Das ›Nibelungenlied‹: Einführung und Entstehung
Tobias Enseleit
Siegfried, der Drachentöter, die schöne Kriemhild, der finstere Hagen, das Rheingold – bis heute zählt das ›Nibelungenlied‹ zu den bekanntesten Erzählungen des Mittelalters. Von Richard Wagners Oper über die Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten bis hinein in die moderne Medienlandschaft ist das Heldenepos um Liebe, Macht, Verrat und Rache über die Jahrhunderte hinweg und bis heute ein beliebter Erzählstoff. Wir spüren dem Epos und seiner Entstehung nach, stellen die dramatische Handlung vor und beleuchten dabei die Eigenarten mittelalterlicher Literatur. Der Auftakt unserer großen Nibelungenserie.
Uns ist in alten mæren wunders vil geseit / von helden lobebæren, von grôzer arebeit, / von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen, / von küener recken strîten muget ir nu wunder hɶren sagen. – Das Nibelungenlied, Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch, nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse, Stuttgart 2002 (= Reclams Universal-Bibliothek 664), S. 6, Strophe 1
Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet: Von berühmten Helden, großer Mühsal, von glücklichen Tagen und Festen, von Tränen und Klagen und vom Kampf tapferer Männer könnt ihr jetzt Erstaunliches erfahren.
Kaum ein anderer Prolog eines mittelalterlichen Textes ist bekannter als der des ›Nibelungenliedes‹. Bereits die erste Strophe verrät viel über die Erzählweise und den Inhalt des Epos. Ein Erzähler nimmt mit Verweis auf die alten mæren die Zuhörer an die Hand und mit in eine Geschichte, die von großer Freude und unvorstellbarem Leid geprägt sein wird.
Auf diese Weise stellt sich der Text in eine mündliche Tradition, die bereits lange vor der Niederschrift des Epos um das Jahr 1200 beginnt, und überführt sie in die zeitgenössische höfische Literaturrezeption, in der das Vorlesen und Zuhören für viele Menschen den primäre Zugang zu Buchinhalten darstellte.
Das ›Nibelungenlied‹ ist nicht nur dem Inhalt nach ein epischer Text: Zwei aufeinander aufbauende Handlungsteile von insgesamt 39. Aventiuren (so werden die Kapitel bezeichnet) umfassen fast 2.500 Strophen und beinahe insgesamt 10.000 Verse. Sie erzählen eine vielschichtige Geschichte von Liebe und Hass, Treue und Verrat, die mit ihrem verstörenden Ende bereits die Zeitgenossen mit einem mulmigen Gefühl zurückließ.
Ein kleiner Exkurs: Über die Beschäftigung mit mittelhochdeutscher Literatur lässt sich – dies zeigt bereits die erste Strophe – viel über die Herkunft von Wörtern lernen, die wir heute noch regelmäßig verwenden: Der mittelhochdeutsche Begriff arbeit etwa bedeutet übersetzt Mühe, Not oder Anstrengung, durchaus auch in einem kämpferischen Sinne, während mhd. hôchgezît – wörtlich die Hochzeit – das (weltliche oder geistliche) Fest oder die Zeit der guten Stimmung bezeichnen konnte. Beide Begriffe, die auch damals die heutige Bedeutung haben konnten, waren damit in ihrem Gebrauch noch nicht in ein so enges Bedeutungskorsett gefasst und zeigen anschaulich, wie sich Sprache über den Zuschnitt von Begriffsbedeutungen verändert. Nicht zuletzt dieser Aspekt macht die Auseinandersetzung mit mhd. Texten so gewinnbringend.
Der Hof zu Worms
Im Zentrum der Erzählung steht eine Handvoll adliger Figuren, die in sich überschneidende Herrschafts-, Familien- und Freundschaftsverbände eingebettet sind. Eine zentrale Bedeutung kommt dem Hof in Worms zu, dessen Mitglieder in der ersten Aventiure vom Erzähler vorgestellt werden. In Worms lebt auch die adlige Jungfrau Kriemhild. Sie ist die vielleicht wichtigste Figur in der gesamten Erzählung und begleitet den Rezipienten vom ersten Anfang bis zum bitteren Ende:
Es wuohs in Búrgónden ein vil édel magedîn, / daz in allen landen niht schɶners mohte sîn, / Kriemhilt geheizen: si wart ein scɶne wîp. / dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 6, Strophe 2
Es wuchs im Burgundenland ein junges Edelfräulein heran, so schön wie keine andere auf der Welt. Kriemhild hieß sie. Später wurde sie eine schöne Frau, um derentwillen viele Krieger ihr Leben verlieren sollten.
Der Wormser Hof ist Dreh- und Angelpunkt eines Großteils der Epenhandlung. Über ihn gebieten die drei Brüder und Könige Gunther, Gernot und Giselher. Sie alle werden sich, nicht zuletzt durch die Taten ihres Vasallen Hagen, mit ihrer Schwester Kriemhild entzweien.
Wir haben uns den Spaß erlaubt, wichtige Figuren und Szenen des Epos neu ins Bild zu fassen. Das ist tatsächlich eine ziemliche Gratwanderung zwischen vermeintlich historischer Realität und den optischen Inszenierungen des Stoffes der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte. Unsere Bilder dienen, darauf sei ausdrücklich hingewiesen, der bildlichen Untermalung und sollen in keiner Weise den Eindruck von Authentizität erwecken. Alle Zeichnungen stammen aus der Feder von Phil Baltes, mit dem ich vor vielen Jahren in Osnabrück ein Proseminar zum ›Nibelungenlied‹ bestritten habe und dem ich für seine Mühen sehr herzlich danke!
Auch wenn der Erzähler bereits Vorausdeutungen macht, welche Auswirkungen Kriemhilds Handeln auf andere Figuren haben wird, so ist die schöne junge Frau zu Epenbeginn noch wohlbehalten im Wormser Herrschaftsverband situiert. Sie kann auf den Rat ihrer Mutter Ute zählen, während ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher, die drei Wormser Könige, als ihre Vormünder ein wachsames Auge auf sie haben.
Ir pflâgen drîe künege, edel unde rîch, / Gunther unde Gêrnôt, die recken lobelîch, / und Gîselher der junge, ein ûz erwelter degen. / die frouwe was ir swester, die fürsten hetens in ir pflegen. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 6, Strophe 4
Sie beschützen drei edle und mächtige Könige: Gunther und Gernot, beide von hohem Ansehen, und der hervorragende junge Giselher. Kriemhild war ihre Schwester; die Fürsten hatten sie in ihrem fürsorglichen Schutz.
Ze Wormez bî dem Rîne si wonten mit ir kraft. / in diente von ir landen vil stolziu ritterscaft / mit lobelîchen êren unz an ir endes zît. / si sturben sît jæmerlîche von zweier edelen frouwen nît. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 6, Strophe 6
In Worms am Rhein hielten sie Hof. Die stattliche Ritterschaft des Landes diente ihnen ehrenvoll bis zu ihrem Tod. Später gingen sie am Hass zweier Königinnen kläglich zugrunde.
Zu dieser Ritterschaft gehören außergewöhnliche Männer, die im Laufe der Handlung jeweils ihre Rolle zu spielen haben: Allen voran Hagen von Tronje, der in der späteren Rezeption als finsterer Halunke charakterisiert wird, nimmt als treuer Vasall die wichtigste Position unter den Königen ein. Er ist ein umsichtiger Krieger, der auch im außerhöfischen Bereich über große Kenntnisse verfügt, wodurch er am Hof ein gern gesehener und gefragter Berater ist.
Hagen von Tronje wird heute als der Hauptantagonist im Epos gehandelt. Obwohl seine Handlungen vom Erzähler gerügt werden, ist er dennoch eine ambivalente Figur, die zu den interessantesten des Epos zählt.
Zusammengehalten werden die Herrschaftsverbände im Epos durch vertragsähnliche Beziehungen, die durch die triuwe (nhd.: Treue) der Beteiligten zueinander gewährleistet werden soll. Drei Arten solcher Beziehungen lassen sich unterscheiden: die familiäre, die vasallistische und die freundschaftliche.¹
Sie stehen in Zeiten der Krise in aller Regel in Konkurrenz zueinander, sodass sie auch im ›Nibelungenlied‹ gegeneinander aufgewogen werden und mitunter sogar zerreißen – mit katastrophalen Konsequenzen für alle Beteiligten.
Mit der verwandtschaftlichen, der freundschaftlich-genossenschaftlichen und der herrschaftlichen Bindung sind wohl die drei wesentlichen Formen angesprochen, die für mittelalterliche Menschen relevant waren und– was nicht unwichtig ist – deren Verpflichtungshorizonte sie miteinander in Einklang zu bringen hatten. – Gerd Althoff, Verwandtschaft, Freundschaft, Klientel. Der schwierige Weg zum Ohr des Herrschers, in: Ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997, S. 185-186.
Kriemhilds Falkentraum
Das Heldenepos macht an vielen Stellen Vorausdeutungen auf zukünftiges Geschehen. Bedeutsam ist der Traum Kriemhilds, den die schöne Prinzessin zu Beginn der Erzählung hat. Sie träumt von einem stattlichen Falken, der von zwei Adlern gerissen wird.
In dîsen hôhen êren troúmte Kriemhíldé, / wie si züge einen valken, starc, scɶn‘ und wíldé, / den ir zwêne arn erkrummen. daz si daz muoste sehen, / ir enkúnde in dirre werlde leider nímmér gescehen. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 8, Strophe 13.
Mitten in dieser höfischen Pracht hatte Kriemhild einen Traum: Sie sah, wie sie einen schönen, starken und wilden Falken abrichtete, den ihr plötzlich zwei Adler schlugen und zerfleischten. Dass sie dies mit ansehen musste! Kein größeres Leid hätte ihr auf der Welt zustoßen können.
Kriemhilds Mutter Ute weiß Rat und deutet den Traum ihrer Tochter: Der Falke stelle Kriemhilds Mann dar, der eines gewaltsamen Todes sterben wird. Kriemhild zieht die Konsequenz, sie wolle ihren Lebtag ledig bleiben. Unnötig zu erwähnen, dass sich ihr Entschluss in Wohlgefallen auflöst, sobald ihr Siegfried begegnet…
Kriemhilds Falkentraum stellt die prominenteste Vorausdeutung im Epos dar. Das Motiv des Falken, der von einer Dame großgezogen wird, findet sich mit dem berühmten Lied des Kürenbergers auch im Minnesang der Zeit.
Der was der selbe valke, den si in ir troume sach, / den ir besciet ir muoter. wie sére si daz rach / an ir næhsten mâgen, die in sluogen sint! / durch sîn eines sterben starp vil maneger muoter kint. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 10, Strophe 19
Der war eben dieser Falke, den sie im Traum gesehen und von der Mutter gedeutet bekomme hatte. Wie furchtbar sie das an ihren nächsten Verwandten, die ihn später erschlugen, rächen sollte! Wegen des Todes eines einzigen mussten die Söhne unzähliger Mütter fallen.
Solche und ähnliche Ausblicke durch den Erzähler auf zukünftige Handlung sind konstituierend für das ›Nibelungenlied‹.²
Siegfried und der Hof zu Xanten
Die zweite Aventiure widmet sich der Vorstellung jener Figur, die das ›Nibelungenlied‹ in der heutigen Wahrnehmung am stärksten repräsentiert: Siegfried. Der junge Prinz wächst am Hof seiner Eltern Siegmund und Sieglinde in Xanten auf, ein höfischer Mann par excellence, dessen ungewöhnliche Heldentaten erst nur mit wenigen Silben erwähnt werden.
Dô wuohs in Nîderlanden eins edeln küneges kint, / des vater der hiez Sigemunt, sîn muoter Sigelint, / in einer rîchen bürge wîten wol bekant, / nidene bî dem Rîne: diu was ze Sântên genant. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 12, Strophe 20
Damals wuchs in Niederland der Sohn eines edlen Königs heran dessen Eltern Siegmund und Sieglinde hießen. Das war in Xanten, einer mächtigen, weithin bekannten Burg am Niederrhein.
Sîvrît was geheizen der snelle degen guot. / Er versúochte vil der rîche durch ellenthaften muot. / durch sînes lîbes sterke er reit in menegiu lant. / hey waz er sneller degene sît zen Búrgónden vant! – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 12, Strophe 21
Siegfried hieß der vorzügliche, kampfgewandte junge Mann. Er war durch viele Länder in kämpferischer Neugier geritten, um seine Kraft zu erproben. Ach, wieviel ritterlich geübte Gefährten sollte er später im Burgundenland kennenlernen!
In sînen besten zîten, bî sînen jungen tagen / man mohte michel wunder von Sîvride sagen, / was êren an im wüehse und wie scɶne was sîn lîp. / sît heten in ze minne diu vil wætlîchen wîp. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 12, Strophe 22
In seinen besten Jugendtagen pflegte man von Siegfried die wunderbarsten Taten zu berichten, wie sein Ansehen täglich wüchse und wie schön er war. Deshalb fanden ihn später die hübschen Frauen so begehrenswert.
Siegfried erhält am Xantener Hof eine ausgezeichnete höfische Erziehung, kümmert sich um seine Untergegebenen mit Hingabe und ist nicht zuletzt deshalb im ganzen Reich beliebt. Er wird von weisen Lehrern unterwiesen und beginnt, schönen Damen zu dienen. Und er ist im Alter, um zum Ritter geschlagen werden.
Siegfried ist die wohl bekannteste Figur des ›Nibelungenliedes‹. Durch und durch ein Heros, der bereits in seinen Jugendjahren die Taten vollbringt, für die er bis heute bekannt ist.
Der Rahmen dieses Ereignisses ist im Epos ein siebentägiges Fest der Superlative: In einer pompösen Feier stellen das Herrscherpaar Freigebigkeit und Gastfreundschaft zur Schau. Unzählige Sängerauftritte, Ritterturniere, bei denen edelsteinbesetzte Waffen und Rüstungen splittern, Speisen und Getränke in solcher Zahl, dass kein Gast leer ausgehen muss. Das Xantener Herrscherpaar repräsentiert hier auf höchstem Niveau ein höfisches Ideal, in das gleichzeitig der junge Prinz Siegfried mit eingebunden wird.
Die Freigebigkeit (lat. largitas, frz. largesse) ist eine der wichtigsten Herrschertugenden, die von fahrenden Sängern hoch gelobt oder deren Fehlen harsch kritisiert wird. Sie ist ein Grundpfeiler des herrschaftlichen Machterhaltes: Nur wer seinen Reichtum mit vollen Händen weitergibt, kann sich damit die Loyalität und das Ansehen anderer erwerben.³
Der Dichter Walther von der Vogelweide etwa hat – ein Beispiel von vielen – die Freigebigkeit des Thüringer Landgrafen (ein bedeutender Machtpolitiker und Literaturförderer seiner Zeit) in einem seiner Lieder verewigt:
Der lantgrave ist sô gemuot, / daz er mit stolzen helden sîne hab vertuot, / der iegeslîcher wol ein kempfe wære. / mir ist sîn hôhe fuor wol kunt: / und gulte ein fuoder guotes wînes tûsent pfunt, / dâ stüend doch niemer ritters becher lære. – Walther von der Vogelweide, Leich, Lieder, Sangsprüche, 14., völlig überarbeitete Auflage der Ausgabe Karl Lachmanns mit Beiträgen von Thomas Bein und Horst Brunner, hrsg. von Christoph Cormeau, Berlin / New York 1996, S. 38 (20,4).
Der Landgraf ist so gesinnt, dass er mit stolzen Helden seinen Reichtum durchbringt, von denen ein jeder ein richtiger Streiter ist. Mir ist seine Art und Weise gut bekannt: Würde ein Fuder guten Weines tausend Pfund kosten, so würde doch keines Ritters Becher leer sein.
Wenn wir heute Dinge oder Zeit verschwenden und vertun, so spricht das nicht gerade für uns. Für mittelalterliche Herrscher war die Sache aber anders gelagert, diente das Ausgeben von Reichtum und das Verteilen von Geschenken einerseits als Ausweis von Macht und sicherte andererseits Loyalitäten. Der Hof und seine Mitglieder wurden auf diese Weise liquide gemacht, um ihrerseits wieder ihre jeweiligen Funktionen und Aufgaben erfüllen zu können. Geldmittel und adäquate Alternativformen wie Waren und Landbesitz waren daher essentiell für eine funktionierende und anerkannte Ausübung von Herrschaft.
Der junge Siegfried erhält das Schwert aus der Hand seines Vaters.
Zurück zum Epos: Als Höhepunkt der Festivitäten in der zweiten Aventiure des ›Nibelungenliedes‹ wird Siegfried mit 400 anderen jungen Männern in den Ritterstand erhoben. Ganze sieben Tage wird ausgiebig gefeiert, während das Herrscherpaar ihren Reichtum an die Gäste verteilt. Selbst die ständisch unbedeutenden Sänger werden fürstlich für ihre Auftritte entlohnt.
Diu hôhgezît werte unz an den sibenden tac. / Siglint diu rîche nâch alten siten pflac / durch ir sunes liebe teilen rôtez golt. / si kundez wol gedienen, daz im die liute wâren holt. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 18, Strophe 40
Das Fest dauerte bis zum siebenten Tag. Die mächtige Königin Sieglinde teilte nach altem Brauch aus Liebe zu ihrem Sohn rotes Gold aus. Sie verstand es, ihm die Zuneigung der Leute zu gewinnen.
Vil lützel man der varnder ármén dá vant. / róss únde kleider daz stoub in von der hant, / sam si z lebene hêten niht mêr deheinen tac. / ich wæn‘ ie ingesinde sô grôzer mílté gepflac. – Das Nibelungenlied, hrsg. v. Grosse, S. 18, Strophe 41
Kein einziger Fahrender blieb unbeschenkt. Pferde und Kleider fielen den Gastgebern wie Staub aus der Hand; so als ob nicht länger als nur noch einen Tag sie zu leben hätten. Ich glaube, dass sich niemals zuvor eine Hofgesellschaft so freigebig gezeigt hat.
Dass Adlige wie Siegfried gemeinsam mit unzähligen anderen die Schwertleite erhielten, war auch außerhalb des Epos üblich, um große Gruppen von Männern waffenfähig zu machen. Sogenannte Massenpromotionen wurden durchaus mit großem Pomp zelebriert – sowohl in höfischer Literatur als auch überliefert durch historiographische Quellen.⁴
Das vielleicht prominenteste historische Beispiel ist das Mainzer Hoffest, das im Jahr 1184 stattfand (also in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Niederschrift des ›Nibelungenliedes‹): Ein Spektakel von europäischem Rang mit angeblich mehr als 20.000 Teilnehmern, ausgerichtet vom römisch-deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa, bei dem sich die politische Elite der Zeit an den Ufern des Rheins traf, um unter anderem die Schwertleite der Herrschersöhne Heinrich und Friedrich zu begehen.⁵
Kaiser Friedrich Barbarossa zwischen seinen beiden Söhnen Heinrich und Friedrich thronend, die 1184 auf dem Mainzer Hoffest zum Ritter geschlagen wurden.
Inwiefern das ›Nibelungenlied‹ auf dieses Hoffest anspielt, muss offen bleiben – entsprechende Überlegungen finden sich in der Forschung. Siegfried ist nun im Vollbesitz seiner Kräfte und Rechte. Durch die Schwertleite ist er mündig geworden. Obwohl ihn viele Untertanen gerne als Herrscher sehen würden, ficht er die Stellung seiner Eltern nicht an. Denn vorerst hat er anderes im Sinn.
Die beiden einführenden Aventiuren bereiten die Bühne für das Drama, das sich nun nach und nach Bahn brechen wird. Die für den ersten Teil der Handlung wichtigsten Figuren sind vorgestellt – und treffen nun durch Siegfrieds Brautwerbung aufeinander, die ihn nach Worms an den Hof von König Gunther und seiner Schwester Kriemhild führen wird.
Entstehung und Niederschrift des Epos
Die genauen Entstehungsbedingungen des Nibelungenliedes liegen im Dunkeln. Auch wenn vielseitig Überlegungen über den Verfasser des Epos gemacht worden sind, kennen wir ihn nicht. Er ist anonym geblieben. Das hat mehrere Gründe: Bevor das Nibelungenlied niedergeschrieben und damit in seinem Textbestand – jedenfalls relativ – fixiert worden ist, ist es zuvor von Generation zu Generation mündlich überliefert worden.
Das Nibelungenlied lässt sich nicht […] auf schriftliche Quellen, seien es lateinische, romanische oder deutsche, zurückzuführen, sondern gilt als Verschriftlichung mündlicher Dichtungstradition. – Ursula Schulze, Das Nibelungenlied, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage, Stuttgart 2003 (= Reclams Universal-Bibliothek 17604), S. 19.
Über diesen Vorgang wissen wir jedoch so gut wie nichts. Ob das Epos etwa in Gänze oder in vielen Teilen tradiert wurde, die dann später zu einer zusammenhängenden Erzählung zusammengefügt wurden, ist kaum zu entscheiden, genauso wenig wie die Frage ob und wann etwaige Einzelerzählungen im Laufe der Zeit zu einer frühen Form des Textes, der uns heute wieder in verschiedenen Fassungen vorliegt, zueinander gefunden haben.
Das ›Nibelungenlied‹ verarbeitet als heldenepischer Text in seiner niedergeschriebenen Form zahlreiche Ereignisse, Motive und Erzählstränge, die sich historisch fassen lassen, indem es sie aufgreift, umformt und in den Rahmen der Handlungslogik einfügt. In dieser Gesamtkonzeption liegt eine der großen Leistungen des anonymen Schreibers. Bedeutende Handlungsstränge des Epos lassen sich auf historische Ereignisse zurückführen:
- Im 5. Jahrhundert strebte der ostgermanische Stamm der Burgunden, zwischenzeitlich im römischen Heer eingegliedert, nach Westen ins Römische Reich. 436 oder 437 vernichtete der römische Feldheer Flavius Aëtius gemeinsam mit hunnischen Hilfstruppen die Burgunden unter ihrem König Gundahar. Dabei soll die gesamte Königsfamilie und ein Großteil des Stammes umgekommen sein. In diesem Ereignis liegt der historische Kern des zweiten Teils des ›Nibelungenliedes‹, in welchem die Burgunden am hunnischen Hof Etzels untergehen werden.
- Neben den Wormser Königen haben auch andere bedeutende Figuren des Epos historische Vorbilder: Hinter dem Hunnenkönig Etzel verbirgt sich etwa der bekannte Hunnenherrscher Attila († 453) (beide Namen lassen sich durch einen Gang durch die Lautverschiebung in Einklang bringen), während die historische Vorlage für die Figur des Dietrich von Bern der Ostgotenherrscher Theoderich der Große († 526) darstellt (auch die beiden Namen lassen sich sprachhistorisch in Deckung bringen).
- Eines der bedeutendsten Ereignisse im ersten Teil des Epos stellt der öffentliche Rangstreit zwischen Kriemhild und Brünhild dar, der die gesamte Handlung bis zum blutigen Ende motiviert. Vorbilder hierfür lassen sich in der Geschichte der Merowinger aus dem 6. Jahrhundert finden, insbesondere im Hinblick auf die fränkische Königin Brunichild, die ihren Mann Sigibert zum Krieg gegen seinen Bruder trieb. Gleichwohl lassen sich diese Ereignisse nur mit Umbildungsprozessen, die in der mündlichen Überlieferung oder in der Konzeption des Schreibers begründet liegen, auf die Epenhandlung übertragen.
- Otto Höfler sah im berühmten Drachenkampf Siegfrieds eine literarische Aufarbeitung der Schlacht im Teutoburger Wald, und zwar insofern, als Armininus (Siegfried) den römischen Heerwurm erschlug.⁶ Inwieweit die Stoffbildung aber tatsächlich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückreicht, muss offen bleiben.
- Im Letzten werden also hochkomplexe historische Ereignisse, die selbst nicht viel miteinander zu tun haben, in einer relativ kohärenten Rahmenhandlung zusammengeführt (es gibt Brüche im Text, die uns noch interessieren werden). Adaptiert und verformt wird die so geschaffene Handlung neu motiviert, denn im Epos handeln die Figuren auf Grundlage von Verhaltensweisen, die ein Publikum um das Jahr 1200 (und heute auch noch) nachvollziehen (oder verurteilen) kann: Treue, Liebe, Hass, Gier und Rache werden zur Triebfeder der Handlung.
Was damit auch gleichzeitig passiert: Die gesamte Handlung – das Resultat einer Vermischung unterschiedlichster historischer Figuren und Ereignisse und den Zutaten, die im Laufe der mündlichen Überlieferung zusätzlich Eingang gefunden haben – wird im Hinblick auf ihre zeitliche Verortung modernisiert. Die Figuren tragen Kleidung und Waffen, die einem Publikum um 1200 nicht als antiquiert erscheinen. Sie pflegen Umgangs- und Kommunikationenformen, welche die Rezipienten in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit abholen. Die Handlung wird höfisch. Jedenfalls oberflächlich. Denn immer wieder bricht das Alte, das Archaische durch Risse in der Handlung an die Oberfläche, motiviert sie und irritiert das Publikum – bis heute.
Insgesamt lassen sich also zwei Phasen der Überlieferung unterscheiden: Eine frühe, die bis in die Völkerwanderungszeit zurückreicht und in der die Erzählungen von Siegfried, von Brünhild, vom Untergang der Burgunder und wahrscheinlich noch viele andere mehr mündlich weitererzählt wurden. In dieser Phase wird die Erzählung unzählige und heute der schriftlosen Überlieferung geschuldet nicht mehr nachvollziehbare Gesichter gehabt haben.
Jeder Erzähler wird die Geschichte ein wenig anders erzählt haben, dieses Details ausgeschmückt, jenes weggelassen haben, hier die Reihenfolge von Handlungselementen getauscht, dort eine Figur durch eine andere Figur ersetzt haben, dann und wann sich nicht mehr an einen Aspekt erinnert und daher etwas ganz Eigenes hinzugedichtet haben. In den rund 700 Jahren, welche die Erzählung bzw. ein Teil von ihr auf diese Weise durchlebt hat, muss also ganz viel mit ihr passiert sein. Was genau? Ein großes Fragezeichen, das sich nie wird auflösen lassen.
Ohne die im Vergleich zu anderen Texten reiche handschriftliche Überlieferung des Epos würde unsere Auseinandersetzung mit dem Text gänzlich anders aussehen. Im Bild der Beginn der zweiten Aventiure des ›Nibelungenliedes‹ aus der sog. Handschrift C. Im nächsten Teil unserer Artikelreihe werden wir uns mit der handschriftlichen Überlieferung näher beschäftigen.
Die zweite Phase setzt mit der Niederschrift des Epos ein. Das ›Nibelungenlied‹ erlebt durch den Übergang in eine schriftlich fixierte Form eine gravierende Transformation. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass die mündliche Tradition mit dem Tag der Niederschrift abreißt. Wir können heute jedoch nur noch die schriftliche Form fassen, da sie uns in Form von Handschriften und Codices überliefert ist. Was ein Barde oder Sänger vor 800 Jahren vor Publikum zum Besten gegeben hat, entzieht sich aufgrund der Flüchtigkeit mündlicher Kommunikation unserer Kenntnis. Was vor 800 Jahren aber mit Tinte auf Pergament niedergeschrieben worden ist, können wir noch heute lesen.
Alle Wege führen nach Passau
Was uns zu der Frage bringt: Wer hat das ›Nibelungenlied‹ niedergeschrieben? Der Autor nennt sich – wie gesagt – selbst nicht. Das wird weniger eine Demutsbekundung als dem Umstand geschuldet sein, dass sich der Verfasser in die Tradition heldenepischen Erzählens einreiht. Denn die Erzählung ist nicht Ausdruck eines literarischen Geniestreichs, erdacht und ersonnen in einem einzigen geistreichen Kopf, sondern Ergebnis einer Jahrhunderte langen literarischen Tradition, an der Dutzende und Hunderte unbekannte Männer (und vielleicht auch Frauen) partizipiert haben. Das Nibelungenlied hat, wenn man so will, nicht einen, sondern unzählige Autoren.
Über die Niederschrift des Epos wissen wir wenig genug. Alle Indizien führen zu Bischof Wolfger von Erla als Initiator hinter dem Projekt. Details kennen wir nicht. Ob er die Niederschrift, die mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Geistlichen durchgeführt wurde, regelmäßig kontrolliert hat wie hier im Bild?
Auch wenn wir uns dem Schreiber kaum nähern können – Anlage und Horizont des Textes sprechen in jedem Fall für einen Geistlichen mit ausgewiesener literarischer Ausbildung und wahrscheinlicher Kenntnis antiker Epen –, so lässt sich immerhin über eine Reihe von Indizien der Kontext der ersten Niederschrift näher beschreiben, der uns in die Stadt Passau führt.
Denn obwohl die Dreiflüssestadt – Donau, Inn und Ilz fließen dort zusammen – nicht zu Hauptorten der Epenhandlung zählt, wird Passau im ›Nibelungenlied‹ an mehreren Stellen erwähnt: Der dort residierende Bischof Pilgrim ist der Bruder Utes, also der Onkel Kriemhilds, und damit mit dem Wormser Königshaus blutsverwandt. Passau dient mehrmals als Zwischenstation für Figuren, die zwischen Worms und dem Herrschaftsgebiet König Etzels verkehren. Detaillierte Beschreibungen des Passauer Umlandes und des Flusses Inn machen genaue Lokalkenntnisse des Schreibers wahrscheinlich. Es sprechen noch weitere Hinweise für eine Niederschrift des Epos in dieser Region.
Im handschriftlichen Überlieferungsverbund ist das ›Nibelungenlied‹ eng verbunden mit einem weiteren Text, der ›Klage‹, die wahrscheinlich als Antwort und Nachfolgetext, quasi als „Sequel“, auf das Epos verfasst wurde. (Wir werden uns auch mit diesem Text im nächsten Artikel unserer Reihe näher befassen.) Der Beginn der ›Klage‹ nennt Bischof Pilgrim, den wir bereits kennengelernt haben, als Initiator der Erzähltradition um den Nibelungenstoff.
Und tatsächlich gab es in Passau einen Bischof desselben Namens, der im 10. Jahrhundert gelebt hat und dessen Andenken noch im 12. Jahrhundert hochgehalten wurde. Dieser Pilgrim stammte aus dem bayerischen Adelsgeschlecht der Sieghardinger, die ihre Herkunft – und hier schließt sich vermeintlich der Kreis – selbst auf die Nibelungen zurückgeführt haben und deren Familienmitglieder nicht selten Namen von Nibelungen führten.⁷ Verfolgt man die Liste der Passauer Bischöfe bis in die Zeit um 1200, in der die Niederschrift des Epos vermutet wird, so trifft man auf einen bedeutenden Nachfolger Pilgrims: Bischof Wolfger von Erla, der von 1191 bis 1204 residierte.⁸
Wolfger gilt als einer der wichtigsten Literaturförderer seiner Zeit; seinem Interesse an Kunst und Dichtung verdanken wir etwa das einzige historische Zeugnis, das vom berühmten Walther von der Vogelweide auf uns gekommen, sieht man von dessen umfangreichen Dichtwerk ab.
So führen die Spuren der Texte und nachweisbare historische Fakten zwar nicht zu der Person des Nibelungenlied-Dichters, wohl aber zu seinem Auftraggeber. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Passauer Bischof Wolfger von Erla. Ihm huldigt der Dichter mit der Figur Bischof Pilgrims im Nibelungenlied. Daß man Wolfger nach seiner Teilnahme am Kreuzzug 1197/1198 selbst als Pilger verstehen konnte, verstärkt die Bezugnahme ebenso wie die kirchenpolitischen Aktivitäten, die ihn mit dem Amtsvorgänger Pilgrim verbinden. […] Die Konzentration der frühen Überlieferung des Nibelungenliedes im bayrisch-österreichischen Raum ergänzt die Passauer Hypothese noch auf einer weiteren Ebene. – Schulze, Das Nibelungenlied, S. 28.
Eben jene handschriftliche Überlieferung wird uns zusammen mit Siegfrieds Taten am Hof zu Worms im nächsten Artikel beschäftigen.
Literatur
- 1. Vgl. Jan-Dirk Müller, Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes, Tübingen 1998, S. 153, dessen Werk zur Standardliteratur zum Epos zählt. Vgl. ebenfalls einführend Dietz-Rüdiger Moser / Marianne Sammer (Hrsg.), Nibelungenlied und Klage. Ursprung – Funktion – Bedeutung. Symposium Kloster Andechs 1995 (mit Nachträgen bis 1998), München 1998 (= Literatur in Bayern, Beiheft 2).
- 2. Vgl. zusammenfassend Ursula Schulze, Das Nibelungenlied, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage, Stuttgart 2003 (= Reclams Universal-Bibliothek 17604), S. 120-131.
- 3. Vgl. dazu etwa die Verweise bei Joachim Bumke, Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, 11. Auflage, München 2005, S. 314-317, 369-375, 434-435.
- 4. Vgl. Elsbet Orth, Formen und Funktion der höfischen Rittererhebung, in: Josef Fleckenstein (Hrsg.), Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur, Göttingen 1991 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 100), S. 128-170.
- 5. Vgl. Josef Fleckenstein, Friedrich Barbarossa und das Rittertum. Zur Bedeutung der großen Mainzer Hoftage von 1184 und 1188, in: Festschrift für Hermann Heimpel zum 70. Geburtstag am 19. September 1971, Band 2, Göttingen 1972 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 36, 2), S. 1023-1041.
- 6. Otto Höfler, Siegfried, Arminius und die Symbolik. Mit einem historischen Anhang über die Varusschlacht, Heidelberg 1961.
- 7. Vgl. Wilhelm Störmer, Die Herkunft Bischof Pilgrims von Passau (971-991) und die Nibelungen-Überlieferung, in: Ostbairische Grenzmarken 16 (1974), S. 62-67.
- 8. Vgl. zur Person Egon Boshof / Fritz P. Knapp (Hrsg.), Wolfger von Erla. Bischof von Passau (1191-1204) und Patriarch von Aquileja (1204-1218) als Kirchenfürst und Literaturmäzen, Heidelberg 1994.