricht ein Krieg aus, der eine neue Zeit einläutet. Doch Bedric und Adela haben einander nie vergessen…



Mittelalter Digital: Sie haben an anderer Stelle einmal Ihren Anspruch formuliert, Ihre historisch belegbaren Figuren nur so agieren zu lassen, dass sie der Überlieferung nicht widersprechen – ein ziemlich komplexes Unterfangen, wenn man die Fülle an Figuren betrachtet, oder? Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Figuren möglichst „authentisch“ und nicht kontrafaktisch handeln?



Rebecca Gablé: Das ist in der Zeit vor der Einführung des Buchdrucks bei weitem nicht so schwierig wie danach, weil gar nicht so viele Fakten vorliegen und die Biografien der historisch belegbaren Figuren aus mehr weißen Flecken als Fakten bestehen.



Mittelalter Digital: Eine methodische Schwierigkeit liegt naturgemäß darin, dass Überlieferung keineswegs einheitlich sein muss: Die eine Quelle stilisiert eine Figur zu einem Ideal, während eine andere sie zu einem Unmenschen deklariert. Die Geschichtswissenschaft hat hier den großen Luxus, diese Diskrepanz darstellen und methodisch fassbar machen zu können. Als Autorin (dasselbe „Problem“ haben aber auch Regisseure und Spieleentwickler) sind Sie gezwungen, eine Erzählhandlung und die Figuren darin zu determinieren und Leerstellen, die qua Überlieferung womöglich vorhanden sind, zu füllen. Ist dieser Umstand für Sie herausfordernd gewesen?



Rebecca Gablé: Im Gegenteil. Es ist dieser Umstand, der mir den nötigen Freiraum liefert, um fiktional erzählen zu können. Während der Recherche zu einem neuen Roman versuche ich, das historische Personal möglichst aus allen Blickwinkeln zu betrachten, und treffe dann irgendwann eine Entscheidung, ob ich eher zu der Darstellung des Chronisten A oder der diametral widersprüchlichen von Chronist B neige.



Dabei gebe ich mir immer viel Mühe, um ein halbwegs „gerechtes“ Urteil zu fällen. Doch letztlich bringt mich die Frage nicht um den Schlaf, ob ich die richtige Wahl treffe oder dem in Rede stehenden König oder Bischof oder Earl unrecht tue, denn er ist ja schon seit hunderten von Jahren tot. Letztlich erzähle ich eine erfundene Geschichte, die auf dem Versuch einer Rekonstruktion von Wirklichkeit basiert.



Mittelalter Digital: Da wir uns aktuell auf Instagram und Facebook mit dem englischen König Richard II. beschäftigen: Das letzte regierende Mitglied der Familie Plantagenet ist ja auch Nebenfigur in Ihrem ersten Band ›Das Lächeln der Fortuna‹, eine sehr ambivalente Figur, die nicht zuletzt durch Shakespeare negativ gezeichnet wird. Auch in Ihrem Buch ist Richard keine Lichtgestalt. Wissen Sie noch, wie Sie sich damals der Figur genähert haben?



Rebecca Gablé: Richard und sein Vorgänger und Großvater Edward III. waren quasi die Initialzündung für meine Idee, einen historischen Roman zu schreiben, weil ich über beide als Studentin ein Referat gehalten habe und von ihrer Epoche, vor allem aber der Verschiedenheit dieser beiden Könige fasziniert war. Als beide dann Figuren im ›Lächeln der Fortuna‹ wurden, habe ich sie mir in der oben beschriebenen Weise zu erschließen versucht.



Mittelalter Digital: Seit den 2000er Jahren (also nach Erscheinen Ihres Buches) ist in der Forschung zu Richard II. ja einiges passiert: Man hat versucht, den König differenzierter zu fassen und konnte auch aufzeigen, dass sein Nachfolger Heinrich IV. offizielle Dokumente gefälscht hat, um Richard in einem möglichst schlechten Licht darzustellen (und damit die eigene Usurpation weiter zu legitimieren). Nehmen Sie solche Forschungsentwicklungen, die nach Ihrer Recherchearbeit stattfinden, wahr? Wäre Richard womöglich in Ihrem Roman eine andere Figur geworden, wenn dieser nicht 1997, sondern 2017 erschienen wäre?



Rebecca Gablé: Schwer zu sagen. In aller Regel beschäftige ich mich mit den Figuren meiner abgeschlossenen Romane nicht weiter, weil ich eben mit dem Personal des nächsten oder übernächsten befasst bin.



Mittelalter Digital: Im September erscheint nun der siebte Roman der Waringham-Reihe: ›Drachenbanner‹. Nachdem Sie erst sukzessive von Roman zu Roman in der Zeit fortgeschritten sind, um mit ›Der Palast der Meere‹ im 16. Jahrhundert zu landen, ist dies nun nach ›Teufelskrone‹ der zweite Roman, der die „Vorgeschichte“ der Waringhams erzählt. An spannenden Inhalten mangelt es der englischen Geschichte ja keineswegs, und viele davon haben Sie bereits adaptiert, darunter auch hierzulande berühmte Figuren wie Elisabeth I., Richard Löwenherz oder Edward III.



In ›Drachenbanner‹, das im 13. Jahrhundert spielt, finden wir historische Figuren wie König Heinrich III. oder Simon de Montfort, die wahrscheinlich den meisten erst einmal nicht viel sagen. Wie finden Sie konkret zu einem historischen Setting und zu den entsprechenden Figurenkonstellationen?



Rebecca Gablé: Das ist ganz unterschiedlich, und manchmal spielen auch Zufälle eine Rolle. Ich hatte beispielsweise nie die Absicht, über das deutsche Mittelalter zu schreiben, bis mir im Shop des kulturhistorischen Museums in Magdeburg Bernd Schneidmüllers und Stefan Weinfurters wunderbares und kurzweiliges Buch ›Die deutschen Herrscher des Mittelalters‹ in die Hände fiel. Auf der langen Bahnfahrt nach Hause habe ich es gelesen und ein paar Monate später meinen ersten Ottonen-Roman begonnen.



Im Fall der Waringham blieb mir nach der elisabethanischen Epoche im ›Palast der Meere‹ nicht viel anderes übrig, als in der Zeit zurückzugehen, weil die Stuart-Könige und der Barock mich nicht interessieren. Meine Wahl fiel auf König John, weil er eine Persönlichkeit war, die meine Neugierde in besonderer Weise geweckt hat. Das ist immer der wichtigste Aspekt bei der Auswahl meiner Themen:



Die zentrale historische Figur muss jemand sein, der oder die mich besonders fasziniert oder mir besonders rätselhaft erscheint oder am besten beides. Dabei ist die Frage völlig ohne Belang, ob es eine bekannte Persönlichkeit wie der berühmt-berüchtigte König John oder ein weitgehend Unbekannter wie Simon de Montfort ist.



Mittelalter Digital: In den letzten 10 Jahren dominieren in Serien, Videospielen und Filmen insbesondere die Wikinger die Populärkultur zur Epoche des Mittelalters. Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, einen frühen Vorfahren der Waringhams in diesem Setting anzusiedeln?



Rebecca Gablé: Die Wurzeln meiner Mittelalter-Leidenschaft liegen ja, wie gesagt, in der angelsächsischen Epoche, die auch die Zeit der Wikinger in England war. Darum könnte ich mir gut vorstellen, irgendwann darüber zu schreiben. Aber Waringhams gab es zu der Zeit in England noch nicht, denn sie kamen 1066 zusammen mit William dem Eroberer aus der Normandie.



Mittelalter Digital: Liebe Frau Gablé, herzlichen Dank für das Interview.



Das Interview führte Tobias Enseleit.